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Ciudad Juárez: Die Stadt der verschwundenen Frauen

Ciudad Juárez liegt an der Grenze zwischen Mexiko und den USA, eine wuchernde Industriesiedlung. 400 Frauen wurden dort ermordet. Die Polizei präsentiert laufend neue Täter, aber das Morden hört nicht auf. stern-Reporter waren vor Ort.

Von Jan Christoph Wiechmann und Timothy Fadek (Fotos)

Wenn die Staatsanwaltschaft dieses Mal recht behalten sollte, nur dieses eine Mal, dann ist der Frauenmörder von Juárez, das "Monster von Mexiko", ein einfacher Bauarbeiter aus Denver, das Haar eine Bürste, der Schnurrbart ein Versuch, auf der Stirn die tiefen Kerben einer Kindheit im Ghetto.

Edgar Alvarez, 30 Jahre, der "Sadist der Sierra", wuchs auf in Juárez' Armenviertel Salvárcar. Er liebte Drogen, so erzählen Freunde, liebte mehr noch die Frauen, sagt seine Ex-Frau, liebte am meisten deren Tod, behauptet die Staatsanwaltschaft. Er vergewaltigte und verstümmelte sie, so besagt Gerichtsakte 346/06, und warf die Leichen in ein Baumwollfeld oder die Wüste, wo man sie fand oder auch nicht, "die verschwundenen Frauen", "die Knochen der Wüste". So könnte es gewesen sein.

Oder aber er, der seit fünf Monaten im Gefängnis des Bundesstaates Chihuahua sitzt, Sicherheitstrakt Ost, Zelle 415, war es nicht - so wenig wie der Ägypter Sharif, den man zu 30 Jahren Haft verurteilte und der Busfahrer Uribe, den man zu 50 Jahren verurteilte, und alle anderen mehr als 20 Verdächtigen, die die Staatsanwaltschaft der Welt bisher präsentierte. Möglicherweise, so schwirrt es durch Juárez, sind es doch Drogenkartelle, die die Frauen umbringen, oder Industriellensöhne, die das Morden als Sport betreiben, oder Polizisten, Organschmuggler, Satanisten, Kapitalisten, ja, auch dieser Name fällt: der Kapitalismus, die Marktwirtschaft, die freie Welt.

Proteste ohne Ende - und ohne Erfolg

Je länger die Mordserie von Juárez andauert, desto komplexer die Theorien, desto gespenstischer die Szenarien in dieser Frontstadt des Freihandels, in dieser letzten Bastion des Wilden Westens. Sicher ist: Mehr als 400 Frauen wurden bislang ermordet, in nunmehr 14 Jahren, die UN wurden eingeschaltet und Amnesty International. Jane Fonda protestiert und auch Natascha Kampusch, und nun steigt selbst Hollywood ein mit Jennifer Lopez und Antonio Banderas - die Vermarktung des Horrors, sagen die einen, ein Lehrstück über die Globalisierung, die anderen.

Die Mordserie beginnt 1993, als Juárez noch eine verschlafene Grenzstadt am Rio Grande ist und noch kein Symbol. Am 14. Juni jenes Jahres, um drei Uhr früh, verlässt die 16-jährige Ivonne Salas ihr Elternhaus im Armenviertel Plutarco, Rua Selebes 3903. Sie fährt zur Arbeit in den Industriepark Magna Flex, wo sie Kabel zusammensteckt für den Bau von US-Computern. Sie kommt nie dort an, und erst eine Woche später findet man Ivonne im Park Chamizal an der Grenze, missbraucht und stranguliert, in der Brust noch die Milch für ihr Baby. Ivonne ist eines der ersten Opfer in jenem Jahr, als Tote noch Namen tragen und keine Seriennummern. Der Gouverneur des Staates erklärt damals, die Mädchen seien selbst schuld, sie sollten sich nicht so aufreizend kleiden. Auch die Bürger sprechen von leichten Frauen, die sich in Bars amüsierten und dem Rollenbild entliefen, das Mexiko ihnen zuteilte. "Man nannte meine Tochter damals eine Hure und Stripperin, aber sie war das Gegenteil", klagt ihre Mutter Victoria Salas. "Sie ging in die Kirche, sie wollte studieren und uns herausführen aus der Armut."

"Bringt mir den Täter"

Frau Salas sitzt vor ihrer Wellblechhütte am Rand der Stadt und wartet. Wartet auf den Täter, seit mehr als 13 Jahren, als könnte der Postbote ihn liefern, per Einschreiben. Sie ist 59, eine zahnlose Frau, sie lebt von Näharbeiten und zieht die Enkelin groß, die Ivonne ihr hinterließ. Sie sagt: "Ich verstehe euch Journalisten nicht. Ihr nehmt die Geschichte mit in euer Land und kommt nie wieder. Bringt mir lieber den Täter." Aber darum geht es ja, Frau Salas, es soll jetzt einen Täter geben, Edgar Alvarez. "Und daran glauben Sie wirklich?", fragt sie. So jedenfalls sehen es Staatsanwaltschaft und FBI. "Ja, das behaupten die, dabei sind sie selbst verwickelt, Polizei, Drogenmafia, eure ganze kranke Welt."

Anfangs dachte sie noch, der Mörder sei ein Nachbar, ein Einzeltäter. Bis dann weitere Frauenleichen auftauchen, die Fälle 12 bis 45, meist arme, schlanke Mädchen mit langen dunklen Haaren, zwischen 14 und 20 Jahre alt, am Leib tragen sie nichts als Spuren des Hasses. Noch eine Zeit lang spricht der Gouverneur von Einzelfällen, bis aus den Einzelfällen eine Serie wird und die Staatsanwaltschaft 1995 endlich den ersten Täter präsentiert, den "Ägypter", die "psychopathische Raubkatze", er bekommt viele Namen.

Ein Ägypter als Täter - das passt

Der Ägypter heißt Abdel Sharif, er ist promovierter Chemiker, ein Genie seines Faches, schwärmen die Kollegen - aber bekannt für Gewaltexzesse. Mindestens sieben Frauen habe er getötet, auf bestialische Weise, behauptet damals die Staatsanwaltschaft, zu 30 weiteren Morden den Auftrag erteilt, unter den Opfern Prostituierte und Schülerinnen, von denen einige aber wieder auftauchen. Klare Beweise bleiben aus, doch der Ägypter passt maßgerecht ins Bild, das sich Mexiko von einem Serienkiller macht: ein Fremder, kein Katholik, ein Muslim und Psychopath - so wird er verurteilt, im August 1999, zu 30 Jahren Gefängnis. Man möchte ihn fragen, nach seiner Sicht, aber Sharif stirbt am 1. Juni 2006, an einem Herzinfarkt, so heißt es.

Der Ägypter als Täter - eine befreiende Theorie für die Bürger von Juárez. Doch schon während seiner Haft tauchen weitere Leichen auf, die Fälle 46 bis 120, darunter viele unbekannte Opfer, arme Arbeiterinnen aus dem Süden Mexikos, die der American Dream gen Norden spült: Die Nr. 60 etwa, 18 Jahre, vergewaltigt und verstümmelt, am Handgelenk eine Marke ihres Arbeitgebers Philips; oder die Nr. 66, 17 Jahre, in der Stadt ist sie erst seit fünf Tagen, auf der Suche nach Arbeit in der boomenden Montageindustrie.

Die Stadt lebt von Billigjobs

Mitte der 90er Jahre, nach Schaffung der nordamerikanischen Freihandelszone Nafta, ist Juárez aufgestiegen zur Hauptstadt der Billigproduktion, zum Großlabor der Globalisierung, einmalig gelegen am Treffpunkt zwischen Erster und Dritter Welt. Die multinationalen Großkonzerne, befreit von lästigen Tarifen und Arbeitsbestimmungen, setzen immer mehr Montagehallen, genannt Maquiladoras, an den Stadtrand. In hochmodernen Fabriken lassen sie rund um die Uhr Kühlschränke, Autositze, Uniformen produzieren - für etwa 1,50 Dollar Stundenlohn, zehn Prozent dessen, was sie in den USA oder Deutschland bezahlen. Sie stellen Hunderttausende Arbeiterinnen an, vor allem junge, ungebildete Frauen, die sie für geschickter halten als Männer, für berechenbar und fügsam. In Rekordzeit durchpflügen General Electric und andere Giganten eine alte Kultur und verändern das Leben so radikal wie nichts zuvor, wie keine Revolution und kein Krieg.

Sie schaffen, so sagt es der Gouverneur: die Stadt der Zukunft. Sie schaffen, so sagen es die Globalisierungskritiker: die Rahmenbedingungen fürs Töten.

"Spielplatz der Psychopathen"

Die Arbeiterinnen, manche erst 13, siedeln sich in Wellblechhütten der neuen Armenviertel an, wo es kein Wasser gibt und keinen Strom, weder Schulen noch Polizei, wo es kein größeres Sicherheitsrisiko gibt als jugendliche Schönheit. Schichtarbeiterinnen warten nachts um drei in unbeleuchteten Straßen auf den Betriebsbus und werden zur leichten Beute von Männern, die ihre Ohnmacht füllen mit Hass und Tequila. In jenen Tagen, so heißt es später in Dokument 27913/01, Seite 614, soll Edgar Alvarez wie am Fließband gemordet haben, aus purem Sadismus. Die Geschichte der Feminicidios, der Serienmorde an Frauen, dringt Ende der 90er Jahre hinaus in die Welt. Juárez ist "wie der Wilde Westen vor der Zähmung" (FBI), ein "Spielplatz der Psychopathen" ("Sunday Telegraph"). Doch nicht immer hält sich die Realität an die Schlagzeilen. Zwar findet man weiter Sexualopfer an Bahnlinien und Flussbetten, doch andere Leichen geben Rätsel auf. Sie werden als Trophäe zurückgelassen, mit einem Stab in der Vagina, wie der Markstein eines Territoriums.

Polizei und Drogengangs

Am Abend des 11. März 1998 macht sich die dreifache Mutter Silvia Arce, 23 Jahre, auf den Weg ins Zentrum, wo sie auf der Straße Tupperware und Burritos verkauft, weil das Geld nicht reicht, das sie in den Maquiladoras verdient. Zuletzt gesehen wird sie gegen 23 Uhr, umzingelt von Männern, die sie in einen Kleinbus zerren, dann verliert sich ihre Spur.

Silvia hängt als großes Foto an der Wohnzimmerwand ihrer Mutter im Stadtteil Chapultepec, die Wangen gerötet, das Gesicht eines Kindes. Auch zu Eva Arce sagen die Ermittler, dass es wohl ein Psychopath war, ein Serienkiller aus den USA, doch glaubt sie es nicht. Anders als die meisten Mütter, die sich - ohne Geld und anwaltliche Hilfe - ihrem Schicksal fügen, ermittelt Eva Arce selbst in detektivischer Feinarbeit. Sie findet heraus, dass Silvias Ehemann Drogen mit Wissen der Polizei nach Texas schmuggelt, dass er Teil einer Mafia ist, die sich im blutigen Revierkampf befindet um die Vorherrschaft in der Stadt. Eva Arce geht zur Staatsanwaltschaft, doch von Fehdemorden der Drogenmafia will diese nichts hören, und in den Ermittlungsakten fehlen plötzlich wichtige Passagen. Als die Mutter den Fall 2003 in Washington präsentiert, vor der Interamerikanischen Kommission für Menschenrechte, erhält sie Morddrohungen, die Ankündigung eines Exempels. "Ich habe keine Angst vor dem Tod", sagt sie trotzig. "Ich rufe es hinaus: Die Täter sind Drogengangs und Polizisten, sie machen gemeinsame Sache, sie kontrollieren Juárez." Sie sagt, dass sie weiter nach den Mördern suchen werde, weil es das Einzige ist, was sie noch tun kann für Silvias Kinder.

Doch drei Wochen nach unserem ersten Gespräch wird ihr Enkel erschossen, Angel, erst 18, Silvias ältester Sohn, hingerichtet in einer Bar, von einem bewaffneten Kommando - das Exempel.

500 Banden kämpfen um Macht

Im Zuge des neuen Freihandels erlebt Juárez eine industrielle Revolution der anderen Art. Die Stadt wird zum Handelszentrum der Drogenmafia, zum Eingangstor für den US-Markt. 92 Prozent des amerikanischen Kokainhandels laufen durch Mexiko, das Einstiegsalter der Erstkonsumenten in der Stadt fällt auf zehn Jahre. Mit Juárez an der Spitze überflügelt Mexiko selbst Kolumbien und steigt laut FBI auf zum Drogenland Nr. 1. Das "Kartell von Juárez" übernimmt die Macht, bekommt auf Grund exorbitanter Gewinnspannen jedoch schnell Konkurrenz von mehr als 500 Banden, die Straße für Straße um die Markthoheit kämpfen. Wollen sie ihre Macht demonstrieren, so beseitigen sie die Bräute der Konkurrenz und markieren ihr Territorium mit Leichen.

Warum nicht töten?

Die Suche nach den Tätern bringt nur spärliche Erfolge. Eingeschaltet werden: die Bundespolizei, das FBI, eine Sondereinheit "Frauenmorde". Zur Theorie vom Serienkiller gesellen sich Gerüchte über gelangweilte Industriellensöhne ("Juniors"), Organschmuggler und amerikanische Trittbrettfahrer. Der Soziologe Alfredo Limas bezichtigt auch "Narcosatánicos" der Taten - Drogensatanisten, die die Frauen in grausigen Ritualen opfern. Keine Theorie ist zu abwegig, keine Story zu fantastisch, sie füllen das Vakuum, das die Ermittler hinterlassen.

Die Frage in Juárez lautet nicht mehr: Warum sollte man töten? Sondern: warum nicht?

Wieder neue Täter: Busfahrer

Vielleicht wäre es so weitergegangen. Die Bürger von Juárez haben sich an die toten Frauen gewöhnt. Sie gehören zur Stadt wie die Wachstumsraten der Industrie, wie die korrupte Polizei und die Angst vor der Dunkelheit. Juárez ist das Biotop der Straflosigkeit, ein überdimensionierter 99-Cent-Discounter, der davon lebt, in allem billig zu sein, in der Produktion, im Rausch, im Tod. Doch dann, im November 2001, findet man acht Frauenleichen auf einmal, in einem Baumwollfeld direkt vor der Asociación de Maquiladoras, dem Hauptquartier der ausländischen Konzerne, sauber abgeladen wie eine Lieferung, die Körper entkernt, die Gesichter entstellt. Zum ersten Mal erfasst das Wort Industrialisierung die Produktion von Leichen.

Das Entsetzen in Juárez ist groß, auch die Welt verlangt Antworten, die UN, Amnesty International, und schon drei Tage später präsentiert die Staatsanwaltschaft die Täter: zwei Busfahrer mit Spitznamen "La Foca" und "El Cerillo" - die Bestien, schreiben die Medien, der lang ersehnte Erfolg, sagt die Staatsanwaltschaft.

Auch die beiden Busfahrer passen maßgerecht ins Schema: zwei Einzeltäter aus dem Ghetto, ohne jeden Kontakt zu Mafia oder Polizei. Der eine, Victor Garcia Uribe, ist groß und stämmig, der andere, Gustavo Meza, dick und brutal. Sie killen im Akkord, so heißt es, unter Einfluss von Drogen. Die Beschuldigten selbst sprechen von erzwungenen Geständnissen, und tatsächlich diagnostiziert der Gefängnisarzt Spuren von Folter. Doch im Oktober 2004 folgt der Schuldspruch, ohne jeden Beweis: 50 Jahre Haft.

Anwälte der Verdächtigen sterben

Man könnte auch sie fragen nach ihrer Sicht, doch Gustavo Meza, erst 29, stirbt noch im Gefängnis an den Folgen einer Leistenoperation - so heißt es. Dann vielleicht seinen Anwalt, Mario Escobedo, doch dieser wird erschossen, von Staatspolizisten, aus Notwehr - so heißt es. Auch der Anwalt Uribes wird erschossen, im Januar 2006, mit neun Kugeln. So bleibt nur Victor Garcia Uribe, alias "El Cerrillo", 33, der vermeintliche Serienkiller, die Bestie. Er steht im Trainingsanzug vor einer kleinen Hütte im Armenviertel Figueroa, in einer Straße ohne Namen. Uribe wohnt dort mit einer Frau und deren Kind, seine eigene Familie hat ihn verlassen, als er im Gefängnis saß. Viel sagen will er nicht, weil er sich fürchtet vor den Todesschwadronen, ehemaligen Polizisten, die nun als Auftragskiller arbeiten und das Zehnfache verdienen. "Ich habe alles verloren", sagt er, "meine Frau, meine beiden Kinder, meinen Job, ich fahre etwas Bus und lebe von zehn Dollar am Tag." Er zeigt die Wunden im Unterleib, wo die Ermittler ihre Zigaretten ausdrückten und seine Hoden anschlossen an Elektroden. Uribe ist ein gebrochener Mann, die Stimme ein Hauch, der Körper verbraucht. Vor einem Jahr sprach das Gericht ihn frei, Aktenzeichen 474/04: "Uribe erfand sein Geständnis, um nicht weiter gefoltert zu werden", so steht es im Urteil, Seite 126. Er war ein Vorführobjekt, ein Täter für die Galerie, Futter für die Medien.

Fall Nr. 331 war der schlimmste

Die Frauenmorde von Juárez reißen nicht ab, es folgen die Fälle 260 bis 330, und die Staatsanwaltschaft präsentiert Täter in Serie, "den Teufel", den "Hippie", "Dracula". Doch nur etwa ein Viertel der toten Frauen sind noch Opfer von Serientätern. Der Diversifikation der Industrie folgt die Diversifizierung der Mörder. Es morden: Ehemänner, Zuhälter, Freunde, Nachbarn, Nachahmer - Männer, die sich rächen für die Degradierung in der Sozialhierarchie. In der Umfrage des Nationalen Statistik-Instituts rechtfertigen sie ihre Gewalt gegenüber Frauen: Die würden "nicht mehr gehorchen" und "ihre Rolle als Frau nicht erfüllen".

Als die Bürger glauben, dass es schlimmer nicht werden kann, folgt der schlimmste Fall, Nr. 331. Im Mai 2005 verschwindet die siebenjährige Airis Pando am frühen Abend beim Spielen. Gefunden wird sie zwölf Tage später, auf einer Ranch außerhalb der Stadt, einbetoniert in ein Plastikfass, nur ihre Füße schauen heraus. Fünf Männer sollen sie gequält haben, vergewaltigt und schließlich erschlagen. Airis' Mutter Rub’ Pando, 32, ist mit ihren drei Kindern weggezogen, in eine Siedlung am Wüstenrand mit Gitterzäunen. Sie hat sich an ihrem Bett einen Schrein gebaut mit einem Kreuz und einem großen Foto ihrer Tochter, die lebenslustig aus zwei großen braunen Augen blickt. Rub’ Pando glaubt, dass Airis fortlebt, als Engel, und so spricht sie zu ihr und bittet um Schutz für alle Mädchen der Stadt. Sie redet in kurzen, leisen Sätzen, mit jenem leblosen Blick, den alle Mütter der Toten von Juárez tragen. Sie reden, weil sie sich den Druck der Welt erhoffen, "aber ich bin mir da nicht mehr sicher", sagt Frau Pando. Sie fragt sich, was alle hier wollen, Regisseure, Reporter, Schauspieler, die die Story hinaustragen in die Welt wie ein großes Werbelogo, das für alle sichtbar über der Stadt hängt: "Willst du mal töten, Amigo, so komm nach Juárez."

"Opfergaben für den Teufel"

Doch dann, im August 2006, kommt ein Tipp aus den USA, vom FBI. In Denver wird Edgar Alvarez festgenommen, ein illegaler Einwanderer aus Juárez, der angebliche Mörder von Dutzenden, vielleicht Hunderten Frauen, so berichten Medien und verweisen auf den US-Botschafter in Mexiko. Alvarez habe seine Serie 1993 begonnen, so bezeugen zwei Freunde und Komplizen. "Er setzte die Frauen unter Drogen und bedrohte sie", sagt Alejandro Delgado laut Gerichtsdokument 27913/01, Seite 603. "Wir urinierten auf die Genitalien der Toten", erklärt Francisco Granados im Verhör, "es waren Opfergaben für den Teufel", "Edgar stach die Frauen immer ins Herz." Endlich der Durchbruch, ein Ende des Schreckens, verkünden US-Botschaft und Staatsanwältin Patricia Gonzáles. Ein Interview mit ihr zu führen ist nicht ganz leicht in der Stadt der Serienmorde. Sie bittet in den Hinterraum einer Klinik und taucht doch nicht auf. Sie nennt ein Hotel im Zentrum und kommt doch nicht dorthin. Sie veranstaltet eine Art Schnitzeljagd, bis sie sich an einem sicheren Platz wähnt, in einem Restaurant, mit Soldaten auf den Dächern. Da sitzt sie, eine schmale, gut gelaunte Frau mit blonden Haaren, die Neue, die Reformerin. Sie sagt, die meisten Frauenmorde seien aufgeklärt, 80 Prozent, und ja, die Beweise gegen Alvarez erdrückend und nein, Zweifel gebe es keine, das Tatauto sei gefunden, ein Leichenkeller ausgehoben, und ja, schon sei die Mordquote gefallen, um 63 Prozent, ein Ende in Sicht.

Das Ende der Geschichte.

Die Sünde für zwölf Dollar

Die Fahrt hinaus zu Edgar Alvarez ins Staatsgefängnis von Chihuahua führt über seelenlose Ausfallstraßen, vorbei an den endlosen Fabrikhallen. Juárez wächst weiter in die Wüste hinein, unaufhörlich, im Takt der Weltwirtschaft, wie eine Stadt im Goldrausch, nur dass es nicht mehr um den Rohstoff Gold geht, sondern den Rohstoff Billig-arbeit. Die Stadt verlor viele Jobs, als die Globalisierung Anfang des Jahrhunderts weiterwanderte, nach China, Indien, dorthin wo es noch billiger war. Aber nun, nach Senkung der Löhne und Beschränkung weiterer Arbeiterrechte, kehren die Multis zurück. Das Zentrum der Stadt, einst geprägt von Kathedrale und Märkten, hat Platz gemacht für Bordelle, Bars und Billigapotheken. Richtung Norden stauen sich die Mexikaner und warten auf die Einreise in die USA, ins gelobte Land, in eine bessere Welt. Ihnen entgegen über den Rio Grande kommen Amerikaner für einen Tagesausflug, um sich rezeptfrei Viagra zu kaufen und neue Brüste und Kokain und Sex in allen Formen: mit minderjährigen Schwarzen und siebenfachen Müttern und selbst zahnlosen Junkies, für zwölf Dollar die Stunde, alles ist möglich. Sie kommen für den Walk on the wild side, sie wollen einmal im Leben mit Satan flirten, auf Schnupperfahrt ins Elend gehen.

Edgar Alvarez hat einen scheuen Blick und eine hohe Stirn, und wenn er spricht, verlassen sanfte Worte seinen Mund. Er sitzt im Verhörzimmer der Haftanstalt, im orangefarbenen Overall des Schwerverbrechers. An seiner Seite lächeln stolz die Wärter, auch sie fühlen sich berühmt.

"Es ist alles eine große Lüge", sagt Alvarez, "ich bin ein Opfer der Justiz." Aber was ist mit den Aussagen der Zeugen? "Alles Lügen." Warum sollten die Zeugen lügen? "Man hat sie unter Druck gesetzt. Auch ich habe Angst, dass sie mich foltern." Sie selbst sollen Frauen gefoltert und die Leichen geschändet haben. "Ich habe nie auch nur einer Frau etwas zuleide getan." In Ihrem Wagen wurde aber Blut gefunden. "Das Auto hatte ich da längst verkauft. Ich habe keine Vorstrafe, nie Gewalt angewendet, fragen Sie meine geschiedene Frau. Untersuchen Sie alles", fleht er und beginnt zu weinen.

Ein Drogenboss - im Hühnerstall

In der Tat, sagt seine Ex-Frau Beatriz Sanchez vor Gericht, Aktenzeichen 1070412, dass Alvarez ein "exzellenter Vater" sei, der sich liebevoll um den gemeinsamen, schwer behinderten Sohn Jesœs kümmere und nie gewalttätig gewesen sei. Der Vater, ein bescheidener Hausmeister, erklärt, dass Edgar ein fleißiger Arbeiter sei, der in die USA ging, um die Behandlung seines kranken Sohnes bezahlen zu können. Die Mutter führt uns zu seiner kleinen Hütte im Armenviertel Salvárcar. Laut Staatsanwaltschaft soll Edgar ein Drogenboss gewesen sein, doch sein Haus ist so groß wie ein Hühnerstall, drei mal drei Meter, das Klo eine Grube, gegen Regen schützt ein Dach aus Pappe.

Die Staatsanwaltschaft behauptet, Alvarez habe auch noch in den vergangenen Jahren gemordet, doch zeigen Gehaltslisten, die dem stern vorliegen, dass er seit Juli 2001 ohne Unterbrechung in Denver arbeitete, Arbeitnehmer Nr. 52545, als Bauarbeiter bei All-Phase Concrete Construction, wo er Straßen baute für zehn Dollar die Stunde. Videobänder, die der stern einsah, belegen, dass der Zeuge Delgado von Einschüchterung spricht: "Mein Geständnis ist erfunden, sie haben mich unter Druck gesetzt, ich saß zweieinhalb Monate in Haft, sie haben mich weichgeklopft."

Und wieder sterben Frauen

Doch nach wie vor sitzt er, im Sicherheitstrakt Ost, Zelle 415: Edgar Alvarez, "der Henker", "das Monster". Er rechnet mit lebenslang. Das Ende der Geschichte. Drei Wochen nach seiner Verhaftung sterben die nächsten Frauen. Ein Mann gießt Benzin über den Körper einer 23-Jährigen und zündet sie an. Eine Frau wird beim Besteigen ihres Autos mit vier Schüssen hingerichtet. Die Täter: unbekannt.

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