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IS-Chef al Baghdadi: Schlächterchef mit Prädikats-Doktortitel

Er kam als Ibrahim al Badri zur Welt, machte seinen Doktor und verschwand. Als Kalif des Islamischen Staates tauchte er wieder auf - "SZ" und ARD haben das Leben von IS-Chef al Baghdadi rekonstriert.

Eines der wenigen Bilder von Kalif Ibrahim: Abu Bakr al Baghdadi in einer Moschee in Mossul

Eines der wenigen Bilder von Kalif Ibrahim: Abu Bakr al Baghdadi in einer Moschee in Mossul

Der unheimlichste und gefährlichste Terrorist der Welt blickte lange Zeit auf ein eher unspektakuläres Leben zurück: Als Kind kickte er gerne und gut auf den Straßen Samarras, später blieb er einmal sitzen, und zum Militär durfte er nicht - weil die Ärzte Nein sagten. Mutter und Vater, als deren zweitjüngster Sohn er geboren wurde, waren Bauern, nicht arm, nicht reich, aber gläubig. Heute befiehlt der kurzsichtige Ibrahim al Badri Tausende von Kämpfern, Schlächtern und religiös Verblendeten. Sie nennen ihn Abu Bakr al Baghdadi, Kalif des Islamischen Staates.

Von dem Führer der Terrorarmee, die in Syrien, dem Irak und in Libyen ihr Unwesen treibt, war bislang nur wenig bekannt. Auch Fotos von ihm gibt es kaum, und die wenigen zeigen ihn in schwarz gewandet, mit schwarzem Turban auf dem Kopf, als Zeichen der direkten Abstammung vom Propheten Mohammed. Reporter der "Süddeutschen Zeitung" (SZ) und der ARD haben das Leben des IS-Anführers recherchiert und sind dabei auf vieles, bislang unbekanntes gestoßen. Außer auf einen Hinweis, dass al Baghdadi tatsächlich ein Nachfahre des Religionsstifters ist.

Was trieb den Mann in den Terror?

Monatelang waren die Journalisten im Irak unterwegs, sie haben mit früheren Nachbarn und Freunden gesprochen und auch mit Professoren der Uni, an der der selbsternannte Kalif seine Doktorarbeit geschrieben hat. Die Ergebnisse der Spurensuche zeichnen das Bild eines Mannes, der schon immer fromm war, ernst und der bereits in jungen Jahren den Nachbarskindern aus dem Koran vorgelesen hat. Seine Beweggründe in den Terroruntergrund zu gehen, bleiben aber weitgehend im Dunkeln.

Machtbesessen sei er schon immer gewesen, sagt ein Nachbar. Und anscheinend hat ihm sein Uni-Studium des Koran dabei geholfen, schnell Karriere im Islamischen Staat zu machen, der Nachfolgeorganisation von "al Kaida im Irak". Als Schüler noch eher durchschnittlich (gut in Mathe, eher mau in Englisch) schloss er seine Dissertation mit Prädikat ab, auch wenn ein Prüfer die mangelnde Rechtsschreibung kritisierte.

Eigentlich wollte er Jura studieren

Sicher ist, den Reportern liegen die entsprechenden Dokumente vor, dass er am 1. Juli 1971 geboren wurde, dass er sich nach seinem Abitur 1991 zunächst für Jura beworben hatte, aber dafür seine Noten zu schlecht waren. Alternativ wollte er offenbar Sprachen und Erziehungswissenschaften studieren. Unklar ist, warum er dies nicht tat oder konnte. Also entscheid sich Ibrahim al Badri zunächst für Islamisches Recht und wechselte später zu Koran-Wissenschaften.

Das bisher bekannteste der wenigen Bildern von al Baghdadi

Das bisher bekannteste der wenigen Bildern von al Baghdadi

Ebenfalls gesichtert ist, dass er im Februar 2004 verhaftet wurde, nicht allerdings, warum. Er landete im von den Amerikanern betriebenen Gefangenenlager Camp Bucca, das von Irakern später als "Akademie" bezeichnet werden wird, weil es als Ausbildungszentrum für zahllose Dschihadisten gilt. Beinahe die gesamte Führungsspitze des IS saß dort ein. Zu dem Zeitpunkt brütet al Baghdadi bereits an seiner Doktorarbeit, die er drei Jahre später beendet. Da tobt im Irak bereits der unerbittliche Krieg zwischen Sunniten und Schiiten - den beiden großen Glaubensrichtungen im Islam. Es sind vor allem die Männer von Terrorführer Abu Mussab al Sarkawi, die beinahe täglich ihre Glaubensbrüder mit Bomben drangsalieren.

Kannten sich al Sarkawi und al Baghdadi?

Al Sarkawi war auch derjenige, der begann, die Welt mit Enthauptungsvideos zu schockieren und damit die perverse Gewaltästhetik der Extremisten begründete. Eine Ästhetik derer sich mittlerweile auch der IS bedient. Lange Zeit hieß es deshalb, dass al Baghdadi, der Doktor, ein sehr gelehriger Schüler von al Sarkawi, dem Kleinkriminellen, gewesen sei. Doch die Recherchen von "SZ" und ARD legen zumindest zeitlich nah, dass die beiden doch keine enge Bekanntschaft pflegten. Als al Sarkawi 2006 von den Amerikanern getötet wurde, war al Baghdadi noch ein unverdächtiger Student.

Über die Zeit nach dem Verlassen der Universität gibt es laut "SZ" und ARD keine verlässlichen Informationen. Erst 2010 tauchte al Baghdadi wieder auf, als er von seinen Gefolgsleuten zum Emir gewählt wurde. Danach begann er mit seinen Getreuen Stück für Stück Teile des Irak und Syriens zu erobern. 2013 rief er den Islamischen Staat aus und kürte sich selbst zum Kalifen. Noch immer deutet nichts darauf hin, dass seine Position infrage gestellt wird - ganz gleich, wie barbarisch seine Männer und Frauen gegen ihre Gegner vorgehen. Al Baghdadi, der Studierte, kann jede noch so furchtbare Grausamkeit mit seinem Koranwissen rechtfertigen.

Niels Kruse