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Paneuropäisches Grenzpicknick: "Frei, endlich frei!": Wie ein Reporter vor 30 Jahren die Grenzöffnung in Ungarn erlebte

Am 19. August 1989 flohen mehrere hundert DDR-Bürger bei Sopron auf dramatische Weise über die ungarische Grenze. Die größte Massenflucht seit dem Bau der Mauer trug dazu bei, dass der Eiserne Vorhang fiel. Unser Autor war als Reporter dabei.

Von Ludwig Greven

DDR-Bürger flüchten beim "paneuropäischen Picknick" von Ungarn nach Österreich

DDR-Bürger flüchten beim "paneuropäischen Picknick" von Ungarn nach Österreich. Ludwig Greven (kleines Bild) war dabei

DPA

Bis zum historischen Sommer 1989 war die DDR für mich ein fernes Land, wie den meisten meiner in der Bundesrepublik aufgewachsenen Altersgenossen. Frankreich, Holland, Belgien waren mir als Rheinländer nicht nur geografisch näher. Die "Brüder und Schwestern im anderen Teil Deutschlands, in der SBZ", von denen meinen Vater häufig sprach und denen meine Mutter regelmäßig Päckchen mit Kaffee, Schokolade und Backzutaten vor Weihnachten schickte, waren mir so herzlich egal wie die Kerzen, die sie am "Tag der deutschen Einheit" am 17. Juni ins Fenster stellten. Die deutsche Teilung betrachtete ich wie viele Westdeutsche als gerechte Strafe für den von Nazi-Deutschland verbrochenen Zweiten Weltkrieg und den Holocaust, und den Arbeiter- und Bauernstaat zwar als furchtbare Diktatur, aber als unumstößliche Realität.

Nur einmal war ich in der DDR gewesen, über die evangelische Junge Gemeinde in einer Familie in Fürstenwalde, und ein paar Mal in Ostberlin. Was ich dort sah, kam mir spießig und grau vor. In der Gastfamilie kam mir zu Ehren eine Salatgurke auf den Tisch. "Etwas Besonderes", sagte mir die Mutter, "die gibt es nicht alle Tage". Als westdeutsches Nachkriegskind, der ich noch auf Trümmergrundstücken gespielt hatte, aber im wachsenden Wohlstand aufgewachsen war, fand ich das befremdlich.

Plötzlich mittendrin

Doch dann schickte mich die Nachrichtenagentur Reuters, für die ich damals als junger Reporter arbeitete, im August jenes Sommers nach Budapest, wo hunderte DDR-Bürger vor der Bonner Botschaft campierten und hofften, in den Westen ausreisen zu können. Ich sprach mit den verzweifelten Menschen, die in ihren Trabis, auf Campingstühlen oder auf dem Bordstein hockten und nicht mehr zurückkonnten, da ihnen schon für versuchte Republikflucht Gefängnis drohte. Sie sagten mir, dass sie sich ein besseres, freies Leben wünschten. Sie wollten nicht mehr drangsaliert werden, nicht mehr für Lebensmittel anstehen und viele Jahre lang auf eine Wohnung oder ein Auto warten müssen. Ihre Kinder sollten selbst entscheiden können, welchen Beruf sie ergreifen wollten, nicht der Staat und die allmächtige SED. Und sie wollten wie wir frei wählen und in nicht-sozialistische Länder reisen können.

Aus Bewohnern jenes fremden, merkwürdigen Staates wurden für mich mit einem Schlag ganz normale Deutsche mit verständlichen, völlig durchschnittlichen Wünschen und Hoffnungen. Anderntags beobachtete ich, dass Mitarbeiter der Bonner Botschaft auf dem Gelände des ungarischen Malteserhilfsdienstes, der die Gestrandeten versorgte, DDR-Bürgern westdeutsche Pässe für die Ausreise ausstellten. Ich vermeldete das. Kurz darauf beschwerte sich das Auswärtige Amt in Bonn bei meiner Chefredaktion, weil das Ausstellen von Pässen außerhalb des Botschaftsgeländes natürlich völkerrechtlich verboten war, die DDR-Regierung deshalb umgehend bei der ungarischen Regierung protestierte und die wiederum in Bonn. Helfer des Malteserhilfsdienstes beschwerten sich ebenfalls bei mir. Ich bekam ein schlechtes Gewissen.

Leere Zelte und verlassene Trabis am Balaton

Zwei Tage später fuhr ich zum Balaton, dem Plattensee. Denn die DDR-Leute vor der Botschaft hatten mir erzählt, dass dort auf Campingplätzen, in Ferienlagern und Pensionen tausende Weitere auf eine Gelegenheit warteten, über die nicht mehr so streng bewachte ungarische Grenze nach Österreich fliehen zu können. Zwei Monate zuvor hatten Ungarns Außenminister Gyula Horn und sein österreichischer Kollege Alois Mock symbolisch den Signalzaun durchschnitten. Die ungarische Reform-Regierung hatte schon vorher – getreu dem von Michail Gorbatschow ausgegebenen Glasnost-Kurs – begonnen, sich von der Führung in Ostberlin abzusetzen. Aber das Grenzregime blieb streng und undurchsichtig. Ein General der Grenztruppe hatte mir in einem Interview zwar am Vortag gesagt, dass der Schießbefehl aufgehoben sei, aber niemand wusste, ob das zu jedem Grenzsoldaten durchgedrungen war. Die Lage war unübersichtlich.

Auf den Campingplätzen am Plattensee sah ich viele leere Zelte und verlassene Trabis. Vor anderen Zelten saßen DDR-Bürger, die entweder linientreu waren, sich nicht trauten, wie sie mir erzählten, oder noch schwankten. Eine Gruppe von jungen Leuten sagte mir verstohlen, dass sie in der nächsten Nacht die Flucht wagen wollten. Im Morgengrauen holte ich sie mit meinem Leihwagen, einem BMW ab, den sie voller Bewunderung begutachteten. Wir fuhren durch einen Wald. Auf den Waldwegen standen unzählige von zuvor Geflüchteten zurückgelassene Trabis und VW-Golf mit DDR-Nummernschildern, die dort noch viel begehrter waren. "Meine Eltern haben 12 Jahre auf einen solchen Wagen gewartet", sagte einer der Jugendlichen lachend. Am Waldrand stiegen wir aus. Ich blieb zurück, die Gruppe schlich durchs Unterholz auf das freie Feld vor dem Grenzzaun zu und rannte dann gemeinsam los. Plötzlich tauchte ein ungarischer Grenzsoldat auf, mit Pistole in der Hand. Er lief hinter den Flüchtenden her und erwischte den letzten aus der Gruppe. Er führte ihn ab zum Waldrand. Aber nach einer längeren Diskussion, die ich das der Ferne beobachten konnte, ließ er ihn los und drehte achselzuckend ab. Der junge Mann rannte hinter den anderen her und sprang wie sie mit einem Jubelschrei über den Grenzzaun nach Österreich – in die Freiheit.

"Jeder nimmt ein Stück des Eisernen Vorhangs mit"

Ich fuhr zurück nach Budapest, nachdem ich meine letzte Reportage von der gelungenen Flucht durchtelefoniert hatte. Am nächsten Tag sollte ich zurückfliegen, zuhause wartete meine neun Monate alte Tochter auf mich. Doch am Abend sah ich an einem Laternenpfahl ein Plakat, auf dem die Paneuropa-Union des Kaiserenkels und CSU-Europaabgeordneten Otto von Habsburg, die ich für einen Revanchistenverein hielt, mit einer ungarischen Oppositionsgruppe zu einem "paneuropäischen Grenzpicknick" bei Sopron einlud. "Jeder nimmt ein Stück des Eisernen Vorhangs mit", stand darunter. Das elektrisierte mich. Denn mir war sofort klar, dass viele Teilnehmer es sicher nicht dabei belassen würden, nur ein Stück Stacheldraht herauszuschneiden.

Ich mietete mir wieder den BMW und raste noch in der Nacht mit einem Reuters-Fotografen erneut zum Plattensee. Unterwegs stoppte mich ein Polizist auf Motorrad, weil ich viel zu schnell fuhr. Als ich ihm sagte, wohin ich wollte, ließ er mich grinsend weiterrasen. Die US-Dollars, die ich als Geldbuße zahlen musste, steckte er in die eigene Tasche.

"Frei, endlich frei!"

Am nächsten Nachmittag stand ich mit einigen hundert DDR-Bürgern und Ungarn auf einem Feld, hörte mit ihnen eine salbungsvolle Rede einer Tochter Otto von Habsburgs, des Schirmherren des Grenzpicknicks. Sie sprach von der Sehnsucht der europäischen Völker nach Freiheit und Gemeinschaft. Anschließend sprachen einige ungarische Oppositionelle und Regierungsvertreter, aber ich konnte sie nicht verstehen. Die Teilnehmer des Picknicks wurden zusehends ungeduldig. Sie wollten endlich zum Grenzzaun. Schließlich setzte sich die Menge in einem langen Gänsemarsch in Bewegung. Die Stimmung war wie bei einem aufgeregten Schulausflug und gleichzeitig hochangespannt. Kaum einer redete, auf meine Fragen antworteten viele nicht, wohl aus Angst. Etwa eine Stunde lang gingen wir entlang von Feldern und Wäldern, bis die ersten zu einem Holzgatter kamen. Davor standen ein paar ungarische Grenzer mit umgehängten Köfferchen mit Stempeln, wie ich sie von den Fahrten mit dem Transitzug nach Berlin kannte. Auf der österreichischen Seite warteten einige Offiziöse, manche merkwürdigerweise zu Ross.

News im Video: Getanzte Grenzlinien und der Jahrestag des Mauerbaus

Ausgemacht war, dass das Grenztor für einige Stunden für eine paneuropäische Begegnung geöffnet werden sollte. Jeder, der in die eine oder andere Richtung passierte, sollte ein Tagesvisum in seinen Pass gestempelt bekommen. Aber dann stießen nach kurzem Zögern einige die verdatterten Grenzer kurzentschlossen zur Seite, schoben das Gatter energisch auf und rannten freudeschreiend auf die österreichische Seite, ihre Kinder an der Hand, manche mit Gepäck, die meisten ohne. "Frei, endlich frei!", riefen und sangen sie. Von der österreichischen Seite schallten Jubelrufe zurück. Die anderen drängten in Windeseile hinterher, es war ein einziges Gerenne und Geschubse, im wenigen Minuten stürmten etwa 600 bis 700 Menschen durch den bis vor Kurzem hermetisch geschlossenen Eisernen Vorhang Richtung Österreich. Nur ein Paar von etwa 40 Jahren, in DDR-typischen Stone-washed-Jeans-Jacken, blieb unentschlossen am Gatter stehen. Warum sie nicht den anderen hinterherliefen, fragte ich sie. "Ach, wissen Sie", sagte die Frau, "wir wollten eigentlich zu einem Motorradtreffen, das hier am Balaton jeden August stattfindet. Als wir die Trabi-Schlange sahen, haben wir uns als brave DDR-Bürger angeschlossen, weil wir dachten, die fahren alle dahin." Aber jetzt, wo die Grenze offen sei? "Nee, wir haben da hinten unseren Golf stehen und zuhause unser Häuschen. Wir gehen zurück."

Größte Massenflucht von DDR-Bürgern seit dem Mauerbau

Ich wusste nicht, ob ich darüber lachen oder mich nur wundern sollte. Viel mehr bewegte mich jedoch das, was ich gerade als Zeitzeuge und als einziger westlicher Journalist auf der ungarischen Seite beobachtet hatte: die größte Massenflucht von DDR-Bürgern seit dem Bau der Berliner Mauer, die von dem Tag an noch knapp drei Monate stehen sollte, was ich da aber natürlich noch genauso wenig wusste wie alle anderen. Doch mir war sofort klar, dass dies nicht ohne Folgen bleiben und den Erosionsprozess der DDR noch beschleunigen würde. Und ich fühlte mit den Menschen, die da gerade ihre Freiheit gewonnen hatten.

Fast noch mehr beschäftigte mich jedoch eine ganz praktische Reporterfrage: Sollte ich den Flüchtlingen hinterherlaufen, um die Weltsensation vom erstbesten Telefon nach Bonn durchzugeben? Denn Handys gab es da ja noch nicht. Aber dann hätte ich den Fotografen zurücklassen müssen, der mit seinen Bildern dringend nach Budapest musste, um sie zu entwickeln und zur Reuters-Zentrale nach London zu funken. Wir rannten zurück und ich bretterte mit dem BMW los. Ich stoppte am ersten Haus, das wir sahen, klopfte heftig an der Tür. Doch der ältere Bewohner, den ich mit Händen und Füßen fragte, ob er ein Telefon habe, schüttelte bedauernd den Kopf. So ging es mir auch bei den nächsten Häusern, bis ich schließlich ein kleines Hotel fand, von dem aus ich den ersehnten Anruf tätigen konnte. Aber da war mir ein Kollege der österreichischen Presseagentur APA schon einige Minuten zuvorgekommen. Das war mir in dem Moment jedoch ziemlich egal. Ich war mit Adrenalin und Freude bis oben hin voll. Reporterglück nennt man es, wenn man als Journalist durch glückliche Umstände ein bedeutendes Ereignis verfolgen kann oder einer wichtigen Sache auf die Spur kommt. Aber auf der eiligen Fahrt zurück nach Budapest fühlte ich mich selbst ähnlich glückstrunken wie die kurz zuvor Geflüchteten und wie am 9. November 1989 die Menschen in der Nacht, als die Berliner Mauer aufging.

Parallelen zur Flüchtlingswelle dieser Zeit

An diese Massenflucht und dieses Glücksgefühl denke ich oft. Besonders seit dem Beginn der sogenannten Flüchtlingskrise 2015. Was daran ist eigentlich eine "Krise"? Und wie können ausgerechnet Menschen in der ehemaligen DDR dagegen sein, dass Mitmenschen, die sich wie sie damals ein besseres Leben ersehnen, Grenzen überwinden?, frage ich mich seitdem immer wieder. Sicher: Die, die damals durch das Gatter stürmten, waren Deutsche. Und nicht wenige, die seitdem aus anderen Ländern gekommen sind, flohen nicht vor Verfolgung oder Krieg. Aber macht das einen großen Unterschied? Und sind nicht damals auch viele DDR-Bürger in den Westen geflohen und nach der Grenzöffnung gezogen, weil sie einen besseren Job, mehr Geld und unbegrenzten Konsum wollten?

In diesem Frühjahr traf ich zufällig einen Vater und Sohn aus Jena, die bei dem Grenzpicknick geflohen waren. Sie erzählten mir, dass sie damals "den Atem der Geschichte" gespürt hätten, vor allem aber von ihrem "großen Glück", ihr Leben im Westen selbst in die Hand nehmen zu können. Die Mutter dagegen wurde die Sehnsucht nach der früheren Heimat nicht los, sie wurde depressiv. Dennoch hätten sie es nie bereut, auch wenn sie sich auch nach 30 Jahren im Westen noch nicht endgültig verwurzelt fühlen. So geht es vielen anderen Flüchtlingen und Migranten auch.