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Kommentar

Kanzlerin kontert US-Präsidenten: Merkels Bierzelt-Botschaft an Trump reicht nicht

Donald Trumps testosterontriefende Gipfel-Egomanie hat die Europäer verstört, entsetzt. Angela Merkel hält mit einer deftigen Bierzelt-Botschaft dagegen: Oans, zwoa, mehr Europa! Geht gut runter. Nur: Was ist das wert?

Bundeskanzlerin Angela Merkel mit US-Präsident Donald Trump auf Sizilien

"Die Zeiten, in denen wir uns auf andere völlig verlassen konnten, sind ein Stück vorbei", sagte Angela Merkel mit Blick auf Donald Trumps Auftreten der vergangenen Tage

Hallo, sind Sie auch gerade aus dem Wochenende zurück und gucken, was Sie bei diesem mitunter schönen Wetter so alles verpasst haben? Um gleich zum Punkt zu kommen. Zerstört worden ist in den vergangenen Tagen nicht nur das Verhältnis zwischen Helene Fischer und einer Menge Fußballfans, endgültig zerstört worden ist auch das, was ein paar Jahrzehnte lang unter dem Markennamen "Der Westen" lief. Der  Zerstörer heißt, Überraschung: .

Richtig, er hat gesagt, dass er es tun würde. Er hat es getwittert. Und er hat auch in den ersten Monaten seiner Präsidentschaft keine Zweifel daran gelassen, dass ihm Partnerschaften, Prinzipien, Geschichte völlig einerlei sind. Was allein zählt ist: Trump first.

Eine bizarre, bullenhafte Weltvergessenheit

Dennoch brauchte es offenbar Trumps ersten Auslandstrip und all die Gipfeleien mit NATO, EU und G7, um den Kollegen im Ausland endgültig vor Augen zu führen, wie ernst es der mit seiner Zerstörungsabsicht meint. Trump schickt sich an, alles zu zerlegen, wofür die USA in den vergangenen Jahrzehnten standen, alles, was unter der Marke "Der Westen" lief: Halbwegs rational vorzugehen, an Freihandel zu glauben, an Demokratie, an Partnerschaften, in der NATO, mit der EU, in den G7, Partner zu respektieren, wenn man ihnen entgegentritt. Trump signalisiert unverhohlen: Zum Teufel damit!

Allein, dass der Mann in bizarrer, bullenhafter Weltvergessenheit andere Staatschefs wegdrängt, dass er physische Symbolik zur Machtdemonstration nutzt, zeigt, was ihn treibt, wie er vermeint, das Recht des vermeintlich Stärkeren durchsetzen zu können. first heißt da eben auch, andere Staatschefs rüde zu behandeln. Weg da, Sie! Da ist's zunächst vielleicht noch lustig, dass der drahtig-elegante französische Neu-Präsident Emanuell Macron Trumps Hand beim Schütteln einfach nicht loslässt. Touché. Alphatier-Spielchen. Beim zweiten Blick ist es erschreckend, dass Trump seine Außenpolitik mit derselben Eleganz umsetzt, mit der in einer Absturzkneipe nachts um halb zehn um den Hocker am Tresen gerungen wird, um Helene Fischer zu sehen. Zwar ist Show in der Politik immer dabei, Drama Teil des Spiels, Barack Obama hat das zelebriert. Aber wenn der Showman Trump sagt "You're fired", dann kann er jetzt eben immer auch Raketen meinen.

Merkels Truderinger Botschaft

Gut, dass Angela Merkel jetzt dagegen hält, mit ihrer Rede aus dem Truderinger Bierzelt. "Die Zeiten, in denen wir uns auf andere völlig verlassen konnten, sind ein Stück vorbei", sagt sie. "Das habe ich in den letzten Tagen erlebt." Mal abgesehen davon, dass Gerhard Schröder in Sachen Irak auch ordentlich gegen George Bush den Jüngeren gekeilt hat, ist das wohl eine der härtesten Äußerungen eines deutschen Kanzlers in Bezug auf die seit 1949. Es entbehrt auch nicht einer gewissen Ironie, dass Merkel den Satz im Bierzelt zwitscherte, quasi der bayerischen Version von Twitter. Oans, zwoa, g'suffa. Die Botschaft geht ja auch gut runter, schmeckt schön populistisch - und wird weit über das Bierzelt hinaus gehört.

Allein, die Frage sei erlaubt: Was hilft's? Was ist Merkels Satz wert? Trump wird er völlig egal sein. Mehr noch. Merkels Reaktion passt in seine Weltsicht. Zeigt sie doch, dass die Deutschen endlich begriffen haben, dass sie ihr Schicksal selbst in die Hände nehmen müssen, dass die USA eben nicht mehr alles bezahlen werden. Nee, stimmt ja, die können sich auf uns wirklich nicht mehr immer verlassen. "America first?" Wirkt. The Germans start to get it.

Europe first? Gibt's nicht umsonst

Deshalb ist Merkels Satz auch ausdrücklich ein Aufruf an die Europäer. Rückt zusammen! Kein Wunder, dass Martin Schulz sofort Beifall klatscht. Nur, und hier liegt der Kern des Dilemmas: Was heißt das denn jenseits von Trudering? Rückt zusammen? In der europäischen Wirklichkeit brechen ja nicht nur die Briten weg, sondern in Ungarn versucht ein Mini-Trump einer Universität den Garaus zu machen, die den liberalen Geist fördert. Europa ist längst kein geeinter Hort von Trump-Gegnern. Europa ist tief gespalten. Und Europa, als liberaler Gegenentwurf zu Trump, wird nur entstehen können, wenn Merkel jenseits warmer Worte ernst macht – und sich von jenen verabschiedet, die Europa immer nur als gute Einnahmequelle, aber eben nicht als liberal-demokratisches Projekt begriffen haben.

Die Gretchenfrage lautet: Wie hältst Du's mit dem, wofür Europa im Kern steht? Und wie wird mit denen umgegangen, die als Antwort weggucken? Macht Merkel, machen vielleicht Merkel und Macron ernst mit Europa, wird es auch hier sehr hart, sehr "disruptiv" zugehen müssen. Ja, Trump hat am klar gemacht, dass er wirklich, echt, tatsächlich Schluss machen will mit der Idee einer offenen, globalen Gesellschaft. America, the Beautiful, hat sich vorerst verabschiedet. Und es ist gut, dass Merkel da dagegenhält, mit dem Vorschlag für ein offenes, starkes, geeintes Europa. Nur: Wenn Merkel es ernst meint, wird sie sich ein bisserl was von Trumps Technik abgucken müssen. Europe first? Kostet auch was. Prost.