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Corona auf dem Vormarsch Die Delta-Welle rollt: So kämpft Australien jetzt gegen die Pandemie

Melbourne im Lockdown
Empty Streets in Melbourne und Sydney: Wegen der sich dramatisch ausbreitenden Delta-Variante zieht Australien nun alle Register – und schickt das Land in den nächsten Lockdown
© Daniel Pockett / DPA
Vor einem Jahr blickte die Welt neidisch nach Australien, wo die Bevölkerung das Leben genoss, während man anderswo auf die nächste Corona-Welle zusteuerte. Doch nun ruft das Land massenweise Lockdowns aus. Woran liegt das?

Lange stand es gut um Australien. Während ein großer Teil der Welt mit der Pandemiebekämpfung beschäftigt war, täglich Infizierte und Tote zählte, konnte sich das Land auf dem Erfolg seiner strengen Corona-Auflagen ausruhen – und galt vielen als Vorbild.

Bereits März 2020, als sich das Virus in Australien auszubreiten begann, reagierten die Behörden mit drastischen Maßnahmen. Grenzen wurden für den internationalen Verkehr geschlossen. Wer einreisen wollte, musste einen australischen Pass vorweisen. Reiserückkehrer mussten sich einer zweiwöchige Hotelquarantäne mit regelmäßigen Testungen unterziehen, die Kosten trug jeder selbst. Zusätzlich setzte die Regierung auf die Kontaktnachverfolgung. Egal ob bei Einkäufen oder Restaurantbesuchen: Jeder Bürger musste sich über einen QR-Code registrieren.

Mit den teils drastischen Maßnahmen gelang es Australien das Virus einzudämmen. 35.600 Infizierte und 933 Corona-Tote zählt das Gesundheitsministerium seit Pandemieausbruch. Eine kürzlich veröffentlichte Studie zeigt zudem, dass die gesamte Todesrate in Australien dank strikter Pandemie-Maßnahmen unter die der Vorjahre fiel.

Dramatischer Anstieg in New South Wales

Doch jetzt steht das Land plötzlich vor einem Problem, denn die Infektionszahlen steigen seit Wochen sprunghaft an. Grund dafür ist die sich schnell ausbreitende Delta-Variante. Laut dem australischen Gesundheitsministerium sind derzeit 3933 Personen aktiv infiziert. Die meisten stammen aus dem Bundesstaat New South Wales. Dort stiegen die Neuinfektionen innerhalb der letzten 24 Stunden auf 291, das ist die höchste Zahl an einem Tag seit Beginn der Pandemie.

In der größten Stadt Sydney gibt es bereits seit sechs Wochen Ausgangssperren, die jedoch bisher kaum den erhofften Erfolg brachten. Sie wurden um weitere vier Wochen verlängert. Am Freitag erreichte die Zahl der Neuinfektionen mit 279 Fällen einen neuen Höchststand.

Ähnlich ist die Situation im benachbarten Bundsstaat Victoria. Dort rief die Metropole Melbourne am Donnerstag den sechsten Lockdown aus. Er habe "keine Wahl", er müsse nur knapp eine Woche nach dem Ende der letzten Ausgangssperre wieder einen Lockdown anordnen, sagte am Donnerstag der Regierungschef des Bundesstaats Victoria, Dan Andrews. Es gebe inzwischen acht Corona-Fälle, deren Ursprung noch unklar sei. Mit Beginn der Ausgangssperre am Donnerstagabend waren rund 60 Prozent von Australiens 25 Millionen Einwohnern von Ausgangseinschränkungen betroffen.

Proteste gegen den Lockdown

Sorge bereitet den Behörden aktuell allerdings nicht nur die Delta-Variante. Lange konnte die Regierung bei der Bekämpfung der Pandemie auf das Vertrauen und die Folgsamkeit der Bevölkerung bauen. Doch nun kippt die Stimmung. Bereits vor zwei Wochen gab es massive Proteste in Sydney. Vor gut einer Woche demonstrierten Tausende in der Stadt gegen den erneuten Lockdown. Auch widersetzen sich immer mehr Menschen den Corona-Auflagen. Mittlerweile hat die Regierung in New South Wales das Militär in die Stadt geschickt. 300 unbewaffnete Soldaten sollen unter anderem dafür sorgen, dass positiv getestete Personen die Quarantänepflicht einhalten.

Auch in Melbourne kam es jetzt zu Protesten, wie australische Medien berichten. Dort sei es in der Nacht von Donnerstag auf Freitag zu Auseinandersetzungen mit der Polizei gekommen. Viele Demonstranten hätten zudem die Maskenpflicht missachtet.

Impfskepsis unter den Australiern ist hoch

Victorias Regierungschef Andrews sagte angesichts der massiven Proteste, die Entscheidung, weitere Ausgangssperren zu verhängen, sei ihm nicht leicht gefallen. Davon abzusehen, käme allerdings nicht in Frage. Dem Sender ABC News sagte er: "Die Alternative wäre, die Dinge einfach geschehen zu lassen. Das würde uns und unsere Krankenhäuser überfordern, denn dann gäbe es keine hundert, sondern tausend Patienten."

Um das Land schnellstmöglich au dem Lockdown zu führen, diskutiert nun auch die australische Regierung über Freiheiten für Geimpfte. Im Land sind sind erst knapp 20 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft, was an Versorgungsengpässen und großem Misstrauen der Einwohner des Landes gegenüber Impfungen liegt. Experten der Universität of Queensland sehen darin auch ein Versäumnis der Politik. Deren verzögerte Einführung der Impfung habe "zu einer Auflösung des öffentlichen Vertrauens" in die Impfung geführt, sagte die Wissenschaftlerin Bernadette Hyland-Wood dem Sender ABC. Wie die BBC berichtet war Australien unter den letzten Ländern, die sich um einen Impfstoff bemühten.

Die australische Regierung hatte bei der Impfkampagne auf den Wirkstoff des Herstellers Astrazeneca gesetzt. Streiterein mit der EU hätten die Lieferung zu Beginn verzögert. Lange war unklar, wie viele Dosen den Bürgern überhaupt zur Verfügung gestellt werden können. Auch die Nachricht über Blutgerinnsel als Nebenwirkung der Impfung mit Astrazeneca hat das Vertrauen der Bevölkerung beschädigt und stattdessen die Impfskepsis gefördert. Mittlerweile hat das Land auch Dosen von Pfizer, Moderna und Novavax bestellt. Ob die Impfstoffe aus den USA allerdings zugelassen werden, wird noch entschieden.

Regierung verschärft Einreiseverbot

Derweil versucht die Regierung der angespannten Lage auf anderem Wege Herr zu werden. Sie plant, die Reisebeschränkungen ab dem 11. August weiter zu verschärfen. Demnach wird das bereits bestehende Einreiseverbot für Nicht-Australier nun auch auf die im Ausland lebenden australischen Staatsbürger ausgeweitet. Damit soll verhindert werden, dass Heimbesucher zur Verbeitung des Virus beitragen.

Angst vor der Impfung: Mann schreit panisch – dann applaudiert der ganze Saal

Für Einheimische, die noch in Australien leben, gilt zwar kein Ausreiseverbot, sie müssen jedoch einen Antrag stellen, wenn sie das Land verlassen wollen. Wie die Regierung mitteilte, werde das Land seine Grenzen erst dann wieder öffnen, wenn 80 Prozent der Bevölkerung geimpft sind. Der BBC zufolge, wird dieser Stand vermutlich erst nächstes Jahr erreicht sein.

Kritik an den Plänen üben unter anderem Rechtsexperten. Die Beschränkungen seien möglicherweise als Eingriff in die Grundrechte zu werten, da sie im Ausland lebende Staatsbürger an der Rückkehr in die Heimat hindere. Durch die bereits seit letztem Jahr geltenden Beschränkungen seien bereits viele Menschen daran gehindert worden, kranke oder sterbende Angehörige zu besuchen.

Quellen: Reuters, ABC, BBC, The Guardian, Australian Government Department of Health, DPA

cl/tkr

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