VG-Wort Pixel

"Das ist ein System-Fehler" Verschimmelte Gewehre und brennende Kommissariate – Putins Mobilmachung wird zum Desaster

Wladimir Putin lässt Russland mobilisieren. Doch die Mobilmachung verläuft alles andere als nach Plan. 
Wladimir Putin lässt Russland mobilisieren. Doch die Mobilmachung verläuft alles andere als nach Plan. 
© Mikhail Klimentyev / Picture Alliance
Auf der Straße, am Arbeitsplatz, in den eigenen vier Wänden – die russischen Männer sind nirgendwo vor der Mobilmachung sicher. Und es zeigt sich: Es kann jeden treffen. Für die Regierung gilt kein Gesetz. 

Am 21. September hat eine neue Etappe in Moskaus Krieg gegen die Ukraine begonnen. Bis dahin haben Freiwillige den Kampf Wladimir Putins ausgetragen, ob als Vertragssoldaten oder bezahlte Söldner. Bis dahin hat die russische Bevölkerung ihren Tribut an den Kreml in der Form des Schwunds ihres marginalen Wohlstands und der chancenlosen Zukunft ihrer Kinder entrichtet. Der 21. September hat alles verändert. Der Staat verlangt von seinen Bürgern nun eine andere Opfergabe: ihr Leben.

Seit der Stalin-Ära hat es derartiges nicht gegeben. Wenige Stunden nachdem Wladimir Putin seine Entscheidung verkündet hatte, rollte bereits die Welle der Mobilmachung über Russland – und stürzte das Land in Panik. Denn es wird schnell klar: Die von Putin versprochene "Teilmobilisierung" ist nur ein leeres Wort, der die Wahrheit hinter einem Euphemismus verstecken soll: Mobilisiert werden alle, derer sich das System habhaft werden kann. 

Und dieses Opfer, was nun von ihnen verlangt wird, sind viele Russen nicht bereit zu erbringen. Wer kann, verlässt das Land. An den Grenzen zu den russischen Nachbarstaaten wie Kasachstan, Mongolei oder Georgien stauen sich die Wagen in kilometerlangen Schlangen. Flüge in Länder, die kleine Visa verlangen, sind so gut wie nicht mehr zu bekommen. Es sind vor allem Männer, die Russland verlassen.

Denn die Mobilisierungs-Maschine macht vor niemandem halt. Unzählige Geschichten über die Mobilisierung von Personen, die laut Putins Beteuerungen nicht eingezogen werden dürfen, machen die Runde. In der Stadt Asbest wurde etwa der 59-jährige Chirurg Wiktor Djatschka eingezogen. Der Arzt hat zwar den Rang eines Oberleutnants des Sanitätsdienstes in Reserve, aber er hat Hautkrebs im ersten Stadium, ist auf einem Auge blind, leidet unter anderem an Bluthochdruck und altersbedingter Taubheit. Dennoch bekam er nach Angaben seiner Tochter am Abend des 22. September von der Personalabteilung seines Krankenhauses den Einzugsbescheid. Er sei entlassen und sollte sich am nächsten Morgen beim Einberufungsamt einfinden, habe man ihm mitgeteilt. 

Es hieße "rette, heile, erfülle deine Pflicht gegenüber deinem Vaterland. Aber mein Vater hat seine Pflicht sein ganzes Leben lang erfüllt. (...) In meinem Inneren herrscht Panik, Wut, Angst, Verzweiflung und wieder Wut", erzählte die Tochter des eingezogenen Arztes der Online-Publikation "Nowaja Gazeta.Europa", dem Portal der inzwischen in Russland eingestellten Zeitung "Nowaja Gazeta". 

Gemäß dem Mobilmachungsgesetz können Menschen, die aus gesundheitlichen Gründen nicht diensttauglich sind, nicht einberufen werden. Aufgrund seiner Erkrankungen müsste Wiktor Djatschka als dienstunfähig eingestuft werden, aber die Militärkommission ignoriert dies schlicht. 

Mobilmachung in Russland: Ein frisch eingezogener Soldat bekommt seine Waffe
Mobilmachung in Russland: Ein frisch eingezogener Soldat bekommt seine Waffe. Solche Bilder lässt der Kreml verbreiten. Doch so vorzeigbar werden nicht alle Rekruten ausgestattet. 
© Russian Defence Ministry / Picture Alliance

"Das sind keine punktuellen Fehler"

Auch Rentner werden entgegen dem offiziellen Erlass mobilisiert. In der Region Wolgograd wurde beispielsweise der 63-jährige pensionierte Oberstleutnant Alexander Jermolajew eingezogen, und das obwohl er nach eigenen Angaben an Diabetes und zerebraler Ischämie leide. Doch allein sein Alter müsste ihn für eine Mobilisierung ausschließen. 

"Das sind keine punktuellen Fehler", kommentierte der langjährige Chefredakteur des inzwischen verbotenen Hörfunksenders "Echo Moskwy", Alexej Wenediktow, das Geschehen. "Natürlich ist es keine Teilmobilmachung. (...) Es ist eine Massen-Mobilisierung", stellte er im Gespräch mit dem Team des Dissidenten Michail Chodorkowski fest. "Der Militärkommissar von Tatarstan hat etwa den Befehl erlassen, dass alle Reservisten ihren Wohnort nicht verlassen dürfen. Wie kann es eine Teilmobilmachung sein, wenn der Befehl für alle gilt."

Jede Region, jede Stadt habe eine Zahl diktiert bekommen, wie viele Soldaten mobilisiert werden müssen. "Und nun werden alle eingesammelt, die unter die Finger kommen", so Wenediktow. Die Einziehung von Rentnern oder kranken Menschen seien keine einzelnen Fehler. "Das Ganze ist ein System-Fehler." 

"Ihr habt Panzer, also braucht ihr keine Kalaschnikows"

In welchem desaströsen Zustand sich dieses System befindet, zeigen unzählige Berichte von frisch eingezogenen Soldaten. In der Region Primorje staunten die Mobilisierten nicht schlecht, als sie rostige und verschimmelte Maschinengewehre ausgehändigt bekamen. "Ihr habt Panzer, also braucht ihr keine Kalaschnikows", habe man ihnen mitgeteilt, erzählten die perplexen Männer. Nachdem die Aufnahmen für Aufsehen sorgten, versicherten die Behörden, die Waffen seien ausgetauscht worden. 

Während die einen Rekruten mit verrosteten Gewehren in den Krieg geschickt werden sollten, findet man für andere nicht einmal einen Schlafplatz. Männer, die in Jakutien mobilisiert und nach Wladiwostok verfrachtet wurden, müssen an Lagerfeuern auf bloßem Betonboden nächtigen, wie dieses Video eines Betroffenen zeigt. "Uns braucht niemand", sagt der Mann hinter der Kamera, angesichts der zusammengekauerten Gestalten auf dem Boden. 

Wut über Mobilmachung 

Unterdessen entlädt sich die Wut über die Mobilisierung. Im ganzen Land brennen die Militärkommissariate. Seit dem 21. September gab es mindestens 17 solcher Vorfälle. Auch mehrere Verwaltungsgebäude wurden angegriffen.

In der Stadt Ust-Ilimsk in der Region Irkutsk, eröffnete am Montagmorgen ein Mann Feuer im örtlichen Rekrutierungsbüro. Der Militärkommissar wurde schwer verletzt. Der Schütze wurde festgenommen. Es handelt sich um einen 25-jährigen Anwohner. Nach Medienberichten sollte er mobilisiert werden. Bevor er das Feuer eröffnete, habe er laut Augenzeugen dem Militärkommissar gesagt: "Wir werden gleich alle nach Hause gehen."

In der Stadt Rjasan soll sich ein Mann an einer Bushaltestelle selbst in Flammen gesetzt und gerufen haben, er wolle nicht in den Krieg ziehen. Das berichteten Augenzeugen des Vorfalls. 

Russischen Föderation vor dem Zerfall? 

"Dieses Land ist nicht in der Lage eine Mobilmachung durchzuführen, ohne sich mit einer ernsthaften politischen Krise konfrontiert zu sehen. Und das schon jetzt. Die zweite Etappe steht uns bevor, wenn die Särge bei den Familien ankommen werden", erklärte der Chefredakteur von "Nowaja Gazeta.Europa", Kirill Martynow. Es bestehe die Gefahr eines "Zerfalls des Staats", sagte er im Interview mit dem unabhängigen Sender Dozhd. "Vielleicht kann man das noch für eine gewisse Zeit mithilfe einer extremen Form der Methode von Peitsche und Zuckerbrots verhindern. Aber ich denke, dass der Prozess des Zerfalls der Russischen Föderation durch den Befehl Wladimir Putins bereits in Gang gesetzt worden ist."  

Die Situation scheint dermaßen desaströs zu sein, dass selbst der Kreml Fehler eingestehen musste. "In der Tat gibt es Fälle, in denen gegen das Dekret (von Präsident Wladimir Putin) verstoßen wird", sagte Kremlsprecher Dmitrij Peskow am Montag nach Angaben der Agentur Interfax. "Wir hoffen, dass das Tempo der Beseitigung zunimmt und dass alle Fehler korrigiert werden."

Kreml will offenbar die Grenzen schließen 

Den einzigen Fehler, den der Kreml aber tatsächlich zu korrigieren sucht, sind die offenen Grenzen. Mehrere Quellen aus der Präsidialverwaltung berichteten, dass die Grenzen nach dem 27. September, also nach der Beendigung der Pseudo-Referenden in der Ukraine geschlossen werden – zumindest für Männer. 

Der Grenzdienst des FSB soll am Montag bereits Listen von mobilisierungspflichtigen Bürgern erhalten haben und lässt die Betroffenen nicht aus dem Land. Das berichtet der Telegram-Kanal "The Bell" unter Berufung auf vier anonyme Quellen aus der Luftfahrtindustrie.

Unterdessen hat der FSB bestätigt, dass an die Grenze zu Georgien Schützenpanzerwagen verlegt worden sind. Dies geschehe für den Fall, dass die Menschen, die dort in den Schlange stehen, die Grenze durchbrechen sollten. So zumindest die Begründung des Geheimdiensts. 

Ukraine-Krieg: ntv-Reporter Rainer Munz ordnet die Teilmobilmachung in Russland ein

Etwa 250.000 Menschen sollen Russland nach der Mobilmachung für den Ukraine-Krieg bereits verlassen haben. Nun befürchten viele, dass Putin die Grenzen für Reservisten schließen lässt. ntv-Reporter Rainer Munz berichtet aus Moskau über die Lage in Russland.

Mehr zum Thema

Newsticker