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Krieg in Afghanistan "An jedem Tag, an dem die Taliban vorrücken, wächst die Niederlage des Westens"

Afghanische Sicherheitskräfte patrouillieren in Herat, nachdem Taliban die Stadt angegriffen haben
Afghanische Sicherheitskräfte patrouillieren in Herat, nachdem Taliban die Stadt angegriffen haben
© Hamed Sarfarazi / DPA
Die Taliban erobern immer größere Teile Afghanistans. Am Wochenende haben sie auch die 370.000-Einwohner-Stadt Kundus besetzt, wo die Bundeswehr jahrelang stationiert war. So bewertet die Presse den Vormarsch der Islamisten.

Seit dem Beginn des Abzugs der internationalen Truppen Anfang Mai sind in Afghanistan die Taliban auf dem Vormarsch. Zunächst gelangen ihnen vor allem im ländlichen Raum massive Gebietsgewinne. Mittlerweile kontrollieren die Islamisten mehr als die Hälfte der rund 400 Bezirke des Landes und auch mehrere Grenzübergänge.

Zuletzt verlagerten sich die Kämpfe zunehmend in die Hauptstädte der 34 Provinzen. Am Sonntag brachten die Taliban Kundus im Norden des Landes unter ihre Kontrolle – einer ihrer wichtigsten Erfolge bei ihrer aktuellen Offensive. In Deutschland ist die 370.000-Einwohner-Stadt vor allem bekannt, weil die Bundeswehr jahrelang in der Nähe ein großes Feldlager hatte. Erst Ende November hatten die letzten 100 deutschen Soldaten das "Camp Pamir" offiziell verlassen. Die US-Militärmission in Afghanistan endet am 31. August. Der Abzug ist amerikanischen Angaben zufolge zu mehr als 95 Prozent abgeschlossen.

So kommentiert die deutsche und internationale Presse den Vormarsch der Taliban in Afghanistan und das Ende der internationalen Militärpräsenz:

"Südwest Presse" (Ulm): "Nun zerstören die Taliban alles, was in den vergangenen zwei Jahrzehnten die Militärintervention rechtfertigen sollte. Nicht einmal die Terrorgefahr ist gebannt. Auf die überforderten, afghanischen Streitkräfte sollte niemand hoffen. Am Ende werden wieder einige Warlords gegen die Taliban antreten und der Krieg, den auch wir geführt haben, wird endgültig zum Bürgerkrieg. An jedem Tag, an dem die Taliban vorrücken, wächst die Niederlage des Westens."

"Straubinger Tagblatt/Landshuter Zeitung": "Es stimmt, die Völker der beteiligen Staaten waren des Konflikts überdrüssig. Doch wenn Afghanistan nun wieder ein islamistischer Gottesstaat und eine Terrorbasis wird, steht das Land exakt dort, wo es 2001 stand. Der Rückzug war ein Fehler, den sich vor allem US-Präsident Joe Biden ankreiden lassen muss (...)."

"Stuttgarter Zeitung": "Das einzige, was in Afghanistan wirklich funktioniert, ist die Loyalität zur eigenen Sippe. Die Taliban repräsentieren das Wesen und die Werte vieler Afghanen, ob es uns gefällt oder nicht. Nur ihre extreme Scharia-Auslegung missfällt den meisten Menschen dort. Mäßigen sie sich in diesem Punkt, werden sie wieder herrschen."

"Erneut Soldaten zu schicken, hieße, mit dem gleichen Kopf gegen dieselbe Wand zu rennen"

"Mitteldeutsche Zeitung" (Halle): "Es ist eine naheliegende Lesart, wenn nun deutsche Außenpolitiker warnen, dass gerade verloren geht, was westliche Helfer und Soldaten in Jahrzehnten aufbauten. Und dass es am Westen liege, aus Sorge um die eigene Sicherheit und aus Verantwortung für die Bevölkerung, die Taliban erneut zu stoppen. Nur ist das leider der Ansatz, der den Krieg stets verlängert, aber nie beendet hat. Erneut Soldaten zu schicken, hieße, mit dem gleichen Kopf gegen dieselbe Wand zu rennen. Realistischer ist das Eingeständnis, dass das Kapitel der Nato-Intervention abgeschlossen ist und dass die Mehrheit der Bevölkerung die Taliban zwar ablehnt – aber auch die westlichen Eingriffe nie wirklich unterstützt hat. Es bleibt aber die Hoffnung, dass auch die Taliban nach diesen 20 Jahren nicht weitermachen, wo sie 2001 aufhören mussten."

"Nordwest-Zeitung" (Oldenburg): "Die Taliban haben keinen Grund, ernsthaft zu verhandeln. Auf ihren politischen Wandel zu hoffen, ist naiv. Sie bleiben Vertreter einer so erbarmungslosen wie blutgierigen Lesart des Islam. Es wäre darüber nachzudenken, ob der Westen den überhasteten Abzug rückgängig macht. Offenkundig sind nur ausländische Truppen in der Lage, wenigstens den fragilen Status quo im Lande zu sichern und zu verhindern, dass Afghanistan wieder zu einer Brutstätte des internationalen Terrors wird. Voraussetzung für den Erfolg ist allerdings, dass der Westen sich entschließt, den Krieg dann auch mit aller Konsequenz zu führen. Genau damit ist aber nicht zu rechnen. Europa und die USA jedenfalls ernten gegenwärtig die Früchte ihrer militärischen und politischen Inkonsequenz."

"Dithmarscher Landeszeitung" (Heide): "Die USA wollen Ende dieses Monats ihre letzten Truppen aus Afghanistan abziehen. Die Taliban können problemlos warten, während die Situation für viele Zivilisten unerträglich wird. Der Fall von Kundus sollte die internationale Gemeinschaft aufrütteln, sofort erneut eine politische Lösung für diesen wichtigen zentralasiatischen Staat anzustrengen. Denn je stärker die Taliban werden, desto weniger verhandlungsbereit werden sie. Und ihr Vorrücken wird den Flüchtlingsstrom nach Europa vergrößern. Das Schicksal Afghanistans kann uns nicht egal sein."

Afghanistan: Dolmetscher fürchten nach Abzug deutscher Truppen um ihr Leben

"Badische Zeitung": "Nichts wird besser in Afghanistan, im Gegenteil. Die Einnahme von Kundus durch die Taliban mag den Deutschen besonders symbolträchtig vor Augen führen, wie wenig die internationalen Bemühungen zur Stabilisierung des Landes in den vergangenen zwei Jahrzehnten gefruchtet haben. (...) Manches erinnert an den Siegeszug der Terrormiliz Islamischer Staat 2013/2014 im Nordirak nach dem Abzug der Amerikaner. Im Irak griffen die USA mit einer internationalen Allianz damals erneut militärisch ein, wendeten das Blatt. Ähnliches fordert nun der CDU-Außenpolitiker Norbert Röttgen für Afghanistan. Und dann? Sollen westliche Truppen noch zwei Jahrzehnte am Hindukusch bleiben? Das Dilemma des Westens freilich ist nichts gegen die Lage der Afghanen. Die Zahl der zivilen Opfer steigt, viele fürchten eine neue Schreckensherrschaft der Taliban, Zehntausende sind schon auf der Flucht."

"Europa muss sich auf einen Massenexodus aus Afghanistan vorbereiten"

"Frankfurter Allgemeine Zeitung": "Selbst wenn die deutschen Soldaten aus Kundus abgezogen sind, wird uns das Scheitern in Afghanistan weiter beschäftigten. Erstens ist da die Frage, wie Deutschland mit seiner Verantwortung für die Afghanen und deren Familien umgeht, die von den Taliban geächtet wurden, weil sie für die Bundeswehr gearbeitet haben. Zweitens kommt die Debatte über eine Abschiebung von Afghanen nicht an der Einsicht vorbei, dass es in Afghanistan im Grunde keine sicheren Regionen mehr gibt. Denn das Land versinkt in einem Bürgerkrieg. Drittens müssen sich die Nachbarstaaten und Europa auf einen Massenexodus aus Afghanistan vorbereiten. Zehntausende marschieren bereits zu Fuß durch Iran auf die Grenze zur Türkei zu. Deutschland hatte mit der gesamten Nato Verantwortung für Afghanistan übernommen. Jetzt lassen wir das Land im Stich."

"Allgemeine Zeitung" (Mainz): "Für Deutschland ist das Thema durch den Abzug aber noch nicht beendet. Denn es trägt nach wie vor Verantwortung. Zum Beispiel für jene Afghanen und deren Familien, die Deutschland und seinen Partnern geholfen haben. Und die nun zur Zielscheibe der Taliban werden. Darüber hinaus erwartet Europa und damit auch Deutschland, sollten die Taliban die afghanische Hauptstadt Kabul einnehmen, ein Flüchtlingsstrom, der die Ausmaße der Fluchtwelle aus Syrien von 2015 erreichen kann. Jenem Jahr, in dem Angela Merkel erstmals sagte: "Wir schaffen das." Und nicht zuletzt berührt die Wendung in Afghanistan auch die Abschiebefrage. Wir können Hilfesuchende nicht einfach wieder in ein Land wieder zurückschicken, in dem Bürgerkrieg herrscht und es keine sicheren Regionen mehr gibt."

Krieg in Afghanistan:  "An jedem Tag, an dem die Taliban vorrücken, wächst die Niederlage des Westens"

"Rhein-Neckar-Zeitung" (Heidelberg): "Mit 'uneingeschränkter Solidarität' (Kanzler Schröder) folgte Deutschland im Jahr 2001 den USA in den Afghanistankrieg. Obwohl 15 der 19 Attentäter des 11. September aus Saudi-Arabien stammten, war es das Schreckensregime der Taliban, das bluten sollte – weil sich der ebenfalls saudische Drahtzieher bin Laden dort angeblich versteckte. Die Begründung dieses Krieges war vom ersten Tag an falsch. Noch falscher war dann die des Irakkrieges – aber beide Kriege zusammen haben den islamistischen Terror erst entfesselt. (...) Als Bischöfin Käsmann 2010 frustriert feststellte, nichts sei gut in Afghanistan, war der Aufschrei in Deutschland groß. Er sollte jetzt deutlich größer sein. Denn jetzt ist nicht nur nichts gut, sondern alles für die Menschen in Afghanistan schlimmer."

Internationale Pressestimmen:

"The Times" (Großbritannien): "Die internationale Gemeinschaft wird die Folgen unweigerlich zu spüren bekommen. Bisher gibt es zwar kaum Anzeichen dafür, dass das Chaos Terroristen, die den USA und ihren Verbündeten Schaden zufügen wollen, einen sicheren Hafen geboten hat. Westliche Nachrichtendienste gehen jedoch davon aus, dass die Taliban entgegen den Bedingungen des Abkommens, auf dem der Rückzug der USA beruhte, weiterhin Verbindungen zu al-Kaida unterhalten. In Wahrheit kann man sich kaum ein gastfreundlicheres Umfeld für Terroristen vorstellen als ein von den Taliban kontrolliertes Afghanistan. Eine neue Flüchtlingskrise, die auch die Grenzen Europas erreicht, ist ebenfalls wahrscheinlich. Afghanistans beste Hoffnung besteht darin, dass die internationale Gemeinschaft sich zusammenfindet und alle ihr zur Verfügung stehenden Mittel gegenüber den Taliban einsetzt – Entwicklungshilfe, Handel, Sanktionen oder andere Formen der Einflussnahme –, um ihnen Zugeständnisse in Bezug auf die Art und Weise abzuringen, wie sie die Kontrolle über das Land ausüben und mit wem sie ihre Macht teilen."

"De Tijd" (Belgien): "Ein Sieg der Taliban wäre schlecht für die westliche Welt. Er würde unweigerlich einen Exodus bewirken. Viele Afghanen dürften ihr Glück anderswo suchen – wie es die Syrer taten, als bei ihnen der Bürgerkrieg ausbrach. Die Migrationsbewegung ist bereits in Gang gekommen, aber der Vormarsch der Taliban wird wohl noch mehr Menschen in die Flucht treiben. Und zwar unweigerlich in Richtung Europa. Zugleich ist die Annahme, dass die Türkei erneut die Rolle einer Pufferzone vor Europa spielen wird, eine Illusion. Afghanistan ist nicht einmal ein Nachbarland der Türkei. Und je länger die Aufnahme der Syrer dauert, desto größer wird dort der Widerstand dagegen. Letzten Endes kann Afghanistan auch wieder eine Brutstätte für den internationalen Terrorismus werden. Al-Kaida hat dort vor 20 Jahren einen sicheren Hafen gefunden. Ein ähnliches Szenario kann sich erneut entwickeln. Afghanistan steht vor einer hochexplosiven Phase, und wie es scheint, sind jegliche Kontrollmöglichkeiten verloren gegangen."

"De Telegraaf" (Niederlande): "Der Vormarsch der Taliban in Afghanistan ist beunruhigend. Die Einnahme von Kundus, wo auch die Niederlande mit einer Ausbildungsmission aktiv waren, wird als großer Sieg für die muslimischen Extremisten gewertet. Natürlich konnten die westlichen Truppen nicht ewig in Afghanistan bleiben. Aber wurde nicht zu früh zum Rückzug geblasen? Die afghanische Armee ist noch nicht in der Lage, allein zurechtzukommen und den Taliban nicht gewachsen. Es scheint nur eine Frage der Zeit zu sein, bis Afghanistan wieder zu einem sicheren Hafen für weltweit operierende Terroristen wird."

"Wall Street Journal" (USA): "Die Biden-Regierung beharrt weiterhin darauf, dass die Diplomatie die einzige Lösung in Afghanistan sei. Die Taliban haben andere Vorstellungen, während ihr militärischer Vormarsch sich auf ein immer größeres Territorium in Afghanistan erstreckt (...). Mit Ende der amerikanischen Luftunterstützung Ende August werden weitere Städte fallen, und das Blutbad wird eskalieren. Die Präsenz der Alliierten in Afghanistan hat es nicht geschafft, den Taliban-Aufstand zu beenden. Die Fortsetzung der Luftunterstützung und die Beibehaltung von einigen tausend Soldaten und Auftragnehmern hätte jedoch den strategischen und humanitären Alptraum verhindert, der sich jetzt abspielt und wahrscheinlich weit über Afghanistan hinaus Folgen haben wird. Extremisten führen keine Kriege, weil sie eine diplomatische Lösung wollen. Sie kämpfen, weil sie gewinnen und dem Verlierer ihre Bedingungen aufzwingen wollen. Das ist, was die Taliban jetzt tun, nachdem Präsident Biden den militärischen Rat ignoriert und sich so leichtsinnig und ohne Plan zur Verhinderung einer Katastrophe zurückgezogen hat."

mad DPA AFP

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