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Traumata bei Kindern Kindertherapeut Andreas Krüger: „Gewalt ist ein Schrei nach Hilfe“

Helena Zengel (Benni) in "Systemsprenger"
Schreien, schlagen, Möbel zertrümmern: In dem Film „Systemsprenger“ spielt Helena Zengel eine schwer ­traumatisierte Neunjährige
© Yunus Roy Imer/Port au Prince Pictures
Wenn Kinder dauernd ausrasten, ist oft ein schweres Trauma die Ursache. Andreas Krüger therapiert Jungen und Mädchen, die von der Gesellschaft aufgegeben wurden. 
Von Andreas Albes

An den Namen des Jungen kann sich ­Andreas Krüger nicht mehr erinnern. Aber seinen Blick wird er nie vergessen. Die Angst in seinen Augen, wenn er aufs Fensterbrett sprang, schrie, tobte und drohte, Selbstmord zu begehen. Jedes Mal, wenn ein erwachsener Mann sein Zimmer betrat. Und dann der Hass, wenn der Junge auf andere Kinder losging. Wie besessen.

Er war keine zehn Jahre alt. Sein Vater hatte ihn sexuell missbraucht, geprügelt, sogar scheinexekutiert. Wieder und wieder. Kein Therapeut vermochte ihm zu helfen. Selbst das renommierte Uni-Klinikum Eppendorf kapitulierte. So wurde er schließlich in ein kleines Hamburger Krankenhaus überwiesen, wo ihn ein junger Assistenzarzt betreuen sollte: Andreas Krüger.

Andreas Krüger
Auf dem Indianerzelt in Krügers Behandlungszimmer steckt eine Fahne: „Brave“ steht ­ darauf – mutig
© Carolin Windel

25 Jahre liegt die Begegnung zurück. Sie prägte Krügers Karriere, sein Leben. Heute ist er eine Koryphäe auf dem Gebiet der Behandlung frühkindlicher Traumata. Er hat in Hamburg das Therapiezentrum „Ankerland“ gegründet und betreut dort mit seinem Team zurzeit über 60 Jungen und Mädchen. In seinem Behandlungszimmer, wo er zum Gespräch empfängt, steht ein Indianerzelt mit einer kleinen Fahne. Darauf steht: „brave“ – mutig. Krüger hat das Zelt bei Aldi gekauft, weil er fand, es passe zu seinen Patienten. Denn die brauchten wie die Indianer vor allem eins: Mut. Mut im Kampf gegen ihre eigenen Dämonen.

Herr Krüger, was für Kinder kommen zu Ihnen?

Oft solche, die nicht mehr im normalen sozialen Rahmen behandelbar sind. Deren Verhalten für Kindergärten und Schulen untragbar ist. Die von Pflegefamilien aufgegeben wurden, weil sie andere gefährden. Die in keine Wohngemeinschaft integrierbar sind. Manche heben mit ihrem Verhalten ganze Kliniken aus den Angeln.

So wie der Junge von damals ...

Ja, genau. Man hat alles versucht. Verhaltenstherapie, analytische Ansätze. Nichts fruchtete. Aber man wusste damals auch kaum etwas über Traumata bei Kindern. Klar war, dass der Junge schwere Impulsausbrüche hatte, sobald ein Mann in seine Nähe kam. Das erinnerte ihn an seinen Vater. Ich musste mir neue therapeutische Konzepte überlegen.

Was zum Beispiel?

Um überhaupt mit ihm in einem Raum sein zu können, bin ich in eine Turnhalle gegangen. Er stand in der einen Ecke, ich in der anderen. So haben wir kommuniziert. Dann habe ich Rituale eingeführt. Er durfte mich im Spiel überwältigen. Sein Größtes war es, wenn wir mit Gummi­keulen gekämpft haben und er mich unter einer Turnmatte begraben konnte. Er ist dann freudig auf mir rumgehüpft. So hatte er das gute Gefühl, die Kontrolle über einen erwachsenen Mann zu haben.

Das hat geholfen?

Heute würde ich einiges anders machen. Aber es war ein Erfolg, dass sich der Junge mit mir austauschen konnte. Wenn er mit mir gekämpft hat und ich stopp gesagt habe, hat er aufgehört. Er hat mich offenkundig nicht mehr mit dem Täter verwechselt.

Was passiert da im Kopf, wenn Kinder ausrasten?

Sie haben Flashbacks, Blitzerinnerungen. Es wird eine Tsunami-Welle dumpfer Empfindungen freigesetzt. Den auslösenden Moment nennt man Trigger. Nehmen Sie einen Jungen, der seinen Vater erhängt aufgefunden hat. Dann sitzt er vor dem Fernseher, zappt durch die Kanäle und sieht, wie sich ein Mann umbringt. Da geht bei dem im Kopf ein Horrorfilm los. Differenzierte Jugendliche erklären mir: „Ich weiß, dass es vorbei ist, aber in dem Moment fühlt es sich an, als würde ich alles noch mal erleben.“ Oft kommen die Flashbacks nachts, wenn es ruhig ist. Deshalb leiden die Kinder an Schlafstörungen, tagsüber können sie sich kaum konzentrieren, sind leicht reizbar.

Warum sind die Flashbacks so häufig mit Gewalt verbunden?

Die Gewalt wird wie durch ein inneres Notfallprogramm ausgelöst. Dadurch fühlen sich die Kinder vorübergehend besser. Und natürlich ist sie ein Schrei nach Hilfe. Das Schlimme ist, jeder Flashback wirkt retraumatisierend. Die Empfindungen werden noch verstärkt. Ich hatte mal einen 13-Jährigen, den haben die Eltern erwischt, als er sich an seiner dreijährigen Schwester vergreifen wollte. Was war passiert? Der Junge war von einem Imbissverkäufer sexuell missbraucht worden. Eine einmalige Tat. Es kam zur Anzeige, aber dem Mann war nichts nachzuweisen. Und so musste der Junge den Täter jeden Tag wiedersehen, wenn er an dem Imbiss vorbeikam. Und jedes Mal hat er die Tat aufs Neue durchlebt, bis er sie an seiner Schwester reinszeniert hat.

Gibt es Zahlen über Betroffene?

Aktuelle Studien besagen, dass über 40 Prozent der Deutschen mindestens ein schwer belastendes Kindheitserlebnis hatten. Mehr als vier Prozent der Jugendlichen haben eine posttraumatische Belastungsstörung entwickelt. Dazu kommen assoziierte Beeinträchtigungen wie Einkoten, Einnässen, ADHS, Depressionen, Essstörungen.

Vier Prozent, das wären etwa 120.000 der 14- bis 18-Jährigen …

Ja, eine Wahnsinnszahl. Fast 50 Prozent der Kids, die sich in einer Traumaambulanz einfinden, sind Opfer von häuslicher Gewalt, ein Viertel von außerhäuslicher Gewalt, ein kleiner Rest von Naturkatastrophen oder Unfällen.

Ist es meistens ein einziges Ereignis, das ein Trauma auslöst?

Es kann passieren, dass ein Kind einen schweren Unfall mit Verletzten sieht und daraus eine Trauma-Folgestörung entwickelt. Wenn man das früh erkennt, kann man es in zehn bis fünfzehn Sitzungen behandeln. Aber meistens ist es ein Dreierpack schlimmer Erfahrungen, da decken sich deutsche und amerikanische Studien: Gewalt, sexuelle Übergriffe und – was sehr unterschätzt wird – Vernachlässigung. Wenn ein Baby immer wieder stundenlang daliegt, schreit, nicht gefüttert, nicht gewickelt wird, kann das zu einer schweren Bindungsstörung führen.

Und die Ausraster folgen immer einem Trigger-Moment?

Häufig. Es gibt aber auch die willentlich gesteuerte niederträchtige Gewalt. Die kann furchtbar sadistisch sein. Ich kann mich an einen Fünfjährigen erinnern, den hat das Jugendamt aus einem misshandelnden Elternhaus rausgeholt. Da, wo der untergebracht war, gab es Hoftiere. In einem unbeobachteten Moment schnappt sich der Junge ein Kaninchen, reißt ihm die Hinterläufe aus und freut sich offenkundig, wie dieses Kaninchen über den Hof robbt und verendet.

Was hat der Junge davon?

So irrational es klingt, aber im Moment der Tat tut es ihm gut. Als dieser Junge in seiner Familie misshandelt wurde, hat er extreme Ohnmacht erlebt. Daraus ist der Impuls gewachsen, andere zu kontrollieren, zu schädigen, zu demütigen. Indem er dem Kaninchen die Beine bricht, verbindet er sich mit der Macht des Täters und kompensiert so sein eigenes Ohnmachtserlebnis. Die Betreuer haben ein richtig zufriedenes Grinsen bei ihm beobachtet.

Das sind doch Ausnahmen.

Leider nicht. Wenn ein Achtjähriger einen Sechsjährigen an einen Zaun fesselt und ihm ins Gesicht uriniert, dann macht er das, weil er sich in dem Moment mit seinem eigenen Peiniger identifiziert. Sich mit dem Täter zu verbünden ist ein Überlebensmechanismus. Wir wissen heute, dass 75 Prozent aller Sexualstraf­täter als Kind selbst missbraucht worden sind.

Kann man sagen, welche Kinder zu Sadismus neigen?

Meistens die, die Gewalt in einer Nahbeziehung erlebt haben.

Behandeln Sie mehr Mädchen oder Jungen?

Fünfzig, fünfzig. Mädchen sein ist ein Risikofaktor. Die haben eine ein paar Prozent größere Gefahr, eine posttraumatische Störung zu entwickeln. Das liegt auch daran, dass Mädchen schon mit der Vorstellung sozialisiert werden, sie seien die Schwächeren. Und sie werden häufiger Opfer sexuellen Missbrauchs. Unter Mädchen ist die selbstgerichtete Gewalt verbreitet. Das Cutten zum Beispiel, wenn sich jemand ritzt oder schneidet, um sich selbst zu spüren. Oft auch als Bestrafungsritual. Das geht bis zum Suizid.

Werden auch junge Flüchtlinge zu Ihnen gebracht?

Etwa 20 Prozent meiner Patienten. Alles Jugendliche, die ohne Begleitung nach Deutschland gekommen sind. Aus Afghanistan, Syrien, Somalia. Die haben erlebt, wie Familien ausgerottet wurden, vor deren Augen sind Kinder ertrunken. Viele wurden Opfer von Vergewaltigung und Folter.

Zeigen sie besonders typische Symptome?

Dissoziative Empfindungsstörungen sind sehr verbreitet. Da kocht ein Junge in seiner WG, hält die Hände über einen Topf mit siedendem Wasser, guckt nach unten, erstarrt plötzlich, während seine Finger verbrennen. Aber in dem Moment spürt er das gar nicht. So was sieht man immer wieder bei Folteropfern.

Was glauben Sie, wie viele Flüchtlingskinder sind traumatisiert?

Bei den unbegleiteten Jugendlichen würde ich schätzen 80 Prozent. Man muss es deutlich sagen: Wenn wir uns um diese jungen Menschen nicht ganz intensiv kümmern, sind das tickende Zeitbomben.

Sie sagten eben, dass man noch vor 25 Jahren kaum etwas über frühkindliche Traumata wusste.

Das war in der Psychiatrie über Jahrzehnte ein schwarzer Fleck. Man glaubte, die Kinder merken das alles nicht, weil sie sich nicht erinnern.

Und heute?

Heute gibt es sogar pränatale Psychotraumatologie. Durch Tierversuche hat man herausgefunden, dass sich ein traumatisches Erlebnis der Mutter via Gen-Expression auf das Ungeborene überträgt. Oft entwickeln Kinder auch schwere Geburtstraumata, bedingt durch medizinische Maßnahmen. Etwa eine komplizierte Geburt mit operativen Eingriffen. Es kommt vor, dass man solche Kinder nicht berühren kann, ohne dass sie erstarren oder Schreiattacken bekommen. Das ist schrecklich für die Eltern.

Und so junge Kinder kann man behandeln?

Ich behandele Kinder, die Zwei- und Dreiwortsätze sprechen. Dabei arbeite ich viel mit Bildern. Je früher eine traumatische Störung erkannt wird, desto besser. Drei Viertel der Kinder werden vor dem Schulalter traumatisiert. Und wiederum drei Viertel von denen werden erst in der frühen Pubertät, also mit zwölf, dreizehn, in einer Facheinrichtung vorgestellt. Viel zu spät. Problematisch ist, dass man an die bildhaften Erinnerungen irgendwann nicht mehr rankommt. Da macht das Gehirn die Tür zu.

Was ist entscheidend bei der Therapie?

Schnelle spürbare Erfolge. Etwa die Schlafstörungen beseitigen. Ich werbe um jedes Kind wie ein Staubsaugervertreter. Viele haben die Hoffnung in Psychos, wie sie uns gerne nennen, längst verloren. Auch weil sie schlechte Erfahrungen gemacht haben. Klassisch ist, wenn ein Kollege fragt: „Jetzt erzähl doch mal, was hast du denn Schlimmes erlebt?“ Wer das tut, hat nicht verstanden, was Traumatisierung bedeutet. Mit dieser Frage löst man sofort den nächsten Flashback aus. Ich sage meinen Patienten immer: „Über schlimme Erlebnisse wird nicht geredet, außer du möchtest das gerne.“

Helfen Medikamente?

Nur, um die Kinder ruhigzustellen. Bei den schweren Fällen werden Antipsychotika oft wie Smarties verschrieben. Wegen Überforderung der Ärzte. Das ist ein Beweis für die Hilflosigkeit des Systems.

Haben Sie das Gefühl, die Problematik nimmt zu?

Laut Kriminalstatistik nimmt die Gewalt gegen Kinder nicht zu. Aber ich glaube, das ist trügerisch. Was bestimmt zunimmt, ist die Gewalt der Kinder untereinander. Dazu zähle ich auch Cybermobbing. Mein Eindruck ist, die soziale Schere geht immer weiter auseinander. Da sind auf der einen Seite Kinder, die aus ökonomisch und emotional prekären Situationen kommen. Und auf der anderen Seite die aus sozial höheren Schichten, deren Eltern kaum noch Zeit für sie haben. Da bauen sich enorme Spannungen auf.

Kommt es vor, dass Sie Patienten nicht mögen?

Ich nehme sie erst mal alle in mein Herz. Ich sehe ja auch nicht nur den Missetäter, der andere quält. Ich erlebe Kinder, die mich berühren, die Heilung wollen, auch wenn sie destruktiv handeln. Manchmal kommen welche zu mir und fragen, ob sie die Erklärbilder aus der Behandlung benutzen dürfen. Die wollen dann vor anderen Kindern einen Vortrag über ihre Therapie halten. Wenn so was passiert, da bekomme ich Gänsehaut.

Ankerland braucht dringend Spenden. Die Stiftung stern leitet Ihre Hilfe gern weiter. IBAN DE90 2007 0000 0469 9500 01 BIC DEUTDEHH – Stichwort: "Ankerland", oder online auf www.stiftungstern.de

Erschienen in stern 04/2020

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