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Attentat von Nizza: Frankreich rätselt: Wie wird ein Einzelgänger so schnell zum radikalen IS-Soldaten?

Frankreich trauert um seine Toten - und fragt sich, wer der Mann war, der mit seinen Lastwagen in eine Menschenmenge raste. Vieles deutet darauf hin, dass er sich innerhalb kürzester Zeit radikalisierte. Der Terror in Frankreich könnte zum Alltag werden.

LKW

Der Attentäter von Nizza soll ein Einzelgänger und depressiv gewesen sein - seine religiöse Radikalisierung erfolgte erst kürzlich

Der Attentäter von Nizza, der mit einem Lastwagen mindestens 84 Menschen in den Tod riss, hat sich womöglich erst recht kurz vor seiner Tat dem radikalen Islam zugewandt. Dies deuteten erste Vernehmungen von mehreren festgenommenen Personen aus seinem näheren Umfeld an, darunter seine Ex-Frau und vier Männer. Frankreichs Premierminister Manuel Valls ist davon überzeugt, dass der Attentäter Mohamed Lahouaiej-Bouhlel ein radikaler Islamist war - wenn auch erst seit kurzem. Bei den Ermittlungen sei herausgekommen, "dass sich der Attentäter sehr schnell radikalisiert hat", sagte Valls der Sonntagszeitung "Journal du Dimanche".

Die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) rufe auch gezielt Einzeltäter, "die unseren Geheimdiensten unbekannt sind", zu Anschlägen auf. Zuvor war der Attentäter lediglich im Zusammenhang mit Kleinkriminalität in Erscheinung getreten und galt zudem als gewalttätig. Es wurde ebenfalls bekannt, dass der Attentäter den Tatort an der Promenade des Anglais am 12. und 13. Juli ausgekundschaftet habe.

Bedrohung darf nicht  zu einer "Trumpisierung" führen

Die Ex-Frau von Lahouaiej-Bouhlel soll noch mindestens 24 Stunden in Polizeigewahrsam bleiben, zur Identität der vier Männer machten die Behörden keine Angaben. Im Zuge der Ermittlungen sind nun zwei weitere Personen festgenommen worden, hierbei handelte es sich um einen Mann und eine Frau. Die der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) nahestehende Nachrichtenagentur Amak bezeichnete den zum Zeitpunkt seines Todes 31 Jahre alten Tunesier als "Soldat" des IS. Eine unabhängige Bestätigung dafür gab es jedoch nicht.

Valls sagte in dem Interview, der Terrorismus werde "noch lange" zum Alltag der Franzosen gehören. Die terroristische Bedrohung dürfe aber nicht zu einer "Trumpisierung" führen, sagte er mit Blick auf den populistischen US-Präsidentschaftsbewerber Donald Trump. Die Franzosen dürften ihren Rechtsstaat und ihre Werte nicht in Frage stellen.


Depressiv - aber keine Verbindung zur Religion

Nach Ansicht von Innenministers Bernard Cazeneuve ließen sich Menschen, die für die Botschaften des IS zugänglich seien, für extrem brutale Aktionen gewinnen, ohne unbedingt dafür ausgebildet worden zu sein. Seit Freitag hatte es Berichte gegeben, dass der Mann gewalttätig und unbeherrscht war. Cazeneuve rief am Samstagabend alle patriotischen Franzosen zum freiwilligen Polizeidienst auf. Jeder, der wolle, könne sich dieser operativen Reserve anschließen. Auf diese Truppe, die schnell mobilisierbar sei, könnten die Präfekten je nach Ereignissen und zur Sicherung von Orten und Veranstaltungen zurückgreifen.

Erst kürzlich hatte der Vater von Mohamed Lahouaiej-Bouhlel der Nachrichtenagentur AFP bestätigt, dass sein Sohn unter Depressionen litt. Von 2002 bis 2004 habe er "Probleme" gehabt, die zu einem "Nervenzusammenbruch" geführt hätten. Nachdem der gebürtige Tunesier nach Frankreich ausgewandert war, sei der Kontakt zur Familie in Tunesien abgebrochen. Der Vater betonte, dass sein Sohn "keine Verbindungen zur Religion" gehabt habe.

In ganz Frankreich begann am Samstag eine dreitägige Staatstrauer. Am Montagmittag soll es eine Schweigeminute geben. Danach werde die Promenade des Anglais wieder ganz für den Verkehr geöffnet, teilte die Stadt Nizza mit.

Noch immer 26 Menschen in Lebensgefahr

Unter den Opfern von Nizza sind mehrere Ausländer. Unklar ist das Schicksal der drei vermissten Berlinerinnen. Das Auswärtige Amt hatte am Freitagabend nur bestätigt, dass unter den Verletzten eine Deutsche sei, ging aber generell davon aus, dass sich Deutsche unter den Todesopfern befinden. Berlin gedenkt an diesem Montag mit einem ökumenischen Gottesdienst der Opfer des Anschlags.

Der Tunesier war am Donnerstagabend mit seinem 19-Tonner in den für LKW eigentlich verbotenen Boulevard eingebogen. Er legte 1,4 Kilometer zurück, bis er zu der Stelle kam, wo die Straße für die Feiern abgesperrt war. Er sei über den Bürgersteig gefahren, um die quer stehenden Streifenwagen zu umgehen. Am Steuer beschleunigte er und fuhr Zickzack, um möglichst viele Menschen zu treffen. Er wurde von der Polizei erschossen. Zwischen dem Eindringen in die Sperrzone und dem Ende der Fahrt vergingen laut Behörden nur 45 Sekunden. Nach jüngsten Angaben vom Samstagabend wurden 303 Menschen verletzt. 121 lagen noch im Krankenhaus, 26 schwebten in Lebensgefahr.


amt / DPA / AFP