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Lage in Tigray "Wir sterben, und niemand schaut hin" – in Äthiopien tobt ein erbitterter Bürgerkrieg

Tsigabu Gebretensae sitzt am Krankenbett ihrer zwölfjährigen Tochter Genet. Bei einem Luftangriff der äthiopischen Armee wurde sie so schwer verletzt, dass die Ärzte ihren rechten Arm amputieren mussten. Ein Bruder des Mädchens starb
Tsigabu Gebretensae sitzt am Krankenbett ihrer zwölfjährigen Tochter Genet. Bei einem Luftangriff der äthiopischen Armee wurde sie so schwer verletzt, dass die Ärzte ihren rechten Arm amputieren mussten. Ein Bruder des Mädchens starb
© Sergio Ramazzotti/Parallelozero
Im Norden Äthiopiens tobt ein erbitterter Krieg zwischen Regierung und Rebellen. Nun droht Hunderttausenden Menschen der Hungertod. Ein Team des stern war vor Ort.
Von Patrick Witte; Fotos: Sergio Ramazzotti

Nach acht Monaten Krieg beginnt der Nachmittag, der die Freiheit bringen wird, für die Menschen von Mek'ele mit neuen Schrecken. An einem Marktplatz fallen Schüsse. Soldaten plündern Banken, konfiszieren Autos. Kaffeehäuser, gerade noch gut besucht, schließen eilig ihre Läden. Die Bewohner suchen Schutz in den Häusern.

Eine Spannung wie vor einem der heftigen Gewitter, die über Äthiopiens gebirgiger Nordregion Tigray jetzt, zu Beginn der Regenzeit, bedrohlich heraufziehen können, liegt in der Luft an diesem Nachmittag.

Dann durchbrechen Freudenschreie die Stille. Erst vereinzelt, hinter Fenstern. Kurz darauf als kleine Jubel-Kaskaden, laut und schrill, die sich von Haus zu Haus verbreiten. Eine Welle von SMS und kurzen Anrufen dringt durch das zusammenbrechende Handynetz. Alle mit derselben Botschaft: Mek'ele ist frei. Die Truppen der äthiopischen Armee und die Statthalter der Zentralregierung in Addis Abeba sind geflohen.

Übersichtskarte Äthiopien
Übersichtskarte Äthiopien
© Infografik: Quellen: Integrated Food Security Phase Classification (IPC), Ethiopia Analysis Team

Genauso rasch, wie sie sich geleert haben, füllen sich die Straßen am frühen Abend wieder. Ozeanblaue Tuk Tuks rasen durch die Menge. Auf den Dächern der Motorrikschas klammern sich junge Männer mit nacktem Oberkörper fest, drei, vier pro Fahrzeug. Rote Fahnen mit gelbem Stern flattern um ihre Schultern: die Flagge der "Tigray Defence Forces" (TDF). Sie recken die Fäuste und schreien: "Freiheit". Die Menge bejubelt mit dem Schlachtruf "Woyane" den Sieg ihrer Kämpfer.

Binnen weniger Stunden weicht die Anspannung einem Freudentaumel. Feuerwerk taucht den Abendhimmel in Rot und Grün. Pärchen küssen sich auf offener Straße, Kinder folgen ihren weinenden Vätern zu Freudenfeuern aus hastig aufgetürmten brennenden Reifen. Im Getümmel fallen Schüsse. Doch sie schrecken niemanden mehr. Immer wieder in dieser Nacht hallen Kalaschnikow-Salven über die Stadt, Ausdruck der Freude über einen Sieg, mit dem kaum jemand hier gerechnet hatte.

Der Hunger gehört zur Strategie

Die Ereignisse dieses Tages könnten zur entscheidenden Wende werden in einem Krieg, von dem die Welt seit Monaten kaum noch Notiz genommen hat. Was kein Zufall ist: Äthiopiens Regierung, angeführt von Ministerpräsident und Friedensnobelpreisträger Abiy Ahmed, hat internationalen Medien systematisch den Zugang nach Tigray erschwert, seit sie Anfang November 2020 eine Militäroffensive gegen die aufständische Nordprovinz begann. Das Team des stern kam nun auch deswegen ins Land, weil Abiy Ende Juni in anderen Landesteilen Wahlen abhalten ließ. Ausgewählte internationale Journalisten sollten berichten, wie der Premier seine Macht festigt. Doch es kam anders.

Kämpfer der Rebellenmiliz "Tigray Defence Force" beim siegreichen Einzug in Mek’ele
Kämpfer der Rebellenmiliz "Tigray Defence Force" beim siegreichen Einzug in Mek’ele
© Sergio Ramazzotti/Parallelozero

Tigrays Rebellen triumphierten über die äthiopische Armee und mit ihr verbündete Truppen aus der Region Amhara und dem Nachbarstaat Eritrea. Damit tritt eine jahrzehntealte Konkurrenz um die Macht in eine neue Phase. 26 Jahre lang hatte die von Tigrinern dominierte "Volksbefreiungsfront Tigrays" (TPLF) die Regierung in Addis Abeba in der Hand. Obwohl sie nur sieben Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen, besetzten Tigriner viele Schlüsselposten in Politik, Wirtschaft und Militär. Abiy, Spross der Oromo, der größten Ethnie des Landes, hatte mit diesem System gebrochen und die TPLF von den Schalthebeln der Macht gedrängt.

Tage später lässt die Miliz Tausende kriegsgefangene äthiopische Soldaten durch die Stadt marschieren
Tage später lässt die Miliz Tausende kriegsgefangene äthiopische Soldaten durch die Stadt marschieren
© Sergio Ramazzotti/Parallelozero

Nachdem Abiy die Pandemie zum Vorwand genommen hatte, anstehende Wahlen zu verschieben, organisierte die Partei in Tigray im September 2020 einen separaten Urnengang. Zwei Monate später stürmten tigrinische Milizionäre, nach Angriffen durch Abiys Truppen, einen Stützpunkt der Nationalarmee in Mek'ele. Als Reaktion entsandte Premier Abiy die Armee zu einer "Strafaktion" nach Tigray. In dem brutalen Krieg, der die Region seither erschüttert, gehören sexualisierte Gewalt, ethnische Säuberungen und Aushungern zur Strategie. 1,65 Millionen der sieben Millionen Tigriner sind zu Vertriebenen geworden. Allen Seiten werden Kriegsverbrechen vorgeworfen, die Infrastruktur des Landes ist zerstört, die medizinische Versorgung fast komplett zusammengebrochen.

Die Helfer dürfen keine Hilfe leisten

In das Zimmer auf der Intensivstation des Ayder-Krankenhauses im Zentrum von Mek'ele dringt das Getöse auf den Straßen nur gedämpft, wie ein fernes Rauschen. Trotzdem findet Tsigabu Gebretensae auf ihrer schwarzen Pritsche keinen Schlaf. An ihrer Seite liegt Genet, ihre Tochter, von Morphium sediert. Die Mutter hat sich an sie geschmiegt, so wie jede Nacht, seit sie hier angekommen sind. Ihr Arm ruht auf der Schulter des Mädchens. Dessen Arm endet kurz darunter in einem verbundenen Stumpf. Aus leeren Augen starrt die Mutter ins Dunkel.

Tsigabu Gebretensae sitzt am Krankenbett ihrer zwölfjährigen Tochter Genet. Bei einem Luftangriff der äthiopischen Armee wurde sie so schwer verletzt, dass die Ärzte ihren rechten Arm amputieren mussten. Ein Bruder des Mädchens starb
Tsigabu Gebretensae sitzt am Krankenbett ihrer zwölfjährigen Tochter Genet. Bei einem Luftangriff der äthiopischen Armee wurde sie so schwer verletzt, dass die Ärzte ihren rechten Arm amputieren mussten. Ein Bruder des Mädchens starb
© Sergio Ramazzotti/Parallelozero

"Was soll ich nur machen?", hat Tsigabu kurz vor Mek'eles Befreiung im Gespräch mit dem stern gesagt. "Meine Tochter ist verletzt. Mein Sohn ist tot. Ich weiß nicht, wohin. Aber umbringen kann ich mich nicht. Ich habe doch noch sechs andere Kinder."

Fünf Tage sind vergangen, seit über dieselben Straßen, auf denen die Menschen in dieser Nacht tanzen, ein Konvoi mit 26 Verletzten das Ayder-Krankenhaus erreichte: Kinder mit blutigen Kopfverbänden, Frauen mit gebrochenen Beinen, mit Pappkarton geschient, Männer, so schwach, dass sie nur mithilfe der bereitstehenden Patientenliegen in die Notaufnahme gebracht werden konnten.

Auch ein junges Mädchen liegt auf einer Trage im Flur. Sie ist in eine dünne Decke gehüllt, ihr Blick starr, das Gesicht blass, die Lippen eingetrocknet, vor Schmerz ist sie ganz still. Ihr rechter Arm ragt verdreht und aufgefächert wie ein Zollstock aus ihrem Körper, Fliegen bevölkern die verdreckte Mullbinde. Der Brustkorb hebt und senkt sich viel zu schnell, pumpt Luft in die Lungen, aufgepeitscht vom Adrenalin ihres dünnen Körpers.

Es ist Genet, Tsigabus Tochter.

Ärzte wechseln den Verband der zwölfjährigen Genet, einer von über 180 Verletzten des Bombardements
Ärzte wechseln den Verband der zwölfjährigen Genet, einer von über 180 Verletzten des Bombardements
© Sergio Ramazzotti/Parallelozero

Die Krankenschwestern geben ihr Blutkonserven, spritzen ein Antibiotikum und Schmerzmittel. Dann untersuchen ein Trauma-Arzt und ein Chirurg den Arm. Schon bald führt der eine seinen Zeigefinger auf Höhe des eigenen Oberarms hin und her. Der andere nickt.

Tsigabu, die Mutter, sitzt mit verzerrtem Gesicht am Kopfende der Liege. Sie versteht die Geste. Nebenan schlagen Krankenschwestern mit Schraubenschlüsseln auf die Ventilschrauben der wenigen Sauerstoffflaschen, um Beatmungsgeräte in Gang zu bringen. Ärzte legen beim Licht ihrer Handy-Taschenlampen Transfusionszugänge.

Inmitten des Chaos und der Schmerzensschreie steht ruhig ein hoch aufgeschossener Mann im ausgewaschenen Kittel und gibt Anweisungen. Für 40 Patienten habe er Platz, sagt Daniel Weldu, 29. "Zur Not", sagt der Chef der Notaufnahme, "müssen wir eben auf den Gängen und in der Eingangshalle Platz für weitere Betten schaffen."

Daniel Weldu (Mitte) leitet die Notaufnahme des Ayder-Krankenhauses von Mek’ele. Am Tag des Angriffs auf Togoga wollte er Hilfe leisten, aber Regierungssoldaten blockierten die Zufahrt zum Dorf
Daniel Weldu (Mitte) leitet die Notaufnahme des Ayder-Krankenhauses von Mek’ele. Am Tag des Angriffs auf Togoga wollte er Hilfe leisten, aber Regierungssoldaten blockierten die Zufahrt zum Dorf
© Sergio Ramazzotti/Parallelozero

Doktor Weldu weiß: Bei den 26 gerade Eingelieferten wird es nicht bleiben. Tags zuvor hat die äthiopische Luftwaffe einen Angriff auf ein Dorf in der Nähe geflogen, Togoga. Es war Markttag, der Ort war voll mit Menschen, die zu Beginn der Regenzeit Saatgut für die nächste Ernte kaufen wollten.

Als die Nachricht von dem Angriff in Togoga das Krankenhaus erreichte, war dem Arzt sofort klar, dass viele Verletzte seine Hilfe brauchten. Mit Krankenwagen rasten sie los. Doch das äthiopische Militär blockierte die Zufahrt. Eine Genehmigung fehle, sagten die Soldaten. 29 Stunden vergingen, bis die ersten Verletzten das Krankenhaus erreichten. Zu viel Zeit, um den Arm einer Zwölfjährigen zu retten, die am liebsten Zirkus spielt und davon träumt, eines Tages selbst Ärztin zu werden.

Vielvölkerstaat vor der Zerreißprobe

Früher, vor dem Krieg, war das Ayder mit seinen 650 Betten ein Vorzeigekrankenhaus für das ganze Land. Patienten von weit her, nicht nur aus Tigray, wurden hier behandelt. Doch seit Ausbruch der Kämpfe arbeitet das Hospital auf 30 Prozent der früheren Leistung, wie Weldu sagt. Fachkräfte, Ärzte wie Pfleger, die nicht aus Tigray stammten, flohen. Ganze Abteilungen mussten geschlossen werden. Allein in den vergangenen drei Wochen, sagt der Arzt, seien 22 Patienten verstorben, weil es nicht genug Sauerstoff gab.

So wie dem Krankenhaus droht auch dem ehemaligen Modellstaat Äthiopien der Kollaps. In den vergangenen Jahren hatte das Land eine der am schnellsten expandierenden Volkswirtschaften weltweit. Äthiopien war keine Demokratie, aber ein Hort der Stabilität in der von Krisen geschüttelten Region am Horn von Afrika. Überwunden schienen die Verhältnisse der 1970er und 80er Jahre, als mehrmals in kurzer Folge Hunderttausende, vor allem in Tigray und angrenzenden Regionen, dramatischen Hungerkatastrophen zum Opfer fielen.

Dann kam 2018 Premier Abiy an die Macht und versuchte, den Einfluss der tigrinischen Eliten einzudämmen und das Land stärker von der Hauptstadt aus zu regieren. Seither drohen sich die dramatischen Kapitel der äthiopischen Geschichte zu wiederholen. Der Krieg zwischen den Tigrinern und der Zentralregierung, in den Abiys Politik mündete, ist nur der schlimmste von vielen ethnischen Konflikten, die das Land vor eine Zerreißprobe stellen. Jeffrey Feltman, Sonderbotschafter von US-Präsident Joe Biden für das Horn von Afrika, warnte unlängst: "Äthiopien hat 110 Millionen Einwohner. Wenn sich die Spannungen dort zu einem weitreichenden Bürgerkrieg entwickeln, dann wird, was in Syrien passiert ist, dagegen wie Kinderkram wirken." Alexander Rondos, bis Ende Juni Sondergesandter der EU für die Region, nannte Tigray ein "riesiges Konzentrationslager".

Das war im Frühjahr. Seither hat sich die humanitäre Lage dramatisch verschlechtert. Truppen der Anti-TDF-Koalition haben systematisch den Zugang der Bevölkerung zu Lebensmitteln gedrosselt, indem sie Ernten vernichteten und Bauern mit dem Tod bedrohten, sollten diese es wagen, ihre Felder zu bestellen.

In Tigray ist der Hunger eine Waffe. Und sie richtet sich zuerst gegen die Schwächsten: Zwischen März und Mai sprang die Rate unterernährter Kinder in Dörfern, zu denen Hilfsorganisationen Zugang hatten, von 30 auf 50 Prozent. Ende Juni litten nach UN-Angaben 350.000 Menschen in Tigray Hunger. USAID, das Hilfswerk der US-Regierung, geht mittlerweile von 900.000 Hungernden in Tigray aus. Wenn nicht rasch Hilfe kommt, drohen es noch viel mehr zu werden. Auch weil immer wieder Helfer bedroht, angegriffen oder sogar ermordet werden. Erst vor wenigen Tagen wurde eine Getreidelieferung des "World Food Programme" für Tigray im verfeindeten Nachbar-Bundesstaat Amhara aufgehalten und zum Umkehren gezwungen.

Lebensmittelverteilung an Geflüchtete, die in einer ehemaligen Schule in Mek’ele Schutz gefunden haben
Lebensmittelverteilung an Geflüchtete, die in einer ehemaligen Schule in Mek’ele Schutz gefunden haben
© Sergio Ramazzotti/Parallelozero

Ein frei stehendes Haus auf dem Gelände des Ayder-Krankenhauses ist der Arbeitsplatz einer Frau, die sich um diejenigen kümmert, die dieser Krieg nicht nur körperlich, sondern auch seelisch versehrt hat. "Früher betraf es vor allem Teenager und junge Frauen. Jetzt ist alles anders", sagt Schwester Hagusch Gebremedhin und bittet in ihr Untersuchungszimmer, einen schmalen Raum mit Linoleumboden und rosafarbenen Vorhängen am vergitterten Fenster. 565 Vergewaltigungsopfer hat das "One Stop Zentrum" der Krankenschwester seit Kriegsbeginn behandelt, unter ihnen 123 Minderjährige. Ihre älteste Patientin war 70, die jüngste vier Jahre alt. Eine Kollegin musste einen drei Monate alten Säugling versorgen.

Die Vergewaltigungen geschähen oft vor den Augen der Angehörigen, Väter und Mütter müssten zuschauen, manchmal würden sie anschließend erschossen. "Ich habe so etwas noch nie erlebt", sagt die Krankenschwester. Viele Überlebende, wie sie ihre Patientinnen nennt, schafften es nicht ins Krankenhaus. Die Kämpfe, gesperrte Straßen, aber auch Scham hinderten sie daran, Hilfe zu suchen.

Eine Frau betritt hinkend den Raum und setzt sich auf einen Stuhl an der Wand. Ihr vierjähriger Sohn spielt mit dem Stoff ihres rot-weißen Kleides. Wir sollen sie Hiwot nennen. Die Krankenschwester hat das Gespräch vermittelt. Ihren richtigen Namen nennt die Frau nicht, zu ihrem eigenen Schutz. Aber den ihres Dorfes: Enticho, gelegen im Norden Tigrays, zwischen Adigrat und Aksum. "Ich kann niemals dorthin zurück", sagt sie. "Denn alle dort wissen, was passiert ist."

Hiwots Blick ist fest. Sie wirkt gefasst, auch wenn ihre Stimme während des Gesprächs immer wieder bricht und Tränen ihr schmales Gesicht hinunterlaufen. Nach Wochen der Betreuung, psychologisch, aber auch mit Antidepressiva, sagt die 28-Jährige von sich: "Ich bin okay."

An einem Morgen im Januar fanden zwei Bauern Hiwot nackt in einem verlassenen und zerbombten Dorf. Sie deckten die Schwerverletzte mit Jacken zu, legten sie auf ihren Esel und brachten sie ins Krankenhaus von Adigrat. Chirurgen entfernten Metallstücke und Erde aus ihrer Gebärmutter, behandelten ihren aufgescheuerten Rücken und ihre gebrochene Hüfte. Als ihr rechtes Bein zwei Monate später immer noch gelähmt war, überwiesen die Ärzte sie nach Mek'ele.

Zehn Tage dauerte das Martyrium

Sie habe gewusst, dass es gefährlich werden könne, sagt Hiwot, als sie in den Minibus nach Mek'ele gestiegen war. Aber sie musste dringend zur Bank, um Geld zu holen, das ihr Mann überwiesen hatte, der in Addis Abeba auf dem Bau arbeitet. Die beiden Kinder ließ sie bei ihrer Mutter.

Vier eritreische Soldaten stoppten den Minibus auf der Rückfahrt. Hiwot erkannte sie an ihrem Akzent, ihren Uniformen, den Plastiksandalen, die sie statt Stiefeln trugen. Nach einer Kontrolle durften alle Passagiere weiterfahren. Nur Hiwot nicht. Sie werde, sagten die Soldaten, mit dem nächsten Bus weiterfahren. Sie verbanden ihr die Augen. Dann musste sie marschieren, stundenlang, mit nackten Füßen, bis in ein Militärlager in der Wüste.

Anfangs habe sie noch geschrien, sagt Hiwot. Am zweiten Tag habe einer der Männer ihr eine Spritze gegeben, und sie sei eingeschlafen. Irgendwann habe ihr Unterleib angefangen zu bluten. Da hätten die Männer Sand und Stofffetzen in ihre Vagina gestopft. Später Plastik und Metallreste. Am zehnten Tag dachten die Männer, sie sei tot, und ließen von ihr ab.

Noch immer braucht Hiwot Schmerztabletten wegen des Beins und muss eine Windel tragen. Doch die Albträume hätten aufgehört, sagt sie. Mit ihren beiden Kindern, vier und acht Jahre alt, wohnt sie jetzt in einem sicheren Haus in Mek'ele, das Krankenschwester Hagusch Gebremedhin ihr vermittelt hat. Ihr Mann hat sie verlassen, als er von ihrem Schicksal hörte.

Krankenschwester Hagusch Gebremedhin behandelt Vergewaltigungsopfer
Krankenschwester Hagusch Gebremedhin behandelt Vergewaltigungsopfer
© Sergio Ramazzotti/Parallelozero

Nur Stunden nach dem Interview mit Hiwot übernehmen die tigrinischen Rebellen die Kontrolle über Mek'ele. Die Stadt feiert – und es scheint, als würden die Tigriner im Triumph einen Moment lang ihre Wunden und ihre Trauer vergessen. Tage später lässt die TDF-Miliz einen Zug mit Tausenden kriegsgefangenen Regierungssoldaten durch die Straßen führen, auf dem Weg zum örtlichen Gefängnis. Männer und Frauen in zerschlissenen Tarnuniformen mit Aufnähern, auf denen "Ethiopian Army" steht. Mit ängstlichen Blicken in ausgemergelten Gesichtern. Premier Abiy hat inzwischen eilig einen "humanitären Waffenstillstand" ausrufen lassen – wohl aus Sorge, die siegreichen Milizionäre könnten den Krieg nun, da seine Armee geschwächt ist, über Tigray hinaus ins Land tragen.

Vier Tage nach der Befreiung Mek'eles gelangen Reporter, Fotograf und Übersetzer des stern als erste Ausländer seit dem Luftangriff vom 22. Juni nach Togoga, in das Dorf von Tsigabu Gebretensae und ihrer Tochter Genet, die sich im Ayder-Krankenhaus von der Amputation ihres Armes erholt. Der Angriff auf den Markt ist inzwischen ein Politikum, internationale Medien haben von mehr als 60 Toten und 184 verletzten Zivilisten berichtet. Ein Desaster für den ohnehin beschädigten Ruf Premier Abiys und seines Regimes. Zumal sein Militärsprecher den Angriff erst kategorisch abstritt, um kurz darauf zu korrigieren: Bombardiert habe man, aber eben nicht zur Marktzeit, sondern erst nach 15 Uhr, der Markt sei da längst vorbei gewesen. "Unsere Luftwaffe nutzt die neueste Technologie und hat einen Präzisionsangriff durchgeführt, der erfolgreich war."

Ein folgenschwerer Luftangriff

Auch neun Tage nach dem Angriff sind noch getrocknete Blutlachen auf den Steinplatten des Marktes zu sehen. Die Holztrümmer der Verkaufsstände liegen wie Mikadostifte verstreut herum, dazwischen eine einzelne rechte Sandale aus Plastik, zerplatzte Tomaten, faulende Chilischoten, Wellblechfetzen. Streunende Hunde zerren an den aufgerissenen Bäuchen toter Esel und Kühe.

Neun Tage nach dem Luftangriff auf den Markt von Togoga liegt Verwesungsgeruch in der Luft
Neun Tage nach dem Luftangriff auf den Markt von Togoga liegt Verwesungsgeruch in der Luft
© Sergio Ramazzotti/Parallelozero

Viele der 300 Dorfbewohner sammeln sich um die Besucher, erzählen, wie der dunkle Jet aus Westen kommend eine Schleife über dem Dorf gedreht habe, um dann zwei Raketen abzufeuern, die in einem grellen weißen Licht explodiert seien. Noch immer, sagt der Dorfvorsteher, lägen Tote in den eingestürzten Häusern, es fehle an Gerät, die Leichen zu bergen.

Warum haben die Äthiopier Togoga angegriffen? Auf diese Frage hat hier niemand eine Antwort. Rebellenkämpfer seien auf dem Markt jedenfalls keine gewesen, sagt der Ortsvorsteher.

Derweil zieht hinter ihm eine endlos wirkende Kolonne junger TDF-Rekruten die Dorfstraße entlang – der Rebellen, denen laut Armee der Luftangriff gegolten habe. Männer und Frauen, zusammen wohl mehr als 1.000, einige offensichtlich minderjährig, marschieren in zwei Reihen. Nur wenige tragen Uniform, dafür viele Gewehr und Wasserkanister. "Die kommen immer hier entlang", sagt der Dorfvorsteher noch. Dann verbietet ein herbeigeeilter TDF-Kommandeur dem stern-Fotografen, Bilder der Rekruten von Togoga zu machen. So offen wollen sich die Sieger doch nicht zeigen.

Wer Jäger ist und wer Gejagter, wer Kämpfer und wer Zivilist – in den Bergen von Tigray soll das nicht immer klar erkennbar sein.

Wenn aus extremer Armut Hunger wird, ist das, wie wenn kaltes Wasser zu Eis gefriert: Es wird zwar nur noch ein bisschen kälter. Aber es geht in einen völlig veränderten Zustand über. Der Vergleich stammt vom Katastrophenforscher John Rivers, der eine frühere äthiopische Hungersnot studierte. Nach Ansicht zahlreicher Experten steht Tigray jetzt erneut an genau diesem Kipppunkt. Den Menschen im Norden Äthiopiens fehlt es an allem. Wir leiten Ihre Hilfe weiter. Bitte spenden Sie an: Stiftung stern e. V. – IBAN DE90 2007 0000 0469 9500 01 – Stichwort "Äthiopien"; www.stiftungstern.de

Patrick Witte berichtet seit 15 Jahren als Reporter aus Afrika, Nahost und Südamerika. Fotograf Sergio Ramazzotti lebte schon als Kind in Nigeria, wo sein Vater am Bau eines großen Staudamms mitarbeitete.

Erschienen in stern 29/2021

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