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Meinung

Rede zur Lage der Nation: Donald Trump spielt US-Präsident. 82 Minuten lang

Was wir von der diesjährigen Rede zur Lage der Nation lernen können, schätzt stern-Korrespondent Jens König ein. Er sah in  Donald Trumps Auftritt vor dem Kongress ein Theaterstück in fünf Akten.

Erster Akt: Großes Theater mit Präsidentendarsteller

Donald Trump mag das, die Tradition, den Pomp, den ganzen Budenzauber. Um kurz nach 21 Uhr betritt er am Dienstagabend (Ortszeit) den Plenarsaal des Repräsentantenhauses im Kapitol in Washington. Der Sergeant at Arms of the United States House of Representatives, der Zeremonienmeister des Parlaments, kündigt sein Kommen der Sprecherin des Repräsentantenhauses an: "Madame Speaker, der Präsident der Vereinigten Staaten." Trump schreitet zum Podium, schüttelt auf dem Weg dorthin links und rechts ein paar Hände, er schaut bedeutungsvoll in die große Runde. Vorn angekommen überreicht er der Madame Speaker, der Demokratin Nancy Pelosi, ein Exemplar seiner Rede.

Einmal im Jahr, anlässlich der State of the Union Address - der Rede zur Lage der Nation - wird im US-amerikanischen Kongress großes Staatstheater aufgeführt. Es ist von den Verfassungsvätern der Thronrede des britischen Monarchen nachempfunden. 1790 hielt George Washington die erste State of the Union. Später folgten so große Männer wie Woodrow Wilson und Theodor Roosevelt. Donald Trump sieht sich offenbar gern in dieser Ahnenreihe. Hier kann er in Geschichte baden. 

Sonst ist er in Sachen Präsidentschaft ja eher der Typ Zerstörer. Er bricht Regeln und pfeift auf Traditionen. Bei der Rede zur Lage der Nation macht er allerdings eine Ausnahme. Er regiert für kurze Zeit nicht auf Twitter, sondern mit einem Teleprompter. Er wird jetzt ganz brav eine fast staatsmännische Rede ablesen. Er schlüpft die kommenden 82 Minuten in eine für ihn ungewohnte Rolle. Trump spielt US-Präsident. Seine Berater registrierten im Vorfeld ganz verwundert, dass er entgegen seiner Gewohnheiten die Rede geprobt und sich ordentlich vorbereitet habe. Sie glaubten sogar, so etwas wie Ehrfurcht bei ihm gespürt zu haben. 

Andererseits: Die Rede wird zur besten Sendezeit von allen großen Fernsehsendern übertragen. Bis zu 50 Millionen US-Amerikaner schauen regelmäßig zu. Vielleicht weiß der Showmann Donald Trump auch nur allzu genau, was von ihm in dieser Situation erwartet wird. Großes Theater eben.

Zweiter Akt: Arbeit für die Faktenchecker

Man glaubt, nicht richtig zu hören. Trump spricht von "einer Nation", von Einheit und Versöhnung, von Zusammenarbeit und Kompromissbereitschaft. Äh, wie heißt noch gleich der Typ, der die vielen Wunden geschlagen hat, die jetzt geheilt werden sollen? Geschenkt. Donald Trump beschwört große Momente der amerikanischen Geschichte und noch größere Momente der amerikanischen Gegenwart: beste Wirtschaft der Welt, stärkste Armee der Welt, größte Nation der Welt, großartigster Präsident ever.

Trump sagt, Trump hat in 24 Monaten mehr erreicht als alle seine Vorgänger in ihrer gesamten Amtszeit. Steigende Löhne für die Arbeiter, massive Steuersenkungen für werktätige Familien, niedrigste Arbeitslosenquote seit einem halben Jahrhundert. "Amerika gewinnt jeden einzelnen Tag." Schon bis hierhin eine Menge Arbeit für die Faktenchecker der "Washington Post". 

Dritter Akt: Rückverwandlung in Donald Trump 

Im Mittelteil der Rede plötzlich die Verwandlung. Der Präsidentendarsteller verlässt für eine längere Passage seine Rolle, mit einem Mal steht Donald Trump auf der Bühne. Er sieht das "ökonomische Wunder" durch "lächerliche voreingenommene Untersuchungen" bedroht, womit er offenbar die Russland-Ermittlungen des Sonderermittlers Robert Mueller meint. Mehr noch, Trump sieht das ganze Land bedroht, diagnostiziert eine "nationale Krise": durch Millionen illegaler Einwanderer, die an der amerikanischen Südgrenze ins Land strömen, die amerikanische Bürger ermorden, die ihnen die Arbeitsplätze wegnehmen und in den Drogentod treiben. Angeblich.

Wie Trump diese Krise lösen will? Klar, mit einer Mauer. Seiner Mauer. "Ich bekomme sie gebaut", sagt er siegesgewiss. Dass er dafür fünf Wochen die Regierung stillgelegt hatte und einen Rückzieher machen musste, weil die Demokraten ihm keinen einzigen Dollar für die Mauer bewilligen wollten? Erwähnt er gar nicht erst.

Lieber hat er noch ein paar schlichte Botschaften für seine Wähler parat, er macht jetzt kurz mal knallharten Wahlkampf: "Kein Thema illustriert die Spaltung zwischen Amerikas Arbeiterklasse und Amerikas politischer Klasse so sehr wie die illegale Immigration." Wohlhabende Politiker würden für offene Grenzen kämpfen, während sie selbst hinter Mauern und Schranken lebten. Das ist nichts anderes als zynisch und verlogen. Und dann noch ein Zuckerstückchen für seine treue evangelikale Fanbasis. Trump will den Kongress auffordern, Spätabtreibungen zu verbieten. Das wird ihm nicht gelingen, aber vorschlagen wird man das ja wohl noch mal dürfen. 

Für den letzten Teil der Rede geht es wieder zurück in die Präsidentenrolle. Trump hat angeblich den IS besiegt und den nordkoreanischen Diktator in die Schranken gewiesen. "Ohne mich als Präsident hätten wir heute Krieg mit Nordkorea." Der Rest: Amerikas Größe, Amerikas Bestimmung, Amerikas Rolle als Hoffnung und Licht der Welt. God Bless America. 

Vierter Akt: "Noch nicht hinsetzen"

Es gibt nur einen kurzen Moment, in dem das Trump-Amerika auf das Land da draußen trifft. Der Präsidentendarsteller spricht über die vielen Frauen, die vom amerikanischen Jobwunder profitieren würden. 58  Prozent der neuen Jobs hätten Frauen übernommen. Plötzlich Klatschen und Jubel im Plenarsaal. Die vielen weiblichen Abgeordneten der Demokraten, die Anfang des Jahres neu ins Repräsentantenhaus eingezogen sind und das Land jetzt schon verändert haben, zeigen voller Stolz auf sich selbst. Sie sind aufgesprungen. Sie tragen an diesem Tag alle  weiße Kleidung, in Erinnerung an die Suffragetten, die vor über 100 Jahren in den USA für das Frauenwahlrecht gekämpft hatten. Trump reagiert souverän. "Noch nicht hinsetzen", ruft er den demokratischen Abgeordneten zu, "was jetzt kommt, werdet ihr mögen." Dann preist er Amerika dafür, dass so viele Frauen wie nie zuvor im Kongress sitzen. Jetzt jubeln die demokratischen Abgeordneten noch lauter. "USA! USA!" skandieren die Frauen.

Fünfter Akt: Dem Präsidenten die Wahrheit sagen

Der Schlussmonolog gehört nicht Donald Trump. Der gehört Stacey Abrams. Schwarze Demokratin aus Georgia. Ist dort vor ein paar Wochen fast zur Gouverneurin gewählt worden. Gilt trotz der knappen Niederlage als Hoffnungsträgerin ihrer Partei. Sie hält die Gegenrede der Demokraten an diesem Tag. Kurz, prägnant, klug, mitfühlend. Eine Stimme des anderen, modernen Amerika. Sie spricht über Gemeinschaft, Klimawandel, Minderheitenrechte und die vielen Amokläufe mit Schusswaffen. Sie endet mit den Worten: "Wir müssen dem Präsidenten die Wahrheit sagen."