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Attentat auf Putin-Kritiker Boris Nemzow: Was an dem Mordfall mysteriös ist

Das Attentat auf Boris Nemzow wirft viele Fragen auf. Ungereimtheiten verursachen wilde Spekulationen. Vieles spricht für einen durchdachten Auftragsmord. Doch einiges passt nicht ins Bild.

Von Ellen Ivits

Boris Nemzow ist am Freitagabend in Sichtweite des Kremls von Unbekannten erschossen worden

Boris Nemzow ist am Freitagabend in Sichtweite des Kremls von Unbekannten erschossen worden

Aufgebrachte Nationalisten, rivalisierende Oppositionelle, Islamisten, Geschäftskonkurrenten oder Wladimir Putin? Wer hinter dem Mord an dem russischen Oppositionspolitiker Boris Nemzow steckt, bleibt vorerst vollkommen offen. Einzelheiten zu den Umständen seines Todes, die zunehmend bekannt werden, hinterlassen mehr Fragen als Antworten. Während einerseits einige Indizien auf einen ausgeklügelten Auftragsmord hindeuten, zeugen andere von einer fehlerhaft ausgeführten Tat.

Das sind die Umstände, die Rätsel aufgeben und Grund für Spekulationen liefern:

Überwachungskameras zur Tatzeit nicht in Betrieb

Die einzigen - der Öffentlichkeit zumindest bislang zugänglich gemachten Aufnahmen - die den Mord an Nemzow dokumentieren, stammen von einer Überwachungskamera am Gebäude des russischen Senders TWZ. Entlang der Brücke, auf der der Mord stattgefunden hat, sind jedoch mehrere reguläre Überwachungskameras installiert, die einen unbeeinträchtigten Blickwinkel auf die Brücke und den Bürgersteig, auf dem Nemzow unterwegs war, gehabt haben müssen. Doch sie alle sollen zum Tatzeitpunkt zur Wartungszwecken ausgeschaltet gewesen sein. Entweder müssen die Täter also von den Reparaturarbeiten gewusst und den Zeitpunkt und den Ort für ihren Mord bewusst ausgewählt haben. Oder es war ein Zufall, der den Tätern nun in die Hände spielt. Außerdem bleibt noch eine dritte Möglichkeit: Die Kameras waren nicht ausgeschaltet, die Aufnahmen werden jedoch von den Behörden zurückgehalten.

Fakt ist: Am Kreml finden derzeit Restaurationsarbeiten statt. Aus diesem Grund könnten auch an den Kameras Wartungsarbeiten vorgenommen worden sein. Andererseits ist die "Große Moskauer Brücke" eine der wichtigsten Zufahrtswege zum Kreml. Es ist unwahrscheinlich, dass sie vollkommen unbeaufsichtigt bleibt.

Kehrfahrzeug versperrt die Sicht auf den Mord

Auf den einzig verfügbaren Aufnahmen des Senders TWZ ist der Mord an Nemzow selbst nicht zu sehen. Genau in dem Moment, in dem der Täter auf den Politiker schießt, versperrt ein Kehrfahrzeug die Sicht. War dieses Fahrzeug in den Mordkomplott involviert? Um dies einkalkulieren zu können, müssen die Täter gewusst haben, dass auf dem Gelände des Fernsehsenders auf der anderen Flussseite eine Überwachungskamera installiert ist, die auf die Brücke gerichtet ist. Wenn das Fahrzeug gezielt dazu benutzt worden ist, die Sicht auf die Tat für diese Kamera zu verstecken, haben die Täter keinen anderen Weg gefunden auch diese Kamera außer Gefecht zu setzten.

Das Fahrzeug kann sich andererseits auch zufällig auf der Brücke befunden haben. Der Schütze könnte es schlicht als Sichtschutz vor möglichen Zeugen ausgenutzt haben. Schließlich herrschte zum Tatzeitpunkt auf der Brücke reger Verkehr, auch in die entgegengesetzten Fahrtrichtung. Außerdem könnten auf der anderen Brückenseite auch Passanten unterwegs gewesen sein. Der Mörder könnte also abgewartet haben, bis das Kehrfahrzeug sich auf der gleichen Höhe mit seinem Ziel befunden hat, um die Zahl möglicher Augenzeugen zu verringern.

Begleiterin von Nemzow bleibt unverletzt

Boris Nemzow befand sich zum Tatzeitpunkt in Begleitung seiner Freundin Anna Durizkaja. Das 23-jährige ukrainische Model blieb bei der Tat jedoch unverletzt. Es stellt sich also die Frage, warum der Täter die Zeugin, die ihn erkannt haben könnte, am Leben ließ. Der Umstand, dass Durizkaja verschont worden ist, bleibt besonders dann unnachvollziehbar, wenn man davon ausgeht, dass das Kehrfahrzeug und die deaktivierten Überwachungskemaras zum Mordplan gehörten. Um beides zu bewerkstelligen, wäre eine minutiöse, professionelle Planung notwendig. Eine überlebende Augenzeugin passt nicht in dieses Konzept.

Eine andere Möglichkeit ist, dass die Täter wussten, dass die Zeugin nicht aussagen wird. Wie unterschiedliche russische Medien berichten, kann Durizkaja keine Angabe zum Tathergang machen, weil sie unter einem partiellen Gedächtnisverlust leiden soll.

Der Täter benutzte alte Munition unterschiedlicher Hersteller

Wie die russische Zeitung "Kommersant" berichtet, wurden auf Nemzow insgesamt sechs Schüsse abgefeuert. Vier davon trafen ihn im Rücken, eines der Geschosse ging tödlich ins Herz. Laut der Polizei sollen alle Schüsse aus ein- und derselben Waffe abgefeuert worden sein. Doch sie stammen von unterschiedlichen Herstellern. Zudem sind die Neun-Millimeter-Projektile über 20 Jahre alt. Laut dem "Kommersant" wurde eine der Patronen 1986 in der Uralstadt Tscheljabinsk produziert, eine andere 1992 in Tula.

Den russischen Ermittlern zufolge könnte diese Auswahl dafür sprechen, dass die Täter nur einen sehr begrenzten Zugang zu Munition und Waffen gehabt haben und deswegen auf alte, unterschiedliche Patronen zurückgreifen mussten. Andererseits erschwert dieser Umstand die Ermittlungen, da die Herkunft der Geschosse schwer nachvollziehbar ist.

Auch die Tatwaffe gibt Rätsel auf. Laut der russischen Polizei könnte eine Pistole der Marke "Makarow" benutzt worden sein. Es gibt jedoch auch Spekulationen darüber, dass eine umgerüstete Gaspistole eingesetzt wurde, was wiederum auf einen eingeschränkten Waffenzugang hindeutet.