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Fünf Jahre nach Utøya: Wie Anders Breivik zum Massenmörder wurde

Vor fünf Jahren tötete der norwegische Rechtsterrorist Anders Behring Breivik bei zwei Anschlägen 77 Menschen. Wie konnte sich ein ganz normaler Junge in einen Terroristen verwandeln? Ein Versuch das Unfassbare zu begreifen.

Von Åsne Seierstad, Übersetzung aus dem Norwegischen: Nora Pröfrock

Vor fünf Jahren verbreitete der Massenmörder Anders Behring Breivik in Norwegen Angst und Schrecken

Vor fünf Jahren verbreitete der Massenmörder Anders Behring Breivik in Norwegen Angst und Schrecken

Vor fünf Jahren, am 22. Juli 2011, erlebte Norwegen einen der blutigsten Anschläge der europäischen Nachkriegsgeschichte. Der 32-jährige Anders Behring Breivik zündete eine Bombe im Osloer Regierungsviertel, dann wütete er auf der Insel Utøya, wo ein Jugendcamp der sozialdemokratischen Partei stattfand. 77 Menschen starben. Die norwegische Journalistin Åsne Seierstad hat den Prozess gegen Breivik verfolgt. Sie las sein "Manifest", seine Blogs und die Verhörprotokolle, sprach mit ehemaligen Klassenkameraden, Kollegen und Familienmitgliedern. Für den stern versucht sie zu erklären, was vielen unerklärlich scheint. 

Fünf Jahre sind vergangen. Anders Behring Breivik verbringt den Großteil seiner Zeit in einer Art Wohnung im Gefängnis Skien, zwei Stunden südlich von Oslo. Ihm stehen drei Zimmer von je etwa acht Quadratmetern zur Verfügung, denen er Namen gegeben hat: Schlafzelle, Arbeitszelle und Trainingszelle. Er hat ein Bett, einen Tisch, eine Schreibmaschine, einen Lehnsessel mit Hocker, einen Fernseher, eine Playstation, ein Laufband, einen Duschraum und Zugang zu einem Lagerraum.

Im Herbst 2015 schloss er einen Brief an den norwegischen Justizminister mit den Worten: "Ich kann nicht mehr." Drückte ihn sein Gewissen? Bereute er es, 77 Menschen getötet und etliche weitere verstümmelt zu haben? Nein. Was ihn bedrückte, war die Sorge um den einzigen Menschen, der ihm etwas bedeutet, den einzigen, für den er tiefe, aufrichtige und zärtliche Liebe empfindet: sich selbst.

Der schreibwütige Breivik

Über sein Befinden wissen wir ziemlich gut Bescheid, denn er schreibt eifrig Briefe. Er hat Politikern und Journalisten geschrieben, ich habe ebenfalls Post von ihm bekommen. Die Zensur passieren auch Briefe an Mitglieder der sozialdemokratischen Jugendorganisation AUF, in denen er sich über angebliche Misshandlungen beklagt. Aufgehalten werden ausschließlich Nachrichten, die zu kriminellen Handlungen auffordern, so sieht es das Regelwerk vor. Außerdem darf er nicht an Mitglieder rechtsextremer Organisationen oder Netzwerke schreiben.

In seiner Arbeitszelle hat Breivik Beschwerdebriefe und Klageschriften verfasst, er hat Wünsche geäußert, Forderungen gestellt – und schließlich den norwegischen Staat verklagt, jenen Staat, den er am 22. Juli 2011 so tief getroffen hat. Er errang einen Teilsieg. Die strikte Isolationshaft, in der er sich befindet, verstoße gegen Artikel 3 der Europäischen Menschenrechtskonvention, so das Urteil des Gerichts. Anders Behring Breivik sei durch die Isolation und häufige Leibesvisitationen einer "erniedrigenden und unmenschlichen Behandlung" unterworfen.

Der Eindruck, den Breivik im Jahr 2016 macht, ist derselbe wie schon 2011: Er wirkt extrem manipulativ, narzisstisch, ohne jegliches Einfühlungsvermögen. Das Einzige, was er eigenen Aussagen zufolge nach dem Massaker vom 22. Juli 2011 bereut, ist die Tatsache, dass er nicht noch mehr Menschen getötet hat.

Wie konnte Anders Behring Breivik so werden? Wie konnte sich ein ganz normaler Junge in einen Terroristen und Massenmörder verwandeln?

Liebe, Status, Zugehörigkeit

Es gibt keine einfachen Antworten auf diese Frage. Aber wer sich mit Breivik beschäftigt, der ahnt: Seine Entwicklung hat auch mit einem augenscheinlichen Mangel zu tun. Man erkennt ihn am besten, wenn man die Zeit fünf Jahre zurückdreht und zunächst einen ganz anderen Jungen in den Blick nimmt – der all das hatte, was Breivik fehlte. 

Simon Sæbø wurde förmlich durchs Leben getragen, er war ein Wunschkind, er erfuhr Liebe, und wenn er etwas brauchte, konnte er stets auf seine Eltern zählen. Hatten die Kinder keinen Fußballtrainer, sprang Simons Vater ein. Fehlte eine Teammanagerin, übernahm das die Mutter.

Der Junge der alles hatte, was Anders Behring Breivik fehlte

Der Junge war ein Sporttalent, er war beliebt, half den minderjährigen Asylbewerbern vor Ort bei den Hausaufgaben und hatte in seinem Zimmer ein berühmtes Zitat an der Wand hängen: "Frage nicht, was dein Land für dich tun kann, frage, was du für dein Land tun kannst." An seiner Schule in Sjøvegan, einem kleinen Ort in der Provinz Troms, weit nördlich des Polarkreises, wählte man ihn zum Präsidenten der Abiturienten. Die Schüler gaben einander Spitznamen, ihn nannten sie J. F. Kennedy.

In einer Rede an seine Mitschüler scherzte der 18-Jährige über seinen Namensgeber: "Er war ja auch Präsident. Leider aber wurde er in Dallas erschossen. Ich bin ein viel zu großer Optimist, um untätig auf dasselbe Schicksal zu warten."

Im Sommer arbeitete der Junge als Aushilfe auf dem örtlichen Friedhof. Vor seiner Abreise nach Utøya mähte er den Rasen an der Stelle, an der die nächsten Gräber ausgehoben werden sollten.

Breivik tötete, um geliebt zu werden

Als er wenig später genau dort beerdigt wurde, kamen zweitausend Menschen zur Kirche, genauso viele, wie in Sjøvegan lebten. Alle Geschäfte und öffentlichen Ämter hatten geschlossen. Simons Mörder hatte sich seine ganze Kindheit und Jugend über nach dem gesehnt, was Simon hatte: Liebe, Anerkennung, Status, Zugehörigkeit. Er tötete, um zu bekommen, was ihm fehlte. Er tötete, um gesehen, gehört, gelesen, ja vielleicht sogar geliebt zu werden.

Ich möchte nicht missverstanden werden: Breivik ist ein politischer Terrorist. Punkt. Er wurde wegen Terrorismus und mehrfachen Mordes verurteilt. Mildernde Umstände gibt es nicht. Die Verantwortung liegt ganz allein bei ihm. Doch um ihn zu verstehen, müssen wir auf seine Geschichte blicken.

Das Kind ist böse, sagte die Mutter

Man kann sagen, Anders Behring Breivik habe keinen schlechteren Start ins Leben gehabt als viele andere. Man kann aber auch sagen, es sei der denkbar schlechteste Start gewesen.

Seine Eltern lernten sich im Waschkeller eines Mietshauses kennen, in dem Jens, ein geschiedener Diplomat, über ein schickes Appartement verfügte, während Wenche, eine junge Krankenpflegehelferin, eine kleine Wohnung im Erdgeschoss gemietet hatte. Wenig später wurde Wenche schwanger. Sie heirateten in der norwegischen Botschaft in Bonn, wo Jens an einer Konferenz teilnahm. Eigentlich wollten sie eine ganze Woche dort bleiben, doch Wenche reiste zwei Tage nach der Trauung wieder nach Hause.

Jens Breivik über Sohn Anders und dessen Taten: "Ich hasse diesen Mann"

Schon damals kamen ihr Zweifel, was die Ehe und die Schwangerschaft betraf, sie wollte abtreiben, aber als sie eine Klinik aufsuchte, war es bereits zu spät. Sie beklagte sich bei einem Arzt, der sie untersuchte und das Gespräch in der Akte festhielt. "Das Kind tritt mich, fast schon absichtlich, um mich zu quälen" , sagte sie. Das Kind, so meinte sie, sei böse.

Wenche selbst hatte keine liebenden Eltern kennengelernt. Als ihre Mutter mit ihr schwanger war, erkrankte sie an Polio – und gab später Wenche die Schuld an ihren Lähmungen. Die beiden Halbbrüder schlugen und misshandelten sie, mit 17 Jahren zog sie aus und kehrte der Familie den Rücken. Als ich Wenche im März 2013 an ihrem Sterbebett besuchte, sagte sie, was Anders getan habe, sei auf ihre eigene Kindheit zurückzuführen. Damals sei sie Dingen ausgesetzt gewesen, die "tabu" waren.

Ganze Familie in Psychiatrie eingewiesen

Anders war erst ein paar Monate alt, als Jens und Wenche sich trennten. Die Mutter dachte darüber nach, ihren Sohn zur Adoption freizugeben. Sie äußerte Ärzten gegenüber den Wunsch, Anders und seine sechs Jahre ältere Schwester "der Gesellschaft zu überlassen, um ihr eigenes Leben zu leben". Nachts drang häufig Lärm aus ihrer Wohnung, und in der Nachbarschaft ging das Gerücht um, sie prostituiere sich und sei tablettensüchtig. Als Anders immer schwieriger wurde und seine Mutter sich ans Sozialamt wandte, wurde schließlich die ganze Familie ins Osloer Zentrum für Kinder- und Jugendpsychiatrie eingewiesen, wo Anders seinen vierten Geburtstag feierte.

Den Psychiatern begegnete ein Kind, das weder Freude zeigte noch spielte und das den Kontakt zu anderen mied. Bei der Mutter wurde eine Borderline-Persönlichkeitsstörung in Kombination mit Ängsten und Depressionen festgestellt. Mal schrie sie ihren Sohn an: "Ich wünschte, du wärst tot!", dann teilte sie nachts das Bett mit ihm und drückte ihn fest an sich. Der Mensch, der dem Kind Sicherheit geben sollte, war gleichzeitig der Mensch, den er am meisten fürchtete, lautete die Einschätzung der Fachleute. In einem Brief an das örtliche Jugendamt empfahlen die Psychologen, den Jungen in eine Pflegefamilie zu geben, um "einer ernsthaften Entwicklungsstörung vorzubeugen" .

Mit ihm war etwas, sagen die Nachbarn

Doch das geschah nicht. Anders wohnte weiterhin bei der Mutter und verschwand vom Radar der Behörden. Gelegentlich kam der Vater zu Besuch, obwohl dieser später einräumen würde, dass er eigentlich nie etwas für seinen Jungen übriggehabt habe, dass er ihn "faul, schweigsam und apathisch" fand. Auch bei seinen Altersgenossen kam Anders nicht an. Während der Grundschulzeit wurde er kaum wahrgenommen. Er war da, aber irgendwie auch nicht. Er funktionierte, jedoch ohne besondere Freude.

Mit ihm war etwas, sagen die Nachbarn, ohne es genau benennen zu können. Allerdings erinnern sich alle daran, dass er ein Tierquäler war und dass Hunde- und Katzenbesitzer ihren Kindern einbläuten, Anders nicht in die Nähe ihrer Haustiere zu lassen. Sie erinnern sich auch an die Abwesenheit von Anders’ Eltern. Niemand kam und sah zu, wenn der Junge ein Fußballspiel hatte. Andere Mütter oder Väter mussten ihn hinfahren. Er war ganz sich selbst überlassen.

Niemand wollte mit Anders Behring Breivik zu tun haben

Auf eine Kindheit, durch die er einfach hindurchglitt, folgte in der Jugend der verzweifelte Wunsch, irgendwo dazuzugehören. Nichts wollte der Junge lieber sein als Teil einer Gruppe, und als ihm das nicht gelang, ging er einen Schritt weiter: Er wollte der Anführer einer Gruppe sein. "Er hat so angestrengt versucht, cool zu wirken, dass er total uncool war", erinnerte sich eine ehemalige Klassenkameradin später. Eine andere fragte nach den Terrorangriffen weinend: "Haben wir ihn etwa so weitgetrieben?" Denn egal, was Anders machte – niemand wollte mit ihm zu tun haben, er galt als Loser. Und das nicht nur in der Schule.

Anders versuchte, Geld zu machen, und versagte. Er versuchte, in der rechtspopulistischen Fortschrittspartei eine politische Karriere einzuschlagen, kam jedoch nie auf die Kandidatenliste. Er sehnte sich nach einer Freundin, hatte aber panische Angst vor Intimität. Zu einem Bekannten sagte er: "Wenn ich eines Tages mal was richtig Großes vollbringe, vielleicht will mich dann mein Vater wiedersehen." Jens Breivik hatte den Kontakt zu seinem Sohn abgebrochen, als dieser 15 war. Der Grund: Anders hatte sich nicht an sein Versprechen gehalten, keine Graffiti mehr an die Wände in der Nachbarschaft zu sprühen. Und so besuchte der Vater ihn nie wieder. Er rief auch nicht an, er schrieb nicht, schickte nicht einmal eine Karte zu Anders’ 18. Geburtstag.

Mit 27 Jahren wieder zur Mutter

Als seine alten Klassenkameraden Mitte 20 waren, beendeten sie ihr Studium, begannen zu arbeiten und mit ihren Freundinnen zusammenzuziehen. Anders hatte die weiterführende Schule nicht abgeschlossen, er hatte weder Arbeit noch Freundin und konnte schließlich die Miete nicht mehr zahlen. Als er 27 Jahre alt war, bot die Mutter ihm an, wieder nach Hause in sein Jugendzimmer zu ziehen. Das war im Jahr 2006. Drei Jahre lang hockte er nun in diesem Zimmer und spielte am Computer World of Warcraft. Er sah niemanden, traf niemanden.

Doch zum ersten Mal in seinem Leben gelang ihm etwas. In der virtuellen Welt wurde er immer besser. Fand er Anschluss an eine Gruppe. Zugehörigkeit. Anerkennung. Schließlich führte Andersnordic, wie er sich nun nannte, seine Gilde an, er wurde Heerführer, unternahm Raubzüge, kämpfte Schlachten und erhielt Kriegsbeute in Form von Punkten. 16 bis 17 Stunden saß er an manchen Tagen vor dem Bildschirm und spielte. Die Mutter machte sich Sorgen, sagte aber nichts. Den Nachbarn gegenüber behauptete sie, ihr Sohn würde studieren.

Andersnordic, der Heerführer

Vielen Menschen wäre vieles erspart geblieben, wenn es Anders Behring Breivik gereicht hätte, bei World of Warcraft ein Held zu sein. Aber in den drei Jahren, die er weitgehend in seinem Zimmer verbrachte, drang er vor zu den dunklen Seiten des Internets. Dahin, wo Hass lauert und Verschwörungstheorien florieren. Regelmäßig besuchte er etwa 30 verschiedene Websites, die durchtränkt waren von Rechts extremismus, auf denen gegen Einwanderer gehetzt wurde, White Power und ein "Anti-Dschihadismus" propagiert wurden.

Neben den Feinden im virtuellen Leben entdeckte Breivik jetzt mutmaßliche Feinde in der Wirklichkeit: die Muslime – und all jene, die ihnen seiner Ansicht nach die Tore nach Europa öffneten.

Irgendwann genügte es Breivik nicht mehr, nur die Texte anderer zu lesen, wieder wollte er Teil der Gruppe werden, kontaktierte die bekanntesten rechten Autoren und Blogger. Und machte eine ihm längst bekannte Erfahrung: Er wurde zurückgewiesen. Man übersah ihn, weil ihm etwas fehlte, eine Art Charisma, vielleicht auch ein Kern. Er war Luft. Einer von denen, die er damals kontaktierte, erklärt später, Breivik habe einfach uninteressant gewirkt und langweilig.

"Verräter der Kategorie A"

Der Übersehene machte sich daran, etwas Unübersehbares zu schreiben, ein Manifest über die Zukunft Europas, das er "A European Declaration of Independence" nannte. Darin zeichnete er die Vision eines Europas ohne Muslime und ohne "Verräter". Ohne all die "Kulturmarxisten", die schuld sein sollten an einer "Islamisierung" und "Feminisierung Europas". Ohne all die Politiker, Akademiker, Journalisten, Wissenschaftler, Lehrer, all die Menschen, die nicht offen Stellung für ein weißes, christliches Europa bezogen. "Verräter der Kategorie A", also die einflussreichsten, sollten zum Tode verurteilt werden.

Wie kommt es, dass Breivik, im Gegensatz zu den meisten anderen Hetzern, nicht einfach nur schrieb und vielleicht auf einer Demonstration eine Fahne schwenkte? Dass das radikale Gedankengut bei ihm in eine Handlung mündete, in einen Massenmord, der ihn zum furchtbarsten Einzelterroristen Europas machte?

Es gibt nicht die eine Antwort auf diese Fragen. Aber es ist bemerkenswert, was Breivik selbst während seiner Gerichtsverhandlung 2012 gesagt hat: dass das Massaker auf Utøya seine Buchpremiere gewesen sei. Nach seinem Erfolg als virtueller Heerführer hatte er sein Manifest geschrieben, eine Kriegserklärung, die zunächst niemand zur Kenntnis nehmen wollte. Wie viele muss ich töten, damit man mich liest?, fragte er sich. Und die Idee einer Terroraktion nahm Gestalt an. Zuerst wollte er sich die Elite der "Verräter" holen, die von der Arbeiterpartei gestellte norwegische Regierung. Und dann deren Nachwuchs in der Jugendorganisation der Partei – die ein jährliches Sommercamp auf Utøya veranstaltete.

Vorbereitung aufs Töten

Der letzte Teil von Breiviks Manifest ist ein Tagebuch oder vielmehr ein Protokoll. Hier hielt er detailliert fest, wie er die naive norwegische Gesellschaft hinters Licht führte. Er kaufte sich Waffen, ganz legal, man brauchte sich ja nur in einem Pistolenklub anzumelden und eine Jagdlizenz zu erwerben. Er pachtete einen Hof, man brauchte sich ja nur als Landwirt zu registrieren und konnte dann den Dünger bestellen, den man zum Bau einer Bombe benötigt. Im Manifest amüsierte er sich darüber, wie einfach das alles war. Da stand er auf seinem gepachteten Hof und kochte Schwefelsäure, ohne auch nur den geringsten Verdacht zu wecken. Niemand nahm Anstoß an dem dicken, schwarzen Qualm, der aus dem Kessel aufstieg. Solange er Anders hieß und nicht Ahmed, würde niemand Alarm schlagen, das wusste er.

Er wusste auch, dass das Töten nicht leicht sein würde, und er bereitete sich darauf vor. Mit Meditation, körperlichem Training, Aufputschmitteln und kognitiven Techniken. Ein Soldat, so dachte er, muss seinen Feind entmenschlichen, um töten zu können. Anders bezeichnete die Jugendlichen auf Utøya als Ungeziefer, Schädlinge, Schuldige. Bereits Monate vor der Tat pumpte er sich mit Steroiden auf, und vor dem Massaker nahm er einen Cocktail aus Ephedrin, Aspirin und Koffein ein. Der Mann, der nie eine intakte Beziehung aufbauen konnte, perfektionierte seine Zerstörungskraft.

Ein Verrückter? Ein Terrorist?

Trotz seiner psychischen Vorbereitungen wäre er fast nicht in der Lage gewesen, die Attentate zu begehen, wie er später sagte. Dieser Punkt spielte eine Rolle in der Gerichtsverhandlung, denn eine der wichtigsten Fragen dort lautete: Ist der Täter unzurechnungsfähig und gehört in Behandlung oder ist er zurechnungsfähig und muss bestraft werden? Mit anderen Worten: Ist er verrückt oder ein politischer Terrorist?

Breivik selbst kämpfte für Letzteres. Denn würde man ihn für verrückt erklären, wäre alles verloren. Sein Ziel war es, eine Revolution in ganz Europa anzuzetteln, nicht in der Anstalt zu landen. Er hoffte, dass seine Aktion Rechtsextremisten auf dem ganzen Kontinent als Inspiration dienen würde und dass diese angeregt, aber unabhängig von ihm europaweit ähnliche Anschläge durchführen und schließlich die Gefängnismauern einreißen und ihn befreien würden.

Das waren die Gedanken eines Verrückten, ja, aber waren sie auch psychotisch? Das Vorhandensein einer Psychose ist in Norwegen das Zünglein an der Waage, wenn es um Schuldfähigkeit und Therapiebedarf geht. Wusste Breivik, was er tat? Wusste er, dass er eine Wahl hatte? Die Richterin meinte: ja. Er sei zurechnungsfähig, ihm sei klar gewesen, was er tat. Das Töten war ihm ja sogar schwergefallen. Jedenfalls, ehe er damit begann. Nachdem er den Ersten umgebracht hatte, so erinnerte sich Breivik, sei der Damm plötzlich gebrochen, danach sei alles ganz leicht gewesen.
Die Psychiater waren sich in manchem uneinig, doch das Einzige, was bei Breivik diagnostiziert wurde, war eine narzisstische Persönlichkeitsstörung, von der die Schuldfähigkeit unberührt bleibt. Die Diagnose ist treffend. Betrachtet man die Verhandlung, die Polizeiverhöre und Breiviks Auftreten in der Öffentlichkeit, ist kaum jemand vorstellbar, der selbstbezogener wäre als er.

"Sehen Sie nur, ich bin verletzt!"

Die Ersten, die ihm nach dem Massenmord auf Utøya begegneten, waren die Einsatzkräfte, die ihn stellten, und die Ermittler, die auf die Insel geschickt wurden, um ihn zu verhören. Breivik war mit den Räumlichkeiten im örtlichen Büro der sozialdemokratischen Jugendorganisation nicht zufrieden und sagte, er wäre kooperativer, wenn man ihn an einem angenehmeren Ort vernehmen würde.

Zu diesem Zeitpunkt lagen auf und vor der Insel die Leichen von 69 Jugendlichen, die er kurz zuvor getötet hatte. Breivik saß beim Verhör, mit Blut und Pulver auf der Hose, als er plötzlich eine kleine Schramme an seinem Finger entdeckte und sagte: "Sehen Sie nur, ich bin verletzt! Das muss verbunden werden, ich habe schon sehr viel Blut verloren."

Während er verarztet wurde, überlegte er laut, wie er sich die Wunde wohl zugezogen haben könnte. Er erinnerte sich, dass ihn irgendetwas am Finger getroffen hatte, als er eins seiner Opfer aus unmittelbarer Nähe erschoss. "Das muss ein Stück seines Schädelknochens gewesen sein", sagte er den Vernehmungsbeamten. Er sagte auch: "Eins müssen Sie wissen: Das war der schlimmste Tag in meinem Leben."

Mitleid nur mit sich selbst

Das Gleiche war während der zehn Wochen langen Gerichtsverhandlung zu beobachten. Breivik verzog keine Miene, als die Autopsieberichte vorgestellt wurden, als es um 77 verlorene Leben ging und um die Verletzungen erblindeter oder verstümmelter Jugendlicher. Ein Mädchen konnte nicht mehr sprechen, sodass ihr Vater für sie aussagen musste, andere Jugendliche saßen ohne Beine, ohne Arme, mit Glasaugen im Zeugenstand. Dann geschah aber doch etwas, das die Empathie des Mörders weckte.

Der Staatsanwalt spielte einen Film ab, den Breivik aus Internetbildern zusammengeschnitten hatte. Er handelte von der Islamisierung Europas und war mit sakraler Musik untermalt. Breiviks Lippen begannen zu beben, bis er schließlich schluchzend zusammenbrach. "Das ist mein Film, mein Film, ich wusste nicht, ob ich ihn jemals wiedersehen würde", sagte er unter Tränen.

Sein Gott ist jetzt Odin

Seitdem hat sich Breivik verändert. Und ist dennoch ganz der Alte. Die Veränderungen sind äußerlicher Natur, er hat eine neue Ideologie. Nun nennt er sich nicht mehr Anti-Dschihadist, sondern Nationalsozialist. Das bisschen Unterstützung, das er für seine Terroraktion erhielt, kam von Faschisten, nicht von reinen Islamkritikern, also hängte er sein Fähnchen nach dem Wind. Außerdem hat er die Religion gewechselt. In einem Brief an die AUF im Herbst 2015 schrieb er: "Ich bin kein Christ und bin es auch nie gewesen. Es gibt nur wenige Dinge auf der Welt, die pathetischer sind als die Figur Jesus und seine Botschaft. Mein Gott ist Odin." Er bezeichnet sich jetzt als Odinist, von ein paar Anhängern des altnordischen Glaubens bekam er etwas Zuspruch.

Doch viel war es nicht. Und der Grund, warum Breivik so wenige inspiriert, lässt sich vielleicht mit denselben Worten zusammenfassen wie die Tragödie seines Lebens. Anders Behring Breivik hat einfach nichts. Nichts, das ihn für irgendeine Gruppe interessant machen würde. Er wirkt quengelig, ein bisschen dumm und versucht angestrengt, Eindruck zu schinden. In gewissen extremistischen Kreisen in Russland galt er eine Weile als Held, doch das hat sich wieder gelegt. Die harten Kerle können nicht zu einem Mann aufsehen, der sich über kalten Kaffee, die unangemessene Aufbewahrung seines Lacoste-Pullis oder eine veraltete Playstation beschwert. Breivik hat kein Gespür für das soziale Spiel, sieht nur sich selbst und seine eigene Größe. Und genau deshalb müssen wir weiter über ihn reden und über ihn schreiben und uns mit ihm befassen. Die Wahrheit über Breivik ist ein Schutz vor Mythen. Die Wahrheit über ihn sorgt dafür, dass er nie zur Heldenfigur werden kann.

Die Helden

Die Geschichte der Attentate vom 22. Juli 2011 hat andere Helden. Simon Sæbø ist einer.

Als damals auf Utøya Schüsse fielen, verstand Simon sofort, dass es sich um einen Angriff handelte. Er begann, Verstecke zu organisieren. Er war kräftig, Regionalmeister im Hochsprung und ein guter Schwimmer. Er hätte einfach davonschwimmen können. Doch während hinter ihm geschossen wurde, half er den Jüngeren, sich einen steilen Hang hinunter in Sicherheit zu bringen, bis er selbst eine Kugel in den Rücken bekam und auf der Stelle starb.

Nicht geliebt, aber gefürchtet

Fünf Jahre später stehe ich neben seinem Vater und blicke hinaus aufs Meer. Es ist Johannisnacht, und in Nordnorwegen scheint die Mitternachtssonne. "Ich habe als Vater versagt", sagt Gunnar Sæbø. Das ist sein Mantra. Er hatte seinem Sohn beigebracht, draußen in der Natur nach Spuren Ausschau zu halten, von Wölfen und Luchsen, er sollte sich von Elchen und Unwettern fernhalten. Hilf denen, die Hilfe benötigen, und sei ansonsten einfach glücklich. Simon wurde durchs Leben getragen. Brauchte er etwas, waren seine Eltern für ihn da.

Simon Sæbø hatte eine Erfahrung gemacht, die Anders Behring Breivik niemals machte – geliebt zu werden. Und vielleicht hilft das, den großen Unterschied zu verstehen zwischen Simons Wahl – zu helfen, wie ihm selbst geholfen wurde – und Breiviks Wahl – zu zerstören, wie er selbst zerstört wurde. Wenn er nicht geliebt würde, wollte er gefürchtet werden, wenn er nicht bewundert würde, sollte man ihn eben verachten. Dann würde er wenigstens gesehen.

"Er hätte doch wissen müssen, wann es Zeit war, davonzulaufen!", sagte Gunnar Sæbø. Doch gegen das Böse hatte Simon keine Chance. Darüber hatten ihm seine Eltern nichts beigebracht.

Die Sæbøs erhielten Schmerzensgeld für den Verlust ihres Sohns. Aber was stellt man mit einer solchen Summe an? Simons Eltern gaben das Geld aus für den ersten Kunstrasenplatz von Sjøvegan, dem kleinen Ort nördlich des Polarkreises. Gunnar ist der Fußballtrainer, und das Motto der Mannschaft lautet: "Platz für alle".