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Männer-Ratgeber: Sextipps für Jungbullen

In seinem Buch "Die Haifischzahnstrategie" untersucht Hannes Fehr das Sexualleben von männlichen Singles mit betriebswirtschaftlichen Mitteln. Durch ein "erfolgreiches Affärenmanagement" soll ein Männertraum wahr werden: sexuelle Rundumversorgung.

Von Björn Erichsen

Auch echte Kerle brauchen ab und an ein bisschen ehrliche Zuneigung

Auch echte Kerle brauchen ab und an ein bisschen ehrliche Zuneigung

Wie kann der moderne Single-Mann sein Sexleben so richtig aufpimpen? Mit dieser Frage hat sich Hannes Fehr in seinem Buch "Die Haifischzahnstrategie" ausführlich auseinandergesetzt. Im Fokus: die kritischen Jahre des Mannes, jener Zeitraum ohne Beziehung (durchschnittlich alle zwei bis drei Jahre), in denen er als Einzelkämpfer der Tristesse in der Lendengegend mit One-Night-Stands und Affären begegnen muss. Der Ansatz der Buches ist durchaus ungewöhnlich: Fehr untersucht das lustvolle Treiben aus dem Blickwinkel des Ökonomen - effizient, rein auf den eigenen Nutzen fixiert, als würde er die Geschicke eines Unternehmens planen. Fragestellung lautet: Mit welcher Strategie erreicht ein alleinstehender Mann die maximale Befriedigung seines Primärbedürfnisses - Sex.

Dabei gibt es viel zu bedenken. Schließlich geht es nicht nur um Quantität, erst der regelmäßige, möglichst gute, unkomplizierte und stressfreie Beischlaf mit möglichst schönen Frauen stellt das Optimum dar. Und daher sollte es auch in einer Affäre tunlichst kuschelig zugehen. Der Autor weiß: "Auch echte Kerle brauchen ab und an ein bisschen ehrliche Zuneigung", und das Miteinander, na klar, wird auch erst mit ein bisschen Nähe und Vertrauen so richtig innig. Andererseits muss aber auch "Abwechselung im Menüplan" her, nur dürfen "Akquise und Administration der jungen Damen" natürlich nur "so wenig Aufwand wie möglich verursachen." Man ahnt es schon: "Erfolgreiches Affärenmanagement" ist eine komplizierte Angelegenheit.

Defizite gängiger Männerstrategien

Fehr arbeitet sich akribisch durch alle Eventualitäten der Kontaktanbahnung und deckt dabei Defizite gängiger Männerstrategien auf: Wer etwa losstürmt wie ein "Jungbulle", also alles bespringt, was sich nicht rechtzeitig auf die Damentoilette retten kann, geht nicht nur fahrlässig mit Ressourcen (Parallelaffären!) um, sondern ruiniert auch noch seinen Ruf und damit seinen Marktwert. Auch am anderen Ende der Skala haben die "Prinzen", also Männer, die weitgehend enthaltsam auf ihre Traumfrau warten, so ihre Sorgen: Zu wenig Sex, zu viele einsame Sonntagabende und ein gehöriger Trainingsrückstand beim Flirten, so Fehrs Fazit.

Im direkten Vergleich schneidet die von ihm erdachte "Haifischzahnstrategie" am besten ab. Und die geht so: Es gilt, sich nur auf eine Frau zur Zeit zu konzentrieren und ihr zumindest für die Dauer der Affäre treu zu bleiben. Fehr empfiehlt einen "hohen Verwöhnfaktor": Die Dame soll von einem Gentleman umsorgt werden (Tür aufhalten, mal was kochen) und sich wohlfühlen. Der unverbindliche Charakter der Liebelei muss aber stets offen ehrlich kommuniziert werden, damit keine falschen Erwartungen geweckt werden. So weit, so fair, ist aber auch nur die eine Hälfte der Strategie.

Passive Affären

Nebenher gilt es, gute, aber eben (noch) nicht amouröse Bekanntschaften mit möglichst attraktiven Frauen zu pflegen, einen losen "Pool an passiven Affären". Das Ganze kocht auf kleiner Flamme, mal ein Telefonat, mal ein Mittagsessen, mehr nicht. Der Hintergedanke: diese (passiven) Bekanntschaften können mit verhältnismäßig geringem Aufwand "aktiviert" werden, sollte sich die aktuelle Affäre dem Ende zuneigen. Fehr vergleicht das Prinzip - und daher hat die Theorie ihren Namen - mit dem "Revolvergebiss" des Haifisches. Dessen Besonderheit: Lücken durch herausgebrochene Zähne werden innerhalb kurzer Zeit durch bereits nachgewachsene Ersatzzähne geschlossen.

Haben Sie Interesse an einer Affäre mit einem "Haifischmann"?

Haben Sie Interesse an einer Affäre mit einem "Haifischmann"?

Statt Analogien aus der Tierwelt zu bemühen, könnte man natürlich auch sagen, dass die "Haifischzahnstrategie" eine ziemlich schäbige Masche ist. Eine, die freimütig in Kauf nimmt, dass Julias Gefühle verletzt werden, während der umtriebige Romeo bereits seinen Ersatzzahn anwärmt. Fehr dagegen hält die Strategie für praxistauglich und betont, dass schließlich beide Affärenpartner profitieren würden. Schließlich hatte sie ja ebenfalls eine schöne Zeit und konnte sich immer sicher sein, nicht wie vom "Jungbullen" betrogen, belogen und hintergangen zu werden. Außerdem handelt es sich bei all dem lediglich um Affären mit unverbindlichem Charakter, bei "richtigen" Beziehungen lehnt der Autor die "Haifischzahnstrategie" nachdrücklich ab.

Das ist alles nicht ganz von der Hand zu weisen - der kategorische Imperativ muss sicher nicht durch jede billige Bettgeschichte wehen. Doch dass sich Fehr mit seiner Strategie im Einklang mit heutigen moralischen Grundsätzen wähnt, zeigt nur wieder mal, dass der Zeitgeist als ethischer Kompass absolut unbrauchbar ist. Der Autor beruft sich auf "Ehrlichkeit" und "Fairness", ist aber - mit so einer Strategie im Hinterkopf - von "Aufrichtigkeit" doch ein gehöriges Stück entfernt. Und dass ein in Windeseile ausgetauschter und vielleicht besonders sensibler "Zahn" das Techtelmechtel rückblickend als "Win-Win-Situation" einstufen wird, kann auch nur einem Ökonomen eingefallen sein.

Nokia lässt grüßen

Bekanntermaßen haben rein nutzen- oder profitorientierte Analysen bei Einstufungen wie "gut" oder "gesellschaftlich wünschenswert" einen blinden Fleck. (Nokia lässt grüßen!). Mit normativem Ansatz lässt sich da anders fragen. Vielleicht: Haben Sie ganz persönlich Interesse an einer Affäre mit einem "Haifischmann" (oder einer Haifischfrau)? Oder: Ist es ausgerechnet noch mehr Kalkül, was wir in Zeiten von "Humankapital" und grassierenden Bindungsängsten in zwischenmenschlichen Beziehungen erleben wollen? Und wem gefällt eigentlich die Aussicht auf eine Männerhorde, die Schwanz voran aus dem Neandertal in die moderne Welt marschiert, um ihre sexuelle Rundumversorgung künftig per Blackberry sicherzustellen? Ein Männerbild, irgendwo zwischen "American Psycho" und Jürgen Drews?

Nimmt man das Buch weniger ernst - der Autor bittet um "eine gewisse Menge zynischen Humors" - bereitet "Die Haifischzahnstrategie" durchaus Lesevergnügen. Selbstverständlich ist das Buch frauenfeindlich, aber dass darf man von einem Männerratgeber - und das nicht erst seit "Sex and the City"! - auch erwarten. Bei allem Geschmäckle ist Fehrs Ansatz originell und hebt sich allein schon durch dessen immensen Aufwand deutlich vom Gros der zumeist billig produzierten Flirt- und Singleliteratur ab. Manchmal etwas kalauernd, doch meist sehr amüsant, schildert der wirklich exzellente Beobachter Fehr Situationen aus dem Single-Leben mit garantiertem Wiedererkennungswert. Ganz nebenbei gibt er eine Reihe von Flirt-Tipps, die in Ausgefeiltheit und Finesse selbst langjährige männliche Singles verblüffen.

Mann(!) kann also ruhig sein Geld für "Die Haifischzahnstrategie" ausgeben und sich ein wenig auf das Gedankenspiel "Affärenmanagement" einlassen. Nachfrage dürfte jedenfalls - und das wird den Ökonomen Fehr freuen - vorhanden sein. Denn traurig, aber wahr: Das ach so wilde Leben der rund elf Millionen Singles hierzulande, mit seiner vermeintlich florierenden Fuck'n 'Run-Kultur aus One Night Stands und rauschhaften Affären ist weit weniger spektakulär, als es einem Medien und Männergeschichten weismachen wollen. Erhebungen zeigen: Eine verheiratete Frau Anfang 60 hat mehr Sex als ein Single-Mann mit 30.

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