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Abschuss des russischen Kampfjets Hinterhalt, Provokation, Sabotage: Hat die Türkei gezielt geschossen?


Noch vor Kurzem schien Putin der westlichen Anti-IS-Koalition beitreten zu wollen. Doch genau das soll die Türkei mit dem Abschuss des russischen Jets verhindert haben, heißt es in Moskau. Doch welche Motive könnte die Türkei haben?

Unter dem Eindruck der Terroranschläge in Paris und der größten Katastrophe der russischen Luftfahrtgeschichte in Ägypten, stand Wladimir Putin dicht davor, sich der von den Vereinigten Staaten geführten Anti-IS-Allianz anzuschließen. Der Westen warb um die Mithilfe Russlands im Kampf gegen den Islamischen Staat. Frankreich erklärte Putin zum militärischen Verbündeten. Nun aber spricht der russische Präsident von einem "Dolchstoß in den Rücken", ausgeführt von den "Helfershelfern der Terroristen".

Der Abschuss eines russischen Kampfflugzeugs im syrischen Grenzgebiet durch die Türkei ist zum schwerwiegendsten Konflikt zwischen einem Nato-Staat und Russland seit dem Ende des Kalten Krieges geworden. Er bedroht in erster Linie den gemeinsamen Kampf gegen die islamistischen Terroristen. Eine Anti-IS-Koalition mit russischer Beteiligung scheint nun in weite Ferne zu rücken. Genau das soll die Türkei beabsichtigt haben.

Moskau wertet den Abschuss seines Kampfflugzeugs durch das türkische Militär als geplante Provokation. "Dies war ganz offensichtlich ein Hinterhalt: Sie warteten, beobachteten und haben einen Vorwand gesucht", sagte der russische Außenminister Sergej Lawrow am Mittwoch in Moskau. Das Vorstandsmitglied der Kreml-Partei "Einiges Russland", Franz Klinzewitsch, behauptete noch am Dienstag: "Es ist offensichtlich, dass die türkischen Streitkräfte nur auf einen passenden Augenblick gewartet haben, um ein russisches Flugzeug abzuschießen. Mehr noch, sie haben sich regelhaft darauf vorbereitet." 

US-General: "Der Abschuss muss geplant gewesen sein"

Auch ein früherer Angehöriger des US-Militärs äußerte die Meinung, dass der Abschuss eine Provokation seitens der Türkei sein könnte. Der ehemalige stellvertretende Stabschef der US Air Force, General Tom McInerney, sagte in einem Beitrag des TV-Kanals Fox News: "Meiner Meinung nach könnte es eine bewusste Provokation des türkischen Präsidenten Erdogan sein." Sein Ziel könnte darin bestehen, die USA und Russland gegeneinander aufzuhetzen und in einen ähnlichen Konflikt zu verwickeln wie in der Ukraine. "Der Abschuss muss geplant gewesen sein", sagte McInerney. Dabei könnte es sich um ein Ablenkungsmanöver Erdogans handeln, um von seinem eigenen Vorgehen gegen die Kurden in Syrien abzulenken.

Mögliche Gründe der Türkei für eine Provokation

Tatsächlich verfolgt Ankara gleich mehrere Ziele in Syrien, die im Gegensatz zu russischen Interessen stehen. Eine Schlüsselrolle kommt in dem Konflikt Baschar al Assad zu. Von einem der engsten Freunde Assads entwickelte sich die Türkei in den letzten Jahren zu einem ausgesprochenen Gegner des syrischen Machthabers. Assad gehört, wie auch weite Teile der syrischen Elite, den Alawiten an, einer Religionsgemeinschaft mit schiitischen Wurzeln an. Die Türkei jedoch mehrheitlich sunnitisch. Ankara will Assad vor allem stürzen, um in Damaskus eine gleichgesinnte sunnitische Regierung an die Macht bringen zu können.

Russland hat hingegen seine Unterstützung für Assad mehrmals bekräftigt. Ohne Assad werde es keinen Frieden geben in dem Bürgerkriegsland, wird der Kreml nicht müde zu betonen. Die russischen Luftangriffe richten sich daher nicht nur gegen den IS, sondern auch gegen die verschiedenen Rebellengruppen, die gegen Assad kämpfen. Die durch den Ausgang der jüngsten Parlamentswahl gestärkte Führung in Ankara mag den Augenblick für geeignet gehalten haben, um Moskau einen Hieb zu versetzen.

Pufferzone in Syrien

Zu den Rebellengruppen gehören auch die syrischen Turkmenen. Ihre Gebiete grenzen an die Türkei. Das abgeschossene russische Flugzeug stürzte am Dienstag im Turkmenen-Gebiet ab. Die Regierung in Ankara sieht sich als Schutzmacht der Turkmenen und hat sich daher mit ihnen solidarisch erklärt. Insbesondere rechtsgerichtete Gruppen in der Türkei fühlen sich mit der Minderheit in Syrien verbunden. Auch in den türkischen Plänen zur Einrichtung einer Schutzzone in Nord-Syrien spielen die Turkmenen eine wichtige Rolle. Die Turkmenen sollen bereit sein, die Pufferzone zu sichern, berichtet die Nachrichtenagentur AFP. Die Pufferzone würde dabei allerdings auf syrischem Gebiet eingerichtet werden und würde die Souveränität des Landes verletzten. 

Experten sehen bei der Lösung der Syrienkrise schon seit längerem die Türkei als Problemland an. Ankara gilt den großen westlichen Playern als unsicherer Spieler. Zu sehr versuchen die Türken, ihre eigenen Interessen durchzusetzen. "Manchmal hat man den Eindruck, sie kämpfen mehr gegen die Kurden als gegen den IS", sagte ein westlicher Diplomat der Deutschen Presse-Agentur.

Türkeis Ministerpräsident verplappert sich

Tatsächlich rutschte dem türkischen Ministerpräsident Ahmet Davutoglu ein paar Zeilen durch, die erkennen lassen, dass die Verletzung des türkischen Luftraums nicht die einzige Motivation für den Abschuss des russischen Jets gewesen sein könnte. "Statt das Feuer in Syrien zu löschen, lässt Russland es über Araber, Kurden und Turkmenen regnen", sagte Davutoglu am Dienstag, nachdem zwei F-16-Kampfflugzeuge den russischen Bomber vom Himmel holten.

Auch der Zeitpunkt des Abschusses scheint kein Zufall gewesen zu sein. Frankreichs Präsident François Hollande reist am Donnerstag nach Moskau, um den weiteren Weg im Kampf gegen die Terroristen mit Putin zu besprechen. Für diesen Kampf will Hollande unbedingt Putin mit in die Koalition holen. Eben diese Mission wolle Erdogan "sabotieren", schreibt zum Beispiel die liberal Moskauer Zeitung "Kommersant".

Das Vorstandsmitglied der Kreml-Partei "Einiges Russland" Franz Klinzewitsch geht sogar noch weiter. "Ich halte diesen Vorfall für eine Provokation der Nato. Alle Mitglieder der Koalition sind verwickelt. Ihnen machen die Fortschritte der russischen Streitkräfte in Syrien sorgen, auf diese Weise versuchen sie Russland zu diskreditieren", behauptete der Vertreter des russischen Föderationsrates.


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