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"Ein Nazi, hochgradig narzisstisch" Er lieferte Attila Hildmann an Anonymous aus. So schildert Kai E. die spektakuläre Aktion

Attila Hildmann
Attila Hildmann
© Bernd von Jutrczenka / DPA
Dem Hacker-Kollektiv "Anonymous" ist es gelungen, die digitale Infrastruktur des in die Türkei geflüchteten Querdenker-Idols Attila Hildmann zu kapern. In einem Zoom-Chat erzählt Whistleblower Kai E., wie er das schaffte.
Am Ende dieses außergewöhnlichen Zoom-Calls bekommt die Szenerie fast etwas Gespenstisches. Kai E. sitzt vor seinem Laptop – vermutlich irgendwo in der Türkei – und gibt ausgewählten Journalisten zuhause in Deutschland Auskunft, wie er mit dem Hacker-Kollektiv Anonymous den prominentesten deutschen Verschwörungsideologen Attila Hildmann zur Strecke gebracht hat. Als die Dämmerung hereinbricht, nimmt sein Gesicht mit dem blonden Hipsterbärtchen im Halbschatten die Züge jener Maske an, hinter der sich die Anonymous-Aktivisten seit ihrer Gründung Mitte der Nullerjahre verbergen. Darauf angesprochen lacht E., und zückt auch schon jene Guy Fawkes-Maske selbst, die er griffbereit vor sich auf dem Tisch liegen hat.
Es ist wohl eine der spektakulärsten Aktionen, die Anonymous Germany bisher gelungen ist: Der 22-Jährige E., der monatelang an Attila Hildmanns Seite als Vertrauter und IT-Administrator gestanden hatte, verbündete sich mit dem Kollektiv. Und ermöglichte die Übernahme der digitalen Infrastruktur, nachdem er sich die Zugänge zu diversen Hildmann-Kanälen und Accounts erschleichen konnte. Seitdem spricht auf diversen Hildmann-Seiten jenes legendäre "Anonymous"-Gesicht und verkündet mit verzerrter Stimme die erfolgreiche Okkupation. Angeblich sind auch an die 100.000 E-Mails und Nachrichten, darunter Informationen über Hildmanns Netzwerk und seine Kontakte, in den Händen von "Anonymous."

Anonymous: "Behörden kommen Arbeit nicht nach"

Am Mittwochabend präsentierte sich E. nun per Zoom-Chat und legte zum Teil seine Motive dar. Beim Überprüfen von Geschäftshandys habe er festgestellt, dass Attila Hildmann schon seit langem Hitler-Bilder und ähnliches gesammelt habe. Kai E., der sich selbst als "Verschwörungstheoretiker" bezeichnet, sei anfangs "offen" gewesen, Hildmann kennenzulernen. "Ich wollte ihm helfen, dachte, die radikalisieren ihn durch die Medienhetze – aber das stimmte nicht, der war von Anfang an ein Nazi." Und: "Er ist ein Antisemit, ein Rassist, ein Faschist, ein dummer und in seiner Weltsicht verklemmter Typ." Hildmann "liebe den Krieg, liebe den Kampf".
Vorweg verlas E. eine Erklärung von "Anonymous", die sich als "Vertreter eines losen Kollektivs von Aktivisten, Hackern und gelangweilten 14-99-Jährigen Kellerkindern" vorstellen. Erst wird auf die Erfolge hingewiesen, die "scheinbar rasant wachsende" Querdenkerpartei "Widerstand 2020" lahmgelegt zu haben. "Attila Hildmann fiel dem Kollektiv unter all den Schwurblern besonders ins Auge, weil er den Anonymous Claim ‚Wir vergeben nicht – wir vergessen nicht – erwartet uns‘ missbrauchte", heißt es darin. Man habe begonnen, Hildmanns Reichweite auf Telegram zu begrenzen, habe dafür sein Administrationsteam unterwandert und mit den Adminrechten Tausende Mitglieder aus dem Chat verbannt, wofür Atilla ein Kopfgeld auf Mitglieder des Kollektivs ausgesetzt habe. Hinzu sei ein Aufruf gegen die so genannte "Antifa-Anonymous" gekommen, die so nicht existiert. Aus der Einschätzung des Kollektivs eine Gefahr für "unbeteiligte Gegendemonstranten, Journalisten, sowie unzureichend anonymisierte Trolle aus Telegram."
"Wir befinden uns in einer Situation, in der die Behörden ihrer Arbeit nicht nachkommen, Großkonzerne eigene Regeln anstelle von Gesetzen schreiben und durchsetzen, und die Politik seit Jahren diese Missstände nicht effektiv angeht", prangern Anonymous in ihrem Pamphlet an. "Um die Lücken, die durch dieses Versagen entstehen als Teil der Gesellschaft mit zu schließen, wählt Anonymous manchmal Mittel außerhalb des rechtlichen Rahmens." (sic!) Eine Erklärung, die im Zusammenhang der Sperrung des Anonymous-Accounts durch Twitter gesehen werden muss, wo man der Gruppe einen Verstoß gegen die Communityregeln vorwirft. Auch der Videoclip, auf dem das Entern von Hildmanns Seiten verkündet wird, ist inzwischen gesperrt.

Vom Hildmann-Vertrauten zum Anonymous-Aktivisten

Wer ist nun dieser Kai E.? Laut Anonymous-Informationen wurde er 1999 in Bayern geboren. Anfang 2020 habe er unter diversen Alias-Namen selbst begonnen, auf Instagram, Telegram und Facebook diverse Verschwörungstheorien zu posten, die sich durch den entstandenen Kontakt zum früheren Veganer-Koch und Verschwörungsideologen Hildmann eilig radikalisierten. Einem der Anonymous-Blogs ist zu entnehmen, dass sich E. schon länger in deren Visier befunden hatte, umso größer also die Verwunderung für die Aktivisten, "als ausgerechnet Kai E. sich am 18. August 2018 per Chat meldete."
Weiter heißt es auf der Seite: "Wenn die Tatsache, dass Kai sich meldete, schon überraschend war, so war es in gesteigertem Maße das, was er uns offenbarte und anbot: Attilas Welt zu unseren Füßen", steht auf dem Blog AnonLeaks zu lesen.  Der zeitweilige Wegbegleiter Hildmanns habe in einem Geschäftshandy des einstigen Starkochs "schon irgendwie so eine Nazi-Scheiße", gefunden. "Hitler, Hakenkreuze, Nationalsozialismus, Bilder, Texte auch auf anderen Geräten, schon vor 2018." Auf Nachfrage habe E. bestätigt, dass er ihn klar für einen Nazi halte – und für gefährlich: "Wenn jetzt da nicht gehandelt wird, dann ist es fahrlässige Tötung", so seine eindringliche Warnung.
Wann genau der innerliche Wandel von Kai E. stattgefunden haben mag, bleibt unklar. Anfangs sei er sogar als sein Mitbewohner an seiner Seite gewesen, "war in seiner Villa in Wandlitz ständig vor Ort, auf Demos, habe ihm das Gefühl gegeben: Ich habe so lange für ihn gekämpft, ich brauche auch mal Urlaub." So habe er ihm schließlich auf der Flucht vor der deutschen Strafverfolgung über Polen, Slowakei und  Bulgarien in die Türkei folgen können, wo Hildmann in mehreren Villen in der Ortschaft Kayaköy in der Nähe von Bodrum untergetaucht sei.
E. betont, selbst kein Nazi zu sein, heimlich Kontakte Hildmanns zu Rechtsextremisten unterbunden zu haben. Etwa als "wirklich, wirklich gefährliche Leute" auftauchten, sich Vertreter der neonazistischen Partei "Der III. Weg" meldeten und versucht hatten, sich mit Hildmann zu verbünden. Schon damals habe er Radikale den deutschen Behörden gemeldet – ohne Erfolg. Derer habe es einige gegeben. "Da war ein Typ, der keine Kontrolle mehr über sich hat", der gesagt habe "die Antifa hat sein Leben zerstört, er bringt alle um, da habe ich das sofort der Polizei gemeldet, die meinten, sie gucken ihn sich an, es kam nie was zurück."

"Er ist hochgradig manipulativ und selbstverliebt"

Der Haftbefehl habe dazu geführt, dass sich Hildmann um ein weiteres radikalisierte, und begann, offen antisemitisch zu agieren. Welche Gefahr geht von Hildmann direkt aus? "Ich kann die Frage gut verstehen, er ist absolut unberechenbar, wenn er eskaliert, aber ich habe ihn als laute drohende, aber kleine Wurst kennengelernt", so Kai E. "Er hat viel gedroht, aber nie etwas gemacht, sich vor Leuten aufgebaut und gesagt: Ich schlag' dich kaputt, aber er kann nichts anderes als schreien." Hildmanns Followerschaft sei "eine absolut unkalkulierbare Quelle von Gefahren." E. sagt: "Ich sehe diese Leute als absolut gefährlich." Wenngleich deren Zahl überschätzt würde, schließlich habe er selbst einen Großteil "für ein paar Euro" gekauft.
Wie krank schätzt er Attila Hildmann ein? "Ich bin kein Arzt, um sagen zu können, ist der psychisch krank?", so Kai E. "Meine persönliche Wahrnehmung ist, dass er hochgradig narzisstisch ist und manipulativ, total selbstverliebt. Aber das meiste seiner Erfolgsgeschichte und der angebliche Antrieb, wieso er diesen Kampf führt, ist gelogen. Er ist ein weinerliches Kind, eine lächerliche Type, bemitleidenswert." In den Ausführungen des Kai E. ist immer noch viel Bitterkeit und Enttäuschung zu verspüren. Ob es auch gute Momente gegeben hat, an denen er Attila Hildmann auch wirklich mochte? Das sei sehr lange her. "Es gab Momente, an denen ich Mitgefühl hatte, da war ich ziemlich aufgeschlossen und dachte, es könnte sein, dass es ein guter ist, der bloß radikalisiert wurde."
Eine der spannendsten Fragen im Hildmann-Komplex war stets jene, wie der scheinbar erfolgreiche Geschäftsmann, Veganer-Held und Kochbuchautor seine ganze Karriere aufgeben und zum Volksverhetzer werden konnte. Einer Darstellung, der Kai E. energisch widerspricht. "Es war alles auf Fake aufgebaut", sagt er. Hildmann sei "vor Corona hochgradig verschuldet", gewesen, "mit sechsstelligen Steuerschulden", wie er herausgefunden haben will. "Er hatte ohnehin schon nichts mehr zu verlieren, er ist einer der größten Versager."

Kai E. bezeichnet sich als Verschwörungstheoretiker

Deutliche Kritik übt Kai E. am öffentlichen Umgang mit Hildmann und seiner Radikalisierung. "Alles, was wir als Reaktion auf ihn gemacht haben, auch die Medien, die mit ihm Waldspaziergänge gemacht haben, das war alles falsch." Wobei nicht klar wird, inwiefern sich seine eigenen medienwirksamen Enthüllungen über Hildmann davon unterscheiden könnten.
Es stellt sich die Frage, wo dieser Kai E. eigentlich steht, der sich anfangs nicht ohne Zufall in Hildmanns Umfeld begeben hatte. "Ich sehe mich als Verschwörungstheoretiker", sagt er, und er glaube, dass "diese Pandemie nicht so ist, wie man sie darstellt." Weiter könne er aber nicht darauf eingehen, das würde zu weit führen, "müsste auf die Entwicklung der Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten eingehen." Was vielleicht auch besser ist. Jedenfalls sei er einer "der nicht bloß Schwarz und Weiß", sondern auch "die Grautöne sehe".
In weißem Kapuzenpulli spricht Attila Hildmann in das Mikrofon eines Megafons und hebt dabei den linken Zeigefinger
Hildmann hat sich inzwischen auf neuen Kanälen gemeldet, droht, stellt Ultimaten. "Wir haben einiges in petto und lassen den Mann nicht ungeschoren davonkommen". Man habe weitere Leute in Hildmanns Umfeld eingeschleust – "das gute ist, er weiß nicht, wer". In den kommenden Wochen dürften also weitere Enthüllungen folgen, und mancher Mitstreiter Hildmanns dürfte zittern. Schließlich muss vermutet werden, dass Hildmann einen Hinweis auf seine bevorstehende Verhaftung erhalten hatte, von der nur wenige Menschen im Justizbereich wissen konnten. Schon jetzt lässt diese Geschichte geradezu shakespearehafter Dimension erahnen, ein großer Spannungsbogen von Enttäuschung und Verrat.

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