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Afghanistan Sie ist Frauenrechtlerin, er ein Taliban-Krieger. Ein Gegensatz? Beide verbindet mehr, als man denken würde

Hamida Nuri und Aziz ur-Rahman Hussaini
Hamida Nuri und Aziz ur-Rahman Hussaini
© Erin Trieb
Ihr Vater wurde von den Taliban umgebracht. Sie kämpft für Frauen, denen in Afghanistan von Männern Gewalt angetan werden. Er kämpfte gegen die Amerikaner und gegen die Regierung, für die sie arbeitete. Jetzt hat er die Macht und sie Angst. Über eine zerrissene Generation in Afghanistan.

Dies ist die Geschichte zweier Menschen, die im Krieg groß wurden. Zwei Menschen, die der Krieg zu Kämpfern formte. Eine Frauenrechtlerin und ein Taliban. Begegnet sind sie sich nie. Doch sie gehören zur gleichen Generation und haben sich entschieden, ihrem Land treu zu bleiben. Er, weil er glaubt, endlich gewonnen zu haben. Sie, weil sie sich nicht geschlagen geben will. In einem anderen Land könnten sie vielleicht Freunde sein. Nicht hier. Nicht in Afghanistan.

SIE

Für den Tag, an dem Hamida Nuri (Name von der Redaktion geändert) den Mördern ihres Vaters gegenübertritt, hat sie sich schön gemacht. Fast eine halbe Stunde hat sie vor dem Spiegel gestanden, hat Maskara und Lippenstift benutzt, Make-up aufgetragen und sich am Ende für die pinkfarbenen, hochhackigen Schuhe entschieden – ihre besten. Hamida lacht. "Ich will ihnen zeigen, dass wir uns nicht in den Staub werfen. Dass wir unsere Art zu leben nicht ändern", sagt sie.

Es ist ein stickiger Vormittag in Kabul. Hamida sitzt auf der Rückbank eines Taxis und tippt hektisch auf ihrem Handy herum. Sie ist auf dem Weg zum Wirtschaftsministerium, das seit August unter Kontrolle der Taliban ist. Eine Feministin auf dem Weg zu Islamisten, so könnte man die Ausgangslage zusammenfassen.

SIE:  Hamida Nuri, 27, hat Islamisches Recht studiert und arbeitet bei einer Hilfsorganisation für afghanische Frauen in Not. 2019 ermordeten Taliban ihren Vater
SIE:
Hamida Nuri, 27, hat Islamisches Recht studiert und arbeitet bei einer Hilfsorganisation für afghanische Frauen in Not. 2019 ermordeten Taliban ihren Vater
© Erin Trieb

Hamida, 27, blasses Gesicht, Augenbrauen, wie mit dem Edding gemalt, braucht eine Unterschrift, eine offizielle Genehmigung. Ohne die darf ihr Verein, der Frauen bei sexuellen Übergriffen und häuslicher Gewalt hilft, nicht weiterarbeiten. Bis vor Kurzem, sagt Hamida, seien sie im Team in Kabul noch zu neunt gewesen. Dann seien drei Kolleginnen ins Ausland geflohen. Seither ist sie die neue Chefin.

Neulich wurde sie auf einer Demonstration für Frauenrechte von einem Taliban-Kämpfer mit einem Gewehrkolben geschlagen. Hamida hatte ihn angeschrien und gesagt, sie verstehe mehr von der Scharia als er – was höchstwahrscheinlich stimmt, denn bis vor Kurzem hat sie als Rechtsexpertin für das Ministerium für religiöse Angelegenheiten gearbeitet. Dann kamen die Taliban.

Die Fundamentalisten regieren Afghanistan seit rund 100 Tagen. Kämpfer, die bisher Selbstmordattentäter in Polizeistationen und Krankenhäuser schickten, müssen sich jetzt um IT-Systeme und Wasserwerke kümmern. Müssen Abrechnungssysteme lernen, Schulbücher beschaffen und Ministerien leiten. Die Grundrechenarten eines funktionierenden Staates. Kann das gut gehen?

An der Sicherheitsschleuse zum Hauptgebäude die erste Schwierigkeit. Ein paar Taliban wollen Hamida nach Waffen abtasten. Nur: Eine fremde Frau dürfen sie nicht berühren. Ein Mann mit schwarzem Rauschebart tritt vor ihr von einem Bein aufs andere wie ein Junge beim Abschlussball. "Seht ihr, deshalb müssen hier im Ministerium auch Frauen arbeiten", sagt Hamida und grinst. Die Männer, sichtlich irritiert, winken sie am Ende einfach durch.

Ein paar Minuten später stößt Hamida im ersten Stock eine graue Tür auf, hinter der ein Mann Mitte 50 vor einem alten Dell-Laptop sitzt. Der Beamte arbeitete schon unter der alten Regierung im Ministerium. Ohne von seinem Laptop aufzusehen, fragt er nach ihrer alten Chefin. "Humaira ist nicht in Kabul, ich bin ihre Nachfolgerin", sagt Hamida, etwas außer Atem.

Anstehen beim Feind: Im von den Taliban kontrollierten Wirtschaftsministerium wartet Hamida darauf, einen Antrag ihrer Frauenrechtsgruppe genehmigen zu lassen
Anstehen beim Feind: Im von den Taliban kontrollierten Wirtschaftsministerium wartet Hamida darauf, einen Antrag ihrer Frauenrechtsgruppe genehmigen zu lassen
© Erin Trieb

Staranwältin Humaira Rasuli, 40, ist eine bekannte Frau in Afghanistan, weil sie und ihr Team einige einflussreiche Männer vor Gericht gebracht haben. Allen voran den Präsidenten des Fußballverbandes, Keramuddin Karim, der in einem Darkroom hinter seinem Büro Spielerinnen der Nationalmannschaft vergewaltigt hatte. Als die Taliban die Macht in Kabul übernahmen, gab es in den Haftanstalten Massenausbrüche. Die Männer, die die Frauenrechtlerinnen ins Gefängnis gebracht hatten, sind heute frei. Und die alte Chefin sitzt in einem Flüchtlingsheim in Wisconsin.

"Ich weiß genau, dass die nicht zurückkehrt", sagt der Beamte und schaut Hamida das erste Mal durchdringend an. Ohne eine Unterschrift von ihr könne er aber nichts tun. Hamida müsse nächste Woche wiederkommen. Salam, auf Wiedersehen.

Als Hamida auf die Straße tritt, haben sich ihre Brauen vor Wut zu einer Linie verengt. Eine verschlossene Tür. Schon wieder. Nichts habe sich gebessert, sagt sie und winkt ein Taxi heran. Die Taliban seien noch immer so schlimm wie in den 90er Jahren.

Dabei muss Hamida, die zur Zeit der ersten Taliban-Herrschaft von 1996 bis 2001 noch ein Kleinkind war, zugeben, dass der erwartete Horror bisher ausgeblieben ist. In den ersten Monaten an der Macht haben die Taliban jedenfalls noch keine großangelegte Verfolgung von Andersdenkenden und Minderheiten angezettelt.

Ist die neue Generation der Islamisten harmloser als die alte? Hamida schüttelt den Kopf. "Man kann ihnen nicht trauen."

ER

Ein paar Tage später. Der Taliban-Kämpfer Aziz ur-Rahman Hussaini kehrt an die Stelle des Tötens zurück. Es ist ein warmer Nachmittag, auf dem ehemaligen Schlachtfeld, einem Acker am Rand der Provinzhauptstadt Lugar, drei Stunden außerhalb von Kabul, grasen heute Schafe. In schlendernden Schritten läuft Aziz einen Feldweg entlang, vorbei an Höfen aus Lehm und knorrigen Olivenbäumen. Aziz trägt eine braune Kurta und das Gesicht eines Mannes, der glaubt, die richtigen Antworten zu haben. Dabei ist er gerade einmal 23 Jahre alt, der Flaum um seinen Mund hat sich vor ein paar Jahren erst zum Bart geschlossen. Trotzdem fällt es ihm leicht, seine Worte wie die eines alten Predigers klingen zu lassen. Zusammen mit anderen Kämpfern seiner Einheit will er zeigen, wo sie bis vor ein paar Monaten Sprengfallen bastelten und mit Panzerfäusten auf US-Patrouillen schossen. Ein guter Ort für Hinterhalte, sagt Aziz, und deutet auf Einschusslöcher in einer Wand.

ER:  Aziz ur-Rahman Hussaini, 23, führte vor der Machtübernahme der Taliban ein Doppelleben: nachts Krieger, tags Lehrer. Er liest gern Nietzsche und Descartes
ER:
Aziz ur-Rahman Hussaini, 23, führte vor der Machtübernahme der Taliban ein Doppelleben: nachts Krieger, tags Lehrer. Er liest gern Nietzsche und Descartes
© Erin Trieb

In den langen Nächten im Feld, erzählt er, habe er sich manchmal Texte von Philosophen auf sein Smartphone geladen, die in Farsi übersetzt worden sind: Nietzsche, Descartes, Hegel. Der bildungshungrige Aziz lag neben seinem Motorrad in den Büschen und las im bläulichen Licht seines Bildschirms. Er zog die Wolldecke über den Kopf, damit die Drohnen der Amerikaner ihn nicht finden konnten.

Der junge Taliban spricht gern über Philosophie. Er schiebt das Kinn nach vorn und lässt den Blick auf den anderen Kämpfern ruhen. Sie tragen Sandalen oder Asics-Turnschuhe. Ihre Gewehre baumeln in der Sonne. Nietzsche, sagt Aziz, habe er am liebsten gelesen, vor allem wegen der Sprache. Aber natürlich habe sich der Philosoph geirrt. Gott sei nicht tot. Denn wäre er tot, gäbe es keine Sonne und keinen Mond. Es gäbe keinen Regen, die Welt wäre staubig und leer und am Ende.

Auch der lokale Kommandant ist da, Omar Hilal, lange schwarze Haare, langer schwarzer Bart, 27 Jahre, mehr als 100 Gefechte, Sohn eines erfolgreichen Ingenieurs aus der Gegend. Einmal habe es ihn hier fast erwischt. Eine Rakete des amerikanischen Stützpunkts. Zack. Acht Kameraden tot. Hilal schluckt kurz, dann geht er in die Hocke, legt sein M4-Sturmgewehr an, gestikuliert. Er spielt den Krieg nach, der bis vor Kurzem sein Leben war.

Sie alle hier sind voll von diesen Geschichten. Kriegergeschichten. Aber sind sie das überhaupt noch? Krieger? Jetzt, da der Frieden da ist?

Entstanden ist die Bewegung der Taliban in den 90ern in den Koranschulen rund um Kandahar. Die Legende besagt, dass der ehemalige Mudschahidin Mullah Omar erfuhr, dass ein Warlord zwei Mädchen entführt hatte. Den Mädchen wurden die Köpfe geschoren und sie wurden zur Vergewaltigung eingesperrt. Omar soll daraufhin seineKoranschüler losgeschickt haben, die die Mädchen befreiten und den Warlord töteten. So soll es angefangen haben mit den Taliban, die damals in Kabul ein Mittelalterregime errichteten, in dem Frauen bei Ehebruch gesteinigt wurden. Mit einem Heldenakt wie in einer Sage. Danach erzählt sich die Geschichte der Taliban als Abfolge von Kriegen: kämpfen gegen die Warlords, kämpfen gegen die USA, kämpfen gegeneinander, kämpfen gegen die bisherige afghanische Regierung. Kämpfen, kämpfen, kämpfen.

Für Aziz endete mit dem Krieg ein Doppelleben. Tagsüber hatte er als Arabisch-Lehrer in einer Schule gearbeitet. Nachts aber, wenn die Whatsapp-Nachricht auf seinem Handy aufgeblinkt war, hatte er sich auf den Weg gemacht. "Bringst du Auberginen mit", lautete das Codewort. Die Pistole lag unter einer losen Platte versteckt auf dem Hof, wo Aziz bis heute zusammen mit seiner Frau und seinen zwei Töchtern lebt. Maschinengewehre und Zünder gab es am Treffpunkt.

Aziz legt die Stirn in Falten. Der Krieg sei leicht gewesen, weil er gerecht gewesen sei. Eine Sache zwischen einem selbst und Gott. Der Frieden aber sei kompliziert, weil man sich um so viele Leuten kümmern müsse.

Seit Kurzem ist er Assistent des Kulturministers von Lugar – mit Anfang 20. Er hat sich nicht auf den Posten beworben, die Älteren haben entschieden. Für eine steile Karriere ist es gerade eine gute Zeit bei den Taliban. Allerdings, sagt Aziz, finde er die neue Aufgabe manchmal ein bisschen langweilig.

Vaterstolz: Aziz ur-Rahman und seine jüngste Tochter in seinem Wohnzimmer. Seit Kurzem muss er in der lokalen Verwaltung arbeiten. Lieber wäre er Lehrer geblieben
Vaterstolz: Aziz ur-Rahman und seine jüngste Tochter in seinem Wohnzimmer. Seit Kurzem muss er in der lokalen Verwaltung arbeiten. Lieber wäre er Lehrer geblieben
© Erin Trieb

Wie er müssen sich gerade viele Kämpfer neu erfinden. Für ihren Staat brauchen die Taliban nicht Männer, die kämpfen können. Sie brauchen Beamte, Verwaltungsfachleute, IT-Spezialisten und Ökonomen. Man kann ein Land mit Kalaschnikows erobern. Regiert wird es mit Laptops und Excel-Tabellen.

Aziz gehört zur jungen Taliban-Elite. Wie Hamida hat er Islamisches Recht studiert und ist überzeugt, die Scharia so gut zu kennen wie die alten Taxifahrer in der Chicken Street die Straßen Kabuls. "Wir müssen den Menschen beibringen, wie man sich richtig verhält", sagt er später am Tag beim Essen. Neben ihm sitzt sein Cousin Amin, ein junger Mann, der zur "Badri 313" gehörte, einer Eliteeinheit der Taliban für Selbstmordattentäter. Hätte der Krieg länger gedauert, hätte er sich vielleicht in Kabul in die Luft gesprengt.

Hatten sie keine Skrupel wegen der fast unvermeidlichen zivilen Opfer?

Aziz antwortet für den Cousin. Man habe stets alles getan, um Unschuldige zu schonen, doch die Amerikaner hätten Einheimische als Schutzschilde missbraucht.

Als am 30. August der letzte US-Soldat Kabul verließ, nahm Aziz ein Video für Twitter auf. Es zeigt ein großes Gebet der Taliban in Lugar. Viele Krieger schluchzen vor Erleichterung. Das sei der schönste Tag seines Lebens gewesen, sagt Aziz.

SIE

Zwei Tage später lag sein Körper in einem Sack vor Hamidas Elternhaus

An diesem 30. August, knapp 100 Kilometer weiter, entschied Hamida, dass sie handeln müsse. Sie nahm Kartons und fing an, ihre Sachen einzupacken, Kleider, Bilder, Schminke, sogar ihr Bett baute sie ab und stellte es zu den anderen Dingen für die Bettler an die Straße. Nicht weil sie Afghanistan verlassen wollte. Sondern weil sie sich sicher war, dass sie sterben würde.

Die Nachricht war über Whatsapp gekommen. "Ergib dich. Wir haben alle Informationen. Bald wirst du zur Rechenschaft gezogen", stand darin. Hamida hat die Nachricht noch auf ihrem Smartphone gespeichert. Sie zeigt sie mit grimmigem Blick wie ein Beweisfoto.

Im Alltagsleben des neuen Afghanistan ist die Bedrohung schwer zu greifen, die Hamida beschreibt und die sie hinter jeder Straßensperre wittert, in jeder Zeile, die die Taliban verkünden. Während der stern sie in Kabul begleitet, besucht sie Hochzeiten und Ministerien, Cafés und Freunde. Man könnte das mit Freiheit verwechseln. Doch es gibt eine Unfreiheit, die für den Besucher unsichtbar bleibt. Sie wohnt in einem Zweifel, den viele hier kennen. Er lässt sie zusammenschrecken, wenn es an der Tür klopft. Er lässt sie belebte Plätze meiden. Es ist eine Angst hinter der Angst. 40 Jahre Krieg haben den Frieden zu einem Fremden gemacht.

Ein paar Tage nach der Textnachricht, erzählt Hamida, habe sich ein Taliban bei ihrem Vermieter nach ihr erkundigt. Da habe sie gewusst, dass es besser sei zu verschwinden. In den drei Monaten seither hat sie dreimal die Wohnung gewechselt. Zurzeit lebt sie in einem unscheinbaren Haus am Rand von Kabul. Sie teilt sich die Wohnung mit zwei weiteren Frauen, doch das darf niemand wissen. Drei Frauen allein in einer WG sind in Afghanistan ein dreifaches Problem.

Einen Teil ihrer Bücher, erzählt Hamida, habe sie wegen der Taliban lieber bei ihrer Mutter versteckt. Vor allem die über Philosophie. Am liebsten, das sagt Hamida jetzt wirklich, lese sie Nietzsche.

Es ist schon spät an diesem Abend. Hamida sitzt im Schneidersitz vor einem Gaskocher, der ihr Gesicht erleuchtet wie in einer Märchenstunde. Das Licht ist ausgefallen. Die Heizung auch. Sie erzählt von ihrem Tag, von den Online-Tutorials, in denen sie Jurastudenten heimlich liberale Auslegungen der Scharia beibringt. Sechs Jahre hat sie an der Universität von Kabul Strafrecht studiert.

Fahrt ins Wochenende: Hamida (r.) und ihre WG-Mitbewohnerinnen unterwegs zu einer Hochzeit. Auf dem Handy liest sie Nachrichten aus ihrem Aktivistinnen-Netzwerk
Fahrt ins Wochenende: Hamida (r.) und ihre WG-Mitbewohnerinnen unterwegs zu einer Hochzeit. Auf dem Handy liest sie Nachrichten aus ihrem Aktivistinnen-Netzwerk
© Erin Trieb

Zum Recht, könnte man sagen, kam Hamida durchs Unrecht. Sie stammt aus Badachschan, einer Provinz im Nordosten Afghanistans. Ihr Vater war ein gebildeter Mann mit zwei Frauen, der in einer Dorfschule Religion und Sprachen unterrichtete. Er liebte Che Guevara und erlaubte seiner Tochter, Michael Jackson zu hören und türkische Seifenopern zu schauen. In ihrer Lieblingsserie ging es um eine schöne, junge Anwältin, die vor Gericht reihenweise Fälle gewann. Hamida spielte die Szenen vor dem Spiegel nach.

Im Jahr 2001, Hamida war damals sechs Jahre alt, sah sie auf dem Weg von der Schule zurück ihren ersten amerikanischen Soldaten. Er stand vor seinem Panzer, ein Mann mit kurzen, blonden Haaren, der eine Wassermelone aß. „Hello, how are you“, rief Hamida. Ihr Vater hatte ihr beigebracht, dass die USA Fortschritt und Bildung nach Afghanistan brachten. Erst in den nächsten Jahren, erzählt Hamida, seien dem Vater Zweifel gekommen.

Mit 18 schrieb sie sich an der Uni für ein Jura-Studium ein. Wenn Hamida in den Semesterferien nach Hause kam, half sie dem Vater, Frauen und Mädchen im Dorf das Schreiben beizubringen. Darüber postete sie auf Facebook. Die BBC drehte einen Beitrag über sie. Den lokalen Taliban gefiel das nicht.

Im Jahr 2019 nahmen Taliban den Vater auf dem Heimweg fest. Zwei Tage später lag sein Körper in einem Sack vor Hamidas Elternhaus. Wenn sie davon spricht, schwankt ihre Stimme. Sie steht auf, tritt ans Fenster, setzt sich wieder hin. Der Schmerz hat noch keinen Ort gefunden. Ihr Land gehört jetzt den Tätern.

ER

Im Hals seines besten Freundes steckte ein Projektil

Fragen nach dem Töten weicht Aziz nicht aus. Allerdings nur, wenn es ums Töten im Gefecht geht. Kommt man auf Fälle wie den von Hamidas Vater zu sprechen, wechselt er das Thema, spricht von Falschinformationen und Propaganda. Wie viele US-Soldaten er selbst getötet hat, sagt Aziz, könne er nicht mit Bestimmtheit beziffern. Es seien aber einige gewesen.

Von seinem ersten Gefecht, sagt Aziz, träume er bis heute. Damals starb Hamza, sein bester Freund. Aziz sagt, dass er sich noch an die Hitze erinnern könne, seinen verklebten Mund, wie schwer ihm das Atmen fiel. In Hamzas Hals steckte ein Projektil. Als Aziz es rauszog, sei das Blut gespritzt wie aus einem Wasserhahn.

Im Laufe der Zeit verlor Aziz viele Kameraden. Jedes Jahr fielen rund um Lugar knapp 800 bis 1000 Kämpfer. Auch er habe nicht damit gerechnet, zu überleben.

Von PTSD, Posttraumatische Belastungsstörung, wie sie die US-Soldaten vom Hindukusch massenhaft mitbrachten, will er aber nichts wissen.  Unter den Taliban ist das Wort gebrandmarkt, weil es für Schwäche und einen ungerechten Kampf steht. Allerdings gibt Aziz zu, dass er sich manchmal Sorgen mache wegen einiger der Kämpfer, die in Kabul im Moment an den Checkpoints stehen. Der Krieg ist in sie hineingekrochen. Er kann herausplatzen. Jederzeit.

Nachmittags will Aziz dem stern-Team sein Zuhause zeigen. Der Hof liegt etwas außerhalb von Lugar am Fuße eines Berges. Wir müssen schnell durch die Tür, die Nachbarn sollen nicht sehen, dass Ausländer zu Gast sind. Aziz wohnt hier mit seiner gesamten Familie: Vater, Mutter, Frau, Brüder. Im kahlen Empfangsraum hebt er seine kleine Tochter in die Luft, gibt ihr einen Kuss, kneift ihr in die Wange.

Aufstellung für Gott: Auf einer Wiese haben sich Aziz ur-Rahman (l.) und seine Kameraden zum Gebet versammelt
Aufstellung für Gott: Auf einer Wiese haben sich Aziz ur-Rahman (l.) und seine Kameraden zum Gebet versammelt
© Erin Trieb

Geboren wurde Aziz in einem Flüchtlingscamp im Nachbarland Pakistan. Seine Familie war Anfang der 90er Jahre dorthin geflohen, weil Afghanistan zu dieser Zeit in einem blutigen Bürgerkrieg zwischen rivalisierenden Warlords versank. Der Vater predigte als Imam und stand den Taliban nahe. Als Aziz zwölf war, schickte er ihn auf eine der vom pakistanischen Geheimdienst finanzierten Koranschulen, die die Lehre der Extremisten verbreiteten. Es war die Zeit, als Barack Obama seinen Drohnenkrieg gegen die Taliban zu intensivieren begann. Für Aziz waren die USA Besatzer und ein unsichtbares Gewitter, das Jagd auf die Freunde seines Vaters machte.

Als die Familie 2014 nach Afghanistan zurückkehrte, konnte er es nicht erwarten, sich den Taliban anzuschließen. Doch er war noch zu jung zum Kämpfen. Vor dem Spiegel verfluchte er seinen Bart, der zu langsam wuchs. Zunächst arbeitete er als Informant, legte Fake Accounts bei Twitter und Facebook an und postete Propaganda. #Taliban, #Victory, #endofoccupation.

Eines Tages rief der Vater auf dem Handy an. "Komm nicht nach Hause", sagte er. US-Soldaten hätten nachts das Haus gestürmt. Aziz sagt, sie hätten seine Mutter bedrängt und seinen Vater in Handschellen gelegt und angeschrien. Die Ehre der Familie lag ausgebreitet wie die Kleidungsstücke auf dem Fußboden. Bald danach durfte er endlich mit der Waffe kämpfen.

SIE

Und es gibt jetzt einen neuen Feind: Goresnagi, der Hunger

"Könnt ihr nicht vielleicht doch etwas tun?" Der Satz kommt zwischendurch. Man könnte ihn fast überhören. Hamida blickt über die Schaumkrone ihres Latte macchiato. Immer wieder in den vergangenen Tagen hatte sie es wiederholt. Dass sie den Frauen in Afghanistan helfen wolle. Dass sie ihre Heimat nicht im Stich lassen könne. Jetzt, in einem Café, in dem es Cold Brew und persische Musik gibt, gerät ihre Entschlossenheit ins Wanken.

Schuld daran, dass Hamida, die Frau, die niemals aufgeben wollte, jetzt an der Zukunft zweifelt, ist das Geld. Seit dem Tod des Vaters ist sie finanziell für ihre ganze Familie verantwortlich, sieben Personen, fünf junge Geschwister, zwei Mütter. Aus den Geldautomaten in Kabul kommen aber nur noch kleine Beträge. Und ihre letzten Gehälter vom Ministerium sind seit Monaten überfällig. Trotz des Honorars, das der Frauenrechtsverein ihr überweist, wisse sie manchmal nicht, wie sie das Essen für alle bezahlen solle, sagt sie. Dabei geht es ihr, im Vergleich zu Millionen anderer Afghanen, noch gut.

Mit dem nahen Winter steht Afghanistan ein neuer Feind gegenüber, einer, der schlimmer ist als die Taliban oder die Drohnen der Amerikaner. "Goresnagi" nennt Hamida ihn. Der Hunger.

Wegen der Dürre und der Kämpfe im Sommer konnten vielerorts die Bauern ihre Felder nicht bestellen. Vor allem auf dem Land rund um Herat im Westen und Kunduz im Norden ist die Lage dramatisch. Hamida hat die Berichte in den Nachrichten gehört, von Müttern, die ihre kleinen Töchter für 500 Dollar verkaufen, um die restlichen Kinder durch den Winter zu bringen. Von Menschen, die Organe zum Verkauf anbieten, angeblich 1000 Dollar die Niere.

Die Taliban versuchen, der drohenden Katastrophe mit Erlassen Herr zu werden. Eine Kommission entschied vor Kurzem, der Brotpreis – in Kabul traditionell bei zehn Cent für 250 Gramm – dürfe nicht steigen. Aber wie soll das gehen, wenn Gas und Mehl für die Bäcker immer teurer werden?

Die Taliban sind nun auf die angewiesen, die sie gerade verjagt haben: die internationale Gemeinschaft und ihr Geld. Seit ihrer Machtübernahme kommt das Land an den Großteil seiner Devisenreserve, über neun Milliarden Dollar, nicht mehr heran.

ER

"Wenn die Welt uns erst anerkennt, werden wir alle Probleme überwinden"

Aziz hockt unter einer Wolldecke im Aufenthaltsraum des Taliban-Hauptquartiers in Lugar. Es ist ein kalter Abend, auf dem Röhrenfernseher verliert Afghanistan im Cricket. "Männer brauchen eine Frau", sagt er und schaut zu Omar Hilal, der geistesabwesend an seinem Maschinengewehr herumspielt. Die Männer necken den Kommandanten, weil er schon 27 Jahre alt ist, aber noch unverheiratet. Seine Mutter traf heute eine mögliche Braut. "Ich musste kämpfen, ich hatte keine Zeit zu heiraten", sagt Hilal. Die Männer grinsen.

Fahrt ins Ungewisse: Nicht nur der Geschmack von Energydrinks ist neu für Aziz’ Kampfgefährten. Nun, da Frieden herrscht, müssen sie umschulen auf zivile Jobs
Fahrt ins Ungewisse: Nicht nur der Geschmack von Energydrinks ist neu für Aziz’ Kampfgefährten. Nun, da Frieden herrscht, müssen sie umschulen auf zivile Jobs
© Erin Trieb

Beim Thema Frauen schauen sie von ihren Smartphones auf. Die Welt verstehe die Taliban falsch, sagt Aziz. Man respektiere die Frauen, sogar mehr als der Westen. Aber Frauen seien physisch schwächer, und deshalb müsse man sie beschützen. Seit der Machtübernahme der Taliban gab es viele Versprechungen, die Frauenrechte zu achten. Aber in der Mehrzahl der Provinzen dürfen Mädchen nach der sechsten Klasse nicht mehr zur Schule gehen. Frauen, die für Ministerien, Polizei, Universitäten gearbeitet hatten, haben ihre Jobs verloren.

Wie passt das zusammen?

Die Dinge brauchten Zeit, sagt Aziz. Es gebe im Moment sogar Schulungen, in denen die Kämpfer die neuen Regeln im Umgang mit Afghaninnen und Ausländern lernten. Benimmkurse für Taliban, sozusagen. Aziz klingt jetzt wie ein Pressesprecher. 

Sie alle hier, junge Veteranen in einem Raum, in dem eine nackte Glühbirne von der Decke baumelt, glauben, dass sie ihr Schicksal nun selbst in der Hand halten. "Wir Jungen haben diesen Krieg gewonnen. Die Älteren werden auf uns hören", sagt der Anführer Omar Hilal und eine Weile ist es still im Raum. Welche Positionen erträumen sie sich denn in diesem neuen Afghanistan? Hilal will General werden, mit richtiger Uniform. Amin, der ausgebildete Selbstmordattentäter, will Journalist werden – weil der nächste Krieg in den Medien gewonnen werde. Und Aziz will Lehrer sein, wie früher. Er vermisse die Bücher. "Wenn die Welt uns erst anerkennt, werden wir alle Probleme überwinden. Afghanistan wird blühen", sagt Aziz zum Abschied.

SIE

"Wenn wir zu schlau werden, findet ein Taliban keine mehr, die ihn heiraten will"

"Sie werden scheitern." Hamida läuft mit großen Schritten durch ihr neues Büro. Es liegt in einem grauen Haus in einem Industriegebiet, geschützt durch hohe Mauern und Kameras. Die Genehmigung vom Wirtschaftsministerium ist doch gekommen. Ein kleiner Sieg, endlich. Trotzdem, sagt sie, werde mit den Taliban alles in der Katastrophe enden. Denn es fehle ihnen an Bildung. "Klar, dass sie nicht wollen, dass Frauen zur Schule gehen. Wenn wir zu schlau werden, findet ein Taliban keine mehr, die ihn heiraten will." Hamida wirkt wieder zuversichtlicher an diesem Tag. Das neue Büro ist wie ein neues Zuhause.

Freiheit im Verborgenen: Hinter zugezogenen Vorhängen tanzen Hamida (r.) und eine andere Frau auf der Hochzeitsfeier in einem Haus in Kabul
Freiheit im Verborgenen: Hinter zugezogenen Vorhängen tanzen Hamida (r.) und eine andere Frau auf der Hochzeitsfeier in einem Haus in Kabul
© Erin Trieb

Zum Abschluss zeigen wir Hamida ein Foto von Aziz und erzählen ihr, dass auch er Nietzsche liest, den deutschen Philosophen. Hamida macht eine Grimasse, als habe sie auf etwas Scharfes gebissen. "Er ist ganz süß, aber wahrscheinlich mag er Nietzsche nur, weil der so hart über Frauen geschrieben hat", sagt sie und fängt laut an zu lachen. Es ist wieder einer dieser Momente, in denen man sich fragt: Was wäre, wenn? Könnten sie sich mögen, der Taliban-Kämpfer und die Aktivistin? Hätten sie sich etwas zu sagen? Sie mögen sich nie begegnet sein und auf unterschiedlichen Seiten stehen. Doch ihr Schicksal ist verbunden, untrennbar. Es ist das Schicksal ihres Landes.

Erschienen in stern 49/2021

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