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US-Vizepräsident: Mike Pence will nicht mit Frauen allein sein - was ist da los?

Dem US-Vizepräsidenten Mike Pence ist seine Ehe sehr wichtig. Nun macht eine Aussage des streng religiösen Politikers Furore: Er möchte nicht mit Frauen - auch nicht mit Kolleginnen - alleine sein. Linksliberale betonen, wie sexistisch das ist.

Von Jonathan Sendker

Donald Trump und Mike Pence

Vor einigen Tagen veröffentlichte die “Washington Post” ein Porträt von Karen Pence, der Frau des US-Vizepräsidenten Mike Pence. Eine Passage des Textes schlägt seitdem hohe Wellen: Dort wird ein Artikel der Politikzeitung “The Hill“ aus dem Jahr 2002 zitiert.

Damals erklärte der Politiker, er hätte es sich zur Regel gemacht, niemals alleine mit einer Frau außer Karen Pence in einem Raum zu sein oder essen zu gehen. Außerdem würde er bei allen Veranstaltungen, bei denen Alkohol fließe, seine Ehefrau an seiner Seite wissen wollen oder sonst daheim bleiben.

Es ist zwar nicht genau geklärt, ob Pence diese Maxime immer noch strikt befolg - US-Medien und viele Menschen auf Social Media debattieren seitdem jedenfalls darüber, was dies über den Vizepräsidenten aussagt und was ein solcher Ansatz gerade für Frauen und ihren beruflichen Umgang mit Männern bedeutet, viele betonen, dieser Ansatz sei sexistisch.

Zu sehen ist Mike Pence im Profil.

US-Vizepräsident Mike Pence sorgt mit einer selbstauferlegten "Regel" für Diskussionen.


Mike Pence: Pastor Billy Graham als Vorbild

Pence hat sich die "Regel" nicht zum Spaß auferlegt. Er und seine Frau sind strenggläubige evangelikale Christen. So gibt es ein religiöses Vorbild für den Leitsatz des Vizepräsidenten: Pence folgt einer Idee des amerikanischen Pastors Billy Graham.

In seiner Autobiographie erzählt Graham von einem Gespräch mit seinen Glaubensbrüdern im November 1948. Sie besprachen die "Gefahren", denen evangelikale Pastoren bei ihren Reisen ausgesetzt waren. Neben der Veruntreuung von Spendengeldern ging es vor allem um Ehebruch. "Von diesem Tag an würde ich mit Frauen, die nicht meine Ehefrau waren, nicht mehr zu zweit essen, reisen oder mich mit ihnen alleine treffen", schrieb Graham. Diese Maxime wurde als "Billy-Graham-Regel" bekannt, sie sollte vor Untreue – auch schon vor dem Verdacht der Unziemlichkeit – schützen.

Trump vergisst Dekret

In dem ursprünglichen Artikel von "The Hill" wird Pences Logik weiter ausgeführt. Als er in den Kongress gewählt wurde, hatten zuletzt beispielsweise die Affären des damaligen Sprechers des Repräsentantenhauses, Newt Gingrich, für Aufsehen gesorgt. "Ich habe gesehen, wie Freunde ihre Familien verloren haben. Ich würde lieber eine Wahl verlieren", sagte er damals. Außerdem hätten Wähler in seiner Heimat Indiana ihn ermahnt, wie wichtig es sei, die Familie zusammenzuhalten – gerade im fernen, stressigen, intensiven Washington.

Frauen werden systematisch benachteiligt

Mehrere amerikanische Artikel loben den Politiker für diesen pragmatischen Ansatz zum Schutz seiner Ehe.  

Nun entzündet sich in der medialen Öffentlichkeit jedoch eine Debatte darüber, wie zutiefst impraktikabel die Idee ist – und dass sie vielleicht nicht in der Theorie sexistisch ist, wohl aber in der Praxis. 

  Clara Jeffery, Chefredakteurin des linksliberalen Magazins "Mother Jones" schreibt auf Twitter: "Wenn Pence nicht mit Frauen allein essen will, wird er keine Frauen in führende Positionen berufen. Wie sollte eine Frau Stabschefin werden, oder seine Anwältin, oder Kampagnenmanagerin, oder…" 

Dürfte Pence mit Merkel alleine sein?

Tatsächlich wirft das Thema einige absurde Fragen auf: Würde er mit Angela Merkel essen gehen? Oder mit Theresa May? Wie sollen Frauen dieser Richtlinie zufolge jemals in einflussreiche Positionen gelangen und Führung übernehmen, wenn sie mit Männern nicht unter vier Augen sprechen dürfen?

Ein "Atlantic"-Artikel beschreibt, wie solche Denkmuster Frauen systematisch benachteiligen. Eine Studie unter weiblichen Mitarbeitern in Washington zeigte, dass viele Frauen von abendlichen Events oder vertraulichen Gesprächen ausgeschlossen werden, um nicht den falschen Eindruck zu erwecken. In 12 Jahren, sagt eine Mitarbeiterin, hätte ihr ehemaliger Chef "nicht ein einziges vertrauliches Gespräch mit mir geführt. Das hat sensible oder strategische Diskussionen extrem erschwert." Wie sollen diese Frauen beruflich vorankommen?

Liberale und Konservative bleiben unversöhnlich

Vor allem aber zeigt die Debatte, wie gespalten die USA sind. Auf der einen Seite stehen die Linksliberalen, die solch einen Ansatz für fehlgeleitet und diskriminierend halten und sich nun fragen, welchem Menschenbild Mike Pence anhängt. Sie beklagen, wie hypersexualisiert der Umgang zwischen Männern und Frauen in unserer Gesellschaft ist, und sehen darin ein großes Problem für die Gleichstellung der Geschlechter. 

Ihnen gegenüber stehen die Konservativen, die die Maßnahme des Politikers für sinnvoll und weise halten. Sie verstehen nicht, warum Liberale so hysterisch reagieren. Sie halten es schlicht für familienbewahrend - im Sinne eines klassischen Familienbildes, in dem der Mann arbeitet und auf Reisen ist - und die Frau eher daheim bleibt.

Jonathan Sendker