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Deutsche Urlauber: Wenn das Paradies zur Hölle wird

In Thailand haben Helfer die Leichen von 49 deutschen Urlaubern geborgen - und die Zahl wird möglicherweise erheblich steigen. Rund 1000 Deutsche werden noch vermisst. Viele Schicksale werden wohl ungeklärt bleiben.

Das Gebiet um Khao Lak in Thailand bietet ein Bild der Verwüstung. "Es ist alles platt. Es ist wie nach einem Atombombenangriff", erinnert sich der Deutsche Olaf Schomber, der in Khao Lak ein Reiseunternehmen betreibt und die Katastrophe miterlebte. Die Wassermassen seien entlang des rund 30 Kilometer langen Strandabschnitts bis zu einem Kilometer weit ins Landesinnere gedrungen und hätten Dutzende Hotels dem Erdboden gleichgemacht.

Der Tourist Karl Kalteka aus München berichtete von zahlreichen Todesopfern in Khao Lak: "Ich habe viele Kinder sterben sehen. Ich habe Eltern gesehen, die versucht haben, ihre Kinder festzuhalten, aber es war unmöglich", sagte er auf dem Flughafen Phuket. Seine Freundin wird seit Sonntag vermisst.

Rund 8000 deutsche Urlauber in der Region

Drei Tage nach der verheerenden Flutwelle können die Bergungskräfte nur noch auf ein Wunder hoffen. Auch am Mittwoch durchkämmten sie Strände und Trümmer auf der Suche nach vermissten Touristen und Angestellten der Hotelanlagen. Nach Angaben der großen Reiseveranstalter haben über Weihnachten etwa 8000 Deutsche Urlaub in der Katastrophenregion gemacht.

Bundeskanzler Gerhard Schröder, der seinen Familienurlaub in Hannover abgebrochen hatte, sprach am Mittwoch nach seiner Teilnahme am Krisenstab des Auswärtigen Amtes von einer "deutlich dreistelligen Zahl" deutscher Opfer. Bei seiner gemeinsamen Pressekonferenz mit Außenminister Joschka Fischer war dem Kanzler anzumerken, dass diese Zahlen vermutlich eher über 500 als darunter liegen werden. 26 deutsche Staatsangehörige seien bisher identifiziert und rund 1000 würden noch vermisst. Die Bundesflaggen auf dem Reichstag und den anderen öffentlichen Gebäuden wurden auf Halbmast gesetzt.

"Das Meer wird viele nicht mehr hergeben", sagte der sichtlich bedrückte Außenminister. Angesichts der Hitze - "eigentlich strahlendes Urlaubswetter", wie Fischer schilderte - werden die Katastrophenopfer sofort beigesetzt. Es ist zu vermuten, dass viele Angehörige der deutschen Opfer nur vage informiert sein werden, wo ihre Väter, Mütter oder Kinder, 10.000 Kilometer vom Wohnort entfernt, ihre letzte Ruhe fanden. Wahrscheinlich wird nicht einmal ein Sarg nach Deutschland zurückkehren. Die Regierung von Sri Lanka hatte bereits am Montag bestätigt, dass unter den bereits identifizierten Opfern vier Deutsche seien.

Insgesamt gebe es nach bisherigem Stand 473 Ausländer aus 36 Ländern unter den 1574 Todesopfern in Thailand, erklärte am Mittwoch das Innenministerium in Bangkok. Darunter seien 54 Schweden, 49 Deutsche und 43 Briten. Bei 84 toten Touristen könne die Nationalität bisher nicht geklärt werden. Weitgehend zerstört wurde das Similan Beach and Spa Resort auf einer der Similan-Inseln bei Phuket. Dort hielten sich zum Zeitpunkt der Flutwelle etwa 60 zumeist aus Deutschland stammende Touristen auf.

In dem von vielen Deutschen bewohnten Sofitel-Hotel in Khao Lak rund 50 Kilometer nördlich von Phuket sind möglicherweise mehr als 200 der 415 Gäste ums Leben gekommen. Die Hotelgruppe Accor teilte mit, dass die Hälfte der Touristen vermisst werden. "Es gibt zwar immer noch Hoffnung für einen Teil der Vermissten, aber leider nur für eine Minderheit von vielleicht ein paar Dutzend. Für den Rest haben wir kaum noch Hoffnung, es sei denn, es geschehen noch Wunder", sagte Accor-Chef Jean-Marc Espalioux. 60 bis 70 Prozent der Gäste seien Deutsche gewesen. Zerstört wurden die ersten beiden Stockwerke des Hotels. Der Reiseveranstalter Dertour teilte mit, dass auch von ihm Reisegäste in dem betroffenen Hotel gewesen seien. Opfer könnten nicht ausgeschlossen werden.

"Situation viel schlimmer als angenommen"

Die deutsche Botschaft in Thailand befürchtet, dass die bislang vermutete Zahl der ausländischen Toten der Beben- und Flutkatastrophe nach oben korrigiert werden muss. Botschaftssprecher Peter Finger sagte am Mittwoch im Bayerischen Rundfunk, die Situation in den Urlaubsgebieten Phuket und Khao Lak sei sehr viel schlimmer als zunächst angenommen. "Wir haben keine belastbaren Zahlen, und ich kann nur das wiederholen, was die thailändischen Behörden gesagt haben: Sie rechnen mit zirka 860 Toten im Moment, sagen aber, dass diese Zahl wahrscheinlich nach oben korrigiert werden muss", sagte Finger nach Angaben des Senders.

Mitarbeiter der Botschaft, des Technischen Hilfswerks und ein Identifizierungsteam des Bundeskriminalamts seien auf dem Weg nach Khao Lak. Angehörige müssten nicht befürchten, dass in Thailand tote Touristen unidentifiziert in Massengräbern beerdigt würden. Am Dienstagabend startete eine Maschine der Bundesluftwaffe nach Phuket, um Verletzte auszufliegen. Ein zweiter Luftwaffen-Airbus sollte nach Bangkok fliegen, um dort gestrandete Touristen aufzunehmen und nach Hause zu bringen.

Der Reiseveranstalter Thomas Cook vermisste in der Region noch 200 bis 300 Kunden. Unternehmenssprecher Asger Schubert sagte, viele Touristen seien auf eigene Faust ins Hinterland geflohen. Einige Hotels seien zerstört, so dass die Urlauber gar nicht zur Kontaktaufnahme dorthin zurückkehren könnten. Thomas Cook hat bereits 1000 Gäste aus der Krisenregion nach Deutschland gebracht. Weitere 1100 Personen werden heute erwartet. Aus Phuket sollten bis zu 900 Urlauber kommen. Aus Sri Lanka würden 260 Touristen auf dem Frankfurter Flughafen erwartet.

Der Reisekonzern TUI vermisste noch 72 Urlauber in Khao Lak. "Wir hoffen, dass sich die Gäste rechtzeitig ins Hinterland retten konnten", sagte Sprecherin Stefanie Rother. Das seien acht weniger als am Vortag. Das Münchner Unternehmen FTI vermisste noch fünf Gäste in Khao Lak und einen auf Sri Lanka. Neben zahlreichen deutschen Urlaubern werden auch noch 1500 Touristen aus Skandinavien vermisst.

<Erleichterte Heimkehrer

Bei vielen Heimkehrern herrscht ein Gefühl der Erleichterung und der Dankbarkeit vor. Urlauber sind voll des Lobes für die Arbeit der thailändischen Behörden und der Einheimischen: "Die haben sich sehr schnell und professionell bemüht, uns zu unterstützen", berichtet etwa der aus Graz stammende Urlauber Helmut Herrmann. "Wir sind überall bestens verpflegt und versorgt worden."

Auch der aus der Nähe von Ingolstadt stammende Urlauber Fritz Öttinger würdigt die Betreuung seitens der örtlichen Behörden als vorbildlich: "Die Thais haben sich unheimlich bemüht." Der Bayer, der seine restlichen Habseligkeiten in einem Kopfkissenbezug als Beutel bei sich hat, wundert sich allerdings auch, dass am Airport in Phuket zwar italienische Soldaten aufgetaucht seien, um sich um ihre Landsleute zu kümmern, aber niemand von Bundesseite. "Von den deutschen Behörden hab ich nichts mitbekommen", merkt er spöttisch an: "Ich hab nur gehört, dass der Helmut Kohl in Sri Lanka ausgeflogen worden ist." Allerdings habe er die deutschen Beamten nicht wirklich vermisst: "Die Betreuung von der Fluggesellschaft war perfekt."

Der so gelobte LTU-Manager Michael Latter betont bei der Ankunft der Rückkehrer, dass die Fluggesellschaften bei der Rückholaktion eng zusammenarbeiten. "Wir akzeptieren auch Fluggäste anderer Fluggesellschaft und nehmen sie unbürokratisch mit." Beispielsweise seien Passagiere der skandinavischen SAS mit Lufthansa-Tickets für Anschlussflüge versorgt worden. "Wir wollen, dass die Passagiere jetzt so schnell wie möglich nach Hause kommen", betont der LTU-Manager.

Krisenstab im Auswärtigen Amt

Das Auswärtige Amt in Berlin hat einen Krisenstab eingerichtet und eine Hotline (030/5000 1000) geschaltet. Informationen über die getöteten oder verletzten Reisenden werden zentral über das Auswärtige Amt veröffentlicht. Nach wie vor gibt es kaum Telefonverbindungen in die betroffene Region.

Dusko Vukovic (mit Agenturen)