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Drama an der türkisch-griechischen Grenze Deutschland könnte Zehntausende Flüchtlinge aufnehmen, lässt es aber lieber sein – ein Skandal

Flüchtlinge Ein kleines Mädchen steht in Edirne vor einem Zelt in einem Lager
Ein kleines Mädchen steht in Edirne vor einem Zelt in einem Flüchtlingslager, das in der Nähe des türkisch-griechischen Grenzübergangs Pazarkule errichtet wurde
© Ismail Coskun/IHA/AP
Deutschland hätte ausreichend Kapazitäten, um Zehntausende Flüchtlinge aufzunehmen und sie aus der aussichtslosen Lage in der Türkei zu befreien – doch es passiert nichts. Warum?

Im türkisch-griechischen Grenzgebiet befinden sich zurzeit aktuellen Schätzungen zufolge immer noch zwischen 10.000 und 20.000 Flüchtlinge. Etwa 41.000 weitere harren zudem in Lagern auf den griechischen Inseln aus, wie das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) berichtet. 

Die Situation ist von großer Dramatik, denn das Schicksal dieser Menschen ist ungewiss. Sie wollen in die Europäische Union, doch dieser Weg soll ihnen verschlossen bleiben, das machen Politiker aus Deutschland und dem Rest Europas seit Tagen deutlich.

2020 sei nicht 2015, lässt Angela Merkel verlauten. "Die Grenzen sind nicht offen und werden nicht geöffnet", bestätigt EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. Lediglich 1600 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge aus Griechenland sollen von der Union aufgenommen werden, unter anderem auch von Deutschland.

Zahl der Flüchtlinge im Vergleich zu 2015 sehr gering

Die Haltung des Staatenbundes und der Bundesrepublik in dieser Lage ist äußerst fragwürdig. Denn wie die "Süddeutsche Zeitung" berichtet, könnte Deutschland deutlich mehr unternehmen, um kurzfristig humanitäre Hilfe zu leisten.

"Natürlich könnte Deutschland theoretisch ohne Probleme eine Vielzahl der Flüchtlinge vor Griechenland aufnehmen", sagt ein anonym bleibender Ministeriumssprecher der "SZ". Im Vergleich zu 2015 sei die Zahl der Flüchtlinge sehr gering.

Dem Bericht zufolge könnte Deutschland sofort mehr als 25.000 Menschen in Erstaufnahmezentren aufnehmen und unterbringen. Darüber hinaus könnten die Bundesländer über 40.000 weitere Plätze bereitstellen. Dies habe eine Umfrage der Zeitung in den Ministerien ergeben.

Theoretisch sind das Zahlen, die Hoffnung machen. In der Praxis sieht die Sache aber anders aus. Denn es spielt offenbar keine Rolle, dass das Land auf einen möglichen Zuzug von Flüchtlingen gut vorbereitet wäre, dass die materielle Aufnahmekapazität vorhanden wäre und dass die Wirtschaft es verkraften würde.

Nein, den Ausschlag für die deutsche Bundespolitik gebe die hohe Symbolkraft, die eine Grenzöffnung für Flüchtlinge mit sich bringen würde, sagt Jochen Oltmer, Historiker und Migrationsforscher an der Universität Osnabrück: "Die Politik hat gegenwärtig den Eindruck, sie würde die Bevölkerung mit einem erneuten Flüchtlingszuzug emotional überfordern."

Flüchtlingskrise: Was bleibt, ist ein böser Verdacht

Außerdem, so Oltmer, würde eine solche Maßnahme die AfD stärken. Und: Eine Aufnahme von Flüchtlingen aus humanitären Gründen würde in der aktuellen Diskussion um die weitere Verteilung von Flüchtlingen in der EU nicht helfen.

Angesichts der Situation in Griechenland und der Türkei klingen die Worte des Forschers wie Hohn. Zwar möchte man sofort glauben, dass ein Volk, das aus Angst vor einem Virus erstmal Toilettenpapier hamstert, offenbar ein grundsätzliches Problem mit emotionaler Überforderung haben könnte.

Dass im Angesicht einer beispiellosen humanitären Katastrophe auf unserem Kontinent ein Land mit vorhandenen Strukturen und massenhaft Möglichkeiten zur Verbesserung der Lage schlicht untätig bleibt, weil es seinen besorgten Bürgern bloß nicht zu viel zumuten will, ist nicht weniger als ein Skandal.

Was ob dieser Erkenntnis bleibt, ist Fassungslosigkeit und ein böser Verdacht: Das neuartige Coronavirus wäre eigentlich gar nicht nötig gewesen – die Menschen zerfleischen sich anno 2020 längst gegenseitig.

Quellen: "Süddeutsche Zeitung"


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