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Nato-Treffen: Nach Tagen des Zorns - die seltsame Pippi-Langstrumpf-Pressekonferenz des Donald Trump

Milde, geradezu konziliant gab sich Donald Trump auf der letzten Pressekonferenz des Nato-Gipfels. All der Ärger der vergangenen Tage schien verraucht - was auch daran lag, dass sich Trump die Welt macht, wie sie ihm gefällt.

Donald Trump Nato Brüssel

Guck mal, wer da spricht: Donald Trump auf der Pressekonferenz nach dem Brüsseler Nato-Gipfel

DPA

War was? Eine Kollegin aus Tunesien war anwesend. ARD, ZDF, natürlich CNN und Fox News, eine kurdische Irakerin sowie eine Reporterin, die für "BBC Persien" arbeitet - kurzum: Die ganze Welt war versammelt, um Donald Trump nach dem Nato-Gipfel Löcher in den Bauch zu fragen. Und der antwortete brav und konziliant, gar nicht wie der zornige, alte Mann, den man nach seinen Ausfällen in den vergangenen Tagen erwartet hätte. Nur: Was der US-Präsident sagte, vertiefte den Eindruck eines bizarren Politikverständnisses.

Donald Trumps Forderungsgewitter

Über Brüssel hing in den vergangenen 48 Stunden wie ein Damoklesschwert Trumps Forderung nach einer drastischen Erhöhung der Verteidigungsausgaben. Nicht erst 2024 soll der Anteil der Mittel für das Militär bei zwei Prozent der Wirtschaftsleistung liegen, sondern eigentlich schon sofort. Und eigentlich sollen es auch nicht zwei Prozent sein, sondern vier wie Trump nach Abschluss der ersten Beratungen plötzlich forderte. Andernfalls, so die kolportierte Drohung, werde die USA künftig "ihr eigenes Ding" machen. Will der US-Präsident tatsächlich die Nato verlassen? Auf der Pressekonferenz war davon keine Rede mehr: "Alles kein Problem", so Trump milde.

Donald Trump Nato Brüssel

Guck mal, wer da spricht: Donald Trump auf der Pressekonferenz nach dem Brüsseler Nato-Gipfel

DPA

Deutschland habe zugesagt, das Zwei-Prozent-Ziel bis 2028 oder 2030 zu erreichen. Für diese Behauptung gab es von deutscher Seite zwar keine Bestätigung, aber er gab sich dennoch zufrieden. "Mit höherem Tempo" würden die Nato-Staaten ihr Ziel erreichen. Die Bundesregierung habe zugesichert, "deutlich besser zu werden", sagte er. Bei diesen Worten wurden die Augen der Anwesenden plötzlich groß. Hatten die Mitgliedsländer auf ihrer Sondersitzung kurz zuvor tatsächlich auf Druck des Präsidenten ihre noch am Vortag beschlossenen Absichten geändert? Jein.

Merkel will Wehretat erhöhen

Aus dem Mund von Angela Merkel, in den vergangenen beiden Tagen noch Trumps Lieblingsfeindin, klang das Verhandlungsergebnis so: "Wir werden darüber reden müssen, inwieweit wir mehr in die Ausrüstung - ich sage deutlich Ausrüstung und nicht Aufrüstung - geben." Aber klar sei, dass die Verteidigungsausgaben erhöht würden. "Angesichts der Diskussion glaube ich, müssen wir immer wieder fragen, was können wir gegebenenfalls noch mehr tun."

Vielleicht hatte sich Trump mit dieser schwammigen Aussage zufrieden gegeben. Auch wenn die so gut wie alles bedeuten kann: Die Bundeswehr bekommt mehr Geld, so wie es ohnehin vorgesehen ist. Oder die Bundeswehr bekommt mehr Geld als es bislang vorgesehen war. Oder die Bundeswehr bekommt eine Finanzspritze, um zumindest die desolate Ausstattung aufzubessern. Womit die Kanzlerin zudem eine parteiübergreifende Forderung erfüllt hätte. Wieviel Euro also auch immer fließen werden - es ändert sich etwas oder es bleibt, wie es ist. Trump gefällt's.

Wie lange wird Charme-Trump charmant sein?

Entsprechend freundlich beurteilte er sein Verhältnis zur Kanzlerin und zur "EU", wo ja seine  Vorfahren herkämen. (Nicht zum ersten Mal sagt er EU, meint aber Europa) "Ich habe große Achtung für Deutschland und eine sehr gute Beziehung zu Angela Merkel", sagte er. Wie lange der Charme-Trump charmant sein wird, ist unklar. Pflegte er doch auch zuletzt wieder seinen "Guter Bulle, böse Bulle"-Angang: Via Twitter gegen Deutschland pöbeln, im persönlichen Gespräch das Schnurrkätzchen machen. Ein kroatischer Journalist wollte also wissen, ob er später wieder das Gegenteil von dem behaupte, was er hier nun gesagt habe. Darauf Trump: "Herzlichen Glückwunsch zum Finaleinzug. Und nein, das tun die anderen Leute. Ich nicht. Ich bin sehr konsequent. Ich bin ein stabiles Genie."

Nato - die fein justierte Maschine

Da war er wieder, dieser Augenblick, an dem ernsthafte Zweifel an seiner Eignung als Präsident hochkamen. Schon bei seinen Ausführungen über die Verteidigungsausgaben vermittelte er das irritierende Gefühl, er habe einen völlig anderen Kenntnisstand als der Rest in Brüssel. Zufrieden konstatierte er: "Ich kann Ihnen sagen, dass die Nato jetzt wirklich eine fein abgestimmte Maschine ist. Die Leute zahlen Geld, das sie vorher nie gezahlt haben. Und sie sind glücklich, das zu tun." Das Bild einer "fein abgestimmten Maschine" hatte der US-Präsident schon einmal benutzt und es bedeutete nichts Gutes. Im Februar 2017 war das, als das Weiße Haus bereits wenige Wochen nach Trumps Amtseinführung im Chaos versank.

In den kommenden Tagen wird der US-Präsident seine Europareise fortsetzen. Nach einem Besuch Großbritanniens, wo ihn eine arg ramponierte Premierministerin Theresa May empfangen wird, geht es weiter nach Finnland zum ersten Gipfel mit Wladimir Putin. Wer ihn in Helsinki erwarte, wollte jemand wissen: "Er ist nicht mein Feind. Ist er ein Freund? Nein, ich kenne ihn nicht gut genug", sagte Trump. Am Ende sei Putin mehr eine Art Konkurrent, philosophierte der US-Präsident, er repräsentiere die USA, Putin Russland, man sei sozusagen Wettbewerber aber man komme gut miteinander aus. "Er war sehr nett zu mir, als ich ihn getroffen habe. Ich war nett zu ihm. Hoffentlich wird er eines Tages vielleicht ein Freund sein  - könnte passieren." Putin, der Ex-Agent und gelernte Menschenmanipulator wird die Aussage interessiert zur Kenntnis genommen haben.

"Was ist mit Nord Stream 2 los?

Dafür, dass Trump Russland vor kurzem noch als Geiselnehmer Deutschlands verunglimpft hatte, war er nun wieder erstaunlich entspannt gegenüber dem Riesenreich. Nur die Sache mit der umstrittenen Gaspipeline Nord Stream 2 lässt ihm keine Ruhe. Die Leitung wird Ende 2019 die Energielieferungen aus Russland nach Deutschland fast verdoppeln, weshalb Kritiker fürchten, dass die Abhängigkeit  von Russland größer werde. "Ich bin sehr besorgt über die Pipeline, ich mag die Pipeline nicht", sagte der US-Präsident. "Wir müssen herausfinden, was mit der Pipeline los ist." Nach seiner Kritik an dem Projekt spreche nun "die Welt darüber" - eine Trump-Formulierung für: Alle kennen das Problem bereits, aber nun habe ich es auch entdeckt.

Weil Trump nach eigener Aussage noch nicht genau weiß, was bei seinem Treffen in der finnischen Hauptstadt herauskommen werde, hat ihm Merkel eine Liste mitgegeben, eine eher kurze: Die Kanzlerin erhofft sich von dem Gipfeltreffen Fortschritte bei der nuklearen Abrüstung, weil die Verhandlungen darüber ins Stocken geraten sind. Und auch die Rolle Russlands in der Ost-Ukraine sowie auf der annektierten Krim sollte Thema sein. Doch dazu hat der US-Präsident keine Meinung. Wie es da weitergehe, könne er nicht sagen, die Annexion sei während der Präsidentschaft seines Vorgängers Barack Obama geschehen. Er hätte dies nicht zugelassen und sei auch "nicht glücklich" darüber. "Aber was von diesem Punkt an passiert, kann ich nicht sagen", schloss Trump. In seiner Welt nur ein weiteres, von anderen verursachtes Schlamassel.

tkr