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Demonstrationen in Moskau: Zahlenkrieg im Eisschrank

Ganz Moskau schien auf den Beinen gewesen zu sein, um für oder gegen Wladimir Putin zu demonstrieren. Wie viele es genau waren, darüber ist nun ein "Zahlenkrieg" ausgebrochen.

Von Bettina Sengling, Moskau

Der oberste Amtsarzt Russlands hatte seine Landsleute noch gewarnt: Es sei nicht ratsam, bei minus zwanzig Grad an Kundgebungen teilzunehmen. Der Patriarch forderte, keine Sprechchöre zu rufen - besser sei, still zu beten. Doch es half alles nichts: Die Moskauer kamen trotzdem. Schon eine Stunde vor dem offiziellen Beginn drängelten sich die Menschen vor den Einlasstoren, eingemummelt in Pelz oder dicke Daunenjacken, in Fellmützen und Schals, viele in Walenki, den russischen Filzstiefeln. Die Moskauer Behörden hatten den Demonstranten sogar verboten, Thermoskannen mitzubringen - aber auch das schreckte sie nicht ab.

In einem Monat wird in Russland ein neuer Präsident gewählt. Es wird wohl der alte sein, beziehungsweise der Vorgänger des jetzigen - also Wladimir Putin. Ihm galt die Demonstration in Moskau, rund 230.000 seiner Gegner haben sich minus 20 Grad auf die Straße gewagt. Es war einer der größten Demonstrationen in Russland seit 20 Jahren. Doch auch die Anhänger des aktuellen Ministerpräsidenten zogen aus, um für Putin Flagge zu zeigen. Es sollen Zehntausende gewesen sein.

"Putin ist ein Dieb!"

Die Opposition hielt drei Stunden der beißenden Kälte stand. Und brüllten in Sprechchören: "Russland ohne Putin!" Und: "Putin ist ein Dieb!" Die Farbe des Protests war auch diesmal wieder Weiß. Weiß ist das Zeichen der Regierungsgegner, es symbolisiert die Forderung nach "sauberen" Wahlen und einem friedlichen Wandel. Helfer verteilten dazu weiße Bänder und weiße Luftballons, die zum Ende in den Himmel stiegen, direkt gegenüber vom Kreml. Internet-Fernsehsender übertrugen den Protest live im Netz, für die Unzufriedenen zu Hause. Viele filmten mit Mobiltelefonen und iPads - gewohnt daran, dass die Fernsehsender die Demos klein reden und verzerren.

Das versuchte die Polizei auch diesmal. Zunächst sprach sie von gerade einmal 36.000 Menschen, die gegen den Kreml-Führer protestieren. Die Demoorganisatoren von 120.000. Und genau darin offenbarte sich war die Frage des Tages: Wer mobilisiert an diesem Samstag mehr Anhänger - Putin oder seine Gegner? Im Eisschrank Moskau tobt ein "Zahlenkrieg".

Putin in eine Reihe mit Gaddafi und Mubarak

Putin-Gegner aller Couleur hatten sich zu der Veranstaltung zusammengerauft: Liberale, Bürgeraktivisten, Nationalisten, Linke, Anarchisten liefen friedlich nebeneinander her. Junge und alte Leute waren dabei, viele trugen selbstgebastelte Plakate. Auf manchen wurde der ehemalige und zukünftige Kreml-Chef Putin in eine Reihe mit Gaddafi und Mubarak gestellt oder gleich hinter aufgemalte Gitter gebracht. "Ich gehe zu jeder Demo gegen Putin", sagt Walerij, 63, ehemaliger Ingenieur in einer Flugzeugfabrik. "Die Elite bereichert sich und wir stehen nackt da!" Eine Frau sagt: "Das Land ist endlich aufgewacht! Unsere Regierung besteht nur aus Gaunern und Dieben!"

Die Bühne teilten sich auch diesmal Redner aus den unterschiedlichen politischen Lagern, gemeinsam mit Schriftstellern, Journalisten, Umweltaktivisten. Aus den Protesten gegen die Wahlfälschungen im vergangenen Dezember ist eine mächtige Bewegung gegen den Regierungschef geworden, der am 4. März bei den Präsidentschaftswahlen antritt.

Putin-Kritiker sind "Söldner" der USA

Völlig anders ist die Stimmung etwa acht Kilometer westlich auf dem Hügel Poklonnaja Gora. Aus einer Menge von Zehntausenden Demonstranten ragen Banner mit Sprüchen wie "Für Putin!" und "Wer Russland liebt, wählt Putin". Russland-Fahnen wehen im eisigen Wind. Von der Bühne aus beschimpft der Regisseur Sergej Kurginjan Putin-Kritiker als "Söldner", die "im Auftrag der USA" Russland zerstören sollen.

Auch andere Redner warnen vor einem Rückfall in die chaotischen 1990er Jahre, sollte Putin die Wahl verlieren. "Wollt ihr wieder hungernde Kinder auf den Straßen?", ruft einer der Organisatoren. "Njeeeeet", klingt es aus zahlreichen Kehlen zurück. Helfer verteilen säckeweise Gratis-Schokoriegel aus russischer Produktion.

"Noch nie so viele Menschen auf der Straße gesehen"

Eine 35-jährige Lehrerin aus der Stadt Sergijew Possad bei Moskau beteuert wie so viele, dass sie nicht zur Teilnahme gedrängt worden sei. Auch Geld habe sie nicht bekommen. Andere Staatsbedienstete hatten sich allerdings zuvor in Medien über Zwang beklagt.

Am Ende musste aber die Polizei einräumen, dass es der Opposition gelungen ist, noch einmal mehr Menschen zu mobilisieren als bei den vorigen, beispiellosen Protesten. "Noch nie habe ich so viele Menschen auf der Straße gesehen", sagt der 31-jährige Alexander. Er war bereits bei den Kundgebungen am 10. und 24. Dezember 2011 dabei. Einen Marsch in dieser Größenordnung hat es noch nicht gegeben. Später sprechen beide Lager von einem Erfolg. Es sollen nicht die letzten Massenproteste gewesen sein.

mit DPA