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Ex-Trump-Berater: Breitbart-Chef Steve Bannon: Wie der Schattenmann seinen Angriff plant

Steve Bannon galt als finsteres Genie hinter Trump. Dann warf ihn der Präsident hinaus. Und Bannon kehrte zurück zum Internetportal Breitbart. Für ihn geht der Kampf um Amerika jetzt erst richtig los.

Breitbart-News Chef Steve Bannon: Angriff des Schattenmannes

Steve Bannon, 63, will Breitbart zu einem neuen, ultrarechten Medienimperium ausweiten

Steve Bannons "Kriegsmaschine" liegt im Souterrain seines rot geklinkerten Stadthauses in Washington, schräg gegenüber dem Obersten Gerichtshof, rechts vom Büroturm des Senats; zum Capitol sind es fünf Minuten zu Fuß. Beste Lage für einen, der seine Feinde im Washingtoner Establishment ausmacht. "Kriegsmaschine", damit meint Bannon die nationalistische Website Breitbart News, deren Chef er war, bevor er Trumps oberster Politstratege im Weißen Haus wurde.

Und deren Chef er nun wieder ist, seit Trump ihn gefeuert hat.

Besucher seien bei Breitbart "aus Sicherheitsgründen nicht gern gesehen", hatte der leitende Redakteur Joel Pollak am Telefon erklärt. Aber die Tür zur Redaktion steht zufällig offen. Sie führt in eine längliche Kellerwohnung, auf dem glänzenden Parkett liegen Schonteppiche, im Eingang hängt eine Titelseite der "New York Times". Wo das Esszimmer sein sollte, ist ein TV-Studio eingerichtet, Scheinwerfer sind um einen rustikalen Holztisch mit Barhockern angeordnet, die Küche dahinter ist der Regieraum mit großen Bildschirmen und viel technischem Gerät.

Ohne Breitbart wäre Trump nie Präsident geworden

Eine Frau steht im , Amanda House, jung, dunkelhaarig, Breitbart-Reporterin. Auf der Website kann man ein Video von ihr anschauen, in dem sie erklärt, dass sie eigentlich Krankenschwester werden wollte, aber dann hätte Obama die Versicherungspflicht eingeführt, weshalb ihr der Job nicht mehr sicher vorkam, eine etwas krude Logik, aber deshalb jedenfalls würde sie jetzt für Breitbart arbeiten.

Amanda erklärt höflich, dass außer ihr niemand da sei und sie ohne Genehmigung nicht über ihre Arbeit reden dürfe. Sie bittet zu gehen. Dann fällt die Tür ins Schloss.

Ein Bild vom Anfang der Präsidentschaft: Donald Trump beim Zwiegespräch mit seinem Berater Bannon im Weißen Haus

Ein Bild vom Anfang der Präsidentschaft: Donald Trump beim Zwiegespräch mit seinem Berater Bannon im Weißen Haus

Der kurze Besuch hinterließ kaum den Eindruck einer Kriegsmaschine. Doch am Phänomen Breitbart haben sich schon die Forscher der -Universität abgearbeitet, ohne es völlig zu durchschauen. Nur eines sei klar, sagt Harvard- Professor Yochai Benkler: Ohne Breitbart wäre Trump nie Präsident geworden.

Im November 2016 wurde Breitbart von fast 23 Millionen Usern besucht, mehr als jede andere konservative Website in den USA, Fox -News eingeschlossen. Nach der Wahl verlor Breitbart dann etwas an Beachtung, weil der einstige Kopf ins Weiße Haus abgewandert war. Doch nun, da er zurück ist, fürchten viele, dass Breitbart mächtiger wird denn je.

Bannon und Breitbart könnten das Land mit ihrer nationalistischen, fremdenfeindlichen, gestrigen Agenda noch mehr vergiften, Aggressionen schüren, Konflikte anheizen, den Rechtsextremisten das Gefühl geben, dass nun ihre Zeit gekommen ist. Permanent berichtet Breitbart über illegale Immigranten als "Vergewaltiger", junge Muslime werden per se als "tickende Zeitbomben" bezeichnet, Schlagzeilen vergleichen Feminismus mit "Krebs", nennen Klimawandel "Mythos".

Trump wird eines Tages gehen, Breitbart bleibt

Breitbart könnte das Land noch mehr verändern, als Trump es getan hat. Denn Trump wird eines Tages gehen, Breitbart bleibt. Bald könnte Breitbart als TV-Format auf Sendung gehen, auch von einem Breitbart-Ableger in Deutschland ist die Rede. Möglich ist das alles, weil hinter Breitbart mächtige Sponsoren stehen, die danach gieren, Amerika und die Welt nach ihren Vorstellungen zu prägen.

"Krieg", hatte Redakteur Joel Pollak getwittert, als Bannon am 18. August sein Büro im Weißen Haus räumen musste. Noch am selben Tag leitete der 63-jährige alte und  neue Chef die Redaktionskonferenz, per Telefon, wie bei Breitbart üblich. Als Erstes gab Bannon Anweisung, mehr über China zu berichten. "Die mischen wir auf!" Für Bannon ist China mit seinen Niedriglöhnen schuld an amerikanischer Arbeitslosigkeit. Globalisierung hält er für den größten Feind von US-Interessen.

Der Milliardär Robert Mercer und seine Tochter Rebekah fördern Breitbart

Der Milliardär Robert Mercer und seine Tochter Rebekah fördern Breitbart

Bannon sei bei der Redaktionskonferenz "aufgeräumt und gelöst" gewesen, erzählt Pollak. "Es war, als hätte man den Tiger aus seinem Käfig gelassen", formuliert es ein anderer. Zur Feier seiner Rückkehr ging die Redaktion anschließend auf ein Bier in den Union Pub, die Breitbart-Stammkneipe, wo auf großen Bildschirmen Football und Boxen gezeigt wird und, so erzählen die Washingtoner, am Abend von Trumps Wahlsieg mehr als sonstwo in der Hauptstadt gejubelt wurde.

"Krieg" dürfte aber vor allem bedeuten, dass sich Breitbart jene vorknöpft, mit denen sich Bannon schon im Weißen Haus angelegt hatte: Sicherheitsberater Herbert Raymond "H. R." McMaster, den er für einen "Weichling" im Umgang mit radikalen Islamisten hält; Wirtschaftsberater Gary Cohn, den er despektierlich "Globalisten-Gary" nennt; und dann Trump-Schwiegersohn Jared Kushner und dessen Frau Ivanka. Für das Paar erfand er den Spitznamen "Javanka". Bannon hält die beiden für "verkappte New Yorker Demokraten" und beschwerte sich, dass Ivanka nur heulend zu ihrem Vater rennen müsse, dann würde der Präsident zu allem seine Meinung ändern.

Steve Bannon hat Trump dazu gebracht, die Rechtsextremisten nicht zu hart anzugehen

"Globalisten-Gary", dessen Name von der Breitbart-Redaktion nun immer mit zwei kleinen Weltkugeln verziert wird, wurde als Erster attackiert, weil er Trumps verharmlosende Reaktion zum Neonazi-Aufmarsch von Charlottesville kritisiert hatte. Bannon war derjenige, der Trump dazu gebracht hatte, die Rechtsextremisten nicht zu hart anzugehen. Sein Rat an Trump: Vergraul deine Basis nicht, denn  die anderen werden dich immer hassen.

Was Bannon mal politisch prägte, ist rätselhaft. Er bezeichnet sich als "Wirtschaftsnationalist", seiner eigenen Legende nach wurde er dazu, weil sein Vater an der Börse Ersparnisse von 100.000 Dollar verloren hatte. Doch das war 2008. Da war Bannon bereits bei Breitbart und außerdem ein reicher Mann. Sein Vermögen wird auf bis zu 48 Millionen Dollar geschätzt.

Bannons Lebenslauf ist abenteuerlich, aber ohne Hinweis darauf, was ihn radikalisiert hat. Er stammt aus einer demokratischen Familie, war Offizier auf einem Zerstörer, studierte an der Harvard Business School, arbeitete bei Goldman Sachs, gründete eine Investmentfirma, produzierte Hollywood-Filme. Es muss seine Begegnung mit dem konservativen Publizisten und Blogger Andrew Breitbart im Jahr 2004 gewesen sein, die ihn massiv beeinflusst hat. Breitbart vertrat die Auffassung, dass Hollywood und der größte Teil der US-Medien von mafiösen liberaldemokratischen Strukturen gelenkt würde. Breitbart News sollte dagegensteuern, als Megafon uramerikanischer Interessen. Bannon war von der Idee begeistert. Seit Andrew Breitbart 2012 an Herzversagen starb, vertritt er dessen geistiges Erbe.

In Washington redet man dieser Tage nur ungern über Bannon. Und wenn, dann möchte niemand mit Namen genannt werden. Deshalb findet auch dieses Treffen in einer Espresso-Bar am Capitol unter der Bedingung von Anonymität statt. Der Mann im grauen Anzug, der vor einem großen Eiskaffee sitzt, trägt eine Nadel am Revers, die ihn als Mitarbeiter des Senats ausweist. Er kennt Bannon gut. "Steve ist außerhalb des Weißen Hauses viel gefährlicher", sagt er. "Niemand hat jetzt noch Kontrolle über ihn. Er will die Macht bei den Republikanern an sich reißen. Ich halte das nicht für eine leere Drohung."

"Bannon ist auf seine Art genauso ein Narzisst wie Trump"

Bannon sehe sich nicht nur als Chef einer einflussreichen Website, er betrachte sich als Kopf einer Bewegung. "Und die wird er gegen jeden Republikaner im Kongress richten, der sich weigert, seinem Kurs zu folgen. Für ihn sind das alles Verräter." Der Mann schaut sich um, ob ihm sonst niemand zuhört. "Bannon ist auf seine Art genauso ein Narzisst wie Trump. Genauso größenwahnsinnig. Er vergleicht sich mit Lenin im Kampf gegen das Establishment. Aber für mich ist er eher wie der französische Robespierre, der am Ende vor allem seine eigenen Leute hinrichten ließ."

Aber würde Bannon seine Kriegsmaschine Breitbart auch gegen Donald Trump richten? Im Statement nach seiner Entlassung hieß es: "Die Trump-Präsidentschaft, für die wir gekämpft und die wir gewonnen haben, ist vorbei. Doch wir werden uns nicht gegen Trump stellen. Wir werden dafür sorgen, dass er keine Entscheidungen trifft, die ihm schaden." Das kann man auch als Drohung verstehen.

Warum Trump Bannon feuerte, ist bis heute nebulös. Bannon hatte sich über die Monate isoliert, pflegte zum Schluss fast nur noch Kontakt zu Trumps junger Assistentin Julia Hahn, einer ehemaligen Breitbart-Reporterin, und zu Trumps Redenschreiber Stephen Miller. Meistens saß er allein in seinem Büro, oft unrasiert, in einem schlecht sitzenden Tweed-Sakko. "Wir sollten Steve mal mit Wasser und Seife bekannt machen", witzelten seine Feinde. An der Wand hing eine weiße Tafel, auf die er Trumps Wahlversprechen gekritzelt hatte und dort jene abhakte, die er für erfüllt hielt, etwa "Anstellung von 5000 Grenzschutzbeamten" oder "Verdreifachung der Immigration Police", zuständig für Abschiebungen. Über die Tafel kursierte der Witz, sie sehe aus "wie das Manifest des Unabombers Ted Kaczynski". Der hatte die USA zwischen 1978 und 1995 mit Briefbomben terrorisiert.

Trump wird seinen Regierungsstil kaum ändern

Bannon hatte selbst nicht damit gerechnet, dass er lange im Weißen Haus durchhalten würde. "Da bin ich doch nur Angestellter", maulte er und gab sich maximal ein Jahr. Er blieb nur sieben Monate. Als Trump im August auf seinen Golfplatz nach Bedminster flog, ließ er Bannon in Washington zurück, wo der trotzig Interviews gab, in denen er gegen Trumps Berater austeilte. Vor allem aber konnte es Trump nicht ertragen, dass die Medien Bannon unaufhörlich als Genie feierten, das ihn zum Präsidenten gemacht hatte und jetzt seine Politik bestimmte. Gerade erschien ein Buch darüber mit dem Titel: "Handel mit dem Teufel". 

Dennoch gilt als sicher, dass die beiden auch in Zukunft viel miteinander reden werden. Trump wird seinen Regierungsstil kaum ändern. Vergangene Woche erst begnadigte er Arizonas berüchtigten Ex-Sheriff Joe Arpaio. Der war wegen Missachtung des Gerichts verurteilt worden. Er hatte sich einer Aufforderung widersetzt, an den unmenschlichen Methoden etwas zu ändern, mit denen er Jagd auf illegale Immigranten machte. Kritik an der Begnadigung kam aus allen Parteien. Trump twitterte: "Arpaio hat Arizona sicher gemacht. Großer Patriot." Breitbart feierte ihn dafür.

Neben politischen Überzeugungen gibt es etwas, das Trump und Bannon zusätzlich verbindet: Geld. Trump dürfte kaum so reich sein, wie er behauptet, vor allem hat der Immobilienmogul nicht unbegrenzt frei verfügbares Bargeld. Er braucht Finanziers. Sein wohl größter ist die mächtige Familie um den Hedgefonds-Manager Robert Mercer, der mit zwei Millionen Dollar Trumps Wahlkampf unterstützte. Gleichzeitig gehört er zu den wichtigsten Breitbart-Sponsoren. Es waren die Mercers, die Trump vor einem Jahr dazu brachten, Steve Bannon als Kampagnenchef anzuheuern. Sie sollen als Gegenleistung für ihre Hilfe außerdem gefordert haben, dass Bannon einen Posten im Weißen Haus bekommt. Die Trennung von Bannon dürfte kaum ohne Rücksprache mit Robert Mercer erfolgt sein.

Die Redaktion moderiert und lenkt die Hetze nur, ohne selbst zu hetzerisch zu sein

Der Milliardär lebt auf Long Island in New York und besitzt eine der schönsten Superyachten der Welt, die 62 Meter lange "Sea Owl". Er ist ein Einzelgänger, in der Öffentlichkeit sieht man meist seine Tochter Rebekah. Sie hält hauptsächlich den Kontakt zu Bannon. Die Mercers beklagen den Niedergang der amerikanischen Konservativen, globale Interessen würden über amerikanische gestellt. Im Unterschied zu anderen reichen US-Familien finanzieren sie jedoch nicht nur Politiker, die ihre Position vertreten. Ihr Ziel ist es, ein konservatives Medienimperium aufzubauen, das größer werden soll als Fox News. Der Grundstein dafür ist Breitbart. Jetzt, wo Bannon zurück ist, dürfte es nicht mehr lange dauern, bis Breitbart TV sendet.

Zum Erfolgsgeheimnis der "Kriegsmaschine" Breitbart zählt der bürgerliche Auftritt. Zwar wird die Seite von Rechtsextremisten im ganzen Land gelesen, sie hetzen in ihren Kommentaren gegen Juden, Frauen, Schwarze, Schwule; in den Foren wird jede Form der Meinungsäußerung zugelassen. Doch die Redaktion moderiert und lenkt die Hetze nur, ohne selbst zu hetzerisch zu sein.

Harvard-Professor Yochai Benkler hat Tausende Breitbart-Artikel analysiert. "Die Sprache ist eine andere als in Publikationen wie dem rechtsextremen ‚Daily Stormer'", erklärt er. Zwar seien die Schlagzeilen oft reißerisch, doch danach folgten meist trockene Artikel.

Es ist die Auswahl der Themen, mit der Breitbart seine Leserschaft steuert und rechtsextremistischen Überzeugungen eine intellektuelle Legitimation verleiht. So wird über Kriminalität durch Immigranten überproportional viel berichtet, während Donald Trumps Russland-Affäre mit fast keinem Wort erwähnt wird.

Steve Bannon pflegt sein Image als zerstreutes, cholerisches Genie

Die Breitbart-Redakteure wirken dabei bieder und harmlos, so wie Amanda House, die Obamacare fürchtet, oder Joel Pollak, der jüdischen Glaubens ist und stets betont, dass er an Schabbat nicht arbeitet, sondern die Zeit mit seiner Familie verbringt.

Steve Bannon pflegt derweil sein Image als zerstreutes, cholerisches Genie. Er lebt in seiner Wohnung über der Breitbart-Redaktion, die mit englischen Antiquitäten und prachtvollen Gemälden eingerichtet ist. Seit er das Weiße Haus verlassen musste, sieht man ihn wie früher in Cargohosen und Poloshirts.

Zurzeit brennt bei Bannon fast täglich bis spät in die Nacht das Licht. Dunkle SUVs rollen vor sein Haus. Bullige Leibwächter springen heraus, öffnen Männern in Maßanzügen die Tür. 

Bannon scheint gefragt wie nie. Die Kriegsmaschine läuft.

Der Artikel über Steve Bannon ist dem aktuellen stern entnommen:





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