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Internationale Pressestimmen

Brexit-Verhandlungen: "Endlich kann das Parlament mitreden: Nein. Nein. Nein. Nein. Nein. Nein. Nein. Nein."

Das Brexit-Chaos nimmt kein Ende. Das Parlament lehnt alle acht vorgelegten Alternativen zu Mays Deal ab. Die Premierministerin bietet derweil ihren Rücktritt an, sollte ihr Vorschlag doch noch angenommen werden. Die internationalen Pressestimmen.

Im Streit um den EU-Austritt tritt das britische Parlament auf der Stelle. Premierministerin May bietet ihren Rücktritt an, sollte ihr Brexit-Deal doch noch angenommen werden. Mögliche Nachfolger scharren bereits mit den Hufen. Nach einem chaotischen Tag im Unterhaus wird nun mit Spannung erwartet, wann die britische Premierministerin Theresa May ihr Brexit-Abkommen erneut zur Abstimmung stellen will. So kommentiert die internationale Presse die Ereignisse in Großbritannien: 

Großbritannien

"The Guardian": "Endlich kann das Parlament mitreden: Nein. Nein. Nein. Nein. Nein. Nein. Nein. Nein."

"Niemand weint. Das Kuriose ist: Wir werden sie vielleicht noch vermissen, obwohl sie die schlechteste Premierministerin unseres politischen Lebens war - ohne Einschränkung. Es gab jedoch eine sehr große Aufgabe in ihrer Amtszeit: Indem sie den Platz ausfüllte, hielt sie die barbarischen Horden von Brexit-Befürworter fern, die sich gegenseitig bei dem Versuch aus dem Weg räumten, ihren Thron zu besetzen."

"Times": "Theresa May hat sich dem Unvermeidbaren gebeugt. Ihr wurde mit dem Brexit ein nahezu unmögliches Blatt gegeben, das sie dann auch noch erstaunlich schlecht spielte. Die Litanei ihrer Fehltritte ist bekannt - von der Entscheidung, den EU-Austrittsartikel 50 ohne einen Plan zu aktivieren, über ihre viel zu starren roten Linien bis zur Verweigerung einer parteiübergreifenden Zusammenarbeit selbst nachdem sie ihre Parlamentsmehrheit durch vermasselten Neuwahlen verloren hatte.

Sie war unbeweglich, als Flexibilität erforderlich war. Sie war geheimniskrämerisch, als sie offen hätte sein sollen. Sie hat sich auf Tricksereien verlassen, als Aufrichtigkeit angebracht war. Sie erwies sich als unfähig, ihren eigenen Plan zu verkaufen. Am Ende hatte sie das Vertrauen aller verspielt, deren Unterstützung sie brauchte - ihres Kabinetts, ihrer Partei, des Parlaments und der EU."

"Daily Express": "Was muss sie noch machen"? Gestern bot Theresa May ihren Rücktritt an, um einen Weg aus der Brexit-Sackgasse zu finden. Aber auf ihre selbstlose Geste folgte eine chaotische Reihe von Abstimmungen, bei denen Parlamentsmitglieder sich auf keinen alternativen Plan einigen konnten."

Niederlande

"De Standaard": "Ja, die Frau, die auf keinen Fall aufgeben wollte, hat nun ihren Rücktritt angeboten - unter der Bedingung, dass sie ihr EU-Austrittsabkommen durch das Unterhaus bekommt. Wenn das gelingt, kann Großbritannien am 22. Mai in geordneter Weise die EU verlassen, auch zur Erleichterung Europas. Doch wie groß sind ihre Erfolgschancen? Verglichen mit der zweiten Abstimmung vor drei Wochen müssten 75 Abgeordnete ihre Meinung ändern. In den vergangenen Tagen haben etliche Widersacher erklärt, dass sie Mays Deal doch noch unterstützten könnten. Zwar finden sie das Abkommen nicht plötzlich gut, aber wenigstens garantiert es einen Brexit. Selbst Brexit-Hardliner wie Jacob Rees-Mogg und Boris Johnson hatten kaum noch etwas an dem Deal auszusetzen, von dem es drei Wochen zuvor noch hieß, er würde Großbritannien zu einem Vasallenstaat machen."

Schweiz

"Neue Zürcher Zeitung": "Ein Rücktritt der glücklosen Regierungschefin allein ändert noch nichts an der Zusammensetzung der einzelnen Lager im Parlament und an deren Einfluss auf den Gang der Dinge. Was aber kann ein Nachfolger oder eine Nachfolgerin unter diesen Bedingungen anders machen als Theresa May? An ehrgeizigen Politikern, die auch inmitten des größten Schlamassels bereitstehen, um zu übernehmen, fehlt es nicht. Einiges spricht dafür, dass dies aus Gründen der innerparteilichen Mehrheitsfähigkeit nicht ein Vertreter der beiden extremen Flügel - Pro-Europäer und Brexit-Hardliner - sein wird. Lauter werden dürfte unter diesen Bedingungen auch der Ruf nach Neuwahlen."

Spanien

"La Vanguardia": "Überraschungen sind fast nie wirklich überraschend. Nicht einmal der Eisberg der Titanic tauchte plötzlich auf der Route des Schiffes auf. (...) Die Tragödie der Titanic wird von der britischen Presse als Metapher für den Brexit verwendet. Am Samstag sind in London eine Million Menschen auf die Straße gegangen, um das Land vor dem, was bevorsteht, zu warnen (...). Aber dieser verzweifelte Schrei hat nicht die erwartete Wirkung gebracht.

(Premierministerin) Theresa May, die das Schiff nicht verlassen will - wie Edward John Smith, der Kapitän der Titanic - ist mit ihrem Ausstiegsplan aus der Europäischen Union nicht durchgekommen, und es gibt die Befürchtung, dass das, was keiner will, passieren wird: ein Brexit ohne Abkommen. Das wäre der schlimmste Schiffbruch."

vit / DPA