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Kampf gegen Cybermobbing: Mein Leben mit einem Stalker

Stalking-Opfer sollen künftig besser geschützt werden. So sieht es ein neuer Gesetzesentwurf vor. Eine, die weiß, wie es sich anfühlt, ständig bedrängt zu werden, ist Mary Scherpe. Anstatt ihren Stalker zu ignorieren, ging die junge Frau einen mutigen Schritt – und veröffentlichte die Angriffe im Netz.

Von Mirja Hammer

Monatelang gab es einen Stalker in Mary Scherpes Leben. Die Modebloggerin bemerkte ihn zum ersten Mal, als der Fake-Instagram-Account Marianne von Schelpe auftauchte, eine Parodie auf ihren eigenen Account. Auf jedes Foto, das Scherpe hochlud, reagierte die andere Person mit einem Foto, das sich darüber lustig machte. Als Antwort auf ihr Profilbild etwa, auf dem sie ein Tuch über dem Gesicht trägt, verwendete die Person ein Bild einer Frau mit einer Plastiktüte über dem Kopf. Anfangs machte sich Scherpe keine Gedanken - ein armer, einsamer Spinner, der zu viel Zeit hat. Ein dämlicher Troll, nichts weiter.

Mary Scherpe zählt mit ihrem Blog "Stil in Berlin" zu den bekannteren Bloggern im Netz, negative Kommentare und gelegentliche Troll-Attacken gehören für Autoren wie sie zur Tagesordnung. Anfangs folgte Scherpe noch der Regel: "Don't feed the troll" - gib denen, die dich ärgern wollen kein Futter und sie werden verhungern.

Doch was dieser Jemand mit ihr trieb, hörte nicht auf - und ging weit über zynische Instagrambilder hinaus. "Als ein Foto meines Klingelschilds auf dem Netzwerk Foursquare auftauchte, wusste ich, dass ich einen ernstzunehmenden Stalker hatte, der sich offensichtlich sogar in meiner Nähe aufhielt - und der jetzt vermutlich erst richtig loslegen würde."

Bei Stalking geht es um Macht, Rache oder Liebe

Von da an gingen Mails, SMS, Posts und Pakete bei ihr ein. Am Ende waren es bis zu 30 Stück am Tag. Er schwärzte sie an, fingierte Mails in ihrem Namen, rief sie nachts an, schrieb bloßstellende oder einfach nur sinnbefreite Kommentare auf Twitter, Instagram und ihrem Blog. Nichts, was die Bloggerin schrieb, postete, fotografierte oder am Leib trug, ließ er unkommentiert. Das meiste, was er schrieb war ausgedacht. Er beleidigte ihr Aussehen: ihre Nase, ihre Haut, ihren Körper. Immer wieder schickte er ihr Nachrichten, die vorgaukelten, er sei in ihrer Nähe - manchmal war er es vielleicht auch.

Und dann waren da noch diese seltsamen Pakete, die er ihr schickte und von denen auffällig viele mit "Nestbau" zu tun hatten: Schwangerschaftsvitamine, Babywillkommenspakete, Kunstrasen, Werbebroschüren für Küchen und ein Schwung Dachziegel. Wozu? "Vielleicht sehnt er sich nach einer gemeinsamen Zukunft mit mir?", mutmaßt Scherpe.

Bei Stalking gehe es fast immer um Macht, Rache oder Liebessehnsüchte, schreibt der Opferhilfeverband "Weißer Ring". Häufig steckten ehemalige Lebenspartner dahinter. Auch Mary Scherpe vermutet, dass ihr Exfreund hinter den Angriffen steckt. Direkt nach der Trennung hatte er damit begonnen, Fotos von Scherpes Wohnung und den Orten, an denen sie gemeinsam waren, auf Instagram zu posten. Immer wieder nahm er Bezug auf Details, die sie ihm früher erzählt hatte. Außerdem weiß sie, dass er über das nötige Knowhow verfügt, um im Netz anonym zu bleiben. Vielleicht tut er es aus Rache, weil sie ihn enttäuscht hat, sagt die Berlinerin. Wirklich mutmaßen will sie darüber aber nicht. Sehr früh, bevor das Stalken wirklich losging, hatte sie ihn einmal darauf angesprochen. Doch er hatte sie für verrückt erklärt. Die Welt würde sich nicht nur um sie drehen, sagte er.

Viele Stalking-Opfer sind juristisch machtlos

Scherpe verdächtigt ihn dennoch, nicht zuletzt, weil, er einmal einen entscheidenden Fehler machte: Ein Kommentar, den er kurz zuvor von einem Fake-Instagram-Account gepostet hatte, tauchte kurz darauf auf seinem eigenen Account auf. Sie ging zur Polizei und legte die Mails, SMS und öffentlichen Diffamierungen vor. Doch beide Anzeigen wurden eingestellt.

In Deutschland musste Nachstellung bislang auf zwei Ebenen belegt werden, um strafrechtlich verfolgt werden zu können: Zum einen musste die Beharrlichkeit des Täters bewiesen werden und zum anderen eine schwerwiegende Beeinträchtigung der Lebensführung des Opfers vorliegen. Bei Scherpe war das nicht der Fall: Sie wechselte weder ihre Wohnung, noch gab sie ihren Blog und damit ihren Job auf. Der neue Gesetzesentwurf sieht vor, dass Stalking in Zukunft lediglich objektiv geeignet sein muss, das Leben von Opfern schwerwiegend zu beeinträchtigen.

Man könne wenig dagegen tun, ein Opfer zu sein, sagt Scherpe. Ihr blieb zunächst nur, die Angriffe zu ignorieren, in der Hoffnung, sie würden von allein aufhören. Die Frage sei, wie man sich verhalte. "Ob man sich seinem Schicksal ergibt oder handelt." Im Frühjahr 2013 beschloss sie, sich selbst zu helfen, indem sie den Spieß umdrehte: Sie eröffnete den Blog eigentlichJedenTag und überschrieb ihn mit den Worten: "Seit über einem Jahr gibt es den Stalker in meinem Leben. Hier dokumentiere ich, was passiert". Darunter folgt eine detaillierte Dokumentation aller Dinge, die er ihr schickte oder schrieb. "Auf diese Weise konnte ich die Angriffe von mir weg- und in die Öffentlichkeit umleiten". Heute meldet er sich nur noch selten, höchstens alle zwei bis drei Monate.

Ich habe es geschafft, mich zu distanzieren

Die Bloggerin begriff, dass Stalking ein großes Thema ist, über das öffentlich aber viel zu wenig gesprochen wird. Seit sie ihren Stalker an den Pranger gestellt hatte, meldeten sich viele Menschen mit ihren Geschichten bei ihr. Rund 12 Prozent aller Deutschen geht es ähnlich wie ihr - 80 bis 90 Prozent der Stalking-Opfer sind Frauen. "Die einzelnen Handlungen des Stalkers erscheinen meist relativ banal. Bei vielen Menschen stößt man daher erstmal auf Unverständnis." Es sei die Masse der Beleidigungen, Kommentare und Lügen und die Beharrlichkeit des Stalkers, die einen zermürbten. Aus dem Blog wurde ein Buch, das im Jahr 2014 erschienen ist. In "An jedem einzelnen Tag. Mein Leben mit einem Stalker" zeichnet Scherpe diesen Prozess nach. Sie hoffte, das Phänomen "Stalking" damit stärker ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. Die Verantwortung dürfe nicht beim Opfer liegen. Es müsse allein um die Bewertung des Täters gehen, so Scherpe. Die Entscheidung des Bundestages ist ein erster Schritt in diese Richtung.

Was tun, wenn man gestalkt wird?

Menschen, die unter einem Stalker leiden, rät Mary Scherpe drei Dinge:

1. Seinem Bauchgefühl zu trauen

"Die meisten Opfer wissen sehr genau, wann Grenzen überschritten werden und Unrecht passiert. Oft beginnen dann aber die Zweifel, gerade auch weil die Ausmaße und Auswirkungen von Stalking nicht wirklich bekannt sind - und häufig kleingeredet werden. Daher ist es wichtig, ein Selbstbewusstsein im Umgang damit zu entwickeln. Nur so kann man sich wehren."

2. Das Stalking anzuzeigen
"Ich würde jedem, der unter Stalking leidet, zu einer Anzeige raten. Die Polizei muss in jedem Fall ermitteln und das kann bereits helfen. Oft können auch Anwälte hilfreiche Schritte unternehmen."

3. Über das Problem zu sprechen
"Ich rate dringend dazu, über das Problem so oft es geht und man das Bedürfnis verspürt, zu reden. Mit Freunden, Familie und Bekannten - sich und sein Leid mitzuteilen, hilft sehr, man fühlt sich nicht mehr so allein."

Mirja Hammer