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Zweiter Weltkrieg Moment der Befreiung – wie eine Handvoll Soldaten einen Todeszug der Nazis stoppte

Freitag, 13. April 1945. Der Moment der Befreiung.
Freitag, 13. April 1945. Der Moment der Befreiung.
© United States Holocaust Memorial Museum / Commons
An einem Freitag, dem 13., trafen zwei kleine Panzer der US-Armee auf einen Zug mit gefangenen Juden. Die Nazis wollten sie in der Elbe ertränken. Die Fotos eines Offiziers zeigen den Moment, als die Häftlinge die amerikanischen Uniformen erkannten.

Außer Militärexperten erinnert sich niemand an das 743rd Tank Bataillon. Es hat keinen großen Namen, wie die 82nd Airborne Division oder die 1st Infantry Division, die Big Red One. Und doch landete das Bataillon mit der ersten Angriffswelle am D-Day in Frankreich. Später nahm das Bataillon an den harten Kämpfen um die Siegfried-Linie nördlich von Aachen teil. In der Ardennenoffensive stoppte die Einheit den Vormarsch der berüchtigten 1. SS-Panzerdivision, der Leibstandarte, im Raum von Malmedy.

Der Anblick der Befreiung

Kurz vor Ende des Krieges machte einer ihrer Offiziere, Major Clarence Benjamin, eines der eindrucksvollsten Fotos des Zweiten Weltkrieges. Frauen und Kinder klettern aus einem Todeszug der Nazis. Sein Foto hält das ungläubige Staunen einer bis heute nicht identifizierten Frau fest. Ihr ist anzusehen, dass sie ihren Augen zuerst nicht trauen wollte und erst jetzt, als sie unmittelbar vor den US-Soldaten steht, ihre Anspannung nachlässt und sich eine grenzenlose Erleichterung auf ihrem Gesicht bahnbricht.

Die Befreiung von Ausschwitz im Osten durch die Rote Armee, die Ankunft der US-Truppen in Dachau und die der Briten in Bergen-Belsen sind historisch bedeutender. Aber kein Foto zeigt den Moment der Befreiung so, wie dieses Foto von dem Abstellgleis bei Magdeburg. Etwa 2500 Menschen waren in den Wagons zusammengepfercht, sie kamen aus dem KZ Vernichtungslager Bergen-Belsen. Das Reich lag Mitte April 1945 bereits in den letzten Zügen. Aber noch wütete die Mordmaschine, KZ-Häftlinge wurden erschossen oder transportiert, damit sie von den Alliierten nicht befreit werden konnten.

Sollten in der Elbe ertränkt werden

Die Menschen in dem Zug gehörten zu den sogenannten "privilegierten" Häftlingen des Lages. Sie waren von den Deutschen für einen geplanten Gefangenenaustausch mit den Alliierten ausgewählt worden. Der Zug irrte ohne jede Versorgung durch die Reste Deutschlands, die noch unter der Kontrolle der Nazis standen. Als es nicht mehr weiter ging, soll der Kommandant den Befehl bekommen haben, alle Insassen des Zuges bei einer geplanten Brückensprengung zu ertränken. Überlebende berichteten aber, dass der Offizier nie vorgehabt habe, die Juden in dem Zug zu töten, sondern nur auf eine Gelegenheit gewartet hatte, sich mit seinen Leuten abzusetzen. Das muss kurz vor dem Eintreffen der US-Soldaten geschehen sein.

Aus Zufall wurde der Todeszug bekannt

Lange Zeit geriet dieser Moment der Befreiung in Vergessenheit. Erst 2001 erzählte der Panzerkommandant Carrol Walsh in einem Interview von den Einsätzen seines Bataillons. Er beschrieb Schlachten und Gefechte und dachte an Kameraden, die er verloren hatte. Nur durch Zufall, weil seine Tochter ihn daran erinnerte, schilderte er dann noch die Befreiung des Zuges. Diesem Interview folgten weitere Recherchen bei Überlebenden und mehrere Buchveröffentlichungen.

Und so kam es zu der Begegnung:  Einige Meilen nordwestlich von Magdeburg lag ein Gleisanschluss in einer bewaldeten Schlucht unweit der Elbe. Dort stieß Major Clarence Benjamin am 13. April 1945 mit seiner Patrouille auf 200 abgerissen aussehende Personen am Straßenrand. Im Hintergrund war noch Artilleriefeuer zu hören. Den Soldaten fiel auf, dass etwas nicht stimmte. Die Figuren am Straßenrand waren hager und abgezehrt. Und sie verfielen in ein hysterisches Lachen, als sie die Soldaten erkannten. Unweit der Straße standen die alten Güterwagons auf dem Abstellgleis. Alles war voller Menschen, ein trauriges verzweifeltes Lager.

Erinnerungen eines Befreiers 

Der Panzerkommandant George C. Gross erinnerte sich 2001 die Ereignisse: "Am Freitag, dem 13. April 1945, befehligte ich einen leichten Panzer in einer Kolonne des 743. Panzerbataillons und der 30. Infanteriedivision. …

Der Major führte unsere beiden Panzer, die jeweils mehrere Infanteristen der 30. Infanteriedivision auf ihrem Deck trugen, eine schmale Straße hinunter, bis wir zu einem Tal kamen, an dessen Spitze ein kleiner Bahnhof lag und eine bunte Ansammlung von Personen- und Güterwagen auf ein Nebengleis. Dort saß oder lag eine Masse von Menschen, die unsere Anwesenheit noch nicht bemerkt hatten."

Es war eine Befreiung ohne Kämpfe, die Deutschen waren alle geflohen. "Es muss wohl Wachen gegeben haben, aber sie sind offensichtlich vor oder bei unserer Ankunft weggelaufen, denn ich erinnere mich an kein Feuergefecht. Unser Halt vor dem Zug war also keine große Heldentat." Auch Gross erinnerte sich an das Foto der Frau: "Es zeigt im Vordergrund eine Frau, die ihre Arme weit ausstreckt und einen großen Ausdruck der Überraschung und Freude auf ihrem Gesicht hat, als sie auf uns zurast."

Die ursprüngliche Notiz heißt: "Das kleine Mädchen in der Mitte ist so schwach vom Verhungern, dass sie kaum noch stehen kann, um ein Lächeln für ihre 'Befreier' zu haben. Man könnte genau dasselbe von den beiden Kindern auf beiden Seiten sagen".
Die ursprüngliche Notiz heißt: "Das kleine Mädchen in der Mitte ist so schwach vom Verhungern, dass sie kaum noch stehen kann, um ein Lächeln für ihre 'Befreier' zu haben. Man könnte genau dasselbe von den beiden Kindern auf beiden Seiten sagen".
© United States Holocaust Memorial Museum / Commons

Die Soldaten versuchten zu helfen, so gut sie konnten, aber die Patrouille mit ihren zwei leichten Spähpanzern hatte natürlich keine Vorräte für 2500 Menschen dabei. Gross erinnert sich an sechzehn Tote, die aus den Wagons getragen wurden. Die Soldaten positionierten ihre Panzer, um den Zug sichtbar unter den Schutz der US-Armee zu stellen. Dann gruppierten sich die Befreiten vor den Soldaten. Sie strecken den Rücken und hoben den Kopf und stellten sich in einer seltsamen Zeremonie förmlich vor. Sie hatten ihre Würde wiedergewonnen, waren wieder zu Menschen geworden. "Ich habe ein Bild von mehreren Mädchen," erinnerte sich Gross. "Sie waren gespenstisch dünn, mit hohlen Wangen, mit riesigen Augen, die viel Böses und Schrecken gesehen hatten, und doch mit einem Lächeln, das mir das Herz bricht."

Quelle: A Train Near Magdeburg―The Holocaust, the survivors, and the American soldiers who saved them von Matthew Rozell

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