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Simon Kremer: Lost in Nahost: Auf der Suche nach der Weihnachtspalme von Damaskus

Gerade zu Weihnachten bekommen Traditionen eine enorme Bedeutung. Die Sehnsucht wächst mit steigender Distanz zur Heimat. Und manchmal muss man den Nachbarn einfach die Palme klauen. Unsere neue stern-Stimme über sein Leben im Nahen Osten.

Von Simon Kremer, Tunis

Der Autor verspricht die gemobbste Palme, nach Silvester zurückzugeben

Der Autor verspricht die gemobbste Palme, nach Silvester zurückzugeben

Getty Images

Man wird ja immer so schrecklich sentimental in der Vorweihnachtszeit. Je älter man wird, desto dringender benötigt man unbedingt das alte Spritzgebäckrezept von Omma (die geheime Zutat ist nicht Liebe, sondern einfach Unmengen Zucker und Butter). Oder die Roger Whittaker-Schallplatte, die das Christkind seltsamerweise jedes Mal angemacht hat, als es im verschlossenen Wohnzimmer die Geschenke vorbereitet hat. Wenn im deutschen Fernsehen schon die Spendenmarathons laufen, draußen bei 20 Grad aber der Muezzin ruft, dann ist Weihnachten extrem weit weg.

Die Mitbewohner gucken irritiert

Wir sitzen zu viert in unserer Studenten-WG in Damaskus. Der Krieg ist noch ein gutes Jahr entfernt. In den Shops im christlichen Viertel der Altstadt hängen bunt glitzernde Girlanden in den Fenstern, Lichterketten blinken in grün, blau und rot. Wir schwelgen, vollkommen angemessen für Anfang zwanzig, in Erinnerungen.

Städter, die ihre Ein-Meter-Achtzig-Nordmanntanne für 39,90 Euro im Baumarkt kaufen, werden die wunderbare sauerländische Tradition des Tannenbaumschlagens nicht nachvollziehen können. Auch meine Mitbewohner gucken erst ein bisschen irritiert, als ich ihnen erzähle, dass man im Sauerland – wie auch vermutlich in anderen Teilen Deutschlands, in denen kleine Dörfer inmitten von sehr viel Wald stehen - kurz vor Weihnachten mit dem Vater, den Geschwistern und einer Axt oder Säge bewaffnet, dunkel gekleidet in den Wald ging und sich seinen Baum aussuchte. 

Fünf Minuten später stehen wir auf der Straße. Die Palästinenserschals vor dem Gesicht, blinkende Weihnachtsmannmützen auf dem Kopf. Die Mission ist klar: Eine Weihnachtspalme in Damaskus finden, die auch noch ins Wohnzimmer passt.

Als alter Messdiener merkt man erst in der Diaspora, wie weltumfassend Kirche ist

Weihnachten im Orient ist meist gut versteckt, aber immer glitzernd und bunt blinkend. Da sind die Weihnachtsmänner in ihren roten Kostümen, die auf ihren Kamelen durch Jerusalem reiten. Die mit Lichtern behangenen Palmen in Beirut. Die Weihnachtssouks in Amman. Aber auch die Chöre der afrikanischen Migranten in Tunis, die stillen Gottesdienste in den kleinen und großen Kirchen, die es hier noch überall in der Region gibt. Als alter Messdiener merkt man erst in der Diaspora, wie weltumfassend Kirche ist. Auch wenn die Christnacht bei lauschigen Temperaturen unter Palmen beginnt.

Trotzdem brauchen wir jetzt unbedingt diese Weihnachtspalme fürs Wohnzimmer. Wir ziehen durch die Straßen von Damaskus.  Allein die fehlende Axt und der allgegenwärtige Geheimdienst machen uns die Auswahl schwer. Irgendwann finden wir im Garten des Nachbarhauses zumindest etwas palmenähnliches, was als Weihnachtspalme durchgehen könnte. Und das Büschlein hat sogar einen Topf und kann leicht getragen werden. Kurz darauf steht die Weihnachtspalme in unserem Wohnzimmer. Zwei blinkende Plastik-Stern-Ketten sorgen für die angemessene Stimmung. Weihnachten kann kommen. Und nach Silvester bringen wir die Palme zurück. Das ist doch mal ein Vorsatz.