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Zustand immer kritischer Ärzte dürfen weiter nicht zu Nawalny – Propagandisten von RT aber schon

Der Ausweis, den Alexej Nawalny im Straflager tragen muss 
Der Ausweis, den Alexej Nawalny im Straflager tragen muss 
© Screenshot Instagram Alexej Nawalny
Der Gesundheitszustand von Alexej Nawalny verschlechtert sich in Haft offenbar rapide weiter. Ärzte fürchten, er könnte sein Bein verlieren. Doch die Gefängnisleitung weigert sich weiter, Ärzte zu ihm vorzulassen.

In zunehmender Sorge um den Gesundheitszustand von Alexej Nawalny haben russische Ärzte und seine Mitstreiter am Dienstag versucht, zu dem inhaftierten Politiker vorzudringen. Der 44-Jährige wird in der berüchtigten Strafkolonie Nr. 2 in der Kleinstadt Pokrow rund hundert Kilometer östlich von Moskau gefangen gehalten, kurz IK 2. Die Leitung der Anstalt ließ jedoch die Mediziner nicht hinein. 

"Als behandelnde Ärztin von Alexej möchte ich verstehen, was mit ihm passiert. Ich habe das Recht dazu", erklärte Anastasia Wasiljewa, Leiterin der Gewerkschaft Allianz der Ärzte, gegenüber Journalisten, die sich vor den Toren der Haftanstalt versammelt hatten. "Wer muss man sein, um Ärzten den Zugang zu einem sterbenden Menschen zu verwehren“, sagte die Ärztin.

"Wir sind nicht hier, um zu protestieren. Wir sind gekommen, um die Gefängnisleitung an das Recht der Gefangenen auf medizinische Versorgung zu erinnern", fügte Artem Boriskin, ein weiterer Aktivist der Allianz der Ärzte, hinzu.

Doch anstatt die Ärzte zu Nawalny vorzulassen, ließ die Gefängnisleitung die Versammlung auflösen. Neun Menschen, unter ihnen auch Wasiljewa, wurden nach Angaben des Innenministeriums der Region Wladimir festgenommen, weil sie "Verstöße gegen die öffentliche Ordnung begangen" hätten.

Tuberkulose in der Haftanstalt IK 2 

Am Montag hatte die kremltreue Zeitung "Izvestia" unter Berufung auf die Strafvollzugsbehörde berichtet, Nawalny sei mit "Anzeichen einer Atemwegserkrankung" in die medizinisch-sanitäre Abteilung der Kolonie verlegt worden. 

Der Gesundheitszustand von Nawalny verschlechtert sich in Haft offenbar immer weiter. Man habe ihm 38,1 Grad Fieber sowie "starken Husten" attestiert, ließ der Politiker über seine Anwälte die Welt wissen. Seinen vor einigen Tagen begonnen Hungerstreik werde er trotzdem fortsetzen, hieß es am Montag auf Nawalnys Instagram-Account. Bereits drei seiner Mitgefangenen seien wegen Tuberkulose in ein Krankenhaus gebracht worden. Nawalnys Anwältin Olga Michailowa sagte dem unabhängigen TV-Sender Doschd, der Oppositionsführer habe in der Zeit im Straflager bereits 13 Kilogramm abgenommen.

Die neue Generalsekretärin von Amnesty International, Agnes Callamard, wandte sich wegen des Falls an Kremlchef Wladimir Putin, wie sie auf Twitter schrieb. "Es besteht die reelle Aussicht, dass Russland ihn einem langsamen Tod aussetzt. Er muss sofortigen Zugang zu einem Arzt bekommen, dem er vertraut, und befreit werden."

Nawalnys Mitarbeiter hatten sich zuletzt besorgt über dessen Gesundheitszustand gezeigt. Dieser leidet nach eigenen Angaben unter einem eingeklemmten Nerv im Rücken. Wegen unzureichender Behandlung drohe ihm deshalb der Verlust seines rechten Beins. Auch im linken Bein habe er allmählich kein Gefühl mehr.

Propagandisten dürfen zu Alexej Nawalny, Ärzte nicht

Während Ärzte weiter nicht zu Nawalny vorgelassen werden, wurde Staatsmedien der Zugang gewährt. Unter anderem durfte Maria Butina im Dienst des Propagandasenders RT Nawalny einen Besuch abstatten. Butina war 2019 in den USA zu 18 Monaten Haft verurteilt worden, nachdem sie gestanden hatte, unter Anleitung eines russischen Funktionärs republikanische Kreise und die US-Waffenlobby NRA infiltriert zu haben. Sie bekannte sich der Verschwörung gegen die Vereinigten Staaten schuldig.

Im Gegenzug für das Geständnis und die angekündigte Kooperation mit den Ermittlungsbehörden wurde der zweite Anklagepunkt der Tätigkeit als nicht registrierte ausländische Agentin fallengelassen. Nach ihrer Entlassung kehrte Butina nach Russland zurück und arbeitet nun für RT.

In ihrem Bericht präsentiert Butina nun den Zuschauern eine Kolonie, die "vorbildlich" sei und eher einem Ferienlager gleiche. Gegenüber Nawalny, den man aber nicht zu Gesicht bekommt, erklärt sie lautstark, dass die Häftlinge unter besseren Bedingungen leben würden als Hotelgäste in den russischen Provinzen. Hinter ihr im Bild dabei sind leere zweistöckige Bettgestelle zu sehen. 

Mehr zu dem Fall von Maria Butina lesen Sie hier. Obwohl sie einst mit den US-amerikanischen Behörden kooperiert hat, setzt die Kreml-Propaganda sie zu eigenen Zwecken ein. 


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