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Frosch-Chef und Nabu-Präsident "Plastik zu verbieten, hilft der Umwelt gar nicht": Wie echtes Recycling gelingen kann

Reinhard Schneider und Jörg-Andreas Krüger
Reinhard Schneider (rechts) leitet in fünfter Generation das Familienunternehmen Werner & Mertz, zu dem unter anderem die Öko-Reiniger-Marke Frosch gehört. Jörg-Andreas Krüger ist Präsident des Naturschutzbundes (Nabu).
© NABU/Werner&Mertz
Plastikmüll ist ein großes Umweltproblem, Recycling sollte eigentlich die Lösung sein. Der Chef der Öko-Reinigungsmittelmarke Frosch und der Präsident des Naturschutzbundes sprechen im stern-Interview über Pseudo-Recycling und Greenwashing der Konzerne - und erklären, was wirklich hilft.

Herr Schneider, Frosch produziert seit 1986 ökologische Reinigungsmittel. Und zwar nicht irgendwo in der Nische, sondern als Marktführer bei Haushalts-, WC-, und Glasreinigern. Wenn Ökologie und Ökonomie in Ihrer Branche so gut zusammengehen - warum macht das dann nicht jeder?

Reinhard Schneider: Weil Investitionen in Nachhaltigkeit die kurzfristige Rendite drücken. Großkonzerne sind einem erheblichen Druck ausgesetzt, jeweils zum Quartalsende den Börsenwert zu steigern. Wenn ein CEO dort eine Maßnahme vorschlägt, die sich erst in fünf Jahren am Markt positiv bemerkbar macht, dann bleibt er nicht lange CEO. Das kann ich als mittelständischer Familienunternehmer anders handhaben. Für mich ist Unternehmensführung ein Marathon und kein Sprint.

Herr Krüger, Sie arbeiten als NABU seit Jahren eng mit Werner & Mertz beim Thema Recycling zusammen. Was macht die Marke Frosch in Ihren Augen denn besser als die Konkurrenz? 

Jörg-Andreas Krüger: Frosch ist immer wieder vorne dabei, wenn es darum geht, den nächsten technologischen Schritt zu machen. Das gilt vor allem beim Thema Verpackungsmüll. Wir müssen endlich rauskommen aus der Wegwerfgesellschaft in eine Kreislauf-Gesellschaft mit echtem Recycling. Dabei ist die Zahl der Mitstreiter aus der Wirtschaft eher gering. Frosch ist stetig dabeigeblieben und trägt seinen guten Ruf daher zu Recht.

Recycling macht heutzutage gefühlt jeder oder behauptet es zumindest. Für den Verbraucher ist aber oft schwer zu erkennen, wer wirklich etwas ökologisch Sinnvolles tut. Was macht denn gutes Recycling aus?

Krüger: Es gibt drei Kriterien, die Recycling zum echten großen Hebel für die Umwelt machen. Das ist einmal die Schließung des Kreislaufs im Volumen, dass also möglichst wenig Abfall übrigbleibt. Dann die Schließung des Kreislaufs in der Qualität. Es darf kein Downcycling mit nur ganz wenigen Kreisläufen geben, bevor der Rest wieder verbrannt wird oder auf Deponien oder in den Meeren landet. Und das dritte Kriterium, und das wird häufig vernachlässigt, ist die Energiemenge, die notwendig ist, um den Kreislauf geschlossen zu halten. Hier sollten wir auf die sparsamen Verfahren wie das mechanische Recycling setzen.

Schneider: Ja, denn leider gibt es auch Verfahren, mit denen gezielt Ablenkung betrieben wird. 

Was für Ablenkungen meinen Sie?

Schneider: Nehmen Sie zum Beispiel das Integrieren von Ozean-Plastik in Produkte. Natürlich ist es eine verlockende Idee, das Plastik da wo es am emotional schmerzhaftesten sichtbar wird herauszufischen. Wenn man dann große, schwimmende Sammelsysteme sieht, die den Pazifik wieder aufräumen, fesselt das viele Verbraucher. Aber solche Konzepte spielen mit der Überforderung vieler Menschen, sich extreme Größenverhältnisse proportional richtig vorzustellen. Selbst wenn man hunderte Plastiksauger im Meer aussetzt, kommt man dem Problem einfach nicht nach.

Trotzdem ein löblicher Versuch, oder nicht?

Schneider: Das Problem ist, dass immer solche Technologien gehypt werden, die intuitiv am einfachsten erscheinen. Wie eine Wunderdiät, mit der man angeblich ganz toll abnimmt. Aber was am Ende wirklich hilft, sind die Maßnahmen, die vielleicht etwas unspektakulärer, aber viel effektiver sind.

Was ist Ihr Recycling-Ansatz?

Schneider: Klassisches mechanisches Recycling. Wir nennen es Advanced Mechanical Recycling, weil wir mittlerweile mit Technologien arbeiten, die hochmodern sind und den Kreislauf in Menge und Qualität komplett schließen können. Und das mit einem Minimum an Energieeinsatz. Wir haben schon über 400 Millionen Plastikflaschen, die zu 100 Prozent aus Recyclat bestehen, dem Kreislauf zur Verfügung gestellt. Das zeigt: Es geht nicht nur im Labor, sondern auch in größerer Skalierung. Leider ist das vielen anderen immer noch zu teuer im Vergleich zu dem derzeit super billigen Rohöl-Plastik.

Wieviel zahlen Sie drauf, weil Sie Verpackungen aus Recycling-Plastik verwenden und nicht aus Rohöl-Plastik?

Schneider: Das waren mal nur 20 Prozent. Aber derzeit ist Recyclat mindestens doppelt so teuer, weil die Rohölpreise seit Corona so abgestürzt sind. Wer Plastik aus Rohöl herstellen will, der kann das so günstig wie nie zuvor. Und je mehr wieder zum billigen Rohölplastik gegriffen wird, desto schlechter sind die Anlagen zur Recyclat-Herstellung ausgelastet, wo dann wiederum der Stückpreis pro Tonne steigt. Das führt dazu, dass die Preise genau in die falsche Richtung auseinanderdriften.

Herr Krüger, wenn der Markt Klimaschutz so erschwert, muss dann nicht die Politik eingreifen?

Krüger: Unbedingt. Wir wollen und wir müssen raus aus der fossil getragenen Wirtschaft. Der Preis für Plastik ist auch so niedrig, weil die Plastikproduktion in der Regel von der Mineralölsteuer befreit ist. Wer neues Plastik produziert, wird dabei noch begünstigt im Vergleich zu demjenigen, der den dornigen Weg geht, und das Zeug aus den Gelben Säcken sammelt, um Recyclate zu ermöglichen. Wenn die Politik hier nicht einen lenkenden Rahmen setzt, kommen wir aus der Situation nicht raus.

Plastik und Kunststoff in unserem Alltag

Welche Maßnahmen schlagen Sie vor?

Krüger: Das einfachste wäre, die steuerliche Begünstigung der Plastikproduktion aus Rohöl zu streichen. So würde "frisches" Plastik etwas teurer, recyceltes Plastik aber nicht. Ein zweiter Hebel wäre das Vorschreiben von Recyclatquoten für Verpackungen, also Mindesteinsatzquoten, die man automatisch auf bis zu hundert Prozent steigert.

Schneider: Die Politik kann auch über einen Fonds wirksame finanzielle Anreize für hohen Recyclateinsatz schaffen. Wir haben bei den gängigsten Plastiksorten bewiesen, dass 100 Prozent Recycling jetzt schon technisch machbar ist. Und viele unserer Technologien bieten wir als Open Innovation für andere Unternehmen an, aber der Preis hält die anderen ab.  Das ist eine Steilvorlage für die Politik, diese Preisschwelle durch entsprechende Maßnahmen zu glätten. Weil jede neue Technologie im Anfangsstadium natürlich erst einmal höhere Stückkosten verursacht.

Krüger: Früher mag das mit der Sortierung aus dem Gelben Sack wirklich schwierig gewesen sein. Aber durch die Fortschritte, die bei der mechanischen Sortierung gemacht wurden, kommt man heute zu Qualitäten, die man nennenswert nutzen kann. Die Lösungen sind da, und was mich so ärgert, ist, dass Politik und auch Teile der Wirtschaft so wahnsinnig resistent sind.

Und der Verbraucher Nachhaltigkeit auch nicht genug einfordert?

Schneider: Ich denke, dass viele Hersteller meinen, man muss irgendwas machen und selbst wenn die Maßnahme nicht so wirklich funktioniert, wenn man sie zu Ende denkt, dann hat sie doch zumindest Aufmerksamkeit geschaffen für das Problem. Beim Verbraucher gibt es aber gar kein Awareness-Problem, sondern ein Vertrauensproblem. Will heißen: Die Leute wissen schon, Plastik ist problematisch, aber man traut halt vielen Herstellern und vielen Lösungen nicht mehr so richtig über den Weg. Und das leider zu Recht.

Sie beklagen Greenwashing der Konkurrenz.

Schneider: Es ist wichtig, dass auf Transparenz geachtet wird. Wir haben über das deutsche Wettbewerbsrecht immerhin erreichen können, dass manche Dinge, die der Umwelt nicht helfen, wie zum Beispiel Industrie-Recyclate, nicht als normale Recyclate ausgelobt werden können. Industrierecyclat, das ist, wenn Hersteller ihre eigenen Produktionsabfälle wieder einarbeiten, was sie übrigens schon immer getan haben aus rein wirtschaftlichen Erwägungen. Dass das jetzt irgendwie als Umwelt entlastend ausgelobt wird, das ist verboten. Die Kreativität bei der Umgehung gewisser Vorschriften ist allerdings hoch: Einige Hersteller tauschen mittlerweile ihre Industrieabfälle, damit sie sagen können, dass sie Gewerbe-Abfall von Dritten verwerten.

Was Sie auch öffentlich vehement bekämpfen, ist das Verfahren der Pyrolyse, auch chemisches Recycling genannt, mit dem große Industriekonzerne weltweit Kunststoffmüll wieder nutzbar machen wollen. Warum ist das für Sie Pseudo-Recycling?

Schneider: Bei der Pyrolyse wird Plastikmüll in seine petrochemischen Grundstoffe zerlegt, die man dann wieder nutzen kann. Der Haken an der Sache ist, dass das viel mehr Energie verbraucht, als das Schmelzen beim mechanischen Recycling. Die Ölfirmen stört das nicht, weil die den billigsten Zugang zur Energie haben, und die großen wertstofflichen Verluste sind ihnen auch egal, weil sie dann ja wieder Öl für neues Plastik verkaufen können. Das Ganze ist mehr Verbrennung als Recycling. Und die großen Ölfirmen, die Plastikhersteller und einige Konsumgüterriesen verkaufen das Ganze als tolle Erfindung, um kein echtes Recycling machen zu müssen. Das ist eine gezielte Verschleppungstaktik. Dieselben Firmen, die die Pyrolyse als Super-Recycling propagieren, sagen ihren Analysten: Macht euch keine Sorgen wegen der E-Mobilität, wir werden so viel neues Rohöl-Plastik produzieren wie nie zuvor.

Krüger: Das chemische Recycling ist ein Irrweg und eine Verzögerungstaktik – Abfallvermeidung und ein recyclingfreundliches Produktdesign sind die Gebote der Stunde. Und deshalb muss die Politik einschreiten. Es geht jetzt darum, Konzepte zu entwickeln, die in sich schlüssig sind, die unser Wirtschaftssystem und unser Leben hier in Deutschland, in Europa, auf dem Planeten insgesamt voranbringen. Wir können uns aufgrund des Zeitdrucks nicht mehr so wahnsinnig viele Blankoschecks leisten, nach dem Motto "Ja, ja, mit viel Geld kommt irgendwann die Lösung". Wenn wir nicht schnell von unserem hohen Ressourcenverbrauch runterkommen, werden wir weder den Klimaschutz, noch den Erhalt unserer Ressourcenquellen für neun Milliarden Menschen auf diesem Planeten hinbekommen.

Was fordern Sie neben einer stärkeren Besteuerung von Plastik und Recyclat-Quoten für Verpackungen noch von der Politik?

Krüger: Das Abfallwirtschaftsmanagement insgesamt muss auf den Prüfstand: Jedes Jahr erreichen wir neue Verpackungsrekorde, weil die Müllvermeidung für die Politik offenkundig keine Rolle spielt. Wir haben in Deutschland so viele Müllverbrennungsanlagen. Viele dieser Anlagen müssen in den kommenden Jahren renoviert werden und da stellt sich die Frage, ob wir wieder so große Kapazitäten aufbauen, die dann ein Interesse daran haben, immer wieder genügend Brennstoff zu bekommen? Oder sagen wir, wir dimensionieren die kleiner, damit wir gar nicht erst einen Nachfragedruck erzeugen?

Schneider: Ich sehe das genauso. Es ist ja leider so, dass in Deutschland so viel Plastik verbrannt wird wie noch nie. Im Gelben Sack ist zwar jede Menge Recycling-fähiges Verpackungsmaterial, aber es führt natürlich nur zur Kreislaufwirtschaft, wenn das dann auch tatsächlich recycelt wird und nicht genutzt wird, um die Verbrennungsanlagen auszulasten.

Und wenn man Plastik einfach verbietet? Könnten Sie sich vorstellen, für Ihre Frosch-Reiniger komplett auf Plastikverpackungen zu verzichten?

Schneider: Plastik komplett zu verbieten, hilft der Umwelt gar nicht. Gerade in unseren Warengruppen bei flüssigen Produkten, Putz- und Reinigungsmitteln ist Plastik an sich kein schlechter Verpackungsstoff, wenn man es im Kreislauf führt. Mit den richtigen Anlagen kann es mit verhältnismäßig wenig Energie sortiert und umgeschmolzen werden. Eine Plastikflasche kann man besser im Recycling-Kreislauf führen als eine Glasflasche, einen Blechkanister, ein Tetrapack oder gar Aluminium. Man muss es nur wollen.


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