HOME

Hillary Clinton: Yes, She Can

Wer könnte Hillary Clinton noch die Kandidatur, mehr noch: die Präsidentschaft 2016 streitig machen? Allenfalls Obama. Zum zweiten Mal.

Von Johannes Dudziak

Ja, sagte Hillary Clinton schon im September 2013, "I do". Das war ihre Antwort auf die Frage eines CNN-Journalisten, ob sie über eine Kandidatur für das Amt des Präsidenten nachdenke. Danach relativierte sie ihre Aussage ein wenig: Natürlich sei eine derart schwerwiegende Entscheidung gründlich abzuwägen. Natürlich.

Faktisch hält die politische und journalistische Elite Amerikas, die "Mover" und "Shaker" des Landes, Hillarys Kandidatur für gesetzt. Vergangene Woche signalisierten auch die Geldsammler, dass sie bereits auf standby geschaltet haben. Die bedeutendste Super-PAC der Demokraten - das sind Organisationen, die im US-Wahlkampf unbegrenzt Spenden eintreiben dürfen - erklärte, sie würde die Kampagne "Hillary-Clinton-For-President" unterstützen, sobald die Umworbene ihr Go gibt. Auch die politische Konkurrenz ahnt, was auf sie zukommt. Auf dem Wintertreffen der Republikaner nannte ein Parteistratege Hillary "she who must not be named", "die, die nicht genannt werden darf".

Das klingt wie ein Zauberspruch, der das Gespenst eines übermächtigen Gegners bannen soll. Tatsächlich führt Clinton in jüngsten Umfragen kilometerweit weit vor ihren parteiinternen Konkurrenten, Vizepräsident Joe Biden oder Senatorin Elizabeth Warren. Und deutlich vor den wenigen Hoffnungsträgern der Republikaner. Bloß: Das war auch schon mal so. Hillary galt als haushohe Favoritin für die Präsidentschaft 2008 – bis ein junger unbekannter Senator aus Illinois ihr die Show stahl. Sein Name: Barack Obama.

Zurück in die Zukunft

In drei Jahren, Obama darf dann nicht mehr kandidieren, kann sie es endlich schaffen. Auch wenn Skeptiker immer wieder drei Punkte nennen, die Clintons Präsidentschaft im Weg stehen.

Hillary ist zu alt Ja, Hillary wäre bei Amtsantritt 2017 fast siebzig Jahre. Sie wirkt aber nicht alt, sondern scharfsinnig und angriffsbereit. Zudem hat auch Amerika ein demografisches Problem: Die Zahl der Alten nimmt rasant zu. Die Rentner allerdings sind die zuverlässigsten Wähler und trauen einem ihrer eigenen Generation vielleicht am meisten zu. Im Übrigen gibt es eine historische Parallele: 1984 übernahm Ronald Reagan das Weiße Haus kurz vor seinem 70. Geburtstag an. Als ihn ein Fernsehjournalist im Wahlkampf auf sein Alter ansprach, erwiderte Reagan, er würde seinem Gegenkandidaten ja auch nicht dessen jugendliche Naivität vorwerfen. Großes Gelächter. Der Fall war erledigt.

Der Name Clinton steht für ein "Zurück-in-die-Neunziger"-Gefühl. In der Tat: Hillarys Kandidatur würde unweigerlich Assoziationen mit dem Amerika vor der Jahrtausendwende wecken, das ihr Mann, Bill Clinton regiert hat. Aber gerade das könnte von Vorteil sein. Die Amerikaner erlebten damals eine Phase des wirtschaftlichen Wachstums und des Friedens, die Hightech-Industrie blühte auf. Erst nach der Ära Clinton begann der Horror: das Platzen der Dotcom-Blase, 9/11, die Kriege in Irak und Afghanistan, Guantanamo, die Finanzkrise. Auf dieser Folie wirken die 90er wie ein Sehnsuchtsort.

Risiko Obama

Obama könnte Hillarys Kampagne verhageln. Yes, he could. 2008, weil er so gut war, 2016, weil er so schlecht war. Barack Obama hat ein annus horribilis hinter sich, seine Performance in Sachen NSA und Syrien ist schwach, seine Beliebtheitswerte sind am Boden. Das könnte die amerikanische Bevölkerung motivieren, sich auf die Seite der Amerikaner zu schlagen. Andererseits: Es ist unübersehbar, dass die Republikaner stumpf jede Reform Obamas blockieren und die Politik zum Stillstand verdammen. Das macht sie in der Bevölkerung auch nicht beliebt. In seiner Not versucht Obama nun, mit Dekreten am Kongress vorbei zu regieren. Setzt er sich durch, und die Volkswirtschaft wächst munter weiter - voilà.

Hillary Clinton hat sich ohnehin, klug zu zeitig, von Obama abgesetzt. Sie hätte Madame Secretary, Außenministerin, bleiben können; sie zog sich zurück - und machte sich damit zur Projektionsfläche der schönsten politischen Fantasien. Heute ist sie: Kult.

Zwei Ikonen

Ein Beispiel: der Tumblr-Blog, "Texts from Hillary". Der Blog aus dem Frühjahr 2012 war ein weltweiter Hit. 83.000 Facebook-Shares in einer Woche, gewaltiges Echo in den Medien. Der Blog zeigt Fotos von Hillary und Prominenten, darunter stehen Texte fiktiver SMS-Dialoge. Kostprobe: Schauspieler Ryan Gosling schreibt, "Hey Girl". Hillary antwortet: "It's Madam Secretary" - für dich immer noch Frau Außenministerin! Auf einem anderen Foto sind Obama und sein Vize Biden zu sehen, lachend schauen sie auf ein Handy. Ihr Text: Hillary werde das neue Justin- Bieber-Video lieben. Ihr Konter: "Back to work, boys." Zurück an die Arbeit, Jungs. Die Botschaft ist eindeutig: Hillary ist immer Frau der Lage.

Ein zweites Gimmick, das Clintons Charisma beschreibt, ist ein Selfie mit Schauspiellegende Meryl Streep. Clinton nahm es im Dezember 2012 auf einer Gala in Washington auf. Pressefotografen fingen diesen Moment auf – wieder wurden die Fotos ein viraler Hit. Denn sie dokumentieren zwei superkluge Frauen, die sich auch im Alter köstlich amüsieren. Zwei Ikonen, zwei wahrhafte Ladies - aber hip und cool. Dass eine große Schauspielerin dieses Standing hat, überrascht nicht. Bei einer Politikerin schon.

Das fehlende Kapitel

Warum ist das so? Das Geheimnis liegt in ihrer Biografie. Jeder Amerikaner erinnert, wie Hillary mit ihrem Mann umgegangen ist, als er die Monica-Lewinsky-Affäre am Bein hatte. Selbst als die intimsten Details öffentlich wurden - die Spermaflecken auf Lewinskys Kleid, das frivole Spiel mit einer Zigarre - bewahrte Hillary trotz öffentlicher Demütigung die Contenance. Sie litt und schwieg und blieb ihrem Mann treu. Konservative hassten sie dafür, weil Ehebruch aus ihrer Perspektive nur Trennung nach sich ziehen kann. Aber Millionen Frauen verehrten sie für ihre Tapferkeit nur umso mehr.

Jahre später musste Hillary wieder einen herben Nackenschlag einstecken. Sie galt als geborene Nachfolgerin von George W. Bush, sie war schon berühmt, hatte mächtige Unterstützer, führte einen engagierten Wahlkampf. Doch dann tauchte Barack Obama auf, ein Mann, der den Eindruck vermittelte, er könne politisch übers Wasser gehen. Clinton verlor die Vorwahlen - verlor sich aber abermals nicht in Enttäuschung und Bitterkeit. Im Gegenteil: Sie bewies Loyalität und warb um Unterstützung für Obama. Kaum war er gewählt, belohnte Obama Clinton mit dem prestigeträchtigen Außenministerium. Vier Jahre führte sie es, machte dabei eine kompetente Figur und war schließlich beliebter als je zuvor.

Derzeit arbeitet Hillary Clinton an ihren Memoiren. Sie sollen im Sommer erscheinen. Doch es darf sich niemand täuschen lassen - das wichtigste Kapitel wird darin nicht enthalten sein.