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Aktionstag 25. Dezember: "Out of Social": Können Sie einen Tag aufs Smartphone verzichten?

Viele Menschen können sich nicht vorstellen, einen ­ganzen Tag auf Handy oder Tablet auszukommen. Am 25. Dezember wagen einige das Experiment.

Von Ulf Schönert

Zwei Kinder mit einem Tablet

Aufhören geht nicht: Manche Apps üben auf ­Kinder und Jugendliche eine Sogwirkung aus

Endlich abschalten, endlich Ruhe. Was zahlreiche deutsche Instagram-Stars am ersten Weihnachtstag vor­haben, klingt fast wie eine Verheißung. Einen Tag lang wollen sie Pause machen. Pause von Hashtags, von GIFs, von Memes, von Emojis, von Storys. "Social Media ist eine tolle Sache", sagt Nico Rosberg, ehemaliger Formel-1-Weltmeister, dem 1,5 Millionen Menschen in den Netzen folgen. "Doch es hat auch ein großes Suchtpotenzial und kann besonders Kinder auf Dauer unglücklich machen. Es ist wichtig, den Social-­Media-Konsum in Grenzen zu halten, um auch das Hier und Jetzt im Leben zu genießen."

Hinter der Aktion steckt die Stiftung "Digital Age" des Internet-Investors Fabrice Schmidt. Ihr Ziel: ein "bewusster Umgang" mit neuen Technologien. Dass "Out of social" am ersten Weihnachtstag stattfindet, ist kein Zufall. Am Abend zuvor werden in Deutschland wieder Millionen Technikprodukte unter den Tannenbäumen liegen, zu den beliebtesten gehören: Körper-Tracker, ­Tablets, Spielkonsolen und Smartphones. Als hätten wir nicht schon genug.

Unter 30-Jährige verbrachten 2018 täglich fast sechs Stunden online. Im Schnitt gucken wir 88 Mal pro Tag aufs Smartphone und verbringen eine Stunde allein ­damit, irgendwelche Seiten durchzuscrollen. Dabei scannen unsere Augen im Schnitt 173 Meter Inhalte – mehr, als der Kölner Dom hoch ist.

Einfach mal abschalten? So einfach ist es nicht.

Akku leer und voll unter Strom

Der Psychologe Christian Montag hat unter www.smartphone-addiction.de einen Fragebogen ins Netz ­gestellt, mit dem man seine Verhaltensweisen selbst einschätzen kann. Die Ergebnisse zeigen, dass nur wenige ihr Nutzungsverhalten als vollkommen unproblematisch einschätzen. Einige Nutzer stellen fest, dass sie die Kontrolle über ihre Geräte zumindest teilweise verloren haben: Paare berichten, dass ihr Liebes- und Sexleben ­leidet. Kitas und Schulen, dass Eltern ihre Kinder vernachlässigen. Der Kinderschutzbund sah sich im vergangenen Jahr zu einer Anti-Smartphone-Plakatkampagne genötigt. Titel: "Sprich mit mir".

Bei Teenagern steigt der Stresslevel, wenn man ihnen ihr Gerät wegnimmt. Selbst der Akkustand des Smartphones hat zuweilen Auswirkungen auf das seelische Wohlbefinden. Ist das schon Sucht?

Diese Frage ist unter Wissenschaftlern umstritten. Psychologe Montag ist der Auffassung, dass zumindest einige Symptome aus der Suchtforschung wie der ­Kontrollverlust über das eigene Verhalten auf den Bereich der problematischen Smartphone-Nutzung übertragen werden können. Betroffenen falle es auch schwer, sich auf andere Dinge zu konzentrieren als auf das eigene Smartphone mit seinen zahlreichen verführerischen Apps. ­"Besonders problematisch sind zudem die zahlreichen Unterbrechungen durch das Smartphone, was auch ­negativen Einfluss auf die Produktivität nehmen kann", sagt Montag.

Offiziell von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) anerkannt ist bisher nur die "Gaming Disorder", krankhaftes Computerspielen. Betroffen sei, wer nur noch "eingeschränkte Kontrolle über das Spielen" habe und es "trotz des Auftretens negativer Konsequenzen" fort­setze. Das aber trifft zweifellos auch auf viele Social-Media-Nutzer zu.

Anfixen 2.0

Tatsächlich arbeiten Game-Designer und die Programmierer von Instagram & Co. mit überraschend ähnlichen Tricks. Der US-Autor Nir Eyal hat die Frage, wie man Menschen dazu bekommt, Dinge zu tun, die sie eigentlich gar nicht wollen, in seinem Buch "Hooked" beschrieben. Es gilt als eine Art Bibel der App- und Games-Branche.

So wie in der Games-Welt Endlosspiele einen Sog erzeugen, sind es bei sozialen Netzen die Endlos-Inhalte. Scrollt man eine Instagram-Seite herunter, lädt sie sich immer weiter und weiter. Sie ist praktisch nie zu Ende. Mit Push-Nachrichten locken Games wie Netzwerke ihre Nutzer ständig mit Angeboten. Sie vergeben Belohnungen, wenn man möglichst lange dabei bleibt. "Stickiness" nennen das die Entwickler. Eine App ist dann gut, wenn sie "sticky", also klebrig ist. Wenn man sie nicht mehr loswird.

Dabei kommen auch "glücksspielähnliche Elemente" zum Einsatz, kritisiert Psychotherapeut Christian Groß vom Fachverband Medienabhängigkeit. Dass viele Anbieter nicht davor zurückschrecken, auf diese Weise auch Minderjährige zu ködern, enthüllte kürzlich TV-Comedian Jan Böhmermann am Beispiel der App "Coin Master". In dieser Sache ermittelt inzwischen der Jugendmedienschutz.

Ein kleines Kind mit Schnuller und Tablet

Was passiert, wenn man ­diesem Jungen das Tablet 
wegnimmt? 
Er wird toben

Groß legt Wert auf die Feststellung, dass nicht die Geräte das Problem seien, sondern die Inhalte. "In den Konzernen arbeiten Wirtschaftspsychologen, quasi entfernte Kollegen von mir. Die wissen sehr genau, was sie tun." Zum Beispiel ein bestimmtes Verhalten nicht jedes Mal auf die gleiche Weise zu belohnen, sondern nur ab und zu oder unterschiedlich stark. Oder beim Nutzer die Angst zu wecken, etwas zu verpassen. So posten Snapchat, Instagram, Whatsapp und Facebook temporäre Inhalte. Die Nutzer müssen ständig gucken, was es Neues gibt – es könnte ja sonst wieder weg sein. Diese "Fear of missing out" (FOMO) gehört zu den stärksten Triebfedern des problematischen Smartphone-Verhaltens. Besonders perfide ist ein Trick der Social-Media-App Snapchat. Sie wertet Kontakte innerhalb des Netzes durch "Snapstreaks" auf, Flammensymbole, die nur dann erneuert werden, wenn beide Partner ständig auf die Plattform gehen und sich Bilder schicken.

Detox für die Digital Natives

Immerzu drehen Facebook und Co. an neuen Stellschrauben, um die Nutzer noch enger an sich zu binden: Welche Menüführung, welche Inhalte, welche Farben führen zu einer Verlängerung der Nutzungsdauer? Doch das Unbehagen am Durchmarsch der Technik im Alltag nimmt zu. "Alle Leute steigen aus, nur nicht Britta, die ist auf Twitter", stand kürzlich in Berlin auf Plakaten. Sie waren im Design der Berliner Verkehrsgesellschaft BVG gestaltet und verkündeten die Einführung "Smartphone-freier Zonen". Doch nicht die BVG, sondern Aktionskünstler waren die Urheber. Aber immer mehr Menschen fragen sich, wie das wäre: weniger oder gar keine Smartphones zu benutzen. Manche fangen damit auch schon an.

So können Handy-Überdrüssige inzwischen in Offline-Ferienlager fahren. Das "Camp Breakout" in Schleswig-Holstein wirbt mit der Verheißung, ohne Internet die Zeit zu vergessen. "Offline, abschalten, Kraft tanken", versprechen auch "Digital Detox"-Seminare. Eine Reederei bietet sogar eine Offline-Kreuzfahrt an, die "Digital Detox Cruise". Selbst die Telekom gibt inzwischen Tipps: "Sie sitzen gemeinsam mit Freunden im Café, und jeder schaut nur auf sein Smartphone? Bauen Sie stattdessen aus allen Smartphones einen Turm. Wer sein Gerät zuerst aus dem Stapel zieht, muss für alle die Rechnung bezahlen."

Die Dosis macht das Gift

Ist digital wirklich toxisch, also giftig? "Alle Ding’ sind Gift und nichts ohn’ Gift; allein die Dosis macht, dass ein Ding kein Gift ist", schrieb der Arzt Paracelsus schon im 16. Jahrhundert. Es ist wohl wie bei Schokolade, Fast Food und Alkohol: Die Menge macht’s.

Das meint auch Christina Roitzheim vom Berliner Start-up "Not less but better". Roitzheim hat in Shanghai studiert und dort eine, wie sie sagt, "durchdigitalisierte Gesellschaft" erlebt. Derart durchdigitalisiert, dass es sie anschließend in ein spirituelles Zentrum nach Kambodscha zog, wo sie meditierte und das "Bedürfnis nach dem großen Gegenteil" entstand. Zurück in Berlin entwickelt ihr Unternehmen zurzeit eine App, mit der man seinen Smartphone-Konsum in den Griff kriegen soll. Fünf bis zehn Minuten lange Lerneinheiten haben die Macher erstellt. "Ein paar Tage Meditationsretreat reichen nicht, man muss das im Alltag trainieren", sagt Roitzheim.

Die großen Smartphone-Anbieter Apple, Google & Co. haben bereits Digital-Wellness-Funktionen in ihre Betriebssysteme eingebaut: Damit können sich Nutzer wöchentlich Berichte über ihre Bildschirmaktivitäten schicken lassen oder sich Selbstbeschränkungen – "App-Limits" – auferlegen. Sie erinnern an die Selbstsperren, die Spielbanken süchtigen Glücksspielern anbieten.

Selbst "Hooked"-Autor Eyal gibt inzwischen Tipps, wie man von seiner Smartphone-Sucht loskommt: "Bekämpft Technologie mit Technologie", rät er. "Benutzt blockierende Apps. Blockiert Facebooks Newsfeed." Aber geht das? Technik mit Technik bekämpfen?

Daran darf gezweifelt werden. Gegen die Psycho-Tricks der sozialen Netzwerke und Games wirken die Psycho-Tricks der Digital-Wellness-Verfechter bislang eher unbeholfen. "Dass viele individuell an sich arbeiten wollen, ist richtig und gut", sagt Psychologe Christian Montag. "Letztlich müssen wir aber auch dafür sorgen, dass die Tech-Konzerne insgesamt gesündere Plattformen bauen."

Er hofft auf ein gesellschaftliches Umdenken mit entsprechenden Konsequenzen für die Konzerne. Als Beispiel für einen solchen erfolgreichen gesellschaftlichen Kampf gegen die Sucht nennt er das Rauchen. "Das war früher überall verbreitet, inzwischen gilt es als uncool." Die ­Verbote im öffentlichen Raum seien anfangs umstritten gewesen. "Inzwischen freuen sich alle, dass die Klamotten nicht mehr stinken."

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