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Ägyptens Militärführer al Sisi: Der umjubelte Putschist

Sein Konterfei tragen die Menschen begeistert durch die Straßen, nur selten wurde ein Staatstreich so bejubelt wie in Ägypten. Wer ist der neue Mann in Uniform, der dem Land die Revolution zurückgibt?

Von Niels Kruse

Was soll man davon halten? Keine 24 Stunden nachdem das ägyptische Militär mit Ansage die einjährige Herrschaft der Muslimbrüder beendet hat, eröffnet es die Jagd auf führende Köpfe der Islamisten. Auf die eigenen Leute, denn Abdelfattah al Sisi, der umjubelte Putschgeneral, gilt als Arm der Muslimbrüder in die Armee hinein. Oder galt.

Al Sisi war es, der am Montag seinem direkten Vorgesetzten, dem gewählten Präsidenten Mohammed Mursi das 48-Stunden-Ultimatum stellte. Ankündigte, es werde keinen Putsch geben, um später die Führungsriege zu verhaften. Und dann das Volk mit den Worten zu beruhigen versuchte: "Die Armee will nicht an der Macht bleiben".

Versöhnungsangebot des Neuen an die alten

Das hatte das Militär damals, nach dem Sturz Husni Mubaraks, auch gesagt. Trotzdem tat es sich schwer, den Weg für Wahlen freizumachen, aus denen dann die Islamisten siegreich hervorgingen. Fürs erste hat al Sisi einen Mann zum Übergangspräsidenten gemacht, der erst seit zwei Tagen Vorsitzender des Verfassungsgerichts ist und nicht unbedingt als Menschenfänger glänzt - Adli Mansur. Vermutlich ist es genau seine Neutralität, die die Herrscher schätzen. Mansur streckte kurz nach seiner Ernennung den geschassten Erzkonservativen demonstrativ die Hand zur Versöhnung aus.

Die meisten Beobachter sind sich sicher: Von den vielen Fehlern, die die alten, neuen Machthaber in Kairo machen können, gehört die Ausgrenzung der Muslimbrüder zu den größten. Sie mögen nicht viel zustande gebracht haben, aber ein großer, schweigender Teil der Ägypter schätzt zumindest ihre Ideologie. Um des fragilen Friedens willen, sollten die Generäle die Muslimbrüder nicht zu hart anfassen.

Stabilität auch für die eigenen Geschäfte

Stellt sich also die Frage: Was wollen die uniformierten Männer, allen voran al Sisi an der Staatsspitze? In erster Linie: Ihre Pfründe und Privilegien sichern. Die Armee herrscht über die wichtigen Wirtschaftszweige in Ägypten: Tourismus und Immobilien. Als "stabile Säule des Staates", beschrieb al Sisi einmal die Rolle des Militärs. Stabil laufen soll dabei vermutlich nicht nur die politische Landschaft, sondern vor allem auch die (eigenen) Geschäfte.

Al Sisi entstammt dem mächtigen Militärklüngel und begann seine Karriere unter Mubarak, unter dem er zum Kommandeur in Nordägypten wurde. Nach dem Sturz des Diktators wurde der 58-Jährige Chef des Militärgeheimdienstes. Auch nicht unbedingt eine Aufgabe, mit der man die Herzen der Menschen erobert.

Al Sisi sagt, was die Menschen hören wollten

Dass er für viele Ägypter dennoch zur Hoffnungsfigur geworden ist, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Hat aber sicher auch mit seinen Worten zu tun, mit denen er seine nächsten Schritte skizzierte: Zunächst wird die (ungegeliebte, weil islamistische) Verfassung ausgesetzt. Die soll dann von Fachleuten und Gesellschaftsvertretern renoviert werden, es wird (auch das eine Forderung der Demonstranten) vorgezogene Präsidentschafts- sowie Parlamentswahlen geben und Regeln erlassen werden, die die Pressefreiheit garantieren.

Kurzum: Sollten Abdelfattah al Sisi und seine Kameraden halbwegs Wort halten, dürfte ihm und seinen Gefolge die Dankbarkeit der Ägypter sicher sein. Der deutsch-ägyptische Autor und Politologe Hamed Abdel-Samad prophezeite schon vor dem Staatsstreich: "Das Militär will graue Eminenz im Hintergrund bleiben und halbwegs demokratische Strukturen zulassen."