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"Maybrit Illner" Die Suche nach dem Plan B für die Impfstrategie – und eine "etwas lächerliche" Idee

Die Talkunde bei Maybrit Illner
In der Runde bei "Maybrit Illner" wurden viele der üblichen Phrasen in der Impfdebatte gedroschen
© ZDF/Svea Pietschmann
"Bleiben wir doch cool", riet Daniel Cohn-Bendit angesichts von Engpässen beim Impfstoff und dem nahenden Impfgipfel. Im Talk bei Maybrit Illner waren dann aber nur die Frauen cool.
Von Andrea Zschocher

Eine paritätisch besetzte Sendung wie die von Maybrit Illner lässt kurz die trügerische Hoffnung entstehen, es ginge in Politiktalkshows nicht nur in weiten Teilen um das Ego der meist männlichen Talkgäste, sondern um Fachwissen und erhellende Einblicke für die ZuschauerInnen. Es bleibt zu hoffen, dass es der Moderatorin zumindest hinter den Kulissen peinlich ist, dass sie die drei Frauen, die aus erster Hand Einsichten zur Frage "Virus ohne Grenzen – hat Europa die Kontrolle verloren?" hätten geben können, so irritierend wenig zu Wort kommen ließ.

Stattdessen durften die Männer der Runde nicht nur einander Bestärkendes zurufen und Einigkeit in allen wichtigen Fragen simulieren, sondern darüber hinaus den Frauen auch noch bei den wenigen sich bietenden Gelegenheiten ins Wort fallen. Corona, natürlich auch das Thema dieser Sendung, kennt keine Grenzen, aber um den Geltungsdrang mancher Männer scheint es ähnlich bestellt zu sein.

Es diskutierten:

Diana Zimmermann, Leiterin ZDF-Studio London  

Cathryn Clüver Ashbrook, deutsch-amerikanische Politologin an der Harvard Kennedy School in Cambridge/Massachusetts  

Tonia Mastrobuoni, deutsch-italienische Journalistin, Berlin-Korrespondentin der "La Repubblica"  

Daniel Cohn-Bendit, deutsch-französischer Publizist und langjähriger EU-Abgeordneter von Bündnis 90/Die Grünen und Europe Écologie-Les Verts  

Christian Lindner (FDP), Parteivorsitzender und Fraktionsvorsitzender im Bundestag  

Peter Altmaier (CDU), Bundeswirtschaftsminister

Fehlende Entscheidungsmacht in der EU

Das große Problem – der Grund, warum es überhaupt zu den aktuellen Engpässen bei der Lieferung der Impfstoffe gekommen ist – seien laut dem ehemaligen EU-Abgeordneten Daniel Cohn-Bendit nicht die Verträge und die wirtschaftlichen Interessen der Pharmakonzerne, sondern, dass es "keine europäische Zuständigkeit bei Gesundheit" gibt. Er hätte dafür geworben, aber es gibt sie eben nicht und folglich auch keine Entscheidungsmacht in solch außergewöhnlichen Zeiten.  

Christian Linder befand, dass "zu wenig, zu langsam bestellt" worden sei, dass Deutschland im besten Fall mehr Impfstoff hätte bestellen müssen als es brauchen kann, um das dann an die Länder zu verteilen, die sich den Impfstoff gar nicht leisten können. Und Peter Altmaier ritt das alte Pferd, dass ja niemand hätte wissen können, welcher Hersteller nun überhaupt das Rennen macht und unter anderem deswegen sei die Vertragsgestaltung, deren genauen Inhalt er ja auch nicht kennt, so schwierig gewesen.

Statt nun in Kleinstaaterei zu verfallen und nach einem deutschen Weg zu suchen, wie es der für Montag anberaumte Impfgipfel in Aussicht stellt, wünscht sich Christian Lindner auch weiterhin den Versuch, eine europäische Antwort zu finden. Das ginge vor allem dann auf, wenn es einen europäischen Impfpass gäbe, der Freizügigkeit von Geimpften gewährleistet, wenn auf "verbundene Räume" geachtet würde, Teststrategien verbessert und die Durchsetzung von Maßnahmen wirklich kontrolliert werden würde. Musik in den Ohren Peter Altmaiers, der das ja prinzipiell auch so sieht. Das "Ziel war nie eine nationale Antwort", sondern immer eine europäische.

Die Populisten sind sprachlos

Aus dem europäischen Ausland konnte Tonia Mastrobuoni berichten. Die deutsch-italienische Journalistin, die knapp zehn Minuten vor Sendungsende auch mal befragt wurde, berichtete, dass Europa in der Pandemie zusammengewachsen sei. "Momentan sind die Populisten etwas sprachlos geworden", sagte sie und das ist immerhin ein wenig Hoffnung. Die Idee, Konzerne zu verklagen, weil sie nach einer "Best Efforts"-Klausel agieren, hielt die Journalistin für "etwas lächerlich".  

Lächeln musste auch Diana Zimmermann bei der Frage Illners, ob Großbritannien nicht Impfstoff an die EU abgeben würde. "Das kann ich mir wirklich nicht vorstellen", antwortete sie, denn immerhin schlachtet Boris Johnson den Impferfolg als "Rettung des Brexit" aus. Da Hilfe anzubieten, würde sein Momentum ruinieren. Allerdings, der Erfolg der Impfungen kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Gesundheitssystem in UK stark angeschlagen und über Jahre kaputt gespart wurde. Schätzungen gehen davon aus, dass es auch durch long covid Fälle mindestens fünf Jahre dauert, bis das Gesundheitssystem sich von dieser Pandemie erholt hat.  

Ähnliches berichtete Cathryn Clüver Ashbrook aus den USA: "Mit einer Impfkampagne erholt sich das Gesundheitssystem nicht", auch hier zeige sich, was über Jahre vernichtet wurde. Corona zeigt neben erheblichen wirtschaftlichen und persönlichen Folgen eben auch hier, wo über lange Zeit am Limit operiert wurde. Hier sei Europa deutlich im Vorteil, urteilte Daniel Cohn-Bendit. Europa habe "das beste Gesundheitssystem der Welt", es sei nicht gut (was die vorherige Aussage ja etwas ad absurdum führte), aber der 75-Jährige sei froh, hier zu leben. Seine Impfung wünschte er sich dennoch schnellstmöglich.

Weitere Themenpunkte:

– Wir brauchen einen Plan B

Christian Lindner bat darum, beim Impfgipfel auch darüber zu sprechen, dass die Impfstrategie, gerade auch im Hinblick auf den neuen Impfstoff von Astra Zeneca, angepasst werden müsse. Und er wünschte sich "die richtige Einstellung" der PolitikerInnen während des Gipfels.

– Hat Europa zu lange gezögert?

Maybrit Illner warf die Frage auf, ob Deutschland nicht per Notverordnung hätte den Impfstoff früher zulassen können. "Stellen Sie sich vor, es wäre schief gegangen?", entgegnete Daniel Cohn-Bendit und zeigte auf, wie wichtig umfangreiche Tests eben sind.

– Impfstoffproduktion auslagern?

Im Raum steht, ob Chemieunternehmen nicht ihre Produktionsabläufe so verändern können, dass sie im großen Stil Impfstoffe herstellen können. Peter Altmaier überlegte, ob die Hersteller dazu gezwungen werden könnten, die Lizenzen herauszugeben. Lindner verwies auf den Schutz von geistigem Eigentum und setzt stattdessen auf wirtschaftliche Anreize.    

Das Coronavirus setzt sich über alle Ländergrenzen hinweg und bis nicht weltweit genug Menschen geimpft sind, besteht immer wieder die Gefahr von Mutationen. Und auch wenn Peter Altmaier ja nicht viel von Kleinstaaterei hält, im Blick hatte er dann doch nur Deutschland, als er am Ende der Sendung ermahnte: "Es wird keine schnelle Lösung geben, wir werden noch ein, zwei Monate mit Einschränkungen leben müssen." Ob es sich "nur" um zwei Monate handelt, bleibt abzuwarten.


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