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Last Call

Legendäres Finale: Es war einmal in Wembley. Oder 50 Jahre Schmerz

Am 30. Juli 1966 gewann England das WM-Finale gegen Deutschland. Auch dank des legendären dritten Tores, das keines war. Seit diesem Tag liegt ein Fluch auf der englischen Nationalmannschaft.

Tor oder nicht Tor, ist die Frage im WM-Finale 1966 in Wembley

Einer der meistdiskutierten Momente der Fußballgeschichte: Tor oder nicht Tor, ist die Frage im WM-Finale 1966 in Wembley. Der Treffer zum 3:2 in der 101. Minute wird gegeben und England gewinnt gegen Deutschland (Endstand 4:2 n.V.).

In England ist am Samstag Gedenktag. Die Nation gedenkt ausnahmsweise nicht der Königin oder irgendeiner Schlacht aus den Weltkriegen eins und zwei, aber doch eines äußerst singulären Ereignisses: Vor 50 Jahren gewann England zum ersten und einzigen Mal die Fußball-Weltmeisterschaft. 4:2 nach Verlängerung gegen Deutschland, Wembley-Tor, und nach dem Wembley-Tor schon jubelnde Fans auf dem Platz, und das vierte Tor damit streng genommen auch irregulär wie das berühmte dritte. Welches die Engländer, wie alle Deutschen wissen, einem augenkranken Linienrichter aus dem heutigen Aserbaidschan verdanken. Der Mann hörte auf den Namen Tofik Bachramow, verblich 1993 und glaubte bis zum Ende seiner Tage, dass der Ball hinter der Linie war. Diese exklusive Sicht der Dinge nahm er mit ins Grab.

Geschenkt.

Wie überhaupt, alles geschenkt. Ein Sternchen ziert die englischen Leibchen, einsam sieht es aus. Und so wie die Dinge stehen, wird das Sternchen wohl auch in den kommenden 50 Jahren einsam bleiben. Auf eines ist Verlass in turbulenten Zeiten: aufs englische Fußballnationalteam, vom amerikanischen "Time"-Magazin vor sechs Jahren in einer Titelgeschichte vor der WM in Südafrika zur enttäuschendsten Fußballmannschaft des Planeten erhoben. Vor dem Achtelfinale gegen Deutschland saßen damals im BBC-Studio die früheren Profis Gary Lineker, Alan Hansen, Alan Shearer und Lee Dixon. Sie fachsimpelten und erklärten übereinstimmend, außer Manuel Neuer vielleicht würde es kein deutscher Spieler in die erste Elf der Engländer schaffen. Die Deutschen gewannen 4:1, es gab wieder ein Wembley-Tor, wieder für England, diesmal war der Ball wirklich drin, und diesmal zählte es nicht. England flog heim. Sie flogen auch vier Jahre später aus Brasilien wieder früh heim und zuletzt von der Europameisterschaft in Frankreich natürlich auch. Island. Das nationale Gedenken an diesen Samstag vor 50 Jahren sei ihnen gegönnt. Was ihre Nationalmannschaft anbelangt, sind die Engländer eben nicht verwöhnt wie Deutsche. Aber erstaunlich zäh und immer noch auf eine merkwürdige Weise verliebt und alle Jahre wieder hoffnungsfroh. Denn alle Jahre wieder, spätestens in zweien vor dem Turnier in Russland, heißt es, eine goldene Generation sei am Ball und ergo "jetzt oder nie" und "30, 40, 50 years of hurt", Jahre der Schmerzen, endlich vorbei. Aber dann spielt die goldene Generation doch nur Blech zusammen, und die Jahre der Schmerzen gehen weiter bis zum Sankt Nimmerleinstag. Und ewig grüßt das Murmeltier.

England hat nie wieder ein Finale erreicht

Mitleid? Keines. Gedenken okay. In Memoriam der wirklich grundsympathischen Mannschaft von 1966. Trainer Alf Ramsey und vier Spieler aus dem Kader inzwischen tot, als erster ging der großartige Bobby Moore 1993, dem Jahr als auch der Linienrichter Bachramow abberufen wurde. Drei weitere leiden unter Alzheimer, darunter Nobby Stiles, der bissige Verteidiger, dem die Zähne fehlten. Es heißt die schweren Lederbälle und die vielen Kopfbälle hätten ihr Gehirn geschädigt. Die meisten Spieler gingen ähnlich wie ihre deutschen Kontrahenten seinerzeit noch Berufen nach. Baggerfahrer, Vertreter, Beerdigungsunternehmer. Alle working class und stolze working class. Kaum mehr Geld als die, mit denen sie nach den Spielen am Tresen im Pub standen. Man wurde nicht reich, nicht mal als Weltmeister. Viele versteigerten ihre Siegermedaillen, weil sie das Geld brauchten. Geoff Hurst, drei Tore im Endspiel, findet seine Erfüllung bis heute darin, für Geld zu erzählen, wie er drei Tore im Finale schoss. Es ist die immer gleiche Geschichte für ein paar Tausend Pfund, …es war einmal in Wembley. Jack Charlton und sein Bruder Bobby sitzen zuweilen noch in Old Trafford, dem Stadion von Manchester United, und Jack gehen zusehends die Erinnerungen verloren an diesen letzten Juli-Samstag, als pünktlich mit Schlusspfiff die Sonne über London zu scheinen begann. England hat seit diesem sonnigen Samstag nie wieder ein Finale erreicht.

Auch deshalb wird vermutlich vieles verklärt. Das Turnier war nämlich keineswegs so toll, wie es die englische Presse macht. Weder sportlich noch organisatorisch. Die Mythen sind größer als die Wahrheit. Der WM-Pokal wurde geklaut, ein Köter namens Pickles fand ihn kurz vor Turnierbeginn in Gebüsch und eingewickelt in Zeitungspapier. Pickles ist in England bis heute ein Heldhund oder Hundheld.

Ein paar unvergessenen Momente

Der World-Cup selbst lebte von ein paar unvergessenen Momenten: Ein Nordkoreaner, der Italien nach Hause schickte, Pak Doo-Ik hieß er. Ihm wurde später ein Theaterstück gewidmet. Der kleine Schwabe Rudolf Kreitlein, deutscher Schiedsrichter aus Stuttgart und Erfinder der gelben und roten Karten, der den Argentinier Antonio Rattin im Viertelfinale gegen England vom Platz stellte und nach Abpfiff unter Polizeischutz vom Feld musste. Horiaco Troche, Uruguay, der Uwe Seeler eine klebte und danach duschen ging. Lothar "Gib-mich-die-Kirsche"-Emmerichs Jahrhunderttor gegen Spanien, das allen Regeln der Ballistik trotzte. Der leidende und brutal zusammengetretene Pelé, der famose Portugiese Eusebio und ein blutjunger deutscher WM-Debütant mit dem schönen Namen Beckenbauer. Schließlich und endlich das Wembley-Tor, das zum feststehenden Begriff wurde, obschon im klassischen Sinne kein Tor. Der einzige Deutsche, der den Ball hinter der Linie sah, war Heinrich Lübke, Bundespräsident, und von legendär dürftigem Intellekt, "ich hab ihn im Netz zappeln sehen". Vielleicht meinte Lübke einen Fisch. Man weiß es nicht. Es spielt auch keine Rolle.

England war jedenfalls Weltmeister, und das war gut so. Es passte in die Zeit, Swinging Sixties mit Beatles, Stones und Twiggy und Mini und Minirock. Ein kurzer Frühling. Vier Jahre später nahmen die Deutschen Revanche in der Hitzeschlacht von Leon, Mexiko. Beckenbauer, Seeler, Müller – 3:2. England fuhr nach Haus. Wie immer seitdem. Oder gar nicht erst hin zur WM, auch das passierte in den 70ern gleich zweimal hintereinander. Und auch das passte in die Zeit. Großbritannien, gebeutelt von IRA und Streiks, galt damals als "Europe’s sick man", der Fußball reflektierte das. Die Deutschen zogen erst wirtschaftlich vorbei und danach auch mit den Sternchen für jeden Titel auf dem Hemd. Selbst Maggie Thatcher konnte das mit eisernem Besen nicht wegfegen.

"Big Sam" ist jetzt die Zukunft des englischen Fußballs

Das WM-Finale 2014 schauten wir mit einem englischen Freund, Peter, Fotograf und Fan des AFC Bournemouth. Peter war guter Dinge, weil er sich entscheiden musste zwischen zwei Erzfeinden. Argentinien und Deutschland. Das Ende ist bekannt, Peter fragte: "Wie oft seid ihr jetzt Weltmeister?" Mir war es fast peinlich. Es gab immerhin englisches Bier, London Pride mit vier Sternchen drauf.

Die Engländer haben im Übrigen gerade einen neuen, alten Trainer für ihre Nationalmannschaft berufen. Er heißt Sam Allardyce, 61, und stammt aus der Zeit der schweren Lederbälle. Er wird von allen nur "Big Sam" gerufen. "Big Sam" hat ein Gesicht, als ob er O-Beine hätte und in seinen gefühlt hundert Berufsjahren noch nicht Nennenswertes gewonnen. Seine Mannschaften sind dafür berühmt, dass sie einen schauderhaft unansehnlichen und antiquierten Stil spielen, den Kritiker als "Fußball aus dem 19. Jahrhundert" bezeichnen.

"Big Sam" ist jetzt die Zukunft des englischen Fußballs. Das passt wieder in die Zeit. Und auch zum Land. Er ist sehr stolz und sehr rückwärtsgewandt. Ein Brexit-Trainer. Eigentlich ist "Big Sam" gar kein richtiger Engländer, zumindest nicht durch und durch. Seine Vorfahren stammen aus Schottland, aber das Familienmotto des Allardyce-Clans klingt wie seine Jobbeschreibung. Es lautet: "In defence of the distressed", zur Verteidigung der Geschundenen.

Es ist nicht davon auszugehen, dass England unter "Big Sam" plötzlich damit beginnt, die Sterne vom Himmel zu spielen.