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Wirtschaftswachstum Afrika im Aufschwung – Viel mehr als Krisen, Kriege, Katastrophen

Jungunternehmer im iHub in Kenias Hauptstadt Nairobi
Jungunternehmer im iHub in Kenias Hauptstadt Nairobi
© Picture Alliance
Armut und Kriege – das ist noch immer das Bild vieler von Afrika. Doch der Kontinent hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten stark gewandelt. Zum Markt der Zukunft.

Diese Geschichte wurde zum ersten Mal in stern 24/2012 im Juni 2012 veröffentlicht. Die darin beschriebenen positiven Tendenzen haben sich in vielen Teilen des Kontinents noch weiter verstärkt, einige wenige Regionen, etwa die durch islamistische Terrorgruppen bedrängten Länder Mali oder NIger, wurden zurückgeworfen.

Diese Geschichte spielt in Afrika. Sie streift das Thema Krieg nur am Rande und handelt nicht von Aids oder Malaria. Sie beschreibt keine hilflosen Opfer und sich aufopfernden Helfer, keine Savanne im Gegenlicht, weder Giraffen noch Elefanten, und sie endet auch nicht mit einem bewegenden Zitat von Nelson Mandela.

Diese Geschichte handelt vom Aufbruch eines Kontinents. Und von Typen wie Jeff Gasana. Der 31-Jährige sitzt in seinem Büro in Ruandas Hauptstadt Kigali. Autolärm dringt von der Straße herein und der Baustellenkrach des Kongresszentrums, das Chinesen gerade errichten. Auch drinnen Chaos. In den Vorzimmern telefonieren Gasanas Angestellte, immer wieder fragt jemand Gasana nach Preisen, nach Strommengen, immer wieder klingelt eines seiner Handys. Dann endlich kann er erzählen, wie er es schafft, mitten in Afrika per SMS Strom zu verkaufen und damit Geld zu verdienen. Gasana sagt erst mal: "Natürlich in Afrika." Er könnte hinzufügen: Wo auch sonst? Sechs der zehn am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften des vergangenen Jahrzehnts liegen in Afrika. Schwarzafrika ist die einzige Region der Welt, deren Wachstum sich 2012 noch einmal beschleunigen wird. Und es sind nicht nur Öl-gedopte Länder wie Angola, deren Kurven steil nach oben zeigen, sondern auch eher rohstoffarme Staaten. Wie Mauritius. Wie Mosambik. Oder eben das Ruanda von Jeff Gasana.

Jungunternehmer aus Ruanda: Jeff Gasana
Jungunternehmer aus Ruanda: Jeff Gasana
© Andri Pol

Auch Gasanas Erfolg hat nichts mit Bodenschätzen oder Beziehungen zu tun, sondern mit Gespür. 2003 gründete er mit Kommilitonen ein Start-up. Gegen Gebühr verschickten sie Nachrichten und Fußballergebnisse aufs Mobiltelefon. Den entscheidenden Schritt wagte er schließlich 2008: den Einstieg ins Elektrizitätsbusiness.

"Es läuft hier so", erklärt er sein Geschäft, "die Kunden kaufen ein Strom-Guthaben bei den Elektrizitätswerken. Umständlich, weil es nur wenige Verkaufsstellen gibt mit ungünstigen Öffnungszeiten. Wir haben ein Modell entwickelt, bei dem man Strom per Handy kaufen kann." Gasanas Idee revolutionierte den Strommarkt Ruandas. Heute ordern 60 Prozent der Privatkunden ihre Elektrizität über SMSMedia.

Sie übertragen per SMS ein Guthaben und erhalten dafür einen Code, mit dem sie zu Hause ihren Stromzähler aktivieren. Oder sie kaufen den Code bei kleinen Kiosken und verschaffen diesen Miniläden zusätzliches Einkommen.

Firmen wie SMS-Media sind das Afrika dieser Tage. Die zwölf Angestellten wurschteln in einem Büroschlauch neben Internetcafés und Reiseagenturen. Morgens kommen sie per Minibus aus den Außenbezirken der Stadt, arbeiten acht, neun, zehn Stunden, pendeln zurück. Einige sparen für die Ausbildung, andere haben eine Familie zu versorgen.

Das Geschäftsviertel von Kigali, der Hauptstadt von Ruanda
Längst nicht mehr nur Hütten und Slums: Das Geschäftsviertel von Kigali, der Hauptstadt von Ruanda
© Gettyimages

Ihr Geschäft hat Erfolg, weil es perfekt an die Bedingungen angepasst ist. "Cheetahs" - Geparden - taufte der Wirtschaftswissenschaftler George Ayittey unlängst junge afrikanische Führungstypen wie Gasana und grenzte sie von der älteren Generation ab: den "Nilpferden".

Wirtschaftlicher Unsinn, alimentiert von Ost und West

Das waren die Schwergewichte der ersten Generation nach der Unabhängigkeit, Männer wie Ghanas Staatschef Kwame Nkrumah oder Tansanias Präsident Julius Nyerere. Die lasteten alle Übel gern den ehemaligen Kolonialherren an, um sich selbst im Marxismus zu verrennen.

Nyerere verstaatlichte in Tansania alle Banken, Versicherungen und selbst Mühlen. Binnen zehn Jahren war knapp die Hälfte der 330 Staatsfirmen bankrott.

Es war eine Zeit des wirtschaftlichen Irrsinns, von Ost und West alimentiert in den Zeiten des Kalten Krieges. In der Elfenbeinküste ließ der Präsident eine Basilika bauen, so groß wie der Petersdom. In Ghana mussten alle Reklametafeln beleuchtet werden; die Hauptstadt Accra sollte funkeln wie der Piccadilly Circus. Mit aller Macht wollten Afrikas neue Herren die Kolonialzeit hinter sich lassen - und ahmten doch nur die alten Herren nach. "Schwarze Haut. Weiße Masken", nannte es der Psychiater Frantz Fanon.

Diese verlorenen Jahrzehnte prägen bis heute unser Bild und machen es so schwer, Veränderungen zu sehen. Afrika, ein Kontinent von immerhin 54 Staaten, gilt als Monolith aus Elend und Gewalt. Dabei wächst die Wirtschaft schon seit Ende der 90er Jahre beachtlich. Und "Cheetahs" wie SMS-Unternehmer Jeff Gasana tragen keinen ideologischen Ballast mehr mit sich herum.

Selbst der Völkermord von 1994, der in Europa noch immer die Vorstellung von Ruanda prägt, ist für Gasana nur ein verblassendes Bild aus Kindheitstagen - obwohl auch er damals den Großvater verloren hat. Gasanas Leben ist eine Mischung aus traditionellem Afrika und Globalisierung.

Als ob Kigali Los Angeles sei

Er trifft sich abends in Restaurants zu Steak und Wein, am Tisch sitzen dann Besitzer von Media-Agenturen und Unternehmensberater. Anschließend brausen sie mit dem BMW durch die Nacht von Kigali, als ob es Los Angeles sei. Doch schon am nächsten Morgen wird Gasana wieder vom afrikanischen Alltag eingeholt. Stundenlang ist er damit beschäftigt, ein paar Verwandte über kurvige Bergstraßen zurück nach Burundi zu kutschieren - der Bus dorthin ist mal wieder ausgefallen.

„Auf der Cebit in Hannover bin ich mal gefragt worden, ob wir überhaupt Strom haben. Die Leute haben keine Ahnung, wie sich das Land entwickelt hat", sagt er. Tatsächlich erinnert in Kigali außer der Genozid-Gedenkstätte kaum mehr etwas an die Schreckensmonate des Frühjahrs 1994. Auf den Hügeln der Stadt wachsen Wolkenkratzer, Ampeln zeigen digital die Sekunden bis zum Wechsel von Grün und Rot an, und die Straßen sind sauberer als in Deutschland - auch weil Plastiktüten verboten sind und man einmal pro Monat gemeinsam die Stadt säubert.

Reihenhaussiedlungen für die wachsende Mittelschicht

Es gibt kunterbunte Freizeitparks mit Hüpfburgen für die Kleinen und internationale Restaurants für die Großen. An den Rändern der Stadt bauen Investoren riesige Wohnviertel für die wachsende Mittelschicht: sauber geflieste Kleinfamilienträume mit Vorgarten, Garage und Einbauküche, die in ihrer symmetrischen Monotonie an Vorstadtsiedlungen à la "Desperate Housewives" erinnern.

Derweil ziehen sich unter der Erde der Hauptstadt Glasfaserstränge, wölbt sich darüber eine Art riesiges WLAN-Netz, über das man sich an beliebiger Stelle ins Internet einloggen kann. All das in den Hügeln Zentralafrikas.

Ruanda als Super-Schlaraffenland?

Keineswegs. Präsident Kagame regiert ziemlich autoritär, und auf dem Land herrscht noch immer bittere Armut. Kaum einer von Ruandas tausend Hügeln, der nicht bis zur Kuppe mit kleinen Feldern überzogen ist - Indiz für die Knappheit der Ressourcen in einem Land mit der höchsten Bevölkerungsdichte in Afrika.

Es gibt sie, die beiden Seiten des Kontinents, doch unser Blick verheddert sich in den immer gleichen Armutsklischees. Erfolgsgeschichten dringen kaum zu uns.

Zum Beispiel von Botsuana. Der kleine Nachbar Südafrikas hat es geschafft, innerhalb einer Generation seine zwei Millionen Menschen aus der Armut herauszuholen. Die Wachstumsraten liegen Jahr für Jahr bei fünf bis sechs Prozent, Schulen und Universitäten sind kostenlos, genauso die ärztliche Behandlung. Die Hauptstadt Gaborone ist ein ruhiges Fleckchen, das überhaupt nicht dem Zerrbild des afrikanischen Molochs entspricht. Nach der Arbeit trifft man sich in einer Shoppingmall, es gibt Technologieparks und moderne Büroviertel.

Den Diamantenreichtum genutzt

Die größte Gefahr auf den Straßen von "Gabs", wie die Bewohner sagen, sind nicht Banditen, sondern ist der eigene Bluthochdruck: wenn man sich darüber aufregt, dass an leeren Kreuzungen jeder mit nervenzermürbender Geduld auf Grün wartet. Botsuanas Reichtum beruht auf riesigen Diamantenvorkommen.

Seit 1967 der erste Edelstein bei Orapa im Nordosten gefunden wurde, beutet das Land seine Vorkommen vor allem mit dem weltweit größten Diamantenkonzern De Beers aus - zu einträglichen Konditionen. Das für den Abbau zuständige Joint Venture "Debswana" etwa gehört je zur Hälfte dem Land und De Beers. Die Gewinne aber fließen zu 81 Prozent in die Staatskasse.

Gaborone, die Hauptstadt von Botsuana
Viel Glas, viel Glitzer: Gaborone, die Hauptstadt von Botsuana
© Gettyimages

"Botsuana hat sich einfach immer die besten Anwälte geleistet, egal, ob die aus London kamen oder aus Gaborone. Das hat sich gelohnt", sagt der Wirtschaftsberater Keith Jefferis. Der Engländer ist ein gutes Beispiel für die Öffnung gegenüber fremdem Know-how. Bevor sich Jefferis mit einer Unternehmensberatung in Gaborone selbstständig machte, war er, der Ausländer, Vizechef der Zentralbank des Landes.

Mittlerweile hat Botsuana De Beers dazu gebracht, die Diamanten auch gleich vor Ort sortieren zu lassen. In Gaborone wurde dazu ein riesiger Komplex aus Glas und Beton errichtet samt luftigem Atrium. In hermetisch abgeschirmten Räumen sortieren Hightech-Apparate die Rohdiamanten vor; anschließend bewerten 500 meist einheimische Experten die Steine nach Größe und Farbe. Nebendran haben sich Schleifereien angesiedelt, in ebenfalls blitzblanken Gebäuden, die sich erst nach biometrischem Augen-Scan betreten lassen. Hier werden die matten Steine in funkelnde Brillanten verwandelt, mit einheimischer Arbeitskraft. Ständig lagern in Gaborone Edelsteine im Wert von mindestens einer halben Milliarde Dollar.

Im nächsten Jahr will De Beers sogar seine Auktionen nach Gaborone verlagern. Nicht mehr London wird dann die Klunker- Kapitale der Welt sein, sondern eine gemütliche Kleinstadt am Rand der Kalahari. Die Aufkäufer der rund 70 Partner von De Beers samt Entourage werden alle fünf Wochen aus aller Welt hierherjetten.

Dabei ist Botsuana so wenig perfekt wie Ruanda. Seit der Unabhängigkeit ist dieselbe Partei an der Macht. Doch das Bemühen, sich langfristig von der Diamanten- Abhängigkeit zu lösen, ist bemerkenswert.

Nicht mehr nur der reiche Norden ist das Vorbild

Gut möglich, dass ein Hotline-Anrufer etwa aus New York demnächst nach Gaborone verbunden wird. Denn Botsuanas Callcenter wachsen rasant. Ein Anbieter hat sein Geschäft schon nach Namibia ausgedehnt. Von dort telefonierten neulich Deutsch sprechende Agenten für eine englische Pharmafirma Ärzte in Hamburg oder München ab.

Die einst so geordnete Welt - wohlhabender Norden und darbender Süden - ist kompliziert geworden. Der reichste Mann der Welt ist heute nicht mehr Amerikaner, sondern Mexikaner. Die größte Filmindustrie dreht in Mumbai, Porsche eröffnet Showrooms in Ghana, südafrikanische Firmen verlagern ihre Produktion mal eben nach Europa, wie der Pharmakonzern Aspen nach Bad Oldesloe. Europa und die USA sind nicht mehr die Fixsterne. 50 Prozent des Handels von Schwarzafrika entfallen heute auf Schwellenländer.

Selbst Johannesburg und Lagos, die vermeintlich in Kriminalität und Chaos dahinsiechenden Metropolen, haben nicht mehr viel mit ihrem Grusel-Image gemein.

In Südafrikas Wirtschaftszentrum möbeln Investoren gerade eine Straße nach der anderen auf. Loftige Apartments, bunte Cafés, Märkte in leer geräumten Parkhäusern: Downtown Johannesburg gibt sich etwa im Stadtteil Braamfontein wie New Yorks In- Viertel Brooklyn.

"Löwen auf dem Sprung"

Noch deutlicher ist der Wandel in Lagos. Sicher, Nigerias Hafenstadt hat nichts Beschauliches. Im Dauerstau drängen sich Mofas, Autos und Fußgänger über löchrige Straßen und bröckelnde Brücken, unter denen sich Slums an die Ufer der Lagunenstadt klammern.

Weil der Strom nur sporadisch fließt, dröhnen und stinken überall Generatoren. Lagos ist ein Ungetüm von vielleicht 15 oder auch 20 Millionen Einwohnern. Aber vorbei die Zeit der "Area Boys", die an Kreuzungen brutal Wegezoll kassierten. Vorbei die ausufernde Kriminalität: Bewaffnete Überfälle gingen in den vergangenen Jahren stark zurück.

Dafür wird gerade im Atlantik vor der Stadt eine Halbinsel von sieben Kilometer Länge aufgeschüttet. Darauf entsteht ein modernes Wohn- und Geschäftsviertel für 250.000 Einwohner samt Wolkenkratzern, Yachthafen und Straßenbahnen. Hamburgs Hafencity sieht dagegen wie ein Spielzeugmodell aus.

Mehrere Unternehmensberatungen haben mittlerweile Studien zur neuen Attraktivität Afrikas verfasst; McKinsey etwa sieht in Anspielung auf die asiatischen Tigerstaaten nun die afrikanischen "Löwen auf dem Sprung".

Doch für viele Politiker und Vorstände gerade in Deutschland ist Afrika wie ehedem nur die gebeutelte Krisenregion. Wer kennt hier schon den Begriff "Africa Two"? Ökonomen verstehen darunter die entscheidende Konsumentengruppe, die gerade das Wachstum vorantreibt. Nicht "Africa One", die Superreichen - die hat es ja schon immer gegeben. Sondern jene Mittelschichtfamilien, die in den Tag und Nacht geöffneten Shoppingmalls von Kigali flanieren, die sich Klimaanlagen kaufen oder Waschmaschinen oder ein gebrauchtes Auto. Schon jetzt umfasst dieses "Africa Two" bis zu 500 Millionen Menschen. Der Anteil derer, die mehr als die Hälfte ihres Einkommens nicht für Essen ausgeben müssen, wird in den nächsten zehn Jahren sogar um 50 Prozent zunehmen.

Fast überall in Afrika bekommen Frauen heute weniger Kinder als ihre Mütter. Dieser sinkenden Kinderschar stehen noch nicht zu viele Alte gegenüber.

Die Gunst der demographischen Dividende

Für die nächsten Jahrzehnte ist das Verhältnis zwischen Erwerbstätigen und zu Versorgenden extrem günstig. Wie zuletzt in den Staaten Südostasiens: Deren Wirtschaftswunder der vergangenen 30 Jahre war bis zu einem Drittel auf ihre "demografische Dividende" zurückzuführen.

Die Schlussfolgerung etwa von McKinsey: "Vorstände und Investoren können es sich nicht mehr leisten, das immense Potenzial Afrikas zu ignorieren." Diese Logik war es, die auch Fred Swaniker aus den USA zurück nach Afrika trieb. Der aus Ghana stammende Swaniker hatte es herkömmlicher Logik zufolge eigentlich geschafft. Hatte in den USA studiert, bei McKinsey angeheuert und in Stanford einen Master of Business Administration (MBA) gemacht. In den Semesterferien ging Swaniker dann für ein Praktikum zu einer Bank nach Nigeria.

Dort traf er Leute, die ihre Kinder auf teure Internate nach England oder in die USA schickten.

Swaniker fand das verrückt.

Zurück in den USA, sammelte er Startkapital. Er kündigte, nahm einen Kredit auf, um die 125 000 Dollar Gebühren für seinen MBA zurückzuzahlen, und gründete eine Schule für Afrikas aufstrebenden Nachwuchs: die African Leadership Academy.

Seit 2008 werden auf einem weitläufigen Campus nahe Johannesburg die künftigen afrikanischen Staats- und Wirtschaftslenker gedrillt. Mehr als 3000 junge Afrikaner aus fast allen Staaten des Kontinents bewerben sich mittlerweile jedes Jahr; in einem Auswahlverfahren werden daraus 100 herausgesiebt. Sie durchlaufen zwei Jahre lang eine Ausbildung, die in etwa dem Abitur entspricht, dazu gibt es Workshops beispielsweise zu Unternehmensführung. Anschließend bekommen die meisten einen Studienplatz an einer Eliteuni samt Stipendium.

Der Clou: Die Absolventen müssen später mindestens zehn Jahre in Afrika arbeiten - ansonsten die 40 000 Dollar Ausbildungskosten zurückzahlen. "Wir wollen ja nicht die Abwanderung der Eliten noch weiter unterstützen", sagt Swaniker. "Wir brauchen gute Führer für Afrika.Und die werden nicht geboren, sondern gemacht."

Joel Mwale ist so einer, dem Swaniker zutraut, den Kontinent zu verändern. Mwale hat erst mal gar nichts von einem kommenden Volkstribun oder Vorstandschef. Er wirkt nachdenklich, wie er so über den Campus schlendert. Verschleierte muslimische Mitschülerinnen kommen ihm entgegen, dann wieder Jungs mit der fast pechschwarzen Haut Zentralafrikas. Jeder grüßt freundlich, jeder trägt die rot-schwarze Schuluniform.

Vor vier Jahren lag Mwale mit Lebensmittelvergiftung im Krankenhaus in seiner Heimat im Westen Kenias - das Leitungswasser war verseucht gewesen. Er überlegte, wie so was zu verhindern wäre. Da kam ihm die Idee, Regenwasser zu verkaufen. So begann "Skydrop".

Heute ist der gerade mal 18-jährige Mwale Chef von sieben Angestellten. Das Wasser für Skydrop sammelt er auf dem Dach einer ehemaligen Joghurtfabrik.

In der Halle darunter wird es abgefüllt und schließlich in Krämerläden verkauft, zu einem Preis, der unter dem der großen Anbieter liegt. "Das ist meine Nische", sagt er. "Man muss nichts Teures herstellen.

Sondern etwas, das sich einfache Leute leisten können. Wenn viele das kaufen, macht man trotzdem viel Gewinn." Das klingt banal, doch Mwales Geschäftsprinzip ist in ökonomischen Kreisen Trend: Auch die Ärmsten werden mittlerweile als Markt erkannt. Der Absatz von Skydrop verdreifacht sich Jahr für Jahr, man exportiert schon nach Uganda. Während Mwale in Johannesburg büffelt, leitet seine Mutter die Firma. Abends telefonieren sie per Skype. Demnächst ist der Einstieg ins Milchgeschäft geplant: Schließlich stehen die Joghurtmaschinen schon in der Fabrik - und jede Menge Kühe drum herum. Und dann ist da noch Mwales anderes Projekt: Er hat ein paar Programmierer zusammengetrommelt, mit denen er an einer, wie er sagt, "Mischung aus Facebook und Google" arbeiten will. Hirngespinste? Zumindest die Finanzchefin des Softwaregiganten Oracle glaubt das nicht. Sie will das Projekt sponsern.

Die African Leadership Academy ist keine philanthropische Spielerei, sondern ein Geschäftsmodell. Der Spendenanteil wird stetig zurückgefahren. Zahlende Schüler wohlhabender Eltern und die Vermietung der Gebäude für Konferenzen sollen die Finanzierung langfristig sichern. "Auf Spenden angewiesen sein bringt nichts", sagt Fred Swaniker. "Afrika braucht Investitionen. Das müssen wir selbst vorleben." Vielleicht steckt dahinter ja das wirkliche Problem Afrikas: Die stetig fließende Hilfe lähmt den Eigenantrieb und verfestigt das Bild des Almosenempfängers. Der Westen besänftigt sein Gewissen, statt faire Handelsbedingungen zu schaffen.

Die Einfuhr von Kakao in die USA etwa ist zollfrei, die von Schokolade wird mit 52 Cent pro Kilo besteuert - so macht man es den Ländern schwer, eine eigene Produktion aufzubauen Eigentlich aber ist das eine andere Geschichte. Denn diese hier handelt mal nicht von Krisen, Kriegen und Katastrophen. Und sie spielt tatsächlich in Afrika.


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