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Geschichte Weltweiter Sklavenhandel – die dunkle Seite der Wikinger

In der Serie sind die Sklaven nur eine Randerscheinung.
In der Serie sind die Sklaven nur eine Randerscheinung.
© Vikings
Wikinger gelten als wildes, aber als freiheitsliebendes Volk, das dem Feudaladel und dem Christentum widerstand. Dabei wird vergessen, dass sie notorische Sklavenhändler waren und ihre Raubzüge vor allem dazu dienten, junge Frauen und Männer zu verschleppen.

Wikinger sind "in". Über 93 Folgen hinweg feierte die Serie "Vikings" weltweit Erfolge. Die rauen Nordmänner bieten mehr Identifikationsmöglichkeiten als andere historische Epochen. Am wichtigsten: Es gibt nicht nur Nordmänner, bei den Wikingern griffen auch Frauen als Schild-Maid zu Axt und Bogen (Lesen Sie hierzu: "Wikinger-Kriegerinnen – die verleugneten Amazonen aus dem Norden").

Das passt weit besser in die heutige Zeit als Ritterschinken mit züchtigen und schmachtenden Burgfräulein. Auch das Christentum hat im Fantasy-Reich gelitten, die Ausrottung der indigenen Kulturen durch fanatische Mönche, die blutige Verfolgung Andersgläubiger und die Ausrottung von angeblichen Hexen sind heute nicht mehr als Kulturfortschritt zu vermitteln. Wenn aber Odin und Freya durch den Nebel raunen, fühlt sich niemand angegriffen.

Outlaw Idylle der Wikinger

Zumindest im Film wirkt das Wikingerleben zwar gefährlich, aber ansonsten ziemlich ideal. Es gab keine drückende Stellung von Adel und Kirche. Die Bauernfamilien waren noch frei und nicht in die Halbsklaverei der Leibeigenschaft herabgedrückt. Die Unterschiede zwischen den herrschenden Familien und ihren freien Gefolgsleuten waren noch überschaubar. Und auch Frauen, die nicht in den Krieg zogen, hatten im Norden eine starke Stellung.

Für dieses Bild einer Outlaw-Idylle mit Schiffen statt mit Rocker-Motorrädern werden einige Schattenseite nicht so hell ausgeleuchtet. "Starke Frau" – das konnte in den nördlichen Mythen durchaus bedeuten, die eigenen Kinder zu ermorden, sollte es Streit zwischen der Familie Mannes und den Brüdern der Frau geben. Götteropfer und Plünderungen kommen vor, das Elend, das die Nordvölker über die Bewohner der Gegenden brachten, die sie heimsuchten, wird lieber nicht allzu ausführlich geschildert.

Die fiese Seite der Wikinger

Der dunkelste Punkt der damaligen Zeit ist der Sklavenhandel der Wikinger. Im fortschreitenden Mittelalter gab es immer Sklaven, aber ihre Bedeutung nimmt kontinuierlich ab. In der Zeit zwischen dem Untergang des Imperiums und dem Hochmittelalter sind Sklaven dagegen ein begehrtes Gut und die Wikinger waren führende Händler. Nach einer Schätzung sollen die Sklaven bis zu 10 Prozent der Bevölkerung des wikingerzeitlichen Skandinaviens ausgemacht haben (Lesen Sie hierzu: "Unter Schmuck und Silberschatz versteckt – erste Wikingersiedlung in Island entdeckt")

Wenn man staunt, wie byzantinisches Gold und chinesische Seiden ihren Weg nach Skandinavien fanden, sollte man wissen, dass neben Pelzwerk und Kriegsdiensten Sklaven der beste Handelsartikel waren. Insbesondere exotisch aussehenden Sklaven – sprich blond und blauäugig – waren ein Exportgut für den Fernhandel. Der arabische Reisende Ibn Hawqual beschrieb im Jahr 977 n. Chr. den Sklavenhandel der Wikinger, der sich über das Mittelmeer von Spanien bis nach Ägypten erstreckte.

Begehrtes Handelsgut

Sklaven hatten einen unschätzbaren Vorteil: Menschen konnte man überall erbeuten. Bei Überfall auf ein Fischerdorf konnten die Wikinger nicht erwarten, Schätze zu erlangen. Etwas Vieh, ein paar Vorräte und ein paar Gegenstände aus Eisen machten die Beute aus. Wertvolle Horte von Gold und Edelsteinen wurden meist gut geschützt. Wer sie mit sich führen wollte, musste sich auf einen Kampf mit trainierten Kriegern einstellen. Aber Menschen – junge Männer und Frauen und halbwüchsige Kinder - gab es überall. In der frühmittelalterlichen irischen Chronik "The Annals of Ulster" wird ein Wikingerüberfall in der Nähe von Dublin im Jahr 821 n. Chr. beschrieben, bei dem "sie eine große Anzahl von Frauen in die Gefangenschaft verschleppten".

Frauen waren besonders begehrt. Es gibt deutliche Hinweise auf sexuelle Sklaverei. Der Araber Ibn Fadlan schreibt 922 über seine Begegnung mit einer Gruppe Wikinger an der Wolga. Er erlebte, wie die beiden attraktiven Mädchen, die verkauft werden sollten, von ihren Besitzern vergewaltigt wurden, während andere dabei zuschauten. Sklavinnen waren eine Option für ärmere Männer ohne angesehene Familie im Hintergrund doch noch eine Konkubine oder Ehefrau zu ergattern. Ein deutlicher Hinweis ist das Genom der Isländer. Zwei Drittel der weiblichen Gründungsbevölkerung Islands war gälischen Ursprungs - sie kamen aus Irland oder Schottland. Nur ein Drittel der Frauen stammte aus Skandinavien. Bei Männern war es genau umgekehrt. Ein deutlicher Hinweis, dass die Nordmänner sich mit Sklavinnen zur Familiengründung versorgt hatten.

Frauen hatten aber nicht nur einen sexuellen Wert, sagt Ben Raffield, Archäologe an der schwedischen Universität Uppsala. "Im Kontext der Sklaverei wurden Frauen oft entführt, weil sie in vielen Gesellschaften traditionell diejenigen sind, die hochwertige Güter produzieren. Viele Leute denken, wenn man Gefangene als Arbeitskräfte wollte, würde man Männer nehmen, aber das ist nicht unbedingt der Fall. Die Textilarbeit in Skandinavien zum Beispiel ist stark mit Frauen verbunden."

Verschluckt von der Geschichte

Archäologisch haben die Sklaven wenig Spuren hinterlassen. Ein paar Halsfesseln sind alles, was von ihnen blieb. Sie hatten keinen eigenen Besitz und keine Häuser und hinterließen keine Spuren. Sklaven ohne besondere Fertigkeiten wurden als Verbrauchsgut behandelt. Sie wurden als "Rinder" oder als teure Haustiere angesehen, die mit den anderen Tieren am dunkelsten Ende des Langhauses lebten. Auch die Römer verschlissen ihre Sklaven rücksichtlos bei der Arbeit. Aber sie verachteten sie nicht für ihren Stand. Den Römern war bewusst, dass eine Laune des Schicksals den angesehensten Mann in einen Sklaven verwandeln konnte. Doch schon in der nordischen Mythologie werden Sklaven als unwürdige Unterlinge angesehen.

Sie wurden geschunden, solange man Arbeitskraft aus ihnen pressen konnte. Danach wurden sie achtlos verscharrt. Bei der Untersuchung von Skelettreste von Sklaven der Wikingerzeit, die in Gräbern in Norwegen, Schweden und Dänemark gefunden wurden, stellte man fest, dass sie häufig Anzeichen von Misshandlungen aufwiesen oder gar vor ihrem Tod geköpft wurden.

Ein natürlicher Tod war keineswegs garantiert. Mächtige Wikinger wurden in der klassischen Periode oft von einer Ehefrau oder eine Konkubine in den Tod begleitet. Das galt als sehr ehrenvoll und war keine selbstverständliche Pflicht. Aber zusätzlich wurden immer dienstbare Geister mit auf die letzte Reise geschickt, und diese Sklaven wurden nicht gefragt. Sie wurde einfach ermordet.

Quellen: HistorySmithsonianChildren of Ash and Elm

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