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G7-Gipfel in Biarritz: Trump auf die sanfte Tour: Wie lange hält die Gipfelharmonie?

In Biarritz gibt sich US-Präsident Trump ungewohnt zahm. Er spaltet nicht, sogar eine Deeskalation im Konflikt mit dem Iran scheint plötzlich möglich. Der Gipfel hat noch einen Hauptakteur - es ist nicht Angela Merkel.

Noch vor kurzem schien die Gefahr eines Krieges zwischen den USA und dem Iran real. Beide Seiten überzogen sich mit Drohungen, die Welt hielt den Atem an. Beim G7-Gipfel im südfranzösischen Badeort Biarritz ist es Gastgeber Emmanuel Macron nun mit einem gewagten Coup gelungen, womöglich die Grundlage für eine Deeskalation des Konfliktes zu legen. Die G7 waren schon fast totgesagt, nicht zuletzt wegen US-Präsident Donald Trump, der die Gruppe der wichtigen Industrieländer spaltete. Nun feiern Macron und Trump den Gipfel in großer Eintracht als Erfolg. 

Gemeinsam treten die beiden Präsidenten am Montag zum Abschluss des dreitägigen Treffens an der Atlantikküste vor die Presse, eine Stunde haben sie sich verspätet. Das Weiße Haus teilt zuvor mit, Trump sei immer noch in G7-Meetings. "Niemand wollte gehen", scherzt Trump, als er vor den Flaggen der USA, Frankreichs und der EU schließlich mit Macron auf die Bühne tritt. Nicht nur habe man viel gemeinsam geschafft, man habe sich außerdem sehr gut verstanden. 

Donald Trump in Macrons Schachzug eingeweiht?

Beim G7-Gipfel in Kanada im vergangenen Jahr reiste Trump fünf Stunden vor Ende ab. Kurz danach ließ er den Gipfel via Twitter noch im Nachhinein platzen, als er seine Unterschrift unter der Abschlusserklärung zurückzieht. Am Montag ist der Abflug der "Air Force One" für 17 Uhr geplant. Trump steht da immer noch gut gelaunt vor den Journalisten und beantwortet Fragen. 

Macron sorgte am Sonntag für eine echte Überraschung mit der Einladung des iranischen Außenministers Mohammed Dschawad Sarif nach Biarritz - in den USA steht Sarif auf der Sanktionsliste. Nur wenige Stunden ist Sarif in demselben Ort wie Trump. Es ist genug Zeit, um mit Macron zusammenzukommen. Die Frage, nachdem Sarif landet: Wie reagiert Trump? Zieht eines seiner Twitter-Gewitter auf? Überwirft er sich mit Macron? Reist er am Ende gar vorzeitig vom Gipfel ab?

Nichts dergleichen. Am Montag stellt sich heraus, dass Trump eingeweiht gewesen sein soll. Bei der Pressekonferenz sagt Macron dann, die Diskussionen beim G7-Gipfel hätten die Voraussetzungen für ein mögliches Treffen Trumps mit dem iranischen Präsidenten Hassan Ruhani geschaffen. Und auch Trump sagt: "Ich denke, es gibt eine sehr gute Chance, dass wir uns treffen." Er habe ein gutes Gefühl. Es wäre das erste bilaterale Treffen von Spitzenvertretern der USA und des Irans seit mehr als 40 Jahren.

Trump: "Sehr einende zweieinhalb Tage"

Dass dieser Gipfel nicht in Chaos ausartete, liegt vor allem an einem: Trump. Zwar dominiert er das Treffen wie immer, wenn er auf solchen Treffen auftaucht. Er schlüpft diesmal aber nicht in die Rolle des Krawallmachers. Im Gegenteil: "Das waren sehr besondere, sehr einende zweieinhalb Tage", sagt er, als er neben Macron auf der Bühne steht. Mit Blick auf den zufriedenen Gastgeber fügt Trump hinzu: "Er hat einen unglaublichen Job für die G7 gemacht." 

Dabei sind die konkreten Gipfelergebnisse überschaubar. So beschließen die Staats- und Regierungschefs beispielsweise, etwas gegen die Brände im Amazonasgebiet zu unternehmen. Bezeichnend ist, dass Trump die G7-Sitzung zum Klimawandel schwänzt - er bezweifelt hartnäckig, dass dieser Wandel vom Menschen verursacht wird. Und auch beim Iran gilt: Deeskalation ist natürlich besser als Krieg, aber gelöst ist der Konflikt deswegen noch lange nicht. Auch in vielen anderen Fragen liegen die G7-Staaten nicht auf einer Linie.

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DPA

Nach Kanada lag die Latte enorm niedrig 

Doch nach dem geplatzten Gipfel in Kanada lag die Latte so niedrig, dass das Treffen in Biarritz schon deswegen als Erfolg gelten kann, weil es keine öffentlichen Auseinandersetzungen gab. Trump gibt sich in Biarritz ungewohnt zahm, mit niemandem bricht er Streit vom Zaun. Beim Treffen mit Angela Merkel nennt er die Kanzlerin "eine brillante Frau". Ein paar Mal wird beim Treffen der ungleichen Staatenlenker sogar gescherzt, Merkel und Trump lächeln sich kurz an. 

Doch wirklich herzlich wirken die Freundlichkeiten nicht, die Merkel und Trump austauschen - auch wenn der Präsident Merkel schon am Vorabend beim Familienfoto zur Begrüßung Küsschen rechts, Küsschen links aufgedrückt hat. Zu tief sitzt der Zwist, der sich über Jahre aufgebaut hat. Kaum zu erwarten, dass sich das in den letzten, höchstens zwei Amtsjahren der Kanzlerin noch ändert.

US-Präsident will "sehr bald" Deutschland besuchen

Als der US-Präsident dann gefragt wird, wann er endlich der Einladung Merkels zu einem offiziellen Deutschlandbesuch folgen werde, antwortet Trump mit einem "sehr bald". Und als wolle er besonders nett zu dem Gast aus Deutschland sein, fügt er hinzu: "Ich habe Deutsches in meinem Blut" - seine Vorfahren kommen aus Kallstadt in Rheinland-Pfalz. Doch auch beim Thema Deutschland-Visite dürfte Merkel skeptisch bleiben - schon zu oft hatte Trump ihr versprochen, bald nach Deutschland zu reisen. Ob die Kanzlerin ihn in ihrer restlichen Amtszeit wirklich noch empfangen kann? 

Dass die freundlichen Gesten tatsächlich einen Klimawechsel zwischen Merkel und Trump einläuten, ist unwahrscheinlich. Hinter den Kulissen dürfte es weiterhin recht frostig zugegangen sein, auch wenn Merkel immer beteuert, sie könne ganz offen mit dem Präsidenten diskutieren.  Auch an diesem Montag will sie Trump ganz offensichtlich nicht zuviel der Ehre zuteil werden lassen. Als Merkel gefragt wird, ob Trump und Macron nach dem eher versöhnlichen Gipfel nun das neue Traumpaar von G7 seien, antwortet sie kurz: "Das Traumteam von G7 ist G7."

Dabei wirkten die G7 lange nicht mehr wie ein "Dreamteam". Was war nicht alles gemutmaßt worden vor dem Gipfel. Nicht zuletzt wurde befürchtet, Trump könnte gemeinsam mit dem Brexit-Hardliner Boris Johnson die zuletzt schwer bröckelnde Wertegemeinschaft gänzlich in einen Fünf-zu-Zwei-Verein sprengen.

Trump selbst zahm in der Russland-Frage

Doch Trump hat in Biarritz nicht nur freundliche Worte für Merkel übrig. Voll des Lobes ist er auch für die Gipfel-Organisatoren: "Fantastisch." Das Frühstück mit dem neuen britischen Premierminister Boris Johnson: "Großartig". "Great" auch das Treffen mit dem ägyptischen Präsident und G7-Gast Abdel Fattah al-Sisi. Das Verhältnis mit dem Japaner Shinzo Abe: "Besser denn je". Der indische Ministerpräsident Narendra Modi? "Mein Freund". Für Macron gibt es am Ende der gemeinsamen Pressekonferenz eine feste Umarmung. 

Trump bringt beim Gipfel nicht einmal aus der Fassung, dass er sich beim G7-Gipfel nicht damit durchsetzen kann, Russland wieder in den Kreis der wichtigen Industriestaaten aufzunehmen. "Vielleicht lassen wir es so, wie es ist." Trump will allerdings nicht ausschließen, dass er Kremlchef Wladimir Putin zum G7-Gipfel 2020 einlädt - dann ist der US-Präsident der Gastgeber.

Nächster G7-Gipfel in Trump-Hotel in Miami?

Trump sagt in Biarritz, wahrscheinlich werde das Treffen in Miami stattfinden. Wie praktisch, dass der Präsident dort das Trump National Doral Hotel besitzt. "Es ist ein wundervoller Ort", sagt er. "Nur fünf Minuten vom Flughafen entfernt." Kritiker werfen Trump vor, nicht zwischen seinem Amt und geschäftlichen Interessen zu trennen. Bei aller öffentlichen Harmonie beim G7-Gipfel - zu Hause dürfte Trump nun eine neue Debatte losgetreten haben.

dho / Jörg Blank, Can Merey, Ansgar Haase und Michael Fischer / DPA