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"Great British Bake-Off": Großbritannien rüstet sich zur nächsten Tortenschlacht

Woche für Woche flüchtet sich Großbritannien in eine fluffig-heile Welt, dessen größtes Drama das Wackeln einer Kuchenspitze ist. Die TV-Konditor-Show "Great British Bake-Off" hat zu Recht mehr Fans als die englische Nationalmannschaft.

Bake-Off-Gewinnerin mit Queen

Das da rechts, ist weder ein Hut, noch ein Satz Hut-Schachteln von Ikea, sondern ein Kuchen der Bake-Off-Gewinnerin Nadiya Hussain zum 90. Geburtstag für Queen Elisabeth II.

Vor einigen Wochen traf ich einen berühmten Koch in London. Er heißt Anton Mosimann, ist Schweizer und eine Art Urahn der britischen Küchenrevolution. Mosimann ging in den 70er-Jahren nach England, zu einer Zeit als als "sick man in Europe" galt, als englischer Dauerpatient. Streiks, IRA-Bomben, Maggie Thatcher. Es war keine gute Zeit, und die britische Küche spiegelte das. Mosimann, der Starkoch, erinnert graue Hammelbraten, gegart bis zur Unkenntlichkeit, gummiartige Jakobsmuscheln und Unmengen von Saucen, die gnädig über die Speisen gekippt wurden, um das Schlimmste zu verdecken. Einem Volk mit solcher Küche, höhnte der Franzose Jacques Chirac einmal, könne man nicht trauen. Schlimmer sei nur noch Finnland.


Das ist lange her. Heute, sagt Mosimann, gebe es nirgendwo auf der Welt bessere Restaurants als in London. Nicht in Paris, nicht in New York, nicht in Kopenhagen oder Helsinki und schon gar nicht in Berlin. Die vielen Zuwanderer aus aller Welt haben Britanniens Küche bereichert. Man könnte auch sagen: Migration macht Essen besser. Und kreativer.

Die längste Tortenschlacht namens "Great British Bake Off"

Jamie Oliver, der englische Fernsehkoch, ist ein Weltstar. Die Zeitungen überbieten sich mit famosen Food-Beilagen, die Buchläden sind gefüllt mit einschlägiger . Und im englischen Fernsehen laufen unentwegt Sendungen und Shows, die sich mit dem weiten Feld der Kulinarik beschäftigen. Die bekannteste seit einigen Jahren: "The Great British Bake Off" - oder wie Liebhaber kenntnisreich murmeln "GBBO". Es ist eine lange Tortenschlacht, von August bis in den Oktober. In dieser Woche läuft die erste Show, und Millionen gucken zu, wie begabte Amateure Soufflés, Kuchen und mehrstöckige Zuckerbäckerbauten zubereiten. Das Finale im vergangenen Jahr schauten 15 Millionen, darunter auch unsere Kleinfamilie. "Bake Off" hat mehr Fans als die englische Fußball-Nationalmannschaft. Das ist per se nicht richtig verwunderlich.

Verwunderlich ist vielmehr, wie die wöchentliche Sendung den öffentlichen Diskurs dominiert. Nach jeder Episode große Rezensionen in den Zeitungen und morgendliche Diskussionen in Büros, Krankenhäusern, Banken und Universitäten. Die Rezeptur ist gleichermaßen simpel wie brillant und vor allem: very british. Zwölf Teilnehmer, alle begeisterte Amateur-Konditoren, backen um die Wette, jede Woche verringert sich der Kreis, am Ende bleiben drei übrig und ermitteln ihren primus inter pares. Der oder die dann im Übrigen auf eine professionelle Karriere und oder wenigstens einen Buchvertrag hoffen darf.

2015 siegte eine junge Dame mit dem schönen Namen Nadiya Hussain, deren Vorfahren aus einem kleinen Dorf in Bangladesch stammen. Hussain, dreifache Mutter und Muslimin, wurde prompt ein Star. Sie buk sogar für die Königin zum 90. Geburtstag, sie schreibt Kolumnen und Bücher, tritt auch in anderen Shows auf. Vor allem aber wurde sie zum Symbol für das multikulturelle . Als sie gewann, sprach noch niemand von einem EU-Referendum. Die Welt war noch in Ordnung. Vor ein paar Wochen erzählte sie dann im Radio von rassistischen Beleidigungen im täglichen Leben. Sie sagte, sie liebe es, Britin zu sein, und sie liebe es, "hier zu leben". Die Nation horchte auf. Und schämte sich ein bisschen.

Woche für Woche eine fluffig-heile Welt 

Präsentiert wird das Ganze von den Komödiantinnen Sue Perkins und Mel Giedroyc, die mit unübersetzbarem Wortwitz, vielen Anspielungen und noch mehr Wärme durch die zehn Episoden führen und Woche für Woche eine fluffig-heile Welt in Britanniens Wohnzimmer schaufeln: Ein weißes Zelt auf Blümchen-Wiese in Bilderbuch-Landschaft, drinnen die Teilnehmer vor ihren Backöfen. Wasser, Zucker, Mehl und Hefe, null Product Placement und sodann backe backe Kuchen mit Pflichtprogramm und Kür. Die Protagonisten ein Querschnitt der Insel-Bevölkerung: Studenten, Pfarrer, Rentnerinnen, Ingenieure, Lehrer, Buchhalter, Hausfrauen. Alle Rassen, alle Religionen und alle Regionen. Die zwar konkurrieren, sich aber unentwegt und unaufgeregt helfen und herzen. So hätte man's gerne auch auf der Arbeit und im Leben, wenn man sich das backen könnte.

The Bake-Off ist mithin so etwas wie der zuckersüße Gegenentwurf zu Tod und Terror, IS und Brexit, eine glasierte Alltagsflucht. Selbst die kleinen Dramen sind noch schmackhaft. Vor zwei Jahren schüttete ein Teilnehmer ein sagenhaft missglücktes Eisdessert, Baked Alaska, angewidert in den Mülleimer und stürmte aus dem Zelt. Das firmiert inzwischen als "Bin-Gate" und ist bereits Fernsehhistorie.

Drama! Die Kuchenspitze wackelt!

Und im vergangenen Jahr implodierte ein Kuchen vor aller Öffentlichkeit. Ein Schokokarussell geriet aus der Spur, die Spitze wackelte bedenklich, die Richter urteilten "wonky", was so viel bedeutet wie: wackelig. Worauf eine junge Studentin aus Aberdeen in Tränen ausbrach. Tags drauf kondolierte der "Daily Mirror" mit branchenfremder Metaphorik: "Weinende Flora Sheddan nach dramatischem Halbfinale nach Hause geschickt." Solches Malheur kennt man aus England.

Bake off - Paul Hollywood mit Burger-Kuchen

Der milde Strenge mit einem Kuchen, der nicht wie ein Kuchen aussieht: Paul Hollywood, Juror beim "Great British Bake Off"

Floras konditorisches Missgeschick ging den Briten jedenfalls so nahe wie die notorischen Fehltritte der örtlichen Nationalelf. Immerhin, sie bekam danach Heiratsanträge, und es war wieder Friede, Freude, Eierkuchen.

Mit milder Strenge urteilen zwei Profis über die Versuche der Probanden: Mary Berry, 81, und Paul Hollywood, 50. Beide Koryphäen ihrer Zunft und höchst erfolgreiche Autoren von einschlägiger Küchen-Literatur. Hollywood, kein Künstlername, ist obendrein britischer Rekordhalter für den teuersten Laib Brot, Mandel und Roquefort, das er im feinen Londoner Kaufhaus Harrod's für satte 15 Pfund veräußern und "Rolls Royce der Brote" taufen ließ. Die Rollenaufteilung läuft nach dem good cop/bad cop-Prinzip. Die silberhaarige Mary prüft erst mit gütigem Oma-Blick und sticht liebevoll die Gabel ins Gebäck. Der etwas derbere Paul gibt dann den Süßspeisen-Aficionados Saures, falls die Kruste zu krustig oder die zypriotische Käsetasche zu käsig ist.

Niemand schätzt matschige Böden

Beide eint beim Backwerk eine ziemliche Abscheu gegen "soggy bottoms". Das bedeutet klatschnasser Hintern und ist auf der Insel angesichts der meteorologischen Eigenheiten ein weit verbreitetes Phänomen. In diesem Fall aber meint es matschiger Boden. Und wenn Paul und Mary vor einer kuchengedeckten Tafel mit rot-weiß-karierter Decke stehen, dem "Gingham-Altar", und davor aufgereiht die anfangs zwölf Apostel auf ihr Verdikt warten, hat "Bake-Off" sogar etwas Biblisches. Am Ende kann es ja nur einen oder eine geben.