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Lexikon esoterischer Irrtümer: Wenn Esoterik-Insider abrechnen

32 Jahre lang war Wolf Schneider irgendwo zwischen Osho und Feng Shui zu Hause. Jetzt wirft der Autor ein Buch auf den Markt, in dem er mit den größten spirituellen Mythen und Phrasen aufräumen will. Der Aufschrei in der Esoterik-Szene wird trotzdem ausbleiben.

Von Wiebke Lorenz

Alles fauler Zauber? Wolf Schneider hat jetzt das "Kleine Lexikon esoterischer Irrtümer" vorgelegt

Alles fauler Zauber? Wolf Schneider hat jetzt das "Kleine Lexikon esoterischer Irrtümer" vorgelegt

Wolf Schneider kennt sich aus in der Esoterik-Szene: Der heute 55-Jährige reiste nach seinem abgebrochenen Philosophie- und Naturwissenschaftenstudium um die halbe Welt, lebte als buddhistischer Mönch und Osho-Schüler, gründete die Gemeinschaft des Divya Ashram und fuhr zwischendurch in München auch mal Taxi. Nun bringt er ein Buch heraus, das sich kritisch mit der Szene auseinandersetzt und nennt es: "Kleines Lexikon der esoterischen Irrtümer".

Zumindest seine PR-Agentur veranlasst das zu verbalen Höhenflügen: "Esoteriker irren - Ein Insider rechnet ab", so poltert die Pressemitteilung lautstark daher. Der "ernüchterte Szene-Aussteiger" liefere wichtige Denkanstöße, berichtige typische Allgemeinplätze und wolle, "was Halbwahrheiten anbelangt, keine Kompromisse mehr machen", sogar "vor der Esoterik warnen."

Trifft ihn der Zorn Uri Gellers?

Ist er nun also endlich da, der große Rundumschlag, der sämtlichen spirituellen Spinnern final den Garaus macht? Geht ein Aufschrei durch die Esoterik-Szene, wird der Autor damit zum Gejagten? Kommt Uri Geller bei Schneider vorbei und verbiegt alle Löffel in seiner Besteckschublade?

Eher nicht. Doch auch wenn die PR-Agentur Unsinn in die Welt trompetet, lassen sich die 160 Seiten von Wolf Schneider (übrigens nicht verwandt mit dem gleichnamigen Journalisten) mit ein wenig Wohlwollen durchaus lesen. Von "Aberglaube" bis "Zukunftsblick" untersucht er knapp 300 Begriffe, gibt zu jedem Terminus erst die esoterische Definition, um dann seine ganz eigene Auslegung zu erläutern.

Manchmal wirken seine Ausführungen allerdings kaum anders als diverse Bauernregeln (Sie wissen schon: Der Hahn, der auf dem Mist kräht und so...). Etwa: "Affirmationen sind Mittel, um sich auf mentale Weise eine erwünschte Wirklichkeit zu erschaffen." Dazu der Autor: "Affirmationen sind Sätze wie etwa 'Ich bin erfolgreich', mit denen man das Gewünschte als bereits vorhanden behauptet. Wenn man solche Sätze auf die richtige Weise und oft genug wiederholt, werden sie manchmal wahr."

Jedoch ist dies nur einer von vielen Begriffen, im weiteren Verlauf des Buches nimmt der Autor plötzlich Fahrt auf. Witzig und ironisch differenziert Wolf Schneider zwischen komplettem Unsinn und Theorien, an denen doch etwas dran sein könnte. So stellt er zum Thema "Altern" fest: "Tatsächlich behaupten einige Esoteriker - so etwa Leonard Orr, der Erfinder des Rebirthing - wir Menschen würden nur deshalb altern und sterben, weil wir glauben, das sei unausweichlich. Wären wir stark genug, an ein ewiges physisches (!) Leben zu glauben, dann würden wir nicht sterben. […] Leonard Orr, Jahrgang 1938, ist immerhin noch am Leben. Wir bleiben hoffnungsvoll."

"Ich bin damit noch mitten im Prozess"

In seinem Vorwort erklärt Wolf Schneider, dass er mit seinem Lexikon in erster Linie versucht, den typischen Esoteriker ("nett, mitfühlend, optimistisch, neugierig und aufgeschlossen, aber leider auch sehr leichtgläubig") vor den größten Irrtümern zu bewahren. Gleichzeitig will er den typischen Szene-Jargon, der bei ihm mittlerweile zu "allergischen Reaktionen" führt, unter die Lupe nehmen. Reaktionen, die mit voranschreitender Lektüre immer verständlicher werden: "'Ich bin damit noch mitten im Prozess', sagt man in der Szene gern, wenn man mit etwas nicht klar kommt."

Zu der in spirituellen Kreisen gängigen Ansicht, dass nur "bedingungslose" Liebe echt sei, merkt Wolf Schneider trocken an: "Ein so Liebender liebt auch die größten Schlächter der Menschheit, wie etwa Hitler, Stalin, Mao und Pol Pot. Für die meisten Fälle unserer normalen Liebessehnsucht ist eine solche Liebe also eher nicht zu empfehlen. Ein praktischer Ansatz wäre der: Das Wesen der Liebe ist bedingungslos, aber die Liebe braucht Rahmenbedingungen, um sich gut entfalten zu können."

Nein, ein gnadenloses Gemetzel, eine Hinrichtung der Esoterik-Szene ist Wolf Schneiders Lexikon nicht. Aber ein heiterer und interessant zu lesender Appell an alle, die sich für die Thematik interessieren, hier und da ihren Verstand einzuschalten und nicht sämtliche abstrusen Esoterik-Auswüchse für bare Münze zu nehmen. Was die reißerische Pressemeldung betrifft, mit das Lexikon auf den Markt geworfen wird, räumt der Autor im Interview ein, dass "die ein bisschen höher daher geritten (kommt), als das Buch eigentlich ist." Immerhin: Die Löffel in Wolf Schneider Besteckschublade werden sich freuen.