VG-Wort Pixel

stern-Reportage Giftpfeile gegen eine Großmacht – ein indigenes Volk in Südamerika legt sich mit China an

Zwischen den Anden und dem Amazonas im Süden Ecuadors herrscht ein kleiner Krieg. 


Es ist das Gebiet der Shuar Arutam, einem der 14 Urvölker des Landes.


Der Weg dahin scheint undurchdringlich: Eine zehnstündige Autofahrt von der Hauptstadt Quito, weiter mit dem Geländewagen, bis die Straße an einem Abgrund endet.


Auf einem wackeligen Lastenzug geht es 300 Meter über eine breite Schlucht und schließlich per Pferd und zu Fuß durch dichten Dschungel.


Hier befindet sich das Hauptquartier des Widerstands – das Territorium der Shuar.


Das indigene Volk legt sich nicht nur mit der lokalen Regierung an, sondern auch mit einer Weltmacht: China.


"Wir verteidigen unser Recht. Und weil wir das tun, gibt es diesen Konflikt. Wir führen den Konflikt, um unsere Gewässer, Wälder, Natur und zukünftige Generationen zu verteidigen. Alles wegen dieser ausländischen Unternehmen, die aus einem fremden Land kommen. Wir sind nicht diejenigen, die vom Bergbau profitieren werden. Diejenigen, die einen Vorteil dadurch haben, sind aus dem Ausland – die Chinesen. Deshalb haben wir gesagt, wir wollen den Bergbau nicht. Stoppt den Bergbau!"


Ecuador ist in vielerlei Hinsicht ein Testfall für die Chinesen. Der lateinamerikanische Staat ist abhängig von der Wirtschaftsmacht. China vergibt Milliardenkredite für den Bau von Staudämmen und Straßen und fordert dafür 80 Prozent der Ölproduktion Ecuadors.


In dieser Region hat das chinesische Unternehmen ExplorCobres 41.000 Hektar erworben und will im Bergbau jährlich 1,2 Milliarden Dollar Profit erwirtschaften. 50 Prozent der Fläche liegen auf dem Gebiet der Shuar. Das Problem ist: Den Shuar gehört das Land, aber nicht die Erde darunter.


"Das Unternehmen hat mit der staatlichen Armee die Menschen aus dem Ort Nankints vertrieben. Sie kamen erst mit Maschinen an, räumten das Dorf, vertrieben die Menschen. Die Häuser wurden mit den Maschinen niedergerissen und die haben den Ort als "die Hoffnung" umbenannt. Um unser Recht zu verteidigen, haben wir gekämpft. Es ist einfach so, weil es unsere Mutter Erde ist. Es ist nicht verhandelbar. Unsere Mutter Erde gibt uns alles, was wir haben, wovon wir leben. Deswegen haben wir einen Angriff gegen die ecuadorianische Armee gestartet, die chinesische Interessen vertritt. Das Land, das unsere Bodenschätze klauen will."


Wenn es eine Erfolgsformel für den Schutz des Regenwaldes gibt, scheint es diese zu sein: Wehrhafte Indigene beschützen gemeinsam mit internationalen Partnern die Rechte von Mensch und Natur.


Nicht bei den Shuar. Sie sind Krieger. Mit Speeren und Macheten wollen sie die chinesischen Invasoren vertreiben. Sie warten nur auf den Traum. Der genaue Tag und die Strategie werden von Geistern in einem Traum verkündet, sagt Häuptling Domingo.


"In meinem Traum habe ich gesehen, dass dieser Bergbau, "La Esperanza", wie sie ihn genannt haben, uns gehören wird. In meinem Traum ist er unserer. Wir werden gewinnen und wir müssen gewinnen, weil es unser Land ist."


200 Shuar gegen China. Die Chancen stehen schlecht.


Doch im Amazonas geht es auch um die Zukunft der Menschheit.


Allein im vergangenen Jahr haben die Tropenwälder etwa 380 Millionen Tonnen Kohlendioxid aufgenommen. Gleichzeitig schrumpfte ihre Fläche durch Raubbau so stark wie seit zehn Jahren nicht mehr – um die Größe von einer Million Fußballfeldern.


Es ist nicht übertrieben zu sagen: Ohne den Regenwald des Amazonas ist die Erde am Ende.


Der Kampf der Shuar ist auch einer für den Rest der Welt.
Mehr
Das Volk der Shuar Arutam wehrt sich im Amazonas-Regenwald Ecuadors gegen die Ausbeutung von Bodenschätzen durch chinesische Konzerne. stern-Auslandskorrespondent Jan Christoph Wiechmann besucht das Urvolk tief im Dschungel – der Mittelpunkt eines wichtigen Kampfes.

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker