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Andreas Petzold: #DasMemo: Die SPD und die K-Frage - Führungsstärke geht anders

Erst Ende Januar will die SPD entscheiden, wer als Kanzlerkandidat gegen Merkel antritt. Sigmar Gabriel oder Martin Schulz, das ist die Frage. Doch mit dem Zögern tun sich die Genossen keinen Gefallen.

Martin Schulz und Sigmar Gabriel

Martin Schulz (l.) und Sigmar Gabriel: Bislang hat sich die SPD noch nicht auf einen Kandidaten geeinigt

Die Ansage sollte für Ruhe sorgen, letztlich jedoch befeuert die Botschaft aus der SPD-Zentrale Anfang der Woche die Unsicherheit in der Partei. "Anders als die CDU" wolle man Programm und verbinden, verkündete Generalsekretärin Katarina Barley. "Wir wollen nicht nur eine Personaldebatte führen, sondern eine inhaltliche Debatte." Deshalb soll die Entscheidung über die Frage, welcher Sozialdemokrat die Partei als Kanzlerkandidat in den Wahlkampf 2017 trägt, erst Ende Januar in den Gremien fallen.

Die Logik erschließt sich nicht so ganz. Würde beispielsweise ein Sigmar Gabriel demnächst öffentlich seine Anwärterschaft erklären, wäre das ein selbstbewusstes Signal an die Öffentlichkeit, an die für die SPD so wichtigen Gewerkschaften und an die Partei. Das Image des mal wieder zaudernden Sigi wäre einigermaßen korrigiert. Und es wäre ja sinnvoll, wenn die politischen Ideen des Kandidaten auch die späteren Wahlkampfaussagen prägen würden und nicht ein zum Programm passender Kandidat gefunden werden müsste. Davon hängen nicht zuletzt dessen persönliche Glaubwürdigkeit und Überzeugungskraft im Wahlkampf ab. Deshalb ist die jetzt verklausuliert ausgegebene Losung "Erst der Inhalt, dann der Kandidat" wenig einleuchtend.

Schulz wartet auf Entscheidung im Europaparlament

Wo hakt es nun? Anders als in der CDU verfügt die über eine Alternative für die Kanzlerkandidatur: den Präsidenten des Europaparlaments, Martin Schulz. Am liebsten würde er noch eine weitere Amtsperiode in Straßburg und Brüssel dranhängen, darüber wird Mitte Januar im Europaparlament entschieden. Dagegen wehrt sich dort die konservative Fraktion, weil laut einer vor zwei Jahren getroffene Abmachung der Vorsitz im Januar an einen Konservativen gehen soll. Gleichzeitig hat sich Schulz als Kanzlerkandidat in Berlin ins Gespräch gebracht.

Das ist für manche in der Sozialdemokratie nicht uninteressant, weil er höre Sympathiewerte genießt als Gabriel. Anfänglich hatte Schulz eine Kanzlerkandidatur noch mit dem SPD-Parteivorsitz verknüpft. Denn sonst hätte er nach einer verlorenen Wahl ohne Perspektive von der großen politischen Bühne abtreten müssen. Aber den Chefposten wird Gabriel nicht abgeben. Und es wäre ab Februar auch noch der Posten des Außenministers zu vergeben. Der Job ist wie maßgeschneidert für den polyglotten Schulz.

Kanzlerkandidat mit Verlierer-Image?

Die Optionen in der Parteispitze sind also komplex wie ein Strickmusterbogen. Dabei bräuchte es nur den Willen von , eine Schneise zu schlagen und Anfang Dezember, zumindest vor Weihnachten, für Klarheit zu sorgen. Als Parteichef hat er - und das wird unter den Spitzengenossen ja auch dauernd klargestellt - das alleinige Zugriffsrecht auf die Kandidatur. So aber, wie es jetzt beschlossen wurde, sieht es für die Öffentlichkeit aus, als würden die Sozialdemokraten ihre Personalentscheidungen einzig vom Ausgang des Pokerspiels im Europaparlament abhängig machen. Und das ist fatal. Wenn Schulz feststellen würde, dass seine Wiederwahl chancenlos wäre, bliebe das der Öffentlichkeit nicht verborgen. Dann würde er mit einem Verlierer-Image als Kanzlerkandidat oder als Außenminister nach Berlin wechseln. Eine schlechtere Ausgangsposition ist kaum denkbar.

Gegen Schulz spricht darüber hinaus, dass er eine rot rot-grüne Option nicht glaubwürdig vertreten könnte. Die Antihaltung der Linken bei den Themen Nato, Euro und EU wäre dem überzeugten Europäer schlicht zuwider. Gabriel hingegen könnte zumindest die Illusion einer linken Mehrheit aufrechterhalten, auch wenn daran in der SPD niemand so recht glauben mag.

Doch Gabriel will sich nicht drängen lassen, schon gar nicht von den Medien, wie er immer gerne betont. Er zögert offensichtlich, weil er seiner Partei nicht sicher ist. Fraglich, ob sich das bis Ende Januar ändert. Leadership, Führungsstärke, ist in der Sozialdemokratie keine besonders populäre Eigenschaft. Zeit wird es, dies zu ändern.