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Europawahl: Margrethe Vestager lässt die Liberalen hoffen – und Trump zittern

Margrethe Vestager zeigt Zähne als EU-Wettbewerbskommissarin und sorgt damit nicht nur in Brüssel für helle Begeisterung. Wer ist die resolute, aber zugängliche Dänin, die als Geheim-Tipp für die Juncker-Nachfolge gilt?

Video: Vor der Europawahl: Augen auf im Internet

Google, Apple, Facebook, Amazon: Die Liste der von Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager abgestraften Unternehmen liest sich wie ein Who-is-Who der Weltkonzerne. Doch der resoluten Dänin geht es nicht in erster Linie um die Milliardenstrafen, die sie verhängt. Mehr Wert legt sie darauf, illegales Verhalten von Unternehmen zu unterbinden - für einen Markt, der den Verbrauchern dient und ihnen bestmögliche Produkte, Preise und Auswahl bietet. 

US-Präsident Donald Trump soll EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker sogar einmal zugeraunt haben: "Ihre Steuer-Dame ("Tax Lady") hasst die USA." Doch die 51 Jahre alte Pastorentochter aus Glostrup im Nordosten Dänemarks nimmt es nicht nur mit den US-Riesen auf. In den vergangenen Jahren folgten Ermittlungen und Entscheidungen gegen Ikea, Siemens, BMW, Daimler, VW und viele andere europäische Unternehmen. 

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron lobte die Wettbewerbskommissarin für ihr Vorgehen in den höchsten Tönen - und heizte damit Spekulationen an, die Liberale aus Dänemark könnte nach der Europawahl sogar Nachfolgerin von Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker werden.

Resolute Dänin ohne Scheu vor großen Namen    

Die 51-jährige Vestager ist seit 2014 EU-Kommissarin für Wettbewerbsfragen. Auf ihrer Abschussliste standen schon viele große Namen: Apple verpflichtete sie zur Nachzahlung von 13 Milliarden Euro Steuern in Irland, Google belegte sie gleich dreimal mit Strafen von insgesamt 8,25 Milliarden Euro wegen Marktmissbrauchs.  

Wenn die Mutter dreier Kinder ihre Wettbewerbsentscheidungen vertritt, tut sie das oft mit kühler Souveränität. Sie sei eine Frau und sie beschäftige sich mit Steuern, zumindest das sei richtig, entgegnete sie etwa trocken, als sie mit Trumps überlieferten Anschuldigungen konfrontiert wurde. 

Ihre Ermittlungen sorgen oft für Kursausschläge an den Börsen. Ihr selbst kann das egal sein, wie ihre Pflichterklärung zu finanziellen Interessen offenbart. Wertpapiere: keine. Unternehmensanteile: keine. Andere Aktien: keine. Interessenskonflikte des Ehepartners: beim Mathematikprofessor Thomas Jensen offenkundig keine. Nur ein Wochenendhaus in Frankreich und einen Zehntelanteil an einem Ferienhaus in Schweden führt Vestager auf. "Beides für Zwecke der Freizeitgestaltung."

Eine Hand mit ausgestrecktem Mittelfinger

In Brüssel gilt die Pastorentochter als zugänglich und unkompliziert. Mitarbeiter sagen, sie sei in der täglichen Zusammenarbeit im Vergleich zu anderen Kommissaren "wenig hierarchisch". Auf ihrem Schreibtisch prangte stets die Plastik einer Hand mit ausgestrecktem Mittelfinger. Sie behalte das Andenken einer dänischen Gewerkschaft, um sich daran zu erinnern, dass stets jemand mit Entscheidungen nicht einverstanden sei, sagte sie einmal.

"Ska" Keller (l.) will für die Grünen ins EU-Parlament, Jörg Meuthen (M.) für die AfD und Katarina Barley (r.) für die SPD

In ihrer Heimat galt die studierte Wirtschaftswissenschaftlerin mit dem grauen Kurzhaarschnitt schon vor ihrem Wechsel nach Brüssel 2014 als starke politische Persönlichkeit. 1998 wurde sie mit 29 Jahren in ihrer Heimat Bildungsministerin - zu dem Zeitpunkt jüngste Ministerin in der Geschichte Dänemarks. Von 2011 bis 2014 war sie Wirtschafts- und Innenministerin im Kabinett der sozialdemokratischen Ministerpräsidentin Helle Thorning-Schmidt und Chefin der sozialliberalen Partei.   

"Joker, der für alle Positionen in Frage kommt"

Vestager macht keinen Hehl daraus, dass sie in Brüssel bleiben möchte. Der dänischen Zeitung "Politiken" sagte sie im März, sie sei Kandidatin für Junckers Nachfolge. Im April meinte sie dann jedoch, "erste Wahl" für sie sei, weiter Wettbewerbskommissarin zu bleiben.    

Tatsächlich haben die Liberalen als bisher viertstärkste Kraft im Parlament anders als die Konkurrenz keinen "Spitzenkandidaten" als Anwärter für die Juncker-Nachfolge aufgestellt. Statt dessen gibt es ein "Spitzenteam" mit sieben Persönlichkeiten. Vestager gehört dazu, und gilt in Brüssel klar als die Nummer eins.    

Doch die Dänin müsste für eine Fortsetzung ihrer EU-Karriere auch innenpolitische Widerstände überwinden. Denn für ein neues Kommissionsmandat braucht sie die Unterstützung der aktuellen dänischen Regierung. Und der gehört ihre Partei nicht mehr an.     

Vestager setzt dennoch auf Rückendeckung aus Kopenhagen. "Solange man kein schnelles Nein bekommt, kann man weiter auf ein langsames Ja hoffen", sagte sie "Politiken". Auch die deutsche FDP hält große Stücke auf Vestager. Liberalen-Chef Christian Lindner lobte sie im Januar als "Joker, der für alle Positionen in Frage kommt".    

Die Liberalen im Europaparlament wollen nach der Wahl im EU-Personalpoker ihre Schlagkraft erhöhen. Sie kündigten Mitte Mai an, dann eine neue Fraktion mit der Liste Renaissance von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und dem spanischen Mitte-rechts-Bündnis Ciudadanos zu gründen.    

Macron dürfte hinsichtlich Vestager allerdings etwas ernüchtert sein, seitdem die Wettbewerbskommissarin im Februar die Fusion der Bahnsparten von Siemens und Alstom untersagte. Aus ihnen wollten Berlin und Paris einen "Airbus der Schiene" schmieden, um sich gegen wachsende Konkurrenz aus China zu wappnen. Auch die Bundesregierung zeigte sich über Vestagers Verbot wenig erfreut.    

Vestager kann aber hoffen, dass sie bei der schwierigen Vergabe von EU-Topposten angesichts bisher deutlich unterrepräsentierter Frauen gute Karten hat. Sie selbst meint, eine EU-Kommissionspräsidentin sei "lange überfällig". Die Männer hätten ihre Chance gehabt.

Europawahl im Newsroom von stern.de
Martin Trauth / Alkimos Sartoros / fs / DPA / AFP