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Betroffene berichten "Die Leute denken, man ist verrückt": Wie Menschen mit Nahtoderfahrungen auf das Sterben blicken

Sehen Sie in der stern-Videoreportage: Nahtoderfahrungen – was Menschen an der Grenze zum Tod über das Sterben berichten.












Der Tod war für mich lange kein Thema: Erst als mein Großvater im Sterben lag, setzte ich mich damit auseinander. In den letzten Momenten an seinem Sterbebett mit ihm fühlte ich mich ihm so verbunden und nah, wie zuvor nur selten. Er war nicht mehr ansprechbar, atmete flach und schien wie in einem Traum. Ich hätte ihn damals gerne gefragt, was er gerade erlebt.“ 
So wie mir geht es vielen Menschen: Wir beschäftigen uns erst mit dem Sterben, wenn es in unserem Leben auftaucht – und wir erleben es, in dem wir andere Personen dabei begleiten. Aber es gibt Menschen, für die ist das etwas anders:  
Linda Richter, stern-Reporterin:  
„Ich mache mich auf den Weg nach Potsdam, wo ich Christine Brekenfeld treffen werde. Sie hatte vor 17 Jahren eine Nahtoderfahrung, die ihr Leben grundlegend verändert hat.“ 


Nahtoderfahrungen: Erlebnisse am Rande zwischen Leben und Tod. Was ist das eigentlic? Was lange nur der Esoterik zugeordnet wurde, darüber gibt es heute immer mehr Wissen. Die moderne Medizin ermöglicht es, dass mehr Menschen lebensbedrohliche Situationen überleben. Etwa 5 Prozent der Menschen, die im Sterben liegen und wiederbelebt werden, erleben dabei ein tiefgehende, psychische Erfahrung. Unter Kindern ist der Prozentsatz sogar noch höher.  
Christine machte so eine Erfahrung im Jahr 2004. Die gebürtige Baden-Württembergerin zeigt mir Fotos aus der Zeit kurz vor ihrem schweren Schicksalsschlag. Damals war sie 38 Jahre alt und hochschwanger. An einem Tag im Juli zwei Wochen vor der Geburt ihres Sohnes passierte es:  
Christine Brekenfeld, Traumatherapeutin:
„An diesem Morgen als ich aufgewacht bin, ging es mir nicht so gut. Ich habe mich etwas schwindelig gefühlt und ich hatte das Gefühl, irgendetwas ist anders. Ich habe dann meinen Termin, den ich hatte, abgesagt. Während ich im Bett lag und das Telefon beiseite gelegt hatte, habe ich plötzlich als ich aufstehen wollte, gesehen, dass aus mir unglaublich viel Blut herausströmt. Unmengen von Blut. So viel wie man es sich als Mensch erstmal gar nicht vorstellen kann. Und ich wusste in dem Moment, dass etwas ganz Schlimmes passiert ist. Und dass, wenn jetzt niemand zu Hilfe kommt, ich jetzt sterbe.“ 
Christine schafft es den Notdienst und ihren Mann anzurufen – die Rettungskräfte sind schnell da. Sie bringen Christine ins Krankenhaus. 
Christine Brekenfeld:
„In dem Moment, wo ich realisiert habe: Ich sterbe jetzt, hat mich eine ungeheure Angst überfallen. Und die war mit aller vegetativen Symptomatik begleitet, die man sich so vorstellen kann.  
Linda Richter:  
„Das heißt?“ 
Christine Brekenfeld:  
„Mit Zähneklappern, mit Zittern, mit Schweißausbrüchen… Es gab auch etwas, wo ich bemerkt habe, dass sich der Körper mit allen Mitteln dagegen wehrt – zu sterben.  
Dann gab es diesen Moment – das war der erste beeindruckende Moment in meiner Erfahrung – wo ich gemerkt habe: Ich kann es nicht mehr halten. Ok, ich ergebe mich. Es war ein Moment, in dem ich losgelassen habe. Ich ergebe mich dem Leben, dem Tod und ich habe keine Ahnung, was jetzt kommt. 
In diesem Moment ist mein Bewusstsein, oder mein Sein  wie aus dem Körper rausgeschossen. Plötzlich hat ein Teil von mir den Körper verlassen und es hat sich so angefühlt, als wäre ich plötzlich überall in diesem Raum. Als wäre ich rundum. 
Das Spannendste an diesem Moment war, dass alle Angst aufgehört hat und alles ganz still wurde und dass ich das Gefühl hatte, die Zeit ist stehengeblieben.  
Ich konnte die Szenerie von außen sehen. Ich sah da meinen blutenden Körper liegen. Ich sah die Sanitäter. Ich sah auch diese Panik: ‚Oh Gottm hier stirbt uns vielleicht Frau und Kind.` Und ich hatte in mir das Gefühl, es ist alles gut. Ich war im Frieden.  
Dann ist es in mir so weitergegangen, dass in dieser inneren Erfahrung, in der ich war, so einen Sog gab. Ich hatte das Gefühl, es ist etwas sehr Enges, aber auch wie etwas Organisches. Wie ein Strudel oder so. Es war dunkel, aber gleichzeitig dunkel, orange, gold. Es zog mich und am Ende war etwas unglaublich Lichtes. Licht ist gar kein Ausdruck dafür. Es war etwas Helles, etwas Geborgenes, etwas Friedliches und ich bin dorthin. Und dieser Erfahrung war das Allerschönste, das ich bis dahin je erlebt hatte. 
Es gab dann auch wie einen Lebensrückblick: Ich sah die Momente, wo ich andere Menschen, auch völlig unbewusst, verletzt habe. Zu sehen, was mein Handeln mit anderen macht und dass wir in unserem Menschsein gar nicht anders können. Das war sehr eindrücklich. Ich wollte da eigentlich bleiben. Ich wollte da nicht mehr weg.“ 
Als Christine aufwacht, fühlt sie eine tiefe Enttäuschung wieder in ihrem Körper zu sein. Mit einem Notkaiserschnitt können die Ärzte ihr Leben retten – das Leben ihres Sohnes jedoch nicht. Der Verlust ihres Kindes löst eine  große Trauer aus:  
„Wo vorher noch alles im Frieden war, war in diesem Moment dann natürlich schon die Trauer und der Schock und so sehr groß. Und interessanterweise war es so, dass ich gleichzeitig bemerkt habe – und das habe ich wirklich sofort bemerkt: Irgendetwas ist anders. Irgendetwas ist anders. So als hätte sich der Frieden und die Liebe und diese Geborgenheit und die Wahrheit, als hätte die sich auch irgendwie mit gerettet.“ 
Eine Frage beschäftigt Christine nach ihrem Aufwachen: Wer bin ich, wenn ich nicht dieser Körper bin? Über diese Frage und die berührende Erfahrung, die sie während der dunkelsten Stunden in ihrem Leben machte, spricht sie lange mit niemandem: 
„Was soll ich erzählen, in dem Moment, wo mein Kind gestorben ist, habe ich das Allerschönste erlebt, was ich mir je vorstellen konnte? Die Leute denken ja, man ist verrückt. Und ich habe es mich auch nicht getraut, es zu erzählen, denn die Leute um mich herum hatten plötzlich einen ganz anderen Blick. Ich habe dann mit einer Psychotherapie begonnen und habe da gemerkt, mit der Therapeutin kann ich auf keinen Fall darüber sprechen. Sobald ich nur das Thema Tod angerissen oder angeschnitten habe, hatte sie sofort Sorge, ich sei suizidgefährdet. Ich würde meinem Sohn folgen wollen, ich hätte Depressionen. Mir wurden alle möglichen Diagnosen angehängt. Und ich hatte das Gefühl,  das stimmt nicht: Ich war vorher nicht depressiv, ich bin jetzt nicht depressiv und ich spreche nicht vom Tod, weil ich das Gefühl habe, ich will sterben. Ich habe eher das Gefühl, es ist etwas ganz Spannendes passiert und ich will das ergründen.“ 
Ich spreche mit anderen Menschen mit ähnlichen Erlebnissen und auch sie erzählen mir von diesem Dilemma. Werner Barz ist pensionierter Dachdeckermeister. Der 81-Jährige leitet heute eine Selbsthilfegruppe für Menschen mit Nahtoderfahrungen in München. Er berichtet mir von seiner Erfahrung, die er 1986 machte und wie sein Umfeld darauf reagierte: 
Werner Barz: 
„Wenn damals jemand gesagt hätte: Ja, erzähle. Oder: Das habe ich auch erlebt. Oder: Ja, das gibt es. Aber das war damals ja ein Tabu-Thema. Über Nahtoderfahrungen darüber spricht man nicht, weil das sind Verrückte. Und, liebe Frau Richter, wir haben bei uns welche in der Gruppe, die waren in der Psychiatrie. Und jetzt sind sie bei uns.“ 
Auch für Daniela Hanke aus Magdeburg vergingen mehrere Jahre, bis sie über ihre Erfahrung sprechen konnte. Sie machte sie 2009 als ihre Lunge nach einer Lungenbiopsie kollabierte. Danach änderte sich ihre Perspektive radikal: 
Daniela Hanke: 
„Ich habe nicht mehr funktioniert, wie vorher. Und ich hatte einen anderen Blick in die Welt. Und ich habe im Job gesessen und habe von innen heraus eine Wahrnehmung gehabt, dass das alles nicht mehr stimmt. Und ich habe mich falsch an dem Platz gefühlt. Und es war dann der Zeitpunkt wo auch die Wende eingetreten ist. Ich hatte radikale Veränderungen: Ortsveränderungen, Veränderungen im Job in meiner Beziehung. Mein ganzes Leben hat sich umgekrempelt.“ 
In Eckernförde treffe ich den Theologie-Professoren Enno Edzard Popkes. Er lehrt an der Universität Kiel und baut hier die Kieler Akademie für Thanatologie auf, ein Verein, in dem sich Menschen mit dem Tod auseinandersetzen können.
 Prof. Dr. Enno Edgar Popkes:
„Zunächst muss ich sagen, dass ich sehr viele Menschen kenne mit Nahtoderfahrung. Und dass ich immer die Erfahrung mache, dass sie sehr glücklich sind, dass man sie ernst nimmt. Dass sie wirklich das Gefühl haben, man kann darüber sprechen und man kann auch wissenschaftlich darüber sprechen.“
Dass es mehr Räume gibt, in denen Menschen offen über ihre Erfahrungen sprechen können, dafür setzte sich Popkes ein. Zusammen mit zwei Pastoren hat er eine Veranstaltungsreihe zum Thema „Leben mit dem Tod“ in Eckernförde gestartet. Sie ist offen für Menschen aller Konfessionen. Beim Auftakt am Totensonntag sprechen die Männer über Platon und Aristoteles. Texte aus dem Tagebuch „Das denkende Herz“, der nach Auschwitz deportierten Etty Hillesum werden gelesen – eine halbe Stunde vergeht in meditativer Stille. 
Neben einer Möglichkeit des Austauschs ist es Popkes wichtig mit seiner Kieler Akademie, den wissenschaftlichen Diskurs über den Tod und die Frage nach dem Bewusstsein weiter voranzutreiben:  
 Prof. Dr. Enno Edgar Popkes:
„Sehr viele Menschen der aktuellen Hirnforschung vertreten ein reduktive-materialistisches Menschenbild. Dass Seele und Bewusstsein auf gehirnphysiologische Prozesse zurückgeführt werden kann. Aber auch in der Naturwissenschaft gibt es ganz andere Ausrichtungen und die Kernfrage ist: Wie kann ich wissenschaftlich den Denkansatz zulassen, ob es etwas gibt, dass sich auch von Materie lösen kann oder nicht darauf zurückgeführt werden kann?“  
Die Quantenphysik bietet einigen Nahtodforschern Hinweise darauf, dass Bewusstsein außerhalb von der Materie denkbar sein könnte. Die Theorie gründetet sich, weil bestimmte Naturphänomene nicht mit den bisher bekannten Gesetzen der Physik erklärt werden konnten. In Experimenten fanden Forscher zum Beispiel heraus, dass Licht sowohl die Eigenschaften einer Welle als auch die eines Teilchen haben kann. Wie Licht erscheint, ist abhängig vom Versuchsaufbau – also von der Perspektive, die der Wissenschaftler darauf einnimmt.
Bewusstsein außerhalb des Körpers zu messen, ist bisher noch nicht gelungen. Hirnforscher erklären die beschriebenen Gefühle und Empfindungen bei Nahtoderlebnissen mit den Mechanismen eines sterbenden Gehirns. Botenstoffe werden freigesetzt. Auch sogenannte Gamma-Wellen können in den letzten Minuten nach dem Herzstillstand aktiv sein. Solche Wellen maßen Forscher auch bei Menschen in tiefer Meditation. Könnten sie also eine Ursache für die tiefen Empfindungen sein?   
Ich frage Christine, wie sie auf Skeptiker blickt, die ihre Bewusstseins-Erfahrung auf einen körperlichen Prozess allein zurückführen: 
Christine Brekenfeld:
„Wenn jemand so eine Erfahrung nicht gemacht hat, dann wird er immer ein Erklärungsmodell zur Rate ziehen, dass sich in seinem Erfahrungsspektrum befindet. Und ich finde es auch wichtig, die Menschen dazulassen. Und gleichzeitig wünsche ich jedem Menschen, dass sich der Erfahrungshorizont erweitern darf und dass es eine Neugierde gibt auf das, was vielleicht noch kommen darf.“  
Eine niederländische Langzeitstudie zeigt, dass sich die Wertevorstellungen von Menschen mit einer Nahtod-Erfahrung radikal ändern können. Viele Befragte erzählen, dass materielle Dinge ihnen weniger wichtig sind. Sie sind gerne in der Natur, schätzen die kleinen Dinge im Alltag mehr. Werte wie anderen Zuzuhören und andere Sichtweisen zu akzeptieren haben eine hohe Priorität für sie.
Auch Christine hat ihr Leben seit ihrem Schicksalsschlag verändert: Früher leitete sie an einer Berliner Hochschule den Marketing-Bereich. Nach ihrer Sterbe-Erfahrung konnte sie sich eine Rückkehr in den Job nicht mehr vorstellen. Sie begann ehrenamtlich als Sterbebegleiterin zu arbeiten, bildete sich zur Traumtherapeutin weiter und schrieb ein Buch über ihre Erfahrung. Heute begleitet sie andere Menschen mit Nahtoderfahrungen dabei, diese in ihr Leben zu integrieren, und hilft Menschen in existenziellen Krisen.  
Christine Brekenfeld:
„Ich habe von vielen Menschen gehört, dass der Tod und das Sterben für sie scheitern ist.  Scheitern am Leben, scheitern an dem, dass es immer weitergeht. Und ich glaube, dass es wieder ein Bewusstsein braucht für das Sterben. Dass es wichtig ist, dass diese Themen wieder mehr in den Mittelpunkt rücken, denn wir wissen nichts sicher in diesem Leben. Aber wir wissen sicher, dass wir nicht ewig Dasein werden. Und ich lade alle Menschen ei,n sich mit dem eigenen Sterben zu beschäftigen, einfach um zu entdecken, was wirklich zählt im Leben.“ 
Die Gespräche mit den Nahtoderlebenden berühren mich sehr. Alle drei sprechen vorsichtig über das, was ihnen passiert ist. Auch wenn sich Elemente in ihren Erzählungen wiederholen, ist jede ihrer Erfahrung zutiefst persönlich. Kann ich davon etwas über den Tod meines Opas lernen? Oder darüber, wie es sein wird, wenn ich einmal sterbe?   
Christine Brekenfeld:
„Viele Menschen fragen mich auch: Was du da erlebt hast – ist das so, wenn wir sterben? Dann sage ich: Nein, ich glaube, es ist eine Erfahrung im Leben, die ich gemacht habe und dass ich es gut finde, dass wir noch ein großes Geheimnis haben.“  
Ob Nahtoderlebnisse nur ein Produkt des sterbenden Gehirns sind, ein Einblick in ein anderes Bewusstsein – oder vielleicht auch beides? Auch wenn ich nach meinen Gesprächen keine Antwort habe, finde ich, dass es sich lohnt dieser Frage weiter nachzugehen. Nicht um ein Jenseits zu begreifen, sondern um im Jetzt mehr Möglichkeiten zu sehen und erforschen zu können.“ 

























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Was passiert, wenn wir sterben? Forscher verstehen heute immer besser, was im Körper während des Sterbeprozesses passiert. Auch die Erfahrungen von Menschen, die dem Tod sehr nahekamen und dabei von klaren Erlebnissen schildern, häufen sich. Was kann man von ihnen über das Sterben lernen? Eine Reportage.

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