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Jenseits von Kiew Bundeswehr-Einsatz auf der Kippe: Annalena Baerbocks schwieriger Mali-Trip

Außenministerin Annalena Baerbock spricht in Gao in Mali im Feldlager Camp Castor mit Soldaten
Außenministerin Annalena Baerbock spricht in Gao in Mali im Feldlager Camp Castor mit Soldaten
© Kay Nietfeld / DPA
Annalena Baerbock ist auf ihrer ersten Afrika-Reise. Auf der Tagesordnung: der Truppenbesuch in Mali. Der Bundeswehr-Einsatz in Westafrika steht auf der Kippe.

Krieg herrscht nicht nur in der Ukraine, auch in andere Regionen der Welt wird gestorben. Im westafrikanischen Mali seit mehr als zehn Jahren. Seit neun ist die deutsche Bundeswehr an einer UN-Mission beteiligt, sie soll auf einem Gebiet halb so groß wie Deutschland dabei helfen, einen wackeligen Frieden zu sichern. Mit gerade mal 1.110 Soldatinnen und Soldaten. Es ist derzeit ihr gefährlichster Einsatz. Und er steht auf der Kippe.

Erste Afrika-Reise für Annalena Baerbock

Nach steilem Sinkflug landet der Militärtransporter A340M auf den Flughafen von Gao, Provinzhauptstadt der gleichnamigen Region in Zentralmali. An Bord: die deutsche Außenministerin. Es ist ihre erste Reise nach Afrika. Nur wenige Tage nach dem Besuch der Verteidigungsministerin will auch Annalena Baerbock sich selbst ein Bild von der Lage machen. Ende Mai läuft das Mandat für die UN-Mission aus. Wird es verlängert? Läuft es aus? Oder droht dem Westen hier womöglich ein zweites Afghanistan, wie manche schon vermuten?

42 Grad werden für diesen Dienstag erwartet. "Angenehm kühl", scherzt ein Soldat, man hätte in diesem Jahr schon 46 erdulden müssen und im Mai könne es auch 50 Grad heiß werden. Baerbock trägt beigefarbene Hose, weiße Bluse – und eine Splitterschutzweste. Die Sicherheitslage war hier immer angespannt, inzwischen ist sie katastrophal. Die größte Gefahr: IED, improvised explosive devices, Sprengfallen am Straßenrand und Beschuss. Im Dezember war das Lager zuletzt mit selbstgebauten Mörsern beschossen worden. Ein Offizier weist die Delegation ein, wie sich alle im Alarmfall zu verhalten haben: Flach hinlegen, Hände über den Kopf.

Deutsche Soldaten in Mali: Job ist Job

Aber es geht hier am südlichen Rand der Sahara um weit mehr als nur die Eigensicherung. Die Aufgabe der Deutschen ist es, Aufklärung zu betreiben – sie fliegen mit Drohnen die Region ab, suchen nach verdächtigen Bewegungen; sie fahren auf Patrouillenfahrt, in der näheren Umgebung im Konvoi, auf Mehrtagestrips mit den Spähpanzern. Und sie bauen Kontakte zu Vertrauenspersonen auf, Anwohner, die ihnen Informationen aus erster Hand übermitteln. Hilft es? Wird die Region irgendwie sicherer, besser?

Schwierige Fragen. Fragen, auf die die meisten Soldaten eher einsilbig antworten: Job ist Job, wir tun, was uns gesagt wird. Einige sind, zum Teil im sechsten Einsatz in Mali, latent frustriert, zumindest besorgt. So wie dieser Truppenführer, der seinen Namen lieber nicht nennen mag. Dieses Mal sei er mit einem flauen Gefühl im Magen in den Einsatz gestartet, drei Wochen sei das her. Die Sicherheitslage habe sich gegenüber früheren Einsatzzeiten enorm verschlechtert.

Ist diese Debatte, die in Deutschland und Europa gerade geführt wird, ob dieser Einsatz überhaupt Sinn ergibt – demotivierend für die Soldatinnen und Soldaten? "Man spürt, je höher die Anerkennung daheim, desto größer auch die Motivation und die psychische Resilienz der Kameradinnen und Kameraden im Einsatz", sagt Sophie Wilk-Vollmann. Sie ist Oberstabsarzt – beim Militär wird nicht gegendert – und sonst im Berliner Bundeswehrkrankenhaus stationiert. Hier in Gao gehört sie zum BAT2, einem beweglichen Arzttrupp. In Tarnanzug mit umgehängtem G3-Gewehr steht sie in der Gluthitze vor einem gepanzerten Wagen.

Was sie motiviert? "Das tägliche Kleinklein: Wir können Ängste und Schmerzen nehmen", sagt die Ärztin. Aber es gehe längst um mehr: "Man darf Afrika nicht aus dem Fokus verlieren", sagt sie. Man müsse so einen Einsatz immer im Gesamtkontext betrachten, dazu gehört auch die Frage: Was passiert, wenn die UN-Truppen hier nicht mehr sind?

Explodierende Lebensmittelpreise in Mali: Auswirkungen des Russlandkrieges

Was soll also werden, Frau Außenministerin? Wenn Annalena Baerbock eines in den ersten vier Monaten im Amt gelernt hat, dann einen großen Bogen zu spannen. Letztlich hängt immer alles mit allem zusammen. Für Mali bedeutet das, hier treffen bestehende Krisen "massiv aufeinander". Sie meint die terroristische Bedrohung, die längst die gesamte Südsahelzone betrifft. Sie meint die Auswirkungen der Klimakrise, die sich hier in Dürren und Missernten zeigt. Sie meint den Mangel an Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und Menschenrechten, der seit dem Militärputsch vor einem Jahr nicht kleiner geworden ist.

Und noch etwas sei hinzugekommen: Sogar in Mali würden sich bereits die Auswirkungen des Russlandkrieges zeigen, wie die explodierenden Lebensmittelpreise. Und der Einsatz der russischen Gruppe Wagner. Ende März soll die berüchtigte Söldnertruppe bei einem Einsatz mit malischen Sicherheitskräften in der zentralmalischen Stadt Moura ein Massaker verübt haben. Offiziell galt der Einsatz Jihadisten. Doch laut Human Rights Watch hätten sich unter den 300 Toten vornehmlich Zivilisten befunden. Das Verbrechen folge "einem ähnlichen Muster wie das, was von Russen in der Ukraine verübt" worden sei, so Baerbock.

Nur was folgt daraus? Die einstige Kolonialmacht Frankreich hat seinen Truppenabzug bereits angekündigt. Sie waren es, die 2013 gemeinsam mit malischen Sicherheitskräften die Erstürmung der Hauptstadt Bamako durch islamistische Rebellen verhindert hatten. Sie drängten die Islamisten in den Norden zurück. Doch nach Frankreich tendieren auch andere Nationen zum Ausstieg. Die europäische Trainingsmission "EUTM" zur Ausbildung malischer Sicherheitskräfte, an der Deutschland ebenfalls mit etwa 300 Einsatzkräften beteiligt ist, wird wohl enden. Das hatte der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell bereits Anfang der Woche angekündigt.

Situation in Mali bis heute instabil

Auch die UN-Mission ist inzwischen umstritten: Seit dem vergangenen Jahr wird Mali von Militärs regiert, sie haben sich an die Macht geputscht. Bis heute ist die Situation instabil und die politische und soziale Zukunft des Landes ungewiss. Im Norden begehrt die Volksgruppe der Tuareg auf, in der gesamten Sahel-Zone breiten sich islamistische Terroristen aus. Immer wieder sterben Menschen bei Anschlägen. Immer schwieriger gestaltet sich die Zusammenarbeit mit der malischen Militärregierung. Die bereits für Februar angekündigten Wahlen, die eine Übergangsfrist beenden sollten, wurden auf unbestimmt verschoben. Und dann ist da die Kooperation mit der Wagner-Gruppe.

Deutschland müsse sich, in den nächsten Monaten den "schwierigen Herausforderungen" stellen, so Baerbock. Aus dem Rückzug der Franzosen ergebe sich "eine besondere Verantwortung für unser Land" und die anderen Partner, "wie wir diese wichtige Stabilisierungsmission in Zukunft so fortführen können." Das klingt schon sehr nach "Bleiben", aber sagen will sie es noch nicht. Eines dürfe man auch keinen Fall vergessen: Welche Bedeutung, welchen unmittelbaren Nutzen der Einsatz vor allem für die lokale Bevölkerung habe: Die Vereinten Nationen versuchten hier ein Umfeld zu schaffen, erklärt die Außenministerin, damit "Menschen überhaupt in ihren Dörfern leben können, die ständig neuen terroristischen Angriffen ausgesetzt sind. Dass Frauen auf den Markt gehen und Kinder irgendwie sicher zur Schule kommen können."

Eine weiße Frau mit schulterlangem braunem Haar hat beim Sprechen den Mund offen

Malische Frauen fürchten Zeit nach einem möglichen Abzug der UN-Truppen

Das haben ihr auch die Vertreterinnen der örtlichen Zivilgesellschaft mit auf den Weg geben, die Baerbock am Rande des Besuches zu einem nicht-öffentlichen Gespräch getroffen hat. Die ausstehenden Wahlen, auf die vor allem die Europäer so großen Wert legen, seien ihnen weniger wichtig als Sicherheit, hatten die Frauen der Außenministerin erklärt, denn wer auch immer als Sieger daraus hervorgehen würde, könnte sich ohne Sicherheit kaum lange an der Macht halten.

Ähnliches hatte die Ministerin zuvor bereits erfahren in einer Gesprächsrunde mit Vertreterinnen der hiesigen Zivilgesellschaft. Solche Treffen seien ihr extrem wichtig, heißt es im AA, gerade in diesen Ländern wolle sie sich nicht allein auf Einschätzungen verlassen, die sie von offizieller Seite erhalte. Sie fürchten die Zeit nach einem möglichen Abzug der UN-Truppen. Die Internationalen drängen auf Wahlen – für die Frauen wichtiger: Der Erhalt der Sicherheit. Was nützt eine Wahl, wenn der Sieger sich nicht an der Macht halten könne?

Letzte Frage, Frau Baerbock, bevor es zurück zum Flieger geht, erst zurück in die Hauptstadt Bamako, heute dann weiter nach Niger: Wie geht es weiter mit den schweren Waffen für die Ukraine?

yks

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