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Zwölfjährige überlebt schwere Meningitis: Ein medizinisches Wunder

Kali Hardig ist zwölf Jahre alt. In einem Badesee infiziert sie sich mit einem Parasit, der das Hirn angreift. Nur drei Menschen weltweit überlebten ihn. Sie ist eine von ihnen.

Von Christoph Fröhlich

Es sollte ein schöner Tag am Badesee werden. Die zwölfjährige Kali Hardig fuhr gemeinsam mit ihrer Familie zum Wasserpark Willow Springs in Little Rock, Arkansas. Der See ist bei Familien sehr beliebt: Er liegt an einem kleinen Waldstück, es gibt zahlreiche Rutschen und Schwimmreifen und auf den Rasenflächen am Ufer darf man mitgebrachte Speisen essen. Doch der harmlose Planschausflug wurde zum einschneidenden Erlebnis für die Familie. In dem Badesee infizierte sich Kali mit Naegleria fowleri, einem amöbenähnlichen Parasit. Er lebt in heißen Quellen und warmen Frischwasser und verursacht im Wirt eine eitrige Hirnhautentzündung, eine besonders aggressive Form der Meningitis. Die Krankheit ist eigentlich ein Todesurteil, die Sterblichkeitsrate liegt bei mehr als 99 Prozent.

In den letzten 50 Jahren gab es allein in den USA 128 Krankheitsfälle, weltweit überlebten nur drei Menschen die Krankheit. Kali ist eine davon. Und nicht nur das: Langsam findet die junge Teenagerin wieder in ihr altes Leben zurück. Mehrere Wochen verbrachte Kali im Krankenhaus, ein Foto von Ende August auf ihrer Facebookseite zeigt das Mädchen mit langen blonden Haaren, braunen Augen und strahlend weißem Lächeln im Bett liegend mit Schläuchen in der Nase.

Doch nun geht es ihr offenbar besser: Ab Montag wird sie erstmals seit Ausbruch der Krankheit wieder in die Schule gehen, schreibt das US-Nachrichtenportal "CNN". "Ich war lange Zeit im Krankenhaus ", sagt sie dem US-Sender in einem Interview. "Wirklich lange."

"Der Tod tritt zwischen einem und zwölf Tagen ein"

Naegleria fowleri ist auf der ganzen Welt verbreitet, hauptsächlich aber in Australien und den USA. Wie genau sich Kali mit dem Parasit angesteckt hat, ist nicht bekannt. Normalerweise gelangt er durch die Nase in den Körper und von dort direkt ins Gehirn. 2011 gab es Berichte von zwei Todesfällen, die sich durch Nasenspülungen mit verseuchtem Leitungswasser mit dem Schädling infizierten. Trinkt man verseuchtes Trinkwasser, ist das aber ungefährlich, weil es der Körper ohne Schäden verdaut, sagen US-Gesundheitsbehörden.

Die ersten Symptome treten in der Woche nach der Infektion auf: Kopfschmerzen, Fieber, Übelkeit, Erbrechen und Nackenstarre. "Spätere Symptome umfassen Verwirrung, Aufmerksamkeitsdefizite, Gleichgewichtsstörungen, Krämpfe und Halluzinationen", heißt es auf der Webseite der US-Gesundheitsbehörde Center for Disease Control and Prevention (CDC). "Nach Eintreten der Symptome schreitet die Krankheit schnell voran und der Tod tritt zwischen einem und zwölf Tagen ein." Der Parasit beschädigt das menschliche Hirngewebe, dadurch schwillt das Gehirn immer weiter an, was zum Koma und schließlich zum Tod führt.

Dass Kali überlebt hat, begründet Dr. Sanjiv Pasala, einer ihrer Ärzte, mit dem schnellen Handeln der Mutter. Am 19. Juli hatte Kali hartnäckiges Fieber, also brachte Traci Hardig ihre Tochter ins Kinderkrankenhaus in Arkansas. "Man sollte immer vorsichtig sein", erzählt sie dem US-Sender "CNN". "Bevor Kali erkrankte, wusste ich nicht einmal, dass es so etwas gibt." Dennoch soll man Kinder auch Kinder sein lassen, findet Hardig. "Natürlich kann man seine Kinder weiter schwimmen lassen. Wir wollen keine Menschen verängstigen", sagte sie der britischen Zeitung "Daily Mail". Um das Risiko einer Ansteckung zu minimieren, sollten Eltern ihren Kindern beim Schwimmen Nasenstöpsel geben.

Kalis Körper wurde heruntergekühlt

Doch auch die Behandlung der jungen Patientin sorgte für das kleine Wunder. Die Ärzte hätten sofort begonnen, Kali mit Antibiotika und Medikamenten gegen Pilzinfektionen zu behandeln, schreibt "CNN". In dem Arzneicocktail sei auch ein Medikament gegen Brustkrebs gewesen, das sich in verschiedenen Labortests bewährt habe, heißt es in dem Bericht. Außerdem wurde die Körpertemperatur des Mädchens auf unter 34 Grad heruntergekühlt. So wollten die Ärzte verhindern, dass die Schwellung des Gehirns weiter voranschreitet.

Vor zwei Wochen untersuchten die Ärzte das Nervenwasser der Teenagerin. Erstmals wurden keine Spuren des Parasiten entdeckt. Kali gilt als geheilt. Nun muss sie sich wieder mühsam zurück ins Leben kämpfen: Jeden Tag muss sie eine Physiotherapie absolvieren, am Nachmittag steht Sprachtherapie auf dem Programm. Noch vor wenigen Wochen konnte Kali nur ein paar Wörter sprechen, darunter "ja", "nein", "Hi Mama" und "Daddy". Auch körperlich muss Kali einiges aufholen: "Sie kann zu ihrem Rollstuhl laufen", erzählte ihre Mutter der "Huffington Post" vor knapp drei Wochen. "Sie kann aber nur sehr, sehr langsam laufen. Aber wir sind unglaublich stolz auf sie."

"Ich fühle mich geliebt"

Vor wenigen Tagen durfte Kali das erste Mal das Krankenhaus verlassen und gemeinsam mit Freunden und Verwandten in ein Restaurant gehen. "Ich fühle mich geliebt", erzählt Kali der Website "Arkansas Matters". "Ich danke euch für all das, was ihr für mich getan habt, und dass alle da draußen für mich gebetet haben." Sie versucht nun, wieder eigenständig längere Strecken laufen zu können.

Doch die Ärzte sind nicht sicher, ob Kali nicht doch bleibende Schäden davongetragen hat. "Es gibt immer noch Bedenken, dass sie ein paar Langzeitdefizite haben könnte und nicht so wird leben können, wie es möglich wäre, wenn die Sache nie passiert wäre", sagt Dr. Vikki Stefans, eine ihrer behandelnden Ärzte der "Huffington Post".

Der seit 1928 existierende Wasserpark, in dem sich Kali vermutlich angesteckt hat, wurde mittlerweile geschlossen. Denn es war nicht der erste Vorfall dieser Art: Im August 2010 starb der sieben Jahre alte Davian Briggs, nachdem er sich in dem Badesee mit Naegleria fowleri infiziert hatte. Dirk Haselow, Mitarbeiter des Gesundheitsministeriums in Arkansas, sagte dem Fernsehsender "WMCTV": Kalis Fall sei "eine der schwerwiegendsten Infektionen, die wir kennen. 99 Prozent der Patienten sterben." Doch nicht Kali. Sie gab nicht auf und kämpfte.