HOME

Heute raus aus der EU: Was sich für die Briten mit dem Brexit (vielleicht) alles ändert

Um Mitternacht ist es soweit: Die Briten verlassen die EU. Das wird größere und kleinere Auswirkungen auf die Bürger Großbritanniens haben. Wir haben einige davon zusammengestellt.

Von Dagmar Seeland, London

Demonstranten protestieren vor dem britischen Parlament gegen den Brexit mit einem Schild mit der Aufschrift "We'll be beack"

"We'll be back" – wir kommen wieder. Viele Briten wünschen sich jetzt schon, dass ihr Land in die EU zurückkehrt

DPA

Heute ist es endlich soweit: Die Briten verlassen Europa. In London sowie auf und ab im ganzen Land wird je nach Gesinnung gefeiert oder getrauert, in Euphorie der Union Jack geschwenkt oder in stiller Andacht eine Kerze angezündet werden. Wenn am heutigen 31. Januar um 23 Uhr Greenwich Mean Time (0 Uhr MEZ) die aufgezeichneten Klänge des Big Ben schlagen (die Glocken live bimmeln zu lassen hätte wegen der Bauarbeiten am Turm knapp 600.000 Euro gekostet), dann beginnt für die Briten ein neues Zeitalter – oder aber eine Reise in die Vergangenheit, je nachdem, wen man fragt. Nennen wir es, dieses neue Zeitalter, Anno Brexiti – das würde dem großen Brexit-Verfechter Boris Johnson mit seinem Lateinfimmel vermutlich gefallen. Oder vielleicht auch nicht, denn das Wort Brexit soll, wenn es nach ihm geht, ab Samstag im Londoner Regierungsviertel Whitehall tabu sein. Nach vorn blicken solle die Nation, vereint und mit Optimismus, forderte er in seiner Neujahrsansprache.

Aber was erwartet unsere britischen Nachbarn ab Samstag, wenn sie, befreit von den Fesseln der EU, in dieses historische Jahr Null schreiten werden? Abgesehen von Sondermünzen und blauen Pässen: Worauf können sie sich freuen?

Was sich mit dem Brexit ändern wird

Auf Glühbirnen beispielsweise - gute alte stromfressende Glühbirnen. Einer Yougov-Umfrage von 2017 zufolge wünschten sich dreißig Prozent der Brexit-Wähler ihre alten Glühbirnen zurück, die ihnen seit dem EU-weiten Glühbirnenverbot von 2009 untersagt wurden. Nun war diese EU-Richtlinie zur Zeit ihrer Einführung in Deutschland mindestens ebenso unbeliebt wie auf der Insel, doch das war bevor die neue Generation von Glühbirnen mit LED-Fäden kam, die heute mit weit weniger Stromverbrauch das schöne warme Licht der alten Birnen liefert. Und da sich Johnsons Regierung den Umweltschutz groß auf die Fahnen geschrieben hat, wird die offizielle Wiedereinführung der (ohnehin nie komplett aus dem Handel verschwundenen) alten Glühbirnen vermutlich keine Priorität haben. Tatsächlich wird das damals so umstrittene Glühbirnenverbot heute beispielsweis vom Bundesumweltamt als EU-Erfolgsgeschichte betrachtet

Nigel Farage vs Martin Sonneborn

Auch krumme Bananen und deformierte Gurken kann der Brite ab dem 1. Februar wieder essen. Endlich weg mit dem EU-Zwangskorsett, angelegt zum Beispiel in der Bananenverordnung. Die gibt es tatsächlich, nur legt sie weniger die Krümmung als vielmehr die Mindestgröße der Früchte fest – mindesten 14 Zentimeter lang und 27 Millimeter dick müssen sie sein. Gurken erster Klasse dürfen auf 10 Zentimeter Länge nur eine Krümmung von 10 Millimeter aufweisen. Nun kann man tatsächlich über den Sinn dieser Verordnung streiten oder – wesentlich unterhaltsamer - sich Zollbeamte beim Bananen- oder Gurkenvermessen vorstellen.

In vielen EU-Lebensmittelverordnungen steckt zweifellos ein ordentliches Stück Protektionismus. Doch ihre Funktion ist auch, die Einfuhr von etwa infiziertem oder verdorbenem Obst und Gemüse zu verhindern.

Waren Pfund, Unze und Pint je verschwunden?

Das somit befreite Obst darf vom Händler nun auch wieder in den alten imperialen Gewichtseinheiten Pfund und Unze verkauft werden. Nebenan im Pub kann Bier endlich wieder in Pint ausgeschenkt werden. Allerdings: die alten Maßeinheiten sind nie wirklich aus dem Alltag verschwunden – nicht von den Märkten und erst recht nicht aus den Pubs der Insel.

Tatsächlich waren es die Briten selbst, die 1965, also acht Jahre vor ihrem EU-Beitritt, die Umstellung auf das metrische System beschlossen hatten. Es war einfach praktischer, um nicht zu sagen zeitgemäßer, mit Außenhandelspartnern auf dem Kontinent über Kilo, Liter oder Meter zu reden statt über Steine, Gallonen oder Yards. Der Sinn dieser Umstellung entzog sich offenbar weiten Teilen der britischen Bevölkerung, die es vorzog, ihr Essen auf dem Wochenmarkt weiterhin in imperialen Maßeinheiten zu kaufen. So passioniert kämpften manche Briten um ihre alten Maße, dass vor knapp zwanzig Jahren fünf Markthändler vor Gericht landeten, weil sie ihre Waren ausschließlich in Pfund und Unze verkauften. Unterstützt durch eine Interessengruppe von finanzstarken EU-Gegnern wurden sie in der britischen Folklore zu den von Brüssel verfolgten "Metrischen Märtyrern".

Nach dem EU-Austritt darf man auf der Insel rein theoretisch sein Pferd wieder essen – auch dann, wenn es mit einem EU-Heimtierausweis als Haustier registriert ist. Allerdings ist es eher unwahrscheinlich, dass die für ihre Tierliebe bekannten Briten von dieser neuen Freiheit in großer Zahl Gebrauch machen werden.

Räucherheringe, Mehrwertsteuer und Duty Free

Schottische Räucherheringe, auf der Insel Kippers genannt, dürfen – entgegen Boris Johnsons Behauptung in einer Rede im letzten Sommer – wie schon vor dem EU-Austritt weiterhin ohne Eispakete per Post verschickt werden. Zumindest die EU hatte damit nie ein Problem. Die vermeintliche EU-Verordnung, über die sich ein Heringsräucherer von der Isle of Man bei Johnson beklagt haben soll, erwies sich bereits einen Tag später als eine britische.

Ein Banksy-Bild zum Brexit: Am Freitag treten die Briten aus der EU aus

Ein Banksy-Bild zum Brexit: Am Freitag treten die Briten aus der EU aus

AFP

Die Mehrwertsteuer von fünf Prozent auf Heizgas könnte nach dem Austritt aus der EU tatsächlich abgeschafft werden. Diese Steuer ist der von der EU einheitlich festgelegte Mindestbetrag für alle Mitgliedsländer. Ob sich die Regierung dieses Steuereinkommen entgehen lassen wird, bleibt abzuwarten. Übrigens war es John Majors konservativer Schatzkanzler Norman Lamont, der die Steuer im April 1994 auf acht Prozent erhöhte. Fünf Jahre später senkte sie Tony Blairs neu gewählte Labour-Regierung wieder auf fünf Prozent - und erfüllte damit ein Wahlversprechen.

Und schließlich könnte Duty Free wieder eingeführt werden auf Strecken zwischen dem Königreich und dem Rest Europas – dies allerdings frühestens nach dem Ende der Übergangsphase, also im Januar 2021. Na denn, darauf ein Pint. Das sind übrigens genau 568 Milliliter.