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Homophobie in Russland: Wie sich die Welt über Putins Spiele empört

Soll man die Winterspiele in Sotschi wegen homophober Gesetze boykottieren? Der britische Künstler Stephen Fry sagt ja. In Italien hat man andere Wege gefunden, gegen Russland zu protestieren.

Von Niels Kruse

Bild einer Facebook-Kampagne gegen die Winterspiele in Sotschi.

Bild einer Facebook-Kampagne gegen die Winterspiele in Sotschi.

Gestatten – der Westen und Russland präsentieren die neusten Höhepunkte des Kalten Kriegs! Vielleicht war er ja nie ganz weg, sondern hatte sich ein knappes Viertel Jahrhundert einfach nur gut versteckt, aber spätestens mit dem Bürgerkrieg in Syrien sind die alten Animositäten zwischen den Großmächten nicht mehr zu übersehen. Die jüngste Balgerei ging zugunsten von Wladimir Putin aus, der Prism-Enthüller Edward Snowden erst am Moskauer Flughafen versteckte und anschließend die Washingtoner Regierung düpierte, in dem er dem Ex-NSA-Mann Asyl gewährte. Das ist keine zwei Wochen her, und nun zeichnet sich bereits der nächste Konflikt ab.

Am Samstag beginnt in der russischen Hauptstadt die Leichtathletik-WM. Für das Gastgeberland ist die Großveranstaltung ein willkommener Testlauf für die Olympischen Spiele in Sotschi am Schwarzen Meer. Für eine Reihe von namhaften Bürgerrechtlern dagegen der Auftakt zu einer gigantischen PR-Aktion für Putins Russland. Und das hatte zuletzt einige sehr unschöne Seiten gezeigt: Wie etwa harsche Gesetze gegen Homosexuelle, das dem Volk unter dem perfide-beschönigenden Namen "Schutz der Jugendlichen vor der Darstellungen nicht-traditioneller sexueller Orientierungen" verkauft wurde. Im Westen regt sich seit dem Inkrafttreten Widerstand, zuletzt bekannte Schauspielerin Tilda Swinton mit dem demonstrativen Schwenken der Regenbogenflagge auf dem Roten Platz Farbe gegen die Diskriminierung von Schwulen und Lesben.

Stephen Fry will einen Boykott der Olympischen Spiele

Jetzt legt Stephen Fry, gefeierter britischer Autor ("Geschichte machen") und Witzbold mit einem offenen Brief an seinen Premierminister David Cameron nach: Darin verglich er die Putin-Show Anfang nächstes Jahres mit den Olympischen Spielen von 1936, mit deren Hilfe Adolf Hitler versuchte, die Welt für sich und seine Naziherrschaft gewogen zu machen. Das Gesetz habe keinen anderen Zweck, als die Rechte einer Minderheit auszuhebeln und sie zum Prügelknaben für Verfehlungen im Land zu machen, glaubt Fry. Damit erginge es ihnen ähnlich wie den Juden im Dritten Reich. Der Vergleich mutet drastisch an. Aber der Künstler, der selbst homosexuell und Jude ist, hat es sich in seiner Karriere selten leicht gemacht. Seine Forderung lautet daher: Boykottiert die Olympischen Spiele!

Stephen Fry ist nicht der erste, der die Ächtung des gigantischen Sportereignisses verlangt. Der schwule Eisschnellläufer Blake Skjellerup aus Neuseeland will in Russland mit seiner sexuellen Präferenz nicht hinterm Berg halten. In den USA hat der Republikaner und Senator Lindsey Graham vorgeschlagen, die Spiele zu boykottieren, für den Fall, dass Snowden dort Asyl bekommen sollte. Und richtig kompliziert wird es bei der spitzendiplomatischen Einlassung des früheren US-Nato-Botschafters Kurt Volker. Er fürchtet, die "Anwesenheit von abchasischen und südossetischen Politikern bei den Spielen könnten andere Politiker nutzen, dem Großereignis fernzubleiben. Abchasien und Südossestien betrachten sich als eigenständige Staaten, sind international aber kaum anerkannt.

Irgendjemand fühlte sich immer auf den Schlips getreten

Boykottforderungen gegen Länder, Regime und die Politik einzelner Gastgeberländer gibt es, seit es die neuzeitlichen Spiele gibt. Ob Berlin 1936, Helsinki 1952, Mexiko Stadt 1968 oder Peking 2008 – irgendjemand gab es immer, der sich durch irgendwas auf den Schlips getreten fühlte. Tatsächlich wurden im großen Stil aber nur Moskau 1980 (durch den Westen) und Los Angeles 1984 (durch den Ostblock) boykottiert. Das war zum Höhepunkt des Kalten Krieges, danach entspannte sich nicht nur die Weltlage, auch Ächtungsaufrufe gab es kaum noch.

Doch das Russland des Jahres 2013 bietet reichlich Anlässe, um über Boykotte ernsthaft nachzudenken: Paktiererei mit Diktatoren, Wahlfälschungen, politisch motivierte Schauprozesse und nun homophobe Gesetze. Bei den meisten Sportlern kommen solche Ideen selten gut an. Sie trainieren jahrelang auf diesen Höhepunkt ihrer Karriere hin und wollen sich politisch nicht instrumentalisieren lassen.

IOC soll russische Sportler aus Sotschi verbannen

Die "Huffington Post" reagierte auf Frys Aufruf mit einer ganz anderen Idee. Autor Cyd Zeigler schreibt: Um Russland wirklich wehzutun (und nicht westliche Sportler zu bestrafen) sollte das Internationale Olympische Komitee überlegen, das russische Team von den Spielen im eigenen Land auszuschließen. Dieser unkonventionelle Vorschlag stieß auch bei dem Briten auf Gegenliebe: Via Twitter richtetet er seinen sechs Millionen Followern aus: "In der Tat eine sehr, sehr interessante Idee."

Von solchen Einlassungen werden sich die Verantwortlichen wohl kaum beeindrucken lassen. Dennoch haben einige Kritiker des Putinschen Russlands andere Wege gefunden, ihren Unmut auszudrücken. Die beiden Städte Mailand und Venedig haben ihre Städtepartnerschaften mit St. Petersburg wegen der Diskriminierung der Homosexuellen aufgekündigt. Den gleichen Weg soll nun auch Hamburg gehen: Einige Aktivisten aus der Hansestadt haben eine Petition aufgesetzt, die den Senat auffordert, die Kooperation mit der russischen Metropole auszusetzen. Bislang aber sind nicht einmal ein Zehntel der benötigten Unterschriften zusammengekommen.

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