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Terrorismus Nach Tod von Anführer al-Sawahiri – steht das Terrornetzwerk Al-Kaida vor dem Ende?

Terrororganisation al-Kaida: Osama bin Laden (r.) und sein inzwischen ebenfalls getöteter Nachfolger Aiman al-Sawahiri
Der 2011 von US-Soldaten getötete Osama bin Laden (l.) und sein Nachfolger an der Spitze der Terrororganisation al-Kaida, Aiman al-Sawahiri, auf einer 2001 veröffentlichten Aufnahme
© Ausaf Newspaper / EPA / DPA
Ende Juli töteten die USA Al-Kaida-Chef Aiman al-Sawahiri per Drohnen-Angriff. Der 71-Jährige hatte die Terrororganisation seit 2011 angeführt. Einige Experten sehen Al-Kaida nun vor dem endgültigen Aus, andere vor einem Scheideweg. 

Der Emir ist tot. Eine US-Drohne tötete den Nachfolger Osama Bin Ladens und Anführer des Terrornetzwerks Al-Kaida, Aiman al-Sawahiri. Dem Terrornetzwerk fehle die Führungsstruktur, um eine Gefahr für die USA darzustellen, behauptet Ex-CIA-Chef Leon Panetta. Doch ein Dokument des UN-Sicherheitsrats beschrieb erst vor ein paar Wochen – noch vor al-Sawahiris Tod –, wie es weitergehen und wer als Nachfolger zur Verfügung stehen könnte. 

An erster Stelle ist Saif al-Adl zu nennen. Als ehemaliger Offizier der ägyptischen Streitkräfte und langjähriger Stratege militärischer Operationen gehört er zum Urgestein der Organisation, verwickelt in diverse Attentate. Er soll sich im Iran aufhalten und von dort lange die Verbindungen der Zentrale am Hindukusch zu den Satellitenorganisationen in Afrika gehalten haben. 

Doch ob er aus dem Schatten tritt, bleibt abzuwarten: Auch wenn das sogenannte Hittin-Gremium, das sich innerhalb der Kern-Al-Kaida um die Nachfolge kümmert, ihn bestimmen sollte, wird es für ihn schwer werden, sich dem iranischen Inlandsgeheimdienst zu entziehen. Dies gilt auch für Abd al-Rahman al-Maghribi, einen Computerspezialisten und Schwiegersohn des getöteten Führers. Er soll lange vom Iran aus die Medienkampagnen der Organisation geleitet haben. 

"Professor" Aiman al-Sawahiri fehlte es an Charisma

Man könnte diese Liste fortsetzen. Aus den Kaida-Filialen in Somalia, Algerien oder aus den Kaida-nahen Gruppen im syrischen Bürgerkrieg stehen ebenfalls Terrorchefs bereit, die Führung der Gesamtorganisation zu übernehmen. Die vielversprechendsten Aspiranten kamen lange Zeit aus der Kaida-Gruppe auf der Arabischen Halbinsel (AQAP). Sie galt als Kaidas mächtigster Arm. Im Südosten und in den zerklüfteten Bergen der jemenitischen Region Hadhramaut hat das Terrornetzwerk sich begünstigt durch den Bürgerkrieg ein eigenes Territorium erobert. 

AQAP-Chefs wie Anwar al-Awlaki oder Nasir al-Wuhaischi waren deutlich charismatischer als der greise Emir in Afghanistan, genannt der "Professor", den man immer nur in die Kamera dozieren sah. Sie sprachen ein junges Publikum an, posierten mit Waffen martialisch vor der Kamera, bespielten die arabisch- und englischsprachigen Social-Media-Kanäle der Organisation und inspirierten auch zahlreiche Attentate – bis US-Drohnen sie niederstreckten. 

Hartnäckig machten Amerikaner und ihre Verbündeten die Führungskräfte des jemenitischen Zweiges Al-Kaidas aus, ermittelten ihren Aufenthalt und eliminierten sie. Und im Hinblick auf die jemenitische Gruppe war es eine erfolgreiche Strategie gegen den globalen Dschihad: Heute scheint es hier niemanden mehr zu geben, der für den Chefposten der Zentral-Kaida infrage käme. Das Führungspersonal ist ausgedünnt. 

Al-Kaida steht an einem Scheideweg

Vermutlich zielt Leon Panettas Bemerkung auf solche Entwicklungen ab. US-Geheimdienste und -Militär versuchen seit Langem, Anführer von Al-Kaida und IS zu treffen und so die Organisationen "auszutrocknen". Auch im Falle al-Sawahiris ist ihnen damit ein schwerer Schlag gelungen. Doch scheint Al-Kaida dadurch nicht zerstört, sondern eher an einem Scheideweg zu sein: Wenn der Nachfolger aus einer regionalen Satelliten-Organisation in Syrien, Mali, Algerien oder Somalia stammt, könnte sich die Zielrichtung vom "globalen Dschihad" gegen "den Westen" in regionale Konflikte hinein verschieben. Der Kampf gegen Assad in Syrien, gegen die Regierungen in Algerien und Mali ständen dann im Vordergrund. 

Der Kampf gegen "den Westen" wäre dann nur mehr eine propagandistische Reminiszenz. Vielleicht wäre es aber auch möglich, dass ein Nachfolger die Kern-Organisation und ihre globale Ausrichtung stärkt. Womöglich jemand, der mehr imponiert, als sein Vorgänger. 

Stimmt es eigentlich, dass ...

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Quellen:Sicherheitsbericht der Vereinten Nationen (PDF-Dokument) / Blog "Lawfare" / European Council on Foreign Relations / Center for International Security and Cooperation

Michael Lehmann-Morgenthal (Quality Board Gruner + Jahr)

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