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Analyse

Atomprogramme: USA, Iran und Nordkorea - gefangen in der Bestätigungsfalle

Nordkorea lebt seinen Ruf in vollen Zügen aus. Im Grunde genommen gilt das gleiche für den Iran. Donald Trump befeuert mit seiner Kriegsrhetorik die Beziehungen und wärmt alte Konflikte auf.

Chronologie: Donald Trump gegen Kim Jong Un: So eskalierte der Atomstreit

Libyen, Irak, Nordkorea und Kuba sind schon lange von der Liste der "Schurkenstaaten" verschwunden. Sudan, Syrien stehen noch drauf. Und der Iran. Seit 1984 bereits, und nach den jüngsten Äußerungen des iranischen Präsidenten Hassan Ruhani wird das auch so bleiben. Das Staatsoberhaupt kündigte an, seine militärischen Kapazitäten und sein Raketenprogramm auszubauen - und lies direkt eine neue ballistische Rakete testen. Als Anlass wählte er den Jahrestag des Beginns des ersten Golfkriegs am Freitag vor 37 Jahren. Der eigentliche Grund für die neuen Aufrüstungspläne dürfte aber erst wenige Tage zurückliegen: die Rede Donald Trumps vor der UN-Vollversammlung am Dienstag.

Vorwürfe garniert mit Breitseiten

Seitdem 1979 in Teheran das Mullah-Regime an die Macht kam, herrscht Eiszeit zwischen dem Iran und den USA. Daran konnten und wollten auch sieben US- und fünf iranische Präsidenten nichts ändern. Mit dem mühsam ausgehandelten Atomabkommen hatte sich die Lage zwar etwas entspannt. Doch nun kommt Donald Trump und bricht den einzigen Streit vom Zaun, der gerade beigelegt schien: der Konflikt um das iranische Nuklearprogramm. In New York wiederholte er seinen Dauervorwurf, dieser Vertrag sei der "schlechteste Deal, der jemals abgeschlossen wurde", garniert mit ein paar weiteren Breitseiten: das Land sei wirtschaftlich ausgelaugt, ein "Schurkenstaat", der, statt sich um seine Bevölkerung zu kümmern, vor allem Gewalt und Terrorismus exportiere.

Ganz falsch liegt er nicht. Die iranische Regierung ist kein armes Unschuldslämmchen, das zu Unrecht für alle Übel im Nahen Osten verantwortlich gemacht wird. In Syrien kämpfen iranische Revolutionsgarden auf Seiten von Diktator Baschar al Assad, im Libanon unterstützt der Iran die radikale Hisbollah-Miliz, mit Israel verbindet die Mullahs eine Art Erb- und Erzfeindschaft und Saudi-Arabien wird eifersüchtig als Konkurrent um die Vorherrschaft in der Golfregion betrachtet. Beide nicht zufällig enge Verbündete der USA. So gesehen waren Trumps Attacken nicht völlig aus der Luft gegriffen, nur eben auch wenig hilfreich. Sollte durch den Atomvertrag irgendwo ein zartes Pflänzchen der Annäherung zwischen dem Westen und dem Iran gekeimt haben, es dürfte durch die diplomatischen Dampfwalzereien des Donald Trump platt gemacht worden sein.

Reaktion wie aus dem Lehrbuch für "Schurkenstaaten"

Das Perfide an der Sache: Die Mullahs haben ihren Unmut über die (neuen) Töne aus Washington bislang nur halblaut in den Bart genuschelt, doch nun reagieren sie, wie es von einem "Schurkenstaat" erwartet wird: mit einer gezielten Gegenprovokation. Die Aufrüstungsankündigung und der Raketentest sind Wasser auf die Mühlen von Hardlinern wie Donald Trump oder auch Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu. Sie werden ihnen und dem einen oder anderen iranischen Nachbarn als erneute Bestätigung dafür dienen, dass man der Regierung in Teheran nicht vertrauen kann. Zwar sagte Präsident Ruhani, dass er für Frieden in der Region und der Welt sei, aber eben auch: "Für die Verteidigung unserer Sicherheit brauchen wir keine Erlaubnis." Es ist im Wesentlichen die gleiche Argumentation, die auch Nordkorea stets für sein Atomprogramm heranzieht.

Dort, in Pjöngjang, hat die Provokationsspirale schon längst eine ganz andere Dimension angenommen. Seit Wochen schaukeln sich die gegenseitigen Drohungen hoch, jüngste Volte: Kim Jong Un kündigt die Zündung einer Wasserstoffbombe über den Pazifik an. Nachdem er Donald Trump als "geisteskranken, dementen Greis" beschimpft hatte, den der Diktator "auf jeden Fall mit Feuer bändigen" werde. Solche überaggressiven Töne schockieren zwar, überraschen jedoch kaum noch. Vor allem deshalb nicht, weil die Gegenseite bereits von "totaler Zerstörung" spricht, wie Trump es vor den Vereinten Nationen in New York getan hat. Und weil schon lange niemand mehr zurückhaltende Worte aus der bettelarmen Diktatur erwartet.

Immerhin: Iran erfüllt die Auflagen

Im Gegenteil, es ist genau dieser Sound, den man von einem (Ex-)"Schurkenstaat" erwartet. Was die Frage aufwirft, wie hilfreich es ist, wenn sich die mächtigste Nation der Welt auf dieses Niveau begibt? Trumps Vorgänger Barack Obama hatte es nach jahrelangen und zähen Verhandlungen geschafft, den Iranern die zumindest Entwicklung einer Atombombe auszureden. Insofern mit Erfolg, als das die Iraner zwar weiter an ihren Vorherrschaftsambitionen in der Region festhalten, aber immerhin die mit dem Abkommen verbundenen Auflagen erfüllen. Was auch die aktuelle Regierung in Washington nicht bestreitet.

Natürlich sind Iran und Nordkorea, obwohl kaum vergleichbar, beides Staaten von mehr als zweifelhaftem Ruf. Was sie eint, ist ihr jahrzehntelanger Status als "Rogue State". Rouge bedeutet im Englischen nicht nur Schurke sondern auch unberechenbar, einzelgängerisch und skrupellos. Anders gesagt: Sie stehen allein in der Ecke und haben nicht viel zu verlieren. Verlassen können sie sich nur auf sich selbst - und ein möglichst umfangreiches Waffenarsenal.

Jeder Vorwurf bestätigt das Image des anderen

Nordkorea lebt seinen Ruf in vollen Zügen aus. Jede abfällige Bemerkung und jede Drohung aus Washington bestätigt Kim Jong Un in seiner Ansicht, dass es die USA auf sein Land abgesehen haben. Jede abfällige Bemerkung und jede Drohung aus Pjöngjang bestätigt Donald Trump in seiner Ansicht, dass in Nordkorea Verrückte regieren, die nur Sprache der Härte verstehen. Im Grunde genommen gilt das gleiche für den Iran. Auch wenn der sich zuletzt aus diesem Kreislauf der gegenseitigen Imagebestätigung etwas herausgehalten hat. Möglicherweise ist das nun vorbei - und der US-Präsident wird sich irgendwann fragen lassen müssen, warum  er mitgeholfen hat, aus einer gefährlichen Kriegsrhetorik zwei gemacht zu haben.