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stern-Reportage

US-Präsident: Donald Trump - der Hassprediger im Weißen Haus

Er spaltet das Land, statt es zu versöhnen. Er stellt sich als erster US-Präsident an die Seite von Faschisten. Auch wenn im Weißen Haus Chaos herrscht, hat Donald Trump den reaktionären Umbau der Vereinigten Staaten längst begonnen. Und seine Partei lässt ihn gewähren.

Donald Trump stellt sich als US-Präsident an die Seite von Faschisten

Der Extremist im Weißen Haus – Präsident Donald Trump biedert sich den Rechtsradikalen an und gefährdet den inneren Frieden seines Landes

Der Kampf um die Zukunft der ist in diesen Tagen ein Kampf um die Vergangenheit. Ein Kampf um Marmor, Stein und Kupfer. Manchmal wird er in Gemeinderäten und vor Gericht ausgefochten. Manchmal schaffen Bürger mit Überraschungsangriffen, mit Vorschlaghämmern und Farbbeuteln Fakten. Manchmal braucht es den Schutz der Dunkelheit, dann rücken Schwertransporter an und verfrachten Denkmäler von berüchtigten Südstaatengenerälen aus den Parks in dunkle Hallen.

Manchmal aber sieht es so aus, als wollten einige Menschen Blut vergießen für ein paar Tonnen Marmor, Stein und Kupfer. So wie der Mann, der sich in diesen Tagen vor das General-Lee-Denkmal in stellt. Ausgerechnet hier, wo vorvergangenes Wochenende die Gewalt explodierte und eine Frau ermordet wurde.

Der Mann salutiert vor der Statue. Er trägt eine Uniform der Südstaatenarmee, an einer Schulter lehnt eine Südstaatenfahne. An der anderen hängt ein Sturmgewehr. Im Halfter an seiner Hüfte steckt eine Pistole.

Das ist keine Ehrenwache. Das ist eine Kriegserklärung.

Donald Trump Berater Stephen Bannon


"Wir stehen vor einem moralischen Abgrund"

"Es wird immer weitergehen", sagt Lisa Woolfork, seit 17 Jahren Professorin in Charlottesville und seit Kurzem Vorsitzende der Bürgerrechtsgruppe "Black Lives Matter" in der Stadt.

Sie sitzt im Haus des Dekans auf dem Campus der Universität, sie hat sich hier mit anderen Professoren versammelt, um zu besprechen, wie sie reagieren sollen. Was wollen sie den Studenten erzählen, wenn sie aus den Ferien wiederkommen? Können sich Afroamerikaner und Latinos noch sicher fühlen in der Stadt? Werden sie zusehen müssen, wie sich mit den der Hass breitmacht und alles vor die Hunde geht, woran sie glauben? Sie erzählt gerade davon, wie Afroamerikaner auch in diesen Tagen danach angepöbelt werden von Rechtsradikalen in Pick-ups, da kommt ein Kollege in den Raum und berichtet, noch immer völlig aufgewühlt, wie er am Tag zuvor einen Kombi in seiner Straße halten sah, aus dem drei Männer ausstiegen und ein AK-47-Gewehr auf dem Dach positionierten.

Lisa Woolfork steht auf, hält sich die Hände vor das Gesicht. "Wir stehen vor einem moralischen Abgrund. Wir haben im Weißen Haus einen Clan von Leuten, die Rassisten sind. Wir haben einen Präsidenten ohne moralischen Kompass, der die Rassisten in ihrem Hass nur noch bestärkt."

Es waren Fackelträger wie diese, die Präsident Trump vor aller Welt nach einem Wochenende der Gewalt verteidigte. Sie zogen durch Charlottesville und skandierten "Hail Trump!". Am Tag darauf starb eine Frau, als ein Rassist in die Menge der Gegendemonstranten fuhr

Es waren Fackelträger wie diese, die Präsident Trump vor aller Welt nach einem Wochenende der Gewalt verteidigte. Sie zogen durch Charlottesville und skandierten "Hail Trump!". Am Tag darauf starb eine Frau, als ein Rassist in die Menge der Gegendemonstranten fuhr

Der Kampf um die Monumente des Landes, er ist zu einem Kampf um seine Fundamente ausgewachsen.

Lisa Woolfork war in der Stadt an jenem Samstag, sie sah den Hass der Nazis und die Angst ihrer Studenten. Sie stand hundert Meter von der Stelle entfernt, an dem der Neonazi das Auto in die Menge fuhr. Sie sah ein Mädchen, 13 Jahre alt, wie es in die Luft geschleudert wurde. Sie kannte das Mädchen, es ist mal mit ihrem Sohn zur Schule gegangen. Nun liegt es im Krankenhaus.

Es ist etwas zerbrochen in Charlottesville, das spürt man an der Fassungslosigkeit, an der Wut und Trauer im Land, das hört man aus den Erzählungen der Menschen, die sich in diesem Raum versammelt haben. Das sieht man in der Stadt, liest man in den Briefen, die Bürger an die Stelle legten, an der starb.

Zerbrochen ist das Vertrauen auf das Wertegerüst der Nation

"An dem Tag, als unsere Stadt in die Knie gezwungen wurde, machte mein Sohn seine ersten Schritte. Ich hoffe, er wird lernen aufzustehen gegen den Hass und für die Liebe", schreibt eine Mutter.

Zerbrochen ist das Vertrauen auf das einende Wertegerüst der amerikanischen Nation. Und daran trägt Präsident Trump Schuld.

"Er hatte die Chance, den Terror der Nazis zu verdammen und den Weg aus dem Hass aufzuzeigen. Stattdessen relativiert er die rechte Gewalt, schwärmt von der Schönheit der Südstaatenstatuen und gibt den Rechtsradikalen damit die Erlaubnis zu hassen", sagt Lisa Woolfork. Ein Kollege nickt und sagt leise: "Was mir Angst macht, ist, dass wir einen Präsidenten haben, dem all die Werte, die unsere Gesellschaft zusammenhalten, egal sind. Dass er kein Interesse daran hat, Frieden zu stiften und unser Land zu einen."

Das Land zu einen.

Es gehört zu den wichtigsten Tugenden jedes US-Präsidenten, dass er Amerika in Krisenzeiten zusammenführt. Diese zerstrittene, gespaltene, von Gewalt geplagte Nation. Politische Lager und Parteien dürfen dann keine Rolle mehr spielen. Dann ist der Präsident nur noch Moderator, der jedem Amerikaner das Gefühl gibt, für das ganze Volk zu sprechen. Der so umstrittene George W. Bush wuchs nach den Anschlägen vom 11. September in dieser Rolle als Vater der Nation. Statt gegen Muslime zu hetzen, besuchte er eine Moschee. Bei bis zu 90 Prozent lag seine Beliebtheit damals. Und jetzt nach Charlottesville war es Obama, der die richtigen Worte fand: "Niemand hasst von Geburt an jemanden wegen Hautfarbe, Herkunft oder Religion." Ein Zitat Nelson Mandelas. Es wurde millionenfach auf Twitter geteilt.

Steve Bannon musste seinen Posten als Chefberater des Präsidenten räumen – aber nicht weil Trump die Positionen des rechten Hetzers zu radikal sind, sondern weil Bannon ihm die Show zu stehlen drohte. Der will mit seiner "Kriegsmaschine" weiter für Trump kämpfen

Steve Bannon musste seinen Posten als Chefberater des Präsidenten räumen – aber nicht weil Trump die Positionen des rechten Hetzers zu radikal sind, sondern weil Bannon ihm die Show zu stehlen drohte. Der will mit seiner "Kriegsmaschine" weiter für Trump kämpfen

Donald Trump ist getrieben von seinem Narzissmus

Donald Trump hingegen reißt die Gräben tiefer. Schürt Feindschaften. Entzweit. Verunsichert. Der ehemalige Arbeitsminister Robert Reich wirft ihm vor, die USA in einen Bürgerkrieg zu führen. Die Menschen empfinden so, weil Trump kein Gefühl für sein Volk hat. Er ist getrieben von seinem Narzissmus. Von seinem Zorn. Diese Wut kam im hitzigen Wahlkampf bei seinen Anhängern an. Den Milliardär des Volkes nannten sie ihn. Was für eine Mär! Charlottesville machte die Wahrheit offenbar: Trump empfindet keine Empathie für das Volk, dem er dienen müsste.

Eine junge Frau wurde von einem Faschisten mit einem Auto überrollt, weil sie ihre Meinung sagen wollte. Statt die Tat zu verurteilen, die Menschen zu beruhigen, trat Trump für die Neonazis ein. "Da waren auch gute Leute dabei", sagte er trotzig auf seiner skandalösen Pressekonferenz im glitzernden Foyer des Trump Towers. Der Präsident hat nicht nur versagt. Er hat sich entlarvt. "Die Rassisten haben einen Freund im Weißen Haus", schrieb der Historiker Joseph Palermo in der "Huffington Post". Seth Meyers nannte ihn in seiner Late-Night-Show auf NBC "einen lügenden Rassisten".

Lisa Woolfork, Professorin in Charlottesville, sieht die Vereinigten Staaten an "einem moralischen Abgrund"

Lisa Woolfork, Professorin in Charlottesville, sieht die Vereinigten Staaten an "einem moralischen Abgrund"

Auch jene Medien, die bislang treu zu ihm standen, weichen von ihrer bedingungslosen Unterstützung zurück. Im Propagandasender Fox News, der Trumps engem Freund Rupert Murdoch gehört, brachen zwei konservative Analysten beim Interview in Tränen aus. "Trump hat das Gewissen unseres Landes verraten", sagte der schwarze Republikaner Gianno Caldwell. "Ich konnte nach seinen Äußerungen die ganze Nacht nicht schlafen." Und dann, an Trump gewandt: "Herr Präsident, gute Menschen umgeben sich nicht mit Nazis."

Bedeutet Charlottesville vielleicht den Wendepunkt? Könnte Trump jetzt womöglich von seiner Partei fallen gelassen werden? Bislang vermochte kein Skandal ihm etwas anzuhaben, nicht die dubiosen Russlandverbindungen seines Wahlkampfteams, nicht der Rauswurf seines FBI-Direktors, weil die Republikaner immer Entschuldigungen für ihren Präsidenten fanden, um an der Macht zu bleiben. Und auch diesmal sieht es danach aus. Kein führender Republikaner ist gegen Trump aufgestanden und hat gesagt, dass dieser Präsident untragbar ist. Obwohl eine große Mehrheit so empfindet. Aber wenn die Republikaner nicht gegen Trump aufbegehren, sondern seine Politik weiter tragen, wird er niemals wanken.

Ein Land mit mehr Waffen als Wählern

Mit der Reaktion nach Charlottesville hat er ein Tabu gebrochen. Er hat getan, was vor ihm noch nie ein Präsident getan hat: sich auf die Seite von Faschisten geschlagen. Wenn dieser Tabubruch ohne Folgen bleibt, wird er die Bevölkerung noch tiefer spalten. Die rechtsradikale Minderheit wird sich gestärkt fühlen wie nie. Und die Zivilgesellschaft hilflos und ohnmächtig.

Man braucht nicht viel Fantasie, um zu erkennen, wozu das in einem Land führen kann, in dem es mehr Waffen als Wähler gibt. Dann wird es noch weitere gewalttätige Proteste wie in Charlottesville geben. Manche bemühen sogar die Allegorie eines neuen Bürgerkriegs, um ihre Ängste zu verdeutlichen. So wie der Schriftsteller Omar El Akkad in seinem Bestseller "American War".

Wenn Trump auch diesmal politisch überlebt, so die Befürchtung seiner Kritiker, wird er im Bewusstsein weiterregieren, dass er nur noch von seinen treuesten Anhängern getragen wird. Er wird noch rücksichtsloser im Sinne seiner eigenen Interessen handeln. Und im Trump'schen Windschatten werden jene Kräfte erstarken, die ein Amerika der Vergangenheit, und nicht der Zukunft wollen.

Es ist deshalb kein Wunder, dass die Kontroverse um die Südstaatendenkmäler wie in Charlottesville gerade jetzt so heftig ausgetragen wird, wirkt sie doch gleichzeitig wie ein Symbol und Katalysator dieses seit Monaten schwelenden Kulturkampfs, der in diesen Tagen auf so unterschiedlichen Schauplätzen ausgetragen wird wie den Straßen von Boston, einem Weingut in Virginia, bei einer Familie im New Yorker Stadtteil Staten Island, in einer Kirche in Austin und schließlich im Weißen Haus selbst.

Das Land ist so tief gespalten wie lange nicht mehr: In Charlottesville trägt ein Neonazi offen seine Gesinnung zu Markte

Das Land ist so tief gespalten wie lange nicht mehr: In Charlottesville trägt ein Neonazi offen seine Gesinnung zu Markte

Es ist ein verbitterter Kampf, der die USA schon jetzt verändert hat.

Vergangenen Samstag hatten rechte Aktivisten in Boston zu einer Kundgebung aufgerufen. Auf der Rednerliste standen so prominente Namen wie Kyle Chapman, einst Anführer der "White Pride"-Bewegung, und Joe Biggs, langjähriger Autor für die ultrarechte Website "Infowars". Doch anders als in Charlottesville kamen diesmal kaum 50 Menschen, um ihnen zuzuhören. Stattdessen 40.000 Gegendemonstranten. Die Polizei war in höchster Alarmbereitschaft. Sie hatte Stahlzäune in zwei Reihen aufgestellt, um die Kundgebung der Rechten zu schützen. Krankenwagen standen bereit. Spezialeinheiten, Reiterstaffeln, Fahrradpolizisten waren im Einsatz. Doch diesmal blieb alles friedlich.

"Weiß jemand, dass ich in Charlottesville ein Haus besitze?", entgegnet Donald Trump

Nur einer fand zunächst wieder die falschen Worte. "Sieht so aus, als ob viele Anti-Polizei-Agitatoren in Boston waren!", schrieb Trump. Nein, es waren keine Agitatoren gegen Polizisten. Es waren Bürger in Sorge um ihre Vereinigten Staaten.

Trump begreift nicht, was in seinem Land vorgeht. Warum so viele Menschen empört sind. Kurz vor der Trauerfeier für die in Charlottesville ermordete Frau twitterte er: "Heute Gottesdienst für die schöne Heather Heyer." Das ist Trump. "Die schöne Heather ..." Als ob von Bedeutung wäre, dass oder wie hübsch Heyer war. Noch deutlicher aber wurde, dass Trumps Gedankenwelt völlig egozentrisch ist, als eine Reporterin fragte, ob er Charlottesville besuchen werde. Da erhellte sich seine Miene plötzlich, und ein Lächeln spielte um seine Lippen. "Weiß jemand, dass ich in Charlottesville ein Haus besitze?", entgegnete er. "Oh Mann! Ein Weingut. Eines der größten in Amerika."

Bürgerrechtler demonstrieren in Louisville gegen ein Denkmal des Südstaatenoffiziers John B. Castleman

Bürgerrechtler demonstrieren in Louisville gegen ein Denkmal des Südstaatenoffiziers John B. Castleman

Das Weingut liegt eine halbe Autostunde entfernt von dem Haus des Dekans, in dem die Professorin Lisa Woolfork und ihre Kollegen sich versammelt haben. In einem Pavillon des Guts trifft sich am gleichen Morgen ein Teil des anderen Amerika, das weiße, ländliche, das vom Präsidenten keinen moralischen Halt, sondern die Pose des Mächtigen erwartet.

Am Tisch sitzt eine Reisegruppe von Rentnern aus West-Virginia, vor sich eine Flasche Roséwein, "Trump Monticello" für 18 Dollar, sie sagen, sie seien hier, um dem Präsidenten zuzuprosten in seinem Kampf gegen die "politische Korrektheit", die ihnen die verhassten Liberalen und Medien vermeintlich aufzwängen. Ein wenig enttäuscht sind sie, als sie von der Kellnerin hören, dass das Weingut nie von Donald Trump geführt wurde und seinem Sohn Eric gehöre. Donald Trump sei nur zweimal hier zu Besuch gewesen, zuletzt vor zwei Jahren ungefähr.

Streng genommen hat der Präsident also gelogen, als er von "seinem" Weingut sprach. Entlarvender aber ist, dass ihm in diesen so wichtigen Stunden für sein Land wieder nur sein Geschäft in den Sinn kam.

Steve Bannon galt als Schöpfer der rechtsnationalen Agenda Trumps

Vergangene Woche wurde Trumps Über-Ego auch jenem Mann zum Verhängnis, von dem man sagte, er sei der Mastermind seiner Regierung: Steve Bannon. Als der ehemalige Chef der rechten Hetzseite Breitbart am Freitag seinen Posten im West Wing aufgab, geschah dies nicht wegen ideologischer Differenzen nach Charlottesville. Sondern weil Steve Bannon zu oft Donald Trumps Eitelkeit durch eigene Medienpräsenz gekränkt hatte. Der Präsident ärgerte sich zum Beispiel maßlos, als die "New York Times" einen Artikel überschrieb: "Präsident Bannon?". Dann erschien vor Kurzem ein Buch mit dem Titel "Pakt mit dem Teufel", das Bannon als den Strippenzieher hinter Trump darstellte. Der Präsident schäumte. Als Bannon schließlich vergangene Woche in einem Interview mit einem linksliberalen Magazin mal wieder über Trumps Kabinett herzog, war klar, dass seine Zeit im Weißen Haus vorbei ist.

Stephen Bannon verlässt das Weiße Haus


Bannon galt als Schöpfer der rechtsnationalen Agenda Donald Trumps und ihrer Sprache. Als einer, der Trumps Reden mit hasserfüllten Metaphern durchsetzte und sich dabei schamlos aus dem Haushalt antisemitischer Propaganda bediente, wenn es gegen "internationale Banker" und "globale Finanzmächte" ging. Noch am Wochenende der Gewalt in Charlottesville hatte Bannon mehrmals Donald Trump angerufen, und es wurde spekuliert, dass er den Präsidenten gegen den Druck fast aller Menschen aus seinem Umfeld dazu brachte, die Gewalt der Neonazis nicht ausdrücklich zu verurteilen.

Doch es war Trump, der seinen Chefberater am Telefon fragte: "Wo soll das nur enden?" Er meinte damit nicht die Gewalt der Neonazis, er sprach von den Gegendemonstranten.

Bannon hat angekündigt, dass er mit seiner "Kriegsmaschine" Breitbart weiter für Trump kämpfen werde. Und Trump ist bekannt dafür, dass er diejenigen, die er nach einer Auseinandersetzung stark genug gedemütigt hat, durchaus wieder wohlwollend behandelt.

Stephen Miller: Trumps mächtigster Berater

Der rechte Spuk, er wird auch nach Bannons Weggang in Trumps Gruselkabinett wabern. Dort finden sich noch immer Männer, die wie der Präsident nationale Größe mit nationaler Großsprecherei verwechseln. Viele sind seit Langem Weggefährten. Ihre Kompetenzen sind oftmals zweifelhaft, ihre Aufgaben unklar. Nur eines ist gewiss: Trump fühlt sich wohl in ihrer Gesellschaft.

Der stellvertretende Sicherheitsberater Sebastian Gorka gehörte zumindest vorübergehend dazu, ein korpulenter bärtiger Typ ungarischer Abstammung. Eine Zeit lang arbeitete Gorka für Ungarns heutigen Premier Viktor Orbán und gehört angeblich zu einer Nachfolgeorganisation des ungarischen Ritterordens Vitézi Rend, der während des Holocaust die Vernichtung der Juden unterstützte. In die USA siedelte Gorka erst 2008 über. Dort verfasste er Texte für die "Alt-Right"-Webseite Breitbart News. Steve Bannon holte Gorka ins Weiße Haus, der daraufhin regelmäßig auf CNN und Fox News Trumps Politik verteidigte und forderte, dass Polizei, Geheimdienst und Militär eng verzahnt werden sollen. "Wie die Gestapo", sagen seine Kritiker. Ende letzter Woche verlor Gorka allerdings seinen Posten schon wieder und musste das Weiße Haus verlassen.

Als mächtigster Trump-Berater im West Wing gilt der 32-jährige Stephen Miller. "Loyal wie ein Hund", beschreibt ihn ein Freund des Präsidenten. Vor allem genießt Miller das Vertrauen von Trump-Tochter Ivanka und Schwiegersohn Jared Kushner. Es war Miller, der Trumps zornige Rede zu seinem Amtsantritt vor dem Capitol schrieb. Und am Abend bevor der Präsident seinen FBI-Chef James Comey feuerte, saßen Trump, Ivanka, Jared Kushner und Miller gemeinsam beim Essen. Nur diese vier wussten von dem umstrittenen Rausschmiss.

Ultrarechts seit Teenager-Tagen

Miller ist blass, hager und lächelt selten. Schon zu Schulzeiten verfasste er Pamphlete gegen Homosexuelle und Immigranten und beklagte, dass die US-Armee im Unterricht zu wenig gewürdigt werde. "Er hat mit 17 geredet wie ein 70-Jähriger um 1930", erinnert sich ein ehemaliger Tutor. An der Duke-Universität organisierte er Projekte gegen die "radikale Linke und ihre islamistischen Verbündeten". Mit dabei: sein Kommilitone Richard Spencer. Spencer ist heute der führende Aktivist der "Alt-Right"-Bewegung. Er hatte zum Neonazi-Aufmarsch in Charlottesville aufgerufen. Unklar ist, ob die beiden heute noch Kontakt haben. Spencer will nicht über Miller reden, "um ihm keinen Ärger einzuhandeln". Es ist grotesk, dass Miller einer jüdischen Familie entstammt. Die meisten Verwandten distanzieren sich von ihm, einige verglichen Miller gegenüber Journalisten mit Joseph Goebbels.

Spätestens seit Charlottesville aber ist klar, dass Trump selbst keine rechten Einflüsterer benötigt; ihr Gedankengut ist längst das seine, auch ohne sie hätte der Präsident nach Charlottesville auf gleiche Weise reagiert. Er ist überzeugt: Hier lief die "politische Korrektheit" Amok gegen eine Gruppe von Demonstranten, in der er viele seiner Anhänger ausmachte.

Stabschef John Kelly kann bei den Tiraden des Präsidenten nur hilflos zuschauen

Stabschef John Kelly kann bei den Tiraden des Präsidenten nur hilflos zuschauen

Einer dieser Anhänger ist Sam Pirozzolo aus Staten Island in New York; der 54-Jährige führt ein kleines Brillengeschäft. Pirozzolo ist kein Neonazi und auch kein Rechtsextremist, er gehört jedoch zu jenen 26 Prozent der Amerikaner, die immer noch stolz sind auf Donald Trump. Es ist 20 Uhr am Donnerstag, Pirozzolo hat gerade mit seiner Frau zu Abend gegessen. Hinter ihm auf einer Kommode stehen Fotos von seinen Kindern. Außerdem eine Puppe von Hillary Clinton im gestreiften Sträflingsanzug und eine von Trump als Präsident. Der hat Pirozzolo sogar schon einmal angerufen, vor gut einem Jahr, nachdem Unbekannte ein drei Meter hohes hölzernes Trump-T im Garten vor seinem Haus abgefackelt hatten. Der Optiker hatte die Polizei alarmiert, die informierte die Presse. So wurde er für ein paar Tage der berühmteste Trump-Anhänger im Land. "Trump war damals so nett am Telefon", erzählt Pirozzolo. "Er wollte vor allem wissen, ob niemand verletzt wurde."

Streit zieht sich durch Familien

Für Pirozzolo haben die Medien Trumps Reaktion auf Charlottesville absichtlich verdreht. "In Wahrheit hat Donald Trump den Ku-Klux-Klan und die Neonazis konkret genannt und angegriffen. Das hat sich vor ihm noch kein Präsident getraut. Aber er hat auch gesagt, dass unter den Antifaschisten Gewalttäter waren. Wenn es so war, wo ist das Problem?" So argumentiert auch Trump. Dass das falsch und unsensibel ist, darüber lässt Pirozzolo gar nicht mit sich diskutieren.

Den ganzen Tag schaut Pirozzolo Nachrichten auf CNN, NBC und Fox, er liest viel. Aber er glaubt den traditionellen Medien kein Wort. "Trump könnte übers Wasser laufen, und sie würden sagen: 'Er kann ja nicht mal schwimmen.'" Als Trump vergangene Woche seine Pressekonferenz im Trump Tower in New York gab, durfte Pirozzolo einen Van im Präsidentenkonvoi durch die Stadt steuern. Mit an Bord war White-House-Pressechefin Hope Hicks. Ihr Fahrer war kurzfristig ausgefallen, da hatte ein Freund den Job an Pirozzolo vermittelt. Als er danach stolz Fotos von sich vor Trumps Staatskarosse auf Facebook postete, rief ihn seine Schwester an: "Was, du hast den Präsidenten gefahren? Warum hast du ihn nicht ganz weit weggebracht? Wir brauchen diesen Rassisten nicht!"

Da hat Pirozzolo erwidert, was er seiner Schwester immer sagt: dass er Trump jederzeit wieder wählen würde. "Weil er der Einzige ist, der dafür sorgen wird, dass es meinen Kindern eines Tages nicht schlechter gehen wird als mir."

Sam Pirozzolo würde Trump wieder wählen. Das "T" in seinem Vorgarten erneuerte er, nachdem Unbekannte es abgefackelt hatten

Sam Pirozzolo würde Trump wieder wählen. Das "T" in seinem Vorgarten erneuerte er, nachdem Unbekannte es abgefackelt hatten

Tatsache ist jedoch: Von Trumps im Wahlkampf großmäulig angekündigten Radikalmaßnahmen zum Umbau der USA sind bislang die meisten gescheitert. Er schaffte es nicht, die Krankenversicherungspflicht "Obama Care" rückgängig zu machen, seine eigene Partei versagte ihm die Zustimmung. Von der Mauer an der Grenze zu Mexiko wird kaum noch geredet, sie könnte ohnehin niemand bezahlen. Der Einreisebann gegen Muslime wurde von Gerichten abgelehnt und schließlich so entschärft, dass die Situation kaum anders ist als früher.

Der effektivste unter Trumps Scharfmachern ist Justizminister Jeff Sessions

Und doch durchläuft das Land unter Trump eine schleichende Transformation. Dafür sorgen die erfahrenen erzkonservativen Republikaner in seiner Regierung, Männer, deren Ansichten so gestrig sind, dass sie sich von denen der Rechtsradikalen nur in Nuancen unterscheiden. Im Gegensatz zu Trumps Lautsprechern aber, zu den Bannons, den Millers, den Gorkas, sind sie seit Jahren im Washingtoner Geschäft. Sie wissen, wie man Ziele durchsetzt.

Zum Beispiel Vizepräsident Mike Pence, ein radikaler Abtreibungsgegner und Schwulenfeind. Er kämpft für ein Gesetz zur Religionsfreiheit, das es Geschäftsleuten erlauben soll, Dienstleistungen für Homosexuelle aus Glaubensgründen abzulehnen. Oder Umweltminister Scott Pruitt, der hält den Klimawandel für völlig übertrieben. Seit er das Umweltministerium leitet, ließ er ganze Abteilungen abwickeln, sodass die Behörde kaum noch handlungsfähig ist.

Justizminister Jeff Sessions sieht aus wie ein netter Onkel, ist aber der wohl effektivste Scharfmacher in Trumps Kabinett

Justizminister Jeff Sessions sieht aus wie ein netter Onkel, ist aber der wohl effektivste Scharfmacher in Trumps Kabinett


Der effektivste unter Trumps Scharfmachern aber ist Justizminister Jeff Sessions, ein 70-Jähriger, der mit seinem fast kindlichen Gesicht wie ein lieber Onkel aussieht. Kaum im Amt, ordnete er für alle Staatsanwälte an, grundsätzlich die Höchststrafe zu fordern, auch bei kleinen Delikten. Er gab außerdem Anweisung, in seinem Ministerium Beschwerden über Übergriffe von Polizisten nur in Ausnahmefällen nachzugehen. Solche Verfahren würden der "Moral der Beamten" schaden und den "Ruf der Polizei ruinieren". Für David Cole von der Amerikanischen Bürgerrechtsunion ACLU ist Sessions "gefährlicher als Trump": "Er will nicht nur zurück zur Vor-Obama-Ära, er will zurück in die Zeit vor der Bürgerrechtsbewegung."

Zu Sessions ehrgeizigsten Vorhaben gehört der Kampf gegen illegale Immigranten. Er ist Trumps wichtigster Erfüllungsgehilfe, um sein Versprechen wahr zu machen und elf Millionen Menschen abzuschieben. Seit der Präsident im Amt ist, werden Familien auseinandergerissen, Mütter und Väter eingesperrt und abgeschoben, während ihre amerikanischen Söhne und Töchter allein in den USA zurückbleiben.

"Heute beuten wir die Immigranten aus und schieben sie nach Belieben ab."

"Charlottesville hat die Angst unter den Einwanderern noch größer gemacht", sagt Jim Rigby von der St.-Andrew's-Gemeinde in Austin, Texas. Der Pastor hat in den Eingang seines Gotteshauses ein Schild gehängt, auf dem steht "Zufluchts-Kirche" . Es ist nicht nur ein Slogan. Rigby gibt einer jungen Mutter aus Guatemala und ihrem zehnjährigen Sohn Unterschlupf. Sie gehören zu den rund 100.000 Menschen, die ohne Papiere in Austin leben.

Rigby steht vor seinem Altar. Man sollte erwarten, dass er hier mit gedämpfter Stimme spricht. Doch nicht bei diesem Thema. Die USA hätten aus ihrer Geschichte nichts gelernt, barmt er. Der Holocaust an den Indianern, die Versklavung der Schwarzen, das seien für viele nur noch Geschichten aus Hollywood. "Heute beuten wir die Immigranten aus und schieben sie nach Belieben ab." Er versichert, dass er sich jedem Beamten der Abschiebepolizei ICE in den Weg stellen wird, der versucht, die junge Mutter zu holen. Aber er befürchtet, dass der Tag bald kommen wird – jetzt, wo sich Trump so deutlich als Rassist geoutet hat. "Er kommt mir vor wie ein angeschossenes Tier, das in die Ecke gedrängt wurde und wild um sich beißt", sagt Rigby. Je mehr Trump kritisiert werde, desto mehr werde er die Nähe der Extremisten suchen.

Eine Nähe, über die allzu lange hinweggesehen wurde. Dabei war sie immer einer der Stützpfeiler seiner politischer Karriere. Schon als Trump seine Kandidatur bekannt gab und die Mauer zu Mexiko versprach, träumten rechtsradikale Kreise von einer Wiederauferstehung des "Weißen Amerika", und einer wie Richard Spencer triumphierte: "Trump liebt Weiße." Es war der Beginn eines Schulterschlusses politischer Außenseiter. Auf der einen Seite die extreme Rechte, die nach Einfluss gierte, den sie sich bei den Republikanern nicht mehr zu erhoffen wagte. Auf der anderen der Newcomer, der sich von der Republikanischen Partei nie genug gewürdigt fühlte, der auf Bewunderung aus war.

Eine weitere Basis war ihre Leidenschaft für soziale Medien. Hier entwickelten sie eine ungeahnte gemeinsame Schlagkraft. Trump fütterte den Hass und die Angst der Rechten mit seinen Tweets. Teilte einmal die Grafik eines rechtsradikalen Twitter-Feeds, dessen Logo ein verfremdetes Hakenkreuz darstellt. Sie vermittelte die demagogische Falschmeldung, 81 Prozent aller Morde an Weißen würden von Schwarzen verübt. Der Aufschrei aus der Republikanischen Partei, er blieb aus. Sie war so machtversessen und verzweifelt, dass sie sich zum gefügigen Wirt eines politischen Parasiten machte. Das bestärkte Donald Trump in seiner Twitter-Show des permanenten Tabubruchs.

1094 Übergriffe in 34 Tagen auf Minderheiten zählte das Southern Poverty Law Center

Die Rechtsradikalen dankten Trump seine Vorstöße mit Wahlkampfhilfe, organisierten automatisierte Telefonanrufe bei potenziellen Wählern.

Der Volkstribun Trump, er war schon immer ein äußerst rechter Volkstribun. Und diejenigen, die glaubten, das Amt des Präsidenten würde seinen hasserfüllten Populismus einhegen, die irrten sich. Stattdessen fühlen sich diejenigen, die zu seinem Aufstieg beigetragen haben, nach seiner Wahl ermächtigt, ihren Hass auf die Straße zu tragen. 1094 Übergriffe auf Minderheiten zählte das Southern Poverty Law Center, eine gemeinnützige antirassistische Organisation, in 34 Tagen.

Nach Charlottesville war zunächst die Befürchtung vieler Rechtsradikaler groß, Trump würde das Band zu ihnen durchtrennen. Umso größer die Freude, als das Gegenteil geschah. Die Neonazi-Seite "The Daily Stormer" schrieb: "Er hat gesagt, er würde uns alle lieben. Er hat sich geweigert, die Frage zu beantworten, ob Rassisten ihn unterstützen würden. Als er danach gefragt wurde, verließ er den Raum. Richtig gut. Gott schütze ihn."